Ruperto Carola Ringvorlesung Können arme Bürger gute Demokraten sein? Historische Erfahrungen für aktuelle Herausforderungen
29. Juni 2026
Man kann die Ausbreitung von demokratischen Verfassungen seit dem 19. Jahrhundert und vor allem nach 1989 als zwangsläufige historische Entwicklung hin zu politischer Emanzipation und Freiheit deuten. Diese Deutung ist aber immer weniger plausibel, nicht nur wegen dem Erstarken von autoritären Bewegungen in sehr alten und vermeintlich grundstabilen demokratischen Staaten. Historisch betrachtet lässt sich die Demokratisierung von Verfassungen, aber auch ganzer Gesellschaften vermutlich besser als Korrektiv oder „Gegenleistung“ für einen immer stärkeren Zugriff von staatlichen Institutionen auf das Individuum verstehen (Steuern, Militärdienst, Gesetzgebung). Nicht zuletzt wären dann demokratische Verfassungen der Aushandlungsmodus, um die dank dem Wirtschafswachstum seit 1800 enorm gestiegenen Bruttoinlandsprodukte sozialstaatlich umzuverteilen.
Sind Bürger also nur so lange gute Demokraten, als sie sich durch ihre politische Partizipation materiellen Nutzen erhoffen können? Und laufen sie bereitwillig zu demagogischen Diktatoren über, sobald diese mehr Gewinn versprechen? Solche Fragen treiben die politische Theorie seit Aristoteles um, der vor der Pöbelherrschaft warnte. In der Vormoderne teilte man diese Bedenken weithin, und das Postulat der Volkssouveränität etwa in der niederländischen Unabhängigkeitsbewegung oder bei den Levellers im englischen Bürgerkrieg blieb eine Ausnahme, die es zu interpretieren gilt. Zugleich bewiesen ausgerechnet in armen, peripheren Regionen einige demokratische Gemeinwesen erstaunliche Dauer, so die Landsgemeinden in der alpinen Schweiz. Anders als etwa die Bauernrepublik im holsteinischen Dithmarschen behaupteten sie sich nicht nur bis in die Zeit der Französischen Revolution, sondern als staatliche Gebilde bis heute. Diese Resilienz als Demokratie war möglich, obwohl sich paradoxerweise das Freiheitsverständnis, das der Demokratie zugrunde lag, um 1800 fundamental veränderte. Können politische Theorie und historische Erfahrungen der Vormoderne dabei helfen, demokratische Modelle zu entwickeln, die gegen autoritäre Anfechtungen und ökonomische Krisen widerstandsfähig sind?
Thomas Maissen
Thomas Maissen wurde nach Studien in Basel, Rom, Neapel und Paris 1994 promoviert und 2002 in Zürich habilitiert. Nach einer SNF-Förderprofessur in Luzern wurde er 2004 ordentlicher Professor für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg und 2006 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Maissen gründete und leitete die Heidelberger Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften und wirkte 2008 bis 2013 in den Leitungsgremien des Heidelberger Exzellenzclusters „Asia and Europe“. Er war Fellow der EHESS Paris (2009), am IAS Princeton (2010), am Basler Forschungskolleg „Legitimität und Religion“ (2009-2011), am Marsilius-Kolleg Heidelberg (2012/13, 2024/25), am Istituto Svizzero Roma (2024) und Opus Magnum-Geförderter der VW-Stiftung (2024). Von 2013 bis 2023 war Maissen in Heidelberg beurlaubt, um als Direktor das Deutsche Historische Institut in Paris zu leiten. Seit 2023 ist er Sprecher des von der Daimler und Benz Stiftung finanzierten internationalen Ladenburger Kollegs „Der Aggressor: Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Akteurs zwischen den Nationen“ (Laufzeit bis 2027).