Lennart Sass Alles oder Nichts
Jurastudent Lennart Sass kämpft auf Weltklasseniveau

»Rei« – auf dieses Kommando hin erheben sich die Judoka und verbeugen sich vor ihren Trainern. Nach der rituellen Begrüßung wird am heutigen Abend in der Sporthalle des Olympiastützpunkts auf dem Campus Im Neuenheimer Feld zum Aufwärmen noch eine Runde Fußball gespielt. Am Rand übt Lennart Sass allein mit seiner Trainerin Bewegungsabläufe verschiedener Wurftechniken, dreht sich in einer genau festgelegten Schrittfolge dynamisch, fast tänzelnd abwechselnd rechts, links ein. Man könnte meinen, der 25-Jährige spielt nicht mit, weil ein Olympionike besonders ernsthaft und ehrgeizig trainieren muss. Der Grund jedoch ist ein ganz anderer: Er kann schlichtweg den Ball nicht sehen.
Lennart Sass zählt zu den erfolgreichsten Sportlern am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar. Seine bisherige Bilanz: EM-Gold 2025, vier weitere Europa- und Weltmeisterschaftsmedaillen, mehrere Grand-Prix-Siege und – der Höhepunkt – eine Bronzemedaille bei den Paralympischen Spielen 2024 in Paris. »Pures Glück«, so beschreibt er den Moment, in dem er nach nicht einmal zwei Minuten als Sieger des »kleinen Finales« hervorgeht. Die olympische Medaille kürt die steile sportliche Karriere des Jurastudenten – eine Karriere, deren Ausgang ein Schicksalsschlag ist.
Als Jugendlicher verliert Lennart Sass das Augenlicht. Im Jahr 2016 ist das, zwischen der 10. und 11. Klasse. Damals verbringt Lennart gerade die Sommerferien gemeinsam mit der Familie in Kroatien. Mit jedem Tag verschlechtert sich sein Sehen derart rapide, dass die Eltern den Urlaub abbrechen. Zurück in der norddeutschen Heimat beginnt die Suche nach der Ursache. Zunächst stehen Diagnosen wie Multiple Sklerose oder ein Hirntumor im Raum. Schließlich zeigt eine Untersuchung des Erbguts, dass der Jugendliche die seltene Erbkrankheit LHON in sich trägt – eine Erkrankung des Sehnervs.

Als »stürmische Zeiten« beschreibt Lennart Sass die kommenden Monate. Sein ganzes Leben ist auf den Kopf gestellt. Von einem Augenblick zum anderen kann er sich nicht mehr selbstständig durch den Alltag bewegen, in der Schule muss er neue Techniken erlernen, um sich den Lernstoff anzueignen. Das Schlimmste aber: Das fehlende Augenlicht setzt seiner Leidenschaft, dem Handballspiel, ein Ende. Einen Ball zu fangen, ist schlicht nicht mehr möglich.
»Über die Matte habe ich mich zurück ins Leben gekämpft.« Der 16-Jährige besinnt sich auf einen Sport, den er bereits in der Kindheit ausgeübt hat: Judo. In dem Kontaktsport geht alles über die Körperwahrnehmung, der Sehsinn spielt kaum eine Rolle. Der einzige Unterschied im Wettkampf ist, dass die Kontrahenten vor Kampfbeginn und nach Unterbrechungen den Judoanzug des Gegners gegriffen halten, um sich zu orientieren. Das intensive Training, in das sich Lennart stürzt, unterstützt seine Koordination und Orientierung – und es verhilft ihm zu neuem Selbstvertrauen: »Hier auf der Matte bin ich nicht behindert.« Auch den Alltag kann er bald immer selbstständiger meistern – mit dem festen Willen, sich durch den Verlust des Augenlichts »nichts nehmen zu lassen«.
Hier auf der Matte bin ich nicht behindert.
Lennart Sass
Eben dieser eiserne Wille gepaart mit einem schier unerschöpflichen Kampfgeist helfen Lennart Sass, mit der neuen Situation fertigzuwerden. Beide Eigenschaften sind es auch, die ihn innerhalb kürzester Zeit an die Spitze der paralympischen Judo-Welt führen: Bereits bei seinen ersten internationalen Wettkämpfen wird er Vize-Europa und Vize-Weltmeister. Und bei den Paralympischen Spielen in Paris tritt er an, obwohl er sich kurz vorher einen Kreuzbandriss zugezogen hat – etwas, das er Trainern und Familie verschweigt. Zähne zusammenbeißen und durch. Hauptsache er kann kämpfen! Für den Sport verlässt Lennart 2022 auch seine Wahlheimat Kiel, wo er zu diesem Zeitpunkt im vierten Semester Jura studiert, und zieht nach Heidelberg. Hier befindet sich der nationale Stützpunkt für die paralympische Disziplin – ein Ort mit optimalen Trainingsbedingungen.
»Alles oder nichts« – so lautet das Motto des Judoka. Und das gilt nicht nur im Sport, sondern auch für das Studium. Als »stramme Kombi« beschreibt Lennart Sass das Nebeneinander von Training und Universität. Während er sich vor den Paralympischen Spielen hauptsächlich auf seine sportlichen Ziele konzentrierte, widmet er sich derzeit mit gleicher Beharrlichkeit der juristischen Fachliteratur. Denn der 25-Jährige verfolgt ein klares Ziel: Er will Rechtsanwalt werden. Schon als Kind hat er Spaß am Diskutieren, als Jugendlicher nimmt er an Projekten der politischen Teilhabe wie »Jugend im Landtag« teil und auch seine Erkrankung ist dem früh gefassten Berufsziel – eine Buchwissenschaft, in der es auf Rhetorik ankommt – nicht hinderlich. In diesem Jahr steht das erste Staatsexamen an. Zur rechten Zeit, um sich danach wieder mit ganzer Kraft auf die Paralympics 2028 in Los Angeles vorzubereiten. Dann wird Lennart Sass 28 Jahre alt sein – im besten Sportleralter. Genau der richtige Zeitpunkt, um nach Gold zu greifen.
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