Ruperto Carola Ringvorlesung: Wehrhafte Demokratie – Resilienz, Sicherheit, Verteidigung Ruperto Carola Ringvorlesung: Können arme Bürger gute Demokraten sein? Historische Erfahrungen für aktuelle Herausforderungen
- Montag, 29. Juni 2026, 18:15 Uhr
- Alte Universität, Aula, Grabengasse 1, 69117 Heidelberg
- Prof. Dr. Thomas Maissen, Universität Heidelberg, Historisches Seminar
Man kann die Ausbreitung von demokratischen Verfassungen seit dem 19. Jahrhundert und vor allem nach 1989 als zwangsläufige historische Entwicklung hin zu politischer Emanzipation und Freiheit deuten. Diese Deutung ist aber immer weniger plausibel, nicht nur wegen dem Erstarken von autoritären Bewegungen in sehr alten und vermeintlich grundstabilen demokratischen Staaten. Historisch betrachtet lässt sich die Demokratisierung von Verfassungen, aber auch ganzer Gesellschaften vermutlich besser als Korrektiv oder „Gegenleistung“ für einen immer stärkeren Zugriff von staatlichen Institutionen auf das Individuum verstehen (Steuern, Militärdienst, Gesetzgebung). Nicht zuletzt wären dann demokratische Verfassungen der Aushandlungsmodus, um die dank dem Wirtschafswachstum seit 1800 enorm gestiegenen Bruttoinlandsprodukte sozialstaatlich umzuverteilen. Sind Bürger also nur so lange gute Demokraten, als sie sich durch ihre politische Partizipation materiellen Nutzen erhoffen können?

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Man kann die Ausbreitung von demokratischen Verfassungen seit dem 19. Jahrhundert und vor allem nach 1989 als zwangsläufige historische Entwicklung hin zu politischer Emanzipation und Freiheit deuten. Diese Deutung ist aber immer weniger plausibel, nicht nur wegen dem Erstarken von autoritären Bewegungen in sehr alten und vermeintlich grundstabilen demokratischen Staaten. Historisch betrachtet lässt sich die Demokratisierung von Verfassungen, aber auch ganzer Gesellschaften vermutlich besser als Korrektiv oder „Gegenleistung“ für einen immer stärkeren Zugriff von staatlichen Institutionen auf das Individuum verstehen (Steuern, Militärdienst, Gesetzgebung). Nicht zuletzt wären dann demokratische Verfassungen der Aushandlungsmodus, um die dank dem Wirtschafswachstum seit 1800 enorm gestiegenen Bruttoinlandsprodukte sozialstaatlich umzuverteilen.
Sind Bürger also nur so lange gute Demokraten, als sie sich durch ihre politische Partizipation materiellen Nutzen erhoffen können? Und laufen sie bereitwillig zu demagogischen Diktatoren über, sobald diese mehr Gewinn versprechen? Solche Fragen treiben die politische Theorie seit Aristoteles um, der vor der Pöbelherrschaft warnte. In der Vormoderne teilte man diese Bedenken weithin, und das Postulat der Volkssouveränität etwa in der niederländischen Unabhängigkeitsbewegung oder bei den Levellers im englischen Bürgerkrieg blieb eine Ausnahme, die es zu interpretieren gilt. Zugleich bewiesen ausgerechnet in armen, peripheren Regionen einige demokratische Gemeinwesen erstaunliche Dauer, so die Landsgemeinden in der alpinen Schweiz. Anders als etwa die Bauernrepublik im holsteinischen Dithmarschen behaupteten sie sich nicht nur bis in die Zeit der Französischen Revolution, sondern als staatliche Gebilde bis heute. Diese Resilienz als Demokratie war möglich, obwohl sich paradoxerweise das Freiheitsverständnis, das der Demokratie zugrunde lag, um 1800 fundamental veränderte. Können politische Theorie und historische Erfahrungen der Vormoderne dabei helfen, demokratische Modelle zu entwickeln, die gegen autoritäre Anfechtungen und ökonomische Krisen widerstandsfähig sind?