Forschung„Neue Väter“ mit mehr Zeit für ihre Kinder?

Pressemitteilung Nr. 37/2021
20. April 2021

Forschungsprojekt untersucht Wandel männlicher Elternschaft seit den 1960er Jahren

Wie veränderten sich in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland das Selbstverständnis von Vätern und Großvätern sowie ihre Rolle in der Kindererziehung – und warum? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Zeit mit (Groß-)Vätern“, das am Historischen Seminar der Universität Heidelberg angesiedelt ist. Es untersucht den Zeitraum von 1960 bis 1990, der durch wirtschaftliche Krisen und neue gesellschaftliche Bewegungen geprägt war. Ein parallel dazu eingerichteter Blog hat das Ziel, den thematischen Schwerpunkt des Projekts um interdisziplinäre Perspektiven und verwandte Forschungsthemen zu ergänzen.

Traditionelle Lebensformen wie die Kleinfamilie und die damit verbundene Rollenverteilung Ernährer-Hausfrau oder Ernährer-Zuverdienerin wurden in Westdeutschland von den 1960er Jahren an besonders in der Frauenbewegung kritisch hinterfragt. In diesem Zusammenhang entwickelte sich das Ideal des „Neuen Vaters“, der sich in die Kinderbetreuung einbringt. Auch die Einschränkung väterlicher Erwerbstätigkeit zugunsten von Familienzeit wurde erstmals gesellschaftlich diskutiert. „Wir richten den Blick sowohl auf die Normen und Formen von Männlichkeit in dieser Zeit als auch auf die elterlichen Beziehungen von Männern zu ihren Kindern und Enkeln“, betont Projektleiterin Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern vom Historischen Seminar.

„Prüfen möchten wir die These, ob der Abbau wohlfahrtsstaatlicher Leistungen in den 1970er und 1980er Jahren zu einer Aufwertung familialer Solidarität führte, die im Zuge einer soziokulturellen Neubestimmung von Männlichkeit veränderte Formen der Großeltern-Enkel- und der Vater-Kind-Beziehung zur Folge hatte“, ergänzt Dr. Gina Fuhrich, die als Postdoktorandin an dem Forschungsprojekt beteiligt ist. Anhand von Zeitzeugeninterviews, Elterntagebüchern und zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Studien sollen Rollenbilder, Praktiken sowie der zeitliche Umfang männlicher Elternschaft und Großelternschaft untersucht werden. Damit wollen Dr. Fuhrich und Doktorandin Hannah Schultes die Veränderungen im Selbstverständnis und im Alltagshandeln von Vätern sowie Großvätern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen.

Der zum Forschungsprojekt eingerichtete Blog wendet sich insbesondere auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen werden sich in kurzen Beiträgen mit Themen wie Reproduktion, Kinderbetreuung oder dem Einfluss von Wissenschaft, Geschlecht, Staat und Arbeitsmarkt auf Elternschaft befassen. Darüber hinaus ist im September eine digitale Vortragsreihe zum Wandel von Elternschaft geplant. Das Projekt „Zeit mit (Groß-)Vätern“, das von der Gerda Henkel Stiftung über einen Zeitraum von drei Jahren mit knapp 145.000 Euro gefördert wird, verfolgt damit auch das Ziel, geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu Elternschaft öffentlich zugänglich zu machen und zugleich dazu ermutigen, die Expertendiskurse kritisch zu hinterfragen.

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