Beate Weber-Schuerholz „Wenn man ernsthaft Politik betreibt, möchte man wirklich etwas verändern“
Beate Weber-Schuerholz prägte 16 Jahre lang als Oberbürgermeisterin die Heidelberger Stadtpolitik

Beate Weber-Schuerholz (*1943) war von 1990 bis 2006 als erste Frau Oberhaupt der Heidelberger Stadtverwaltung und auch die erste Oberbürgermeisterin in Baden-Württemberg. Sie verbrachte Teile ihrer Kindheit in Heidelberg und kehrte 1963 zum Studium am damaligen Dolmetscher-Institut der Universität zurück. Nach ihrem Wechsel an die Pädagogische Hochschule arbeitete sie von 1968 bis 1979 als Lehrerin an der Waldparkschule und der Internationalen Gesamtschule Heidelberg, deren Gründung sie in der Planungsgruppe ihres Amtsvorgängers mit vorbereitet hatte. Die politische Laufbahn der SPD-Politikerin, die lange stellvertretende Vorsitzende des SPD-Parteirats war, startete 1975 im Heidelberger Gemeinderat, dem sie bis 1985 angehörte. 1979 wurde sie Abgeordnete des erstmals gewählten Europäischen Parlaments, dessen Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherausschuss sie leitete. 1990 kehrte sie als Oberbürgermeisterin in die Heidelberger Stadtpolitik zurück, die sie mit grundlegenden Änderungen umbaute: Unter anderem leitete sie eine umfassende Verwaltungsreform mit Bürgerämtern in den Stadtteilen ein, legte den Grundstein für ein landesweit führendes Angebot in der Kinderbetreuung, sorgte mit einem vielfältigen Engagement im Umwelt- und Klimaschutz dafür, dass Heidelberg zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen in diesem Bereich erhalten hat, führte das Semesterticket und die VRN-„Karte ab 60“ ein oder machte aus dem Karlstorbahnhof ein Kulturzentrum. 2012 wurde sie Heidelberger Ehrenbürgerin, daneben erhielt sie so unterschiedliche Auszeichnungen wie das Bundesverdienstkreuz, „Ritter der Ehrenlegion“, „Frau des Jahres 1996“ der ZDF-Sendung „Mona Lisa“, „Gothenburg Award for Sustainable Development“ und einige mehr. Beate Weber-Schuerholz lebt mit ihrem zweiten Mann abwechselnd in Kanada und in Heidelberg.
Das Interview wurde im Mai 2025 von Mirjam Mohr geführt.
Frau Weber-Schuerholz, als Heidelberger Studentin der 1990er-Jahren verbinde ich mit Ihnen als Erstes Engagement in der Umweltpolitik. Wie kamen Sie zu diesem Thema?
Es freut mich, dass Sie das so wahrgenommen haben, denn das wurde oft als das Allerschlimmste an mir angesehen! Es war für viele schon unvorstellbar, dass eine Frau Oberbürgermeisterin wird – und dann auch noch eine SPD-Frau in Baden-Württemberg und eine Lehrerin! Das waren gleich mehrere negative Punkte, und dass dazu auch noch das Umweltthema kam, hat nicht zur Entspannung beigetragen. Zu dem Thema kam ich, weil ich zuvor elf Jahre lang Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Mitglied des dortigen Umweltausschusses war, die Hälfte dieser Zeit als Vorsitzende. Auch wenn es zunächst eher Zufall war, dass ich in diesem Ausschuss gelandet bin, habe ich mich also elf Jahre lang intensiv mit allen Facetten von Umweltpolitik befasst – von Biodiversität über Abfälle und gefährliche Industrieanlagen, Gewässerschutz, Gefahrstoffe, Schwermetalle im Wasser bis hin zu wandernden Vogelarten und vielem mehr, das ganze Spektrum von Naturschutz und Schutz vor gefährlichen Stoffen. Und so wurde das mein Thema. Die erste Rede zum Klimawandel habe ich 1981 im Parlament gehalten. Deswegen hat das Thema auch in Heidelberg sofort eine Rolle gespielt, wobei andere Städte noch früher damit begonnen haben, beispielsweise Freiburg, das uns bei der Umweltpolitik acht Jahre voraus war – da hatten wir viel aufzuholen.
Wie entstand Ihr Interesse an politischer Arbeit?
Das ging Ende 1965 los, als wir mit unserer kleinen Tochter kurzfristig auf dem Boxberg gewohnt haben und ich erstmals erlebte, was Kommunalpolitik bedeutet. Denn ich habe ganz praktisch erfahren, wie es ist, wenn ein Stadtteil gebaut wird, den man ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen als „Schlafstadtteil“ konzipiert. Aber es ist ja nicht so, dass dort Menschen nur schlafen und dann weg sind, sondern es sind dort auch den ganzen Tag über Menschen, um die man sich nicht kümmert. Das heißt, es gab keine Infrastruktur, keine vernünftigen Busverbindungen, nur einen engen Bauwagen, in dem man etwas einkaufen konnte – ich kam mir vor, als wäre ich im Altersheim gelandet, irgendwo weitab, wo sich nichts mehr tut. Und wenn dann das Kind krank wird und man zum Arzt muss, dann muss man ein Taxi bezahlen – mit wenig Geld ist das heikel. Zunächst war aber unsere Tochter noch so klein und mein Mann noch nicht fertig mit seinem Studium, so dass ich mich noch nicht engagieren konnte, aber sobald das möglich wurde, bin ich 1970 in die SPD eingetreten und 1975 Mitglied des Gemeinderats geworden. Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf, ohne dass ich das je geplant hätte.

Warum machten Sie 1979 den Schritt vom Gemeinderat ins Europäische Parlament?
Ich war immer wie meine gerade verstorbene Mutter: ohne Scheu vor dem Überwinden von Grenzen. Im April 1979 einigte man sich, dass das Europäische Parlament erstmals direkt gewählt werden soll, und schon drei Monate später fand in allen Mitgliedsstaaten die erste Europawahl statt, das ging blitzschnell. Ich war damals schon auf Landes- und auch auf Bundesebene meiner Partei aktiv und habe auf der Rückfahrt von einer Sitzung der Landes-SPD, auf der die Wahl vorbereitet wurde, gedacht, dass es eigentlich nicht sein kann, dass nur alte Männer in dieses Parlament kommen – so kann Europa nicht gut werden, das sagte mir meine Erfahrung in der Kommunalpolitik. Denn wenn keine Jüngeren und keine Frauen vertreten sind, dann spielen natürlich auch deren Interessen keine Rolle. Als wir in Heidelberg ankamen, waren wir im Auto zumindest schon mal der Meinung, dass es eine gute Idee sein könnte, wenn ich kandidiere. Also habe ich mich darum bemüht, bin aufgestellt worden und war bei der ersten Europawahl die erste Frau auf der SPD-Liste, so dass ich ins Parlament einzog. Das war für mich der Schritt in den Vollzeitberuf – nicht geplant, sondern eine Momententscheidung, die ich nie bereut habe.
War das auch 1990 bei Ihrer Kandidatur als Heidelberger Oberbürgermeisterin so?
Ja, das war genauso wenig geplant. Ich war 1989 für meine dritte Amtsperiode wiedergewählt worden und wollte nicht mehr Ausschussvorsitzende sein, sondern etwas anderes machen. Damals war gerade die Wendezeit mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs, also eine aufregende Zeit, und da wollte ich meine Russischkenntnisse wieder aktivieren, denn ich hatte am Anfang meines Studiums in Heidelberg Russisch studiert. Ich dachte mir, Umwelt und Osteuropa ist ein weites und wichtiges Feld, und habe meine alten Unterlagen rausgeholt und angefangen, wieder etwas Russisch zu büffeln. Im Frühjahr 1990 hat mich dann plötzlich meine Heidelberger SPD gefragt, ob ich mir vorstellen könne, mit der nächsten Oberbürgermeisterwahl in ein paar Jahren wieder zurückzukommen in die Kommunalpolitik. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Kurze Zeit später saßen wir am 1. Mai in der Sonne auf dem Heidelberger Marktplatz und alles sah so schön aus – und dann hieß es: Hast du denn mal darüber nachgedacht? Hatte ich aber nicht. Die nächste Frage: Aber kannst du dir das denn vorstellen? Da sagte ich: Bei dieser Stadt kann man sich immer alles vorstellen. Kurz danach kam ich von einer Ausschusssitzung in Brüssel nach Hause und hörte plötzlich im Radio, dass Reinhold Zundel aus Gesundheitsgründen als Oberbürgermeister zurückgetreten ist. Zuerst dachte ich: Um Himmels Willen, was hat er denn? Und erst eine Stunde später fiel mir siedend heiß ein: Wenn die mich jetzt beim Wort nehmen, habe ich ein Problem – und sie nahmen mich beim Wort! Ich hatte kein Programm, kein Team, kein Geld, und der eigentlich geplante Zundel-Nachfolger, der das gerne machen wollte, saß schon in den Startlöchern. Und so musste ich von Null starten.
Was glauben Sie, warum Sie die Wahl gewonnen haben?
Vielleicht genau deswegen – weil meine Welt nicht zusammengebrochen wäre, wenn ich nicht gewonnen hätte. Denn es war nicht mein Lebensziel, als Oberbürgermeisterin zurück ins Rathaus zu kommen. Ich hatte auch nicht wirklich damit gerechnet, dass es klappt, aber es war natürlich schön, gewählt zu werden! Ich hätte mich aber in keiner anderen Stadt als Heidelberg beworben, denn hier waren die Rahmenbedingungen gut: Ich war bekannt, da ich schon drei Gemeinderats- und drei Europa-Wahlkämpfe hinter mir hatte, und da ich elf Jahre lang unterrichtet hatte, kannten mich auch viele junge Leute. Und es war eine Unistadt mit einer speziellen Bevölkerung – in Mannheim wäre ich damals sicher nicht gewählt worden. Ich hatte tatsächlich auch schon Angebote aus anderen Städten bekommen, konnte mir das aber nie vorstellen, da ich dachte, Kommunalpolitik ist kein Managementjob, sondern man muss ein emotionales Verhältnis zur Stadt haben. Landtag und Bundestag haben mich dagegen nie interessiert – ich fand immer das Greifbare und das Übergreifende interessant, also Kommunalpolitik und Europapolitik, das hat auch beides wunderbar für mich funktioniert. Und es gibt wenige so intensiv internationale Städte wie Heidelberg – dieses Verhältnis zwischen einer relativ kleinen Großstadt und zugleich dieser Internationalität, das gibt es eigentlich sonst nirgends!

Was hat Ihnen an der Arbeit als Oberbürgermeisterin am meisten gefallen?
Genau das: diese großen Zusammenhänge. Im Europäischen Parlament habe ich eine grundlegende allgemeine politische Bildung bekommen, wie sie wahrscheinlich nur wenige Stadtchefs vor Amtsantritt haben können. Das hat sich sehr stark ausgewirkt auf alle Themen in Heidelberg, weil ich genügend Rüstzeug hatte, um überall ernsthaft mitzudiskutieren und nicht einfach nur zu verwalten.
Politik wird zurecht oft als zu kurzsichtig und effekthaschend kritisiert.
Beate Weber-Schuerholz
Wo haben Sie rückblickend den Grundstein für langfristige Entwicklungen gelegt?
In allen Bereichen, denn genau das war mein Hauptthema. Konzeptionelle Arbeit war mir unglaublich wichtig, denn ich finde, Politik wird zurecht oft als zu kurzsichtig und effekthaschend kritisiert. Wenn man ernsthaft Politik betreibt, möchte man wirklich etwas verändern – und das ist nur möglich, wenn man sich genau überlegt, was man erreichen will, sich konkrete Ziele setzt und den Weg dorthin genau plant. Der große Vorteil in Baden-Württemberg ist die Amtszeit von acht Jahren, denn so kann man konzeptionell arbeiten: Man muss zunächst eine grundlegende Analyse vornehmen und dann überlegen, wohin man will. Das muss man dann gemeinsam beschließen, schon mit möglichst vielen konkreten Vorstellungen zum Ablauf. Und dann muss man die einzelnen Schritte nach einiger Zeit evaluieren: Wo hat es funktioniert oder warum hat etwas noch nicht funktioniert – müssen wir das Ziel korrigieren, haben wir zu wenig Leute drangesetzt, wurde nicht ernsthaft genug daran gearbeitet, gab es zu wenig Geld? Dann muss man eingreifen, um das wieder aufs richtige Gleis zu bringen. Und das habe ich in allen Bereichen gemacht und habe so von der Kinder- und Jugendarbeit über Kultur, Soziales, Umwelt bis zur Wirtschaftsförderung praktisch alles von Grund auf verändert. Deshalb waren die acht Jahre gut – nach vier Jahren hätte mich kein Mensch wiedergewählt, weil sinnbildlich überall Baustellen waren. Meine Fraktion war sehr nervös, die Stadt war in Aufruhr: Die spinnen doch im Rathaus! Aber heute höre ich, dass immer noch auf den damaligen Konzepten aufgebaut wird. Deswegen war meine Wiederwahl 1998 für mich fast noch schöner als meine erste Wahl. Da war ich den Heidelbergern sehr dankbar – vor allem den Heidelbergerinnen, die einen großen Anteil daran hatten. Denn Frauenpolitik war natürlich etwas ganz Neues in Heidelberg – das gab es vorher nicht!
Wie sind Sie den Bereich der Stadtplanung angegangen?
Dort habe ich etwas ganz Neues gestartet: Bis dahin lag der Fokus auf der Gesamtstadt oder der Altstadt, und wir haben mit einem sehr aufwändigen Verfahren der Bürgerbeteiligung Stadtteilrahmenpläne für die einzelnen Stadtteile entwickelt. Mit sehr großer Beteiligung, die Menschen haben uns erzählt, was sie sich für ihren Stadtteil wünschen, und wir haben berichtet, was in der Stadtverwaltung in Bezug auf den jeweiligen Stadtteil bereits läuft – das war ein heilsamer Prozess auch in der Verwaltung, denn dort gab es ja bis dahin nur eine inhaltliche Aufteilung in Wohnungsbau, Verkehr und so weiter. Dann haben wir geschaut, was vernünftig umgesetzt werden kann, und haben das im Gemeinderat fraktionsübergreifend beschlossen. Danach haben wir den übergreifenden Stadtentwicklungsplan erarbeitet – auch mit großer Bürgerbeteiligung, aber ebenso mit Universität, Wirtschaft, Umweltverbänden und so weiter. Das war also eine absolut flächendeckende und Bürger beteiligende Stadtentwicklung.
Wichtig in der Politik ist mir aber auch, dass jemand aus einer anderen Partei oder mit einer anderen Meinung nie ein Feind ist, sondern auch ein Demokrat, der oder die mit anderen Vorstellungen im selben System arbeitet.
Beate Weber-Schuerholz
Was würden Sie als Leitbild Ihrer Politik bezeichnen?
Ernsthaftigkeit. Und das hieß für mich auch, dass man eine Verwaltung entwickeln muss, die selbst nachdenkt und in der die Einzelnen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe versucht, diesen Prozess zu ermöglichen, genügend Raum zu geben für konzeptionelle Arbeit. Deswegen sind Ämter umstrukturiert worden – ich fand es zum Beispiel falsch, Kultur und Bildung zusammen zu lassen, denn die praktische Bildungsarbeit in Schulen und Kindergärten ist etwas ganz anderes als die Arbeit im Kulturbereich. Wir haben uns – und das kam natürlich durch meine Erfahrungen als Lehrerin – massiv in die Bildungsarbeit eingemischt, die ja eigentlich Landessache ist, aber ich fand es unerträglich, dass Jugendliche ohne Abschluss von der Schule gehen – das darf nicht passieren. Deshalb muss man vor Ort nach den Ursachen suchen und schauen, wie und wo man mit vorausschauender Politik solche Entwicklungen verhindern kann. Heidelberg gehört heute zu den Städten mit der höchsten Zahl an Schulabschlüssen – das ist lange, lange Jahre mühsam mit Schulsozialarbeit aufgebaut worden.
Wichtig in der Politik ist mir aber auch, dass jemand aus einer anderen Partei oder mit einer anderen Meinung nie ein Feind ist, sondern auch ein Demokrat, der oder die mit anderen Vorstellungen im selben System arbeitet. Man kann heiß miteinander diskutieren, aber danach auch gemeinsam einen Wein trinken, weil man sich als Menschen schätzt. Als ich als Oberbürgermeisterin kandidiert habe, habe ich teilweise von CDU-Leuten, die ich noch aus meiner Zeit im Gemeinderat kannte, echte Unterstützung erfahren, denn wir mochten uns – das waren ordentliche Leute, die nur anders sozialisiert waren als ich, oft kirchlich geprägt. Ich habe auch in allen meinen Wahlkämpfen nie gegen jemanden geredet, sondern immer für meine Ideen.

Welches Verhältnis hatten Sie als Oberbürgermeisterin zur Universität?
Ich fand es großartig in einer Stadt zu leben, die ein solches Potenzial an denkenden Menschen hat, die helfen können, die wissenschaftlichen Grundlagen für eine vernünftige Politik zu legen. Wir haben bei allen Themen geprüft, ob es in der Universität Menschen gibt, die dazu arbeiten, so dass wir das kombinieren konnten: Als Stadt konnten wir so Situationen verbessern, die wir als Problem erkannt haben, und die Uni konnte erfahren, wie sich die theoretische Arbeit praktisch auswirkt. Das haben wir flächendeckend für alle denkbaren Themen ausprobiert – mit großem Erfolg. Wir haben beispielsweise sehr viel bei der historischen Aufarbeitung der Nazizeit zusammengearbeitet, ob es um Heidelberger Juden ging, unser Verhältnis zu Israel, Vertriebene oder natürlich Sinti und Roma – da waren immer Wissenschaftler der Uni beteiligt. Bei Themen wie Jugendkriminalität oder problematisches Verhalten haben uns Jugendpsychiater und -psychologinnen geholfen, bei der Kriminalprävention waren es Juristen, bei der Seniorenpolitik die Alternsforschung. Bei unserer Umweltpolitik waren immer die Geografen beteiligt, auch beim Thema Nachhaltiges Wirtschaften, dem Verzahnungsbereich Umwelt und Wirtschaft. Diese Zusammenarbeit mit der Uni war von Anfang an ungewöhnlich positiv, und ich war sehr dankbar dafür, dass das möglich war. Es hat uns inhaltlich nach vorne gebracht und wir haben viel gelernt, aber es hat natürlich auch unsere Glaubwürdigkeit nach außen gestärkt. Leider wurde in der Universität unsere Beziehung oft ausschließlich mit dem bis heute ungelösten Problem der sinnvollen Verkehrsanbindung gesehen, die leider nicht schon beim Übergang des Neuenheimer Feldes von der Stadt an das Land lange zuvor in Angriff genommen worden war.
In Bezug auf die Universität gibt es aber einen Punkt, bei dem ich bedauere, dass meine Idee nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist: Andere Länder haben das Campus-Konzept, bei dem neben den Universitätseinrichtungen auch Wohnmöglichkeiten nicht nur für Studierende, sondern auch für Lehrende auf einem Gelände vereint sind. Da wir in Heidelberg viele internationale Studierende und Dozierende haben und der Wohnungsmarkt für alle sehr schwierig ist, dachte ich, als sich der Abzug der Amerikaner abzeichnete, dass es doch eine gute Idee wäre, im Patrick-Henry-Village einen Campus mit Wohnmöglichkeiten aufzubauen, kombiniert mit Freizeit- und Kultureinrichtungen. Mit dem Ausbau der S-Bahn wollte ich auch eine vernünftige Verkehrsanbindung schaffen. Ich fand das eine gute Idee – aber es gab leider null Reaktionen von allen Seiten. Jedes Mal, wenn ich in Kanada über das Gelände der University of Victoria fahre, bedauere ich diese verpasste Chance.
Diese Zusammenarbeit mit der Uni war von Anfang an ungewöhnlich positiv, und ich war sehr dankbar dafür, dass das möglich war.
Beate Weber-Schuerholz
Woher kam Ihre Verbindung zu Heidelberg? Sie sind ja in Nordböhmen geboren.
Das kam über die Schwester meiner Mutter, die in Berlin einen Heidelberger kennengelernt hat – genauer: einen Mann aus Ziegelhausen, das damals noch nicht zu Heidelberg gehörte. Als meine Mutter mit mir aus Böhmen wegging, sind wir zu ihrer Schwester und dem Schwager nach Ziegelhausen gezogen und wohnten in der ehemaligen Mühle über der Kettenschmiede. Dort haben meine Eltern gewissermaßen ihre ersten Ehejahre erlebt, als mein Vater 1948 aus Kriegsgefangenschaft zurückkam, und ich kam in die Schule zu „meinem“ Lehrer Hoppe, der auch ein bekannter Heimatforscher war. Dann zogen wir in meinem zweiten Schuljahr ins Ruhrgebiet, ich habe in Dortmund Abitur gemacht und bin im Frühjahr 1963 zum Studium zurück nach Heidelberg gekommen. Meine Eltern sind nun beide auch in Ziegelhausen beerdigt.
Sie haben bis Sommer 1965 an der Universität studiert und sind dann an die Pädagogische Hochschule gewechselt. Was war Ihr Berufswunsch?
Ich wollte ursprünglich Dolmetscherin werden und war für Russisch und Englisch eingeschrieben, kombiniert mit Wirtschaft und Politik. Warum ich Russisch studieren wollte, kann ich gar nicht sagen, es gab keinerlei Verbindung nach Russland, außer dass mein Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkam und voller Hochachtung von der dortigen Bevölkerung sprach, weil er großartige Menschen getroffen hatte. Irgendwie lockte mich das und es reizte mich vor allem auch, weil man weder die Schrift lesen noch irgendetwas verstehen konnte, selbst mit Latein war da nichts zu machen. Ich wollte aber ausdrücklich Dolmetscherin und nicht Übersetzerin werden und mit Politik und Wirtschaft kombinieren, weil mich das interessierte. Allerdings war das dann mit Familie und Kind als Beruf nicht möglich. Schon gar nicht in Verbindung mit russischer Wirtschaft und Politik, denn da war es wichtig, präzise dabei zu bleiben, um die feinen Nuancen der Veränderungen in der Sprache wahrzunehmen und die wichtigen Informationen eher zwischen den Zeilen zu erfassen. Also habe ich beschlossen, stattdessen Lehrerin zu werden, und bin dafür an die Pädagogische Hochschule gewechselt.

Denn Sie haben sich für ein Grundschulstudium entschieden.
Ja, denn ich finde, wir brauchen speziell ausgebildete Stufenlehrkräfte. Die Grundschulausbildung ist genauso wichtig wie die gymnasiale Ausbildung, und für Grundstufe, Mittelstufe und Oberstufe muss es spezielle Lehrerausbildungen geben, weil sie unterschiedliche Zielsetzungen haben: In der Grundstufe müssen Kinder nicht nur Grundkenntnisse erwerben, sie müssen vor allem lernen, wie man lernt, wie man sich konzentriert, dass man selbst etwas erarbeiten und Dinge hinterfragen kann – und dabei auch Spaß haben kann. In der Mittelstufe muss man sich mit Pubertät und allem Möglichen auskennen. In der Oberstufe ist dann nicht mehr so viel Psychologie nötig, da müssen die Schülerinnen und Schüler Fachwissen lernen. Das sind drei sehr unterschiedliche Bereiche. Als ich als Lehrerin merkte, dass ich nicht genug Kenntnisse in Psychologie und Konfliktlösung hatte, habe ich noch ein Beratungslehrerstudium absolviert – was natürlich mit Familie, Beruf und Gemeinderat nicht immer leicht unter einen Hut zu bekommen war.
Eine letzte Frage: Warum haben Sie nicht für eine dritte Amtszeit kandidiert?
Für diese Entscheidung war gewissermaßen die Universität der Auslöser! Denn als ich 2005 als Oberbürgermeisterin bei der Erstsemesterbegrüßung war, fiel mir plötzlich auf, dass die damaligen Studienanfänger noch im Kindergarten waren, als ich mein Amt angetreten habe. Und da ich finde, dass Demokratie vom Wechsel lebt, wurde mir klar: Es ist Zeit für einen Wechsel im Rathaus.


