ForschungsmagazinDie Sterne tanzen. Kontrollierte Pluralität

IM GESPRÄCH MIT JANA ZAUMSEIL & PHILIPP STOELLGER

In der Astrophysik gibt es das Phänomen der sogenannten Parallaxen: Betrachtet man ein Objekt von verschiedenen Standpunkten aus, scheint es seine Position zu ändern – die Sterne scheinen zu tanzen. Für Wissenschaftler, die Dinge und Theorien hinterfragen und somit die Perspektiven wechseln, stellt sich vor diesem Hintergrund die grundsätzliche Frage, ob es absolut gültige Erkenntnisse geben kann oder ob nicht vielmehr alles relativ ist – je nachdem aus welchem Standpunkt man es betrachtet. Ist so etwas wie absolute Wahrheit oder absolute Präzision in der Wissenschaft möglich? Und sind andererseits Grenzen der Relativierung nötig, um ein Grundmaß an feststehenden Werten sicherzustellen?

In den Naturwissenschaften werden nur ganz wenige Werte, Zahlen oder Theorien als absolut angesehen, wie die Materialwissenschaftlerin Jana Zaumseil erklärt. Dazu gehören die sogenannten Naturkonstanten, mit deren Hilfe Einheiten festgelegt werden. Naturwissenschaftler stehen zwischen dem Wunsch, die Welt absolut eindeutig zu erklären, und dem Wissen, dass prinzipiell alles immer auch ganz anders sein kann. Die Welt komplett zu erfassen, ist nicht möglich, betont Zaumseil: „Es ist eine Illusion zu glauben, wenn wir nur alle Daten hätten, wüssten wir, wie die Welt funktioniert; wenn wir nur den richtigen Algorithmus finden könnten, dann hätten wir die richtige Antwort.“

Der Religionsphilosoph Philipp Stoellger bezweifelt die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit, da Wahrheit immer perspektivisch und damit eine Relation sei. Er kritisiert aber auch die Standardüberzeugung in den Kultur- und Geisteswissenschaften, dass alles relativ sei: „Das klingt absolut tolerant, ist aber ab einem gewissen Punkt auch absolut intolerant. Denn es wird sofort als Gefährdung dieser universalen Relativität angesehen, wenn man etwas wirklich einmal als einigermaßen wahr behauptet.“ Es müsse aber durchaus auch Grenzen des Verhandelbaren geben – so will man beispielsweise nicht über Menschenrechte diskutieren, die ähnlich absolut gesetzt werden wie die Naturkonstanten.

Interview (PDF)

Kapitelbild RuCa 14 / Kap 1.1 Die Sterne tanzen

Die aktuelle Ausgabe: ABSOLUT & RELATIV

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel und wie sollten Wissenschaft, Politik und Gesellschaft damit umgehen? Worum geht es im „Kalten Krieg 2.0“ in der Ukraine? Wie lässt sich die Geschichte der Gletscher entschlüsseln? Welche Probleme ergeben sich im Zusammenhang mit der „heißen Chemie“? Und auf welche Art und Weise kann Musik Kälte und Hitze ausdrücken? Diese und weitere spannende Fragen zum Schwerpunktthema HEISS & KALT beantworten 23 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Heidelberg in insgesamt 16 Beiträgen der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Ruperto Carola“.

Aktuelle Ausgabe

Forschungsmagazin Ruperto Carola Cover Ausgabe 14-2019

Das For­schungs­ma­ga­zin

Das For­schungs­ma­ga­zin Ru­per­to Ca­ro­la be­richtet über wissen­schaft­liche Er­kennt­nisse und laufende For­schungs­vor­ha­ben der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. Jede seiner Aus­gaben ist einem ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Schwer­punkt­the­ma gewidmet.

Das Magazin ist in der Abteilung Kommunikation und Marketing der Universität Heidelberg (Alte Universität, Grabengasse 1) erhältlich.

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