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Marvin GauglitzWie ein Cowboy die Welle reiten

MARVIN GAUGLITZ STUDIERT AN DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG UND GEHÖRT ZUR DEUTSCHEN SPITZE IM KANU-FREESTYLE

Marvin Gauglitz Uni Privat

(uvf) Space Godzilla, Mc Nasty, Tricky Wuu. Was mag sich hinter diesen Begriffen verbergen? Nein, es handelt sich nicht um die neuesten Kraftausdrücke der Jugendsprache, auch nicht um Computerspiele oder Comicfiguren. Dahinter stecken Bezeichnungen für akrobatische Sprünge und Drehungen der Sportart Kanu-Freestyle – einer exotischen Sparte der Paddelwelt. Marvin Gauglitz studiert an der Universität Heidelberg und ist einer der erfolgreichsten deutschen Athleten im Kanu-Freestyle und einer der ersten Trainer dieser noch jungen Disziplin.

Marvin Gauglitz steigt in sein kleines blaues Boot. Es gleicht einer stark verkürzten, knubbligen Version eines gewöhnlichen Kanus. Nachdem er die Knie rechts und links im Bootsinneren verklemmt hat, spannt er die schwarze Spritzdecke fest und schiebt sich eine Kunststoffklammer auf die Nase. Weder das Kanu noch die Nebenhöhlen sollen bei dem, was folgt, absaufen. Mit einer kräftigen Bewegung des Rumpfes robbt er vom Schwimmbeckenrand in den Pool. Fünf, sechs kräftige Paddelschläge nach vorne, dann taucht Marvin die Spitze des Bootes senkrecht ins Wasser, dreht sich einmal um die eigene Achse, um sich direkt im Anschluss zu einem Vorwärtssalto aus dem Becken zu schrauben. »Phoenix Monkey« nennt sich dieser Trick, der zu den anspruchsvolleren Figuren des Kanu-Freestyles zählt – zumal, wenn er im Schwimmbecken ausgeführt wird und nicht auf einer Walze oder Welle im Fließgewässer. »Die Kraft der Strömung hilft, sich höher aus dem Wasser zu katapultieren. Das macht viele Tricks leichter – und natürlich spektakulärer«, erklärt der vierfache WM-Teilnehmer.

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»Alles, was ich heute kann, habe ich mir selbst beigebracht«

Marvin Gauglitz

Marvin Gauglitz ist es gewohnt, in Stehgewässern zu trainieren: im Winter im Seckenheimer Hallenbad, im Sommer auf dem Altrhein in Mannheim. Hier hat er auch als Zehnjähriger seine ersten Erfahrungen im Boot gesammelt. Für das Kanu-Probetraining war damals eigentlich sein zwei Jahre älterer Bruder angemeldet. Der aber hatte keine Lust. Und da der Kurs bereits bezahlt war, schickte die Mutter kurzerhand Marvin aufs Wasser. »Wie gerufen« kam das für den Draufgänger, der sich kurz vorher beim Skateboarden die Knie ruiniert hatte und nun froh war, sich im Kanu austoben zu können. Sommerfreizeiten an der Ardèche in Frankreich sorgten für die ersten Erfahrungen im Wildwasser, und kurze Zeit später beobachtete Marvin zum ersten Mal Freestyler: verrückte Typen, die mit ihren bunten Booten die Wellen wie bei einem Rodeo ritten. »Das will ich auch«, war dem 13-Jährigen sofort klar. Mit drei Freunden schnappte er sich die wendigsten Kanus, die sein Verein zu bieten hatte, und übte die akrobatischen Tricks. Wieder und wieder versuchten sie, die komplizierten Bewegungsabläufe nachzuahmen: auf den Kanten und Spitzen des Bootes zu balancieren und in wilden Drehungen um die eigene Achse zu wirbeln. »Alles, was ich heute kann, habe ich mir selbst beigebracht«, erzählt der Sport- und Geographiestudent. Trainer im Kanu-Freestyle gibt es in Deutschland erst seit wenigen Jahren – Marvin Gauglitz ist einer der Ersten. Seit zwei Jahren trainiert er eine kleine Gruppe von Jugendlichen für seinen Verein, die Kanu-Gesellschaft Neckarau, zeigt ihnen allerlei Tricks und technische Kniffe und fährt mit ihnen auf Wettkämpfe. Marvin selbst hatte in seiner Jugend weniger gute Bedingungen für das Training. KanuFreestyler gab es damals keine in der Region. Um nicht nur auf stehendem Gewässer und zusammen mit Gleichgesinnten zu üben, musste er seine Eltern oder jemanden aus dem Verein bitten, ihn zum Wildwasserkanal nach Basel, an den Rhein bei Mainz, oder – die beste deutsche Welle – zur Weißwasserwalze in der Isar im bayerischen Plattling zu fahren. Trotz der widrigen Umstände zeigte sich schon bald sein Talent, und er erzielte erste Erfolge bei Wettkämpfen, arbeitete sich in die deutsche Spitze vor und konnte 2011 zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft starten.

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»Der Sport hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben. Von Anfang an war ich für mein Vorankommen selbst verantwortlich«

Marvin Gauglitz

Seit zehn Jahren nun gehört Marvin Gauglitz fest zur deutschen Leistungsspitze. Bei seinen Konkurrenten ist er vor allem für die Höhe seiner Loopings bekannt: Kein anderer Kanute kann sich hierzulande höher aus dem Wasser schrauben. All seine Zeit und sein Geld fließen in den Sport – professionelles Sponsoring und Preisgelder gibt es in der noch weitgehend unbekannten Disziplin nicht. Belohnt wird er mit seinen Erfolgen, der familiären Gemeinschaft unter den Freestylern, dem Spaß am Fahren und nicht zuletzt einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. »Schon als Jugendlicher hat mir der Sport ein hohes Maß Eigenverantwortung abverlangt. Das hat mich früh sehr selbstständig gemacht.« Wie so viele Sportler wurde auch Marvin Gauglitz in diesem Jahr durch die CoronaPandemie ausgebremst. Kaum ein Turnier konnte stattfinden. Dabei hatte er sich fest vorgenommen, bei der Deutschen Meisterschaft anzugreifen. Nun ist dieser Plan auf das kommende Jahr verschoben. Und damit es nicht wieder – wie schon zweimal – der undankbare Vizemeistertitel wird, trainiert der 26-Jährige nicht nur auf dem Wasser, sondern auch mehrmals die Woche im Kraftraum. Parallel konzentriert sich Marvin Gauglitz auf sein Studium, das er im kommenden Frühjahr abschließen will. Der Universität wird er aber auch danach noch erhalten bleiben, und zwar als Trainer im Heidelberger Hochschulsport. Wie schon in den Jahren zuvor wird Marvin auch im kommenden Sommer mehrere Kanukurse leiten. Dann haben die Studierenden die Chance, die Kenterrolle von einem echten Spezialisten zu lernen.