Fälschern auf der Spur – sind Fälschungen für das Kulturelle Erbe bedrohlich?

Referenten: 
Ernst Pernicka, Archäometrie, CEZA Mannheim
Henry Keazor, Kunstgeschichte, Universität Heidelberg

Kurzvorträge/Fallbeispiele am 3. Dezember 2018

Echt oder falsch? Diese Frage stellt sich in Archäologie und Kunstgeschichte häufig. Man denke etwa an die Himmelsscheibe von Nebra. Ihre Echtheit wurde angezweifelt, aber hochentwickelte Analysemethoden aus den Naturwissenschaften dazu beigetragen, ihre Echtheit zu erhärten. Heute gehört sie zum UNESCO Weltdokumentenerbe Memory of the World und gilt als einer der wichtigsten archäologischen Funde in Mitteleuropa. Anders verhält es sich mit dem Fund von Bernstorf/Oberbayern, wo im Jahr 1998 nahe einer bronzezeitlichen Befestigung Goldschmuck und Bernsteinartefakte gefunden wurden. Diese Aufsehen erregenden Funde, die eine direkte Verbindung von Bayern mit Mykene im späten 2. Jahrtausend v. Chr. belegen würden, wurden mit ähnlichen Methoden als moderne Fälschung entlarvt. Fast hätte es diese falsche Geschichtsrekonstruktion in die Schulbücher geschafft.

In der Kunstgeschichte wurden Fälschungen lange Zeit als eher randständige Phänomene betrachtet bzw. dem Populärwissenschaftlichen oder Nachbardisziplinen überlassen: Als Schattenseite der als eigentliches Hoheitsgebiet der Kunstgeschichte erachteten Schöpfung von Spitzenwerken wurde die Erforschung von Fälschungen lange Zeit gänzlich verweigert oder Fälschungsfälle dienten allenfalls als amüsante Anekdote. Zudem wurde und wird, sowohl von Fälschern als auch zuweilen von den deren Standpunkte kolportierenden Medien, die Frage aufgeworfen, was denn daran so verwerflich sei, wenn mittels Fälschungen dem Œuvre von Künstlerinnen und Künstlern neue, von diesen gar nicht geschaffene oder im Laufe der Zeit verloren gegangene Werke (wieder) hinzugefügt würden. Wie aber die in dem Vortrag aufzuzeigenden Beispiele zeigen, sind derartige Objekte nicht nur Fälschungen in, sondern auch Fälschungen der Kultur sowie der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin (z.B. Archäologie, Kunstgeschichte etc.): Fälschungen verwässern u.a. Verzeichnisse von Kulturgütern sowie deren wissenschaftliche Aufarbeitung und schädigen so die Kunst- und Kulturgeschichte großflächig und zudem nachhaltig.

Ernst Pernicka studierte Chemie und Physik an der Universität Wien. Bis zu seiner Ernennung zum Professor für Archäometallurgie an der TU Bergakademie Freiberg im Jahr 1997 war er als wissenschaftlicher Angestellter am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg tätig, wo er auch 1987 an der Universität Heidelberg für Analytische Geochemie habilitiert wurde. Ab 2004 lehrte er an der Universität Tübingen im Institut für Ur- und Frühgeschichte und war Mitbegründer des Instituts für Naturwissenschaftliche Archäologie. 2013 wurde er auf die die von der Klaus Tschira Stiftung geförderte Professur für Archäometrie am Institut für Geowissenschaften der Universität Heidelberg berufen. Seit Juli 2018 ist er Seniorprofessor an der Universität Tübingen. In seinem Arbeitsbereich, der Archäometrie, befasst er sich mit der Entwicklung und Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden zur Lösung kulturhistorischer Fragen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Entstehung und Ausbreitung der Metallurgie in der Alten Welt. Neben seiner Lehrtätigkeit leitet Ernst Pernicka auch das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim.

Ernst Pernicka

Henry Keazor ist seit Herbst 2012 Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg. Zuvor war er von 2008 bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Universität des Saarlandes. Seine Forschungsgebiete sind die französische und italienische Malerei des 17. Jahrhunderts, die zeitgenössische Architektur, die Kunstfälschung, Musikvideos sowie das Verhältnis von Kunst und Medien.

Henry Keazor

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