Heidelberg | Harvard Cooperation Bericht zum Gastvortrag: The Evolving Intersection of Corporate and Environmental Law
The Evolving Intersection between Corporate and Environmental Law
Im Rahmen der strategischen Partnerschaft zwischen der Universität Heidelberg und der Harvard University hielt Professorin Mariana Pargendler (Harvard Law School) am 9. Juni die Auftaktvorlesung des gemeinsamen, durch den Heidelberg | Harvard Explorer Seed Fund geförderten Forschungsprojekts „The Future of Corporate Sustainability“. In ihrer Gastvorlesung widmete sie sich der sich wandelnden Beziehung zwischen Unternehmens- und Umweltrecht und zeigte auf, wie traditionelle Grundsätze des Gesellschaftsrechts angesichts neuer Anforderungen an Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung zunehmend neu gedacht werden.
Ausgehend von ihrer Forschung zur Corporate Separateness argumentierte Pargendler, dass die Vorstellung einer strikt abgeschotteten rechtlichen Existenz von Konzernunternehmen auf einem Fehlschluss beruhe. Zwar begründe die Rechtspersönlichkeit eine eigenständige Zurechnung von Rechten und Pflichten, sie bedeute jedoch keine uneingeschränkte rechtliche Unabhängigkeit in allen Rechtsgebieten. Bereits das Gesellschaftsrecht kenne zahlreiche Formen der sogenannten Entity Transparency, insbesondere im Konzernrecht.
Als anschauliches Beispiel verwies sie auf die brasilianische Rechtsentwicklung, die bereits 1937 eine gesamtschuldnerische Haftung von Muttergesellschaften für arbeitsrechtliche Verpflichtungen ihrer Tochtergesellschaften einführte und damit der deutschen Konzernrechtsentwicklung zeitlich vorausging. Im Umweltrecht werde die rechtliche Trennung ebenfalls zunehmend relativiert, wenn sie der effektiven Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen entgegensteht. Vor diesem Hintergrund beschrieb Pargendler die juristische Person nicht als vollkommen isolierenden „Nichtleiter“, sondern als semipermeable Membran, die unter bestimmten Voraussetzungen rechtliche Durchlässigkeit ermöglicht.
Der zweite Teil der Vorlesung widmete sich Nichtregierungsorganisationen (NGOs) als treibenden Kräften der modernen Corporate Governance. Während traditionelle Ansätze die Unternehmensführung vor allem durch interne Akteure wie Aktionäre, Management oder Arbeitnehmer geprägt sehen, zeigte Pargendler, dass NGOs durch Gesetzesinitiativen, strategische Klagen, Aktionärsanträge sowie Soft-Law-Instrumente und öffentliche Kampagnen erheblichen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungsprozesse und regulatorische Entwicklungen nehmen. So waren sie maßgeblich an der Entstehung von Lieferkettengesetzen, ESG-Standards und klimapolitischer Regulierung beteiligt. Da NGOs dabei auf unterschiedliche Instrumente zurückgreifen können, ergibt sich ein von Pargendler als „hydraulischer Effekt“ bezeichneter Mechanismus: Wird ein Einflusskanal eingeschränkt, verlagern sie ihre Aktivitäten auf andere Strategien.
Die Vorlesung verdeutlichte, dass sich das Unternehmensrecht zunehmend im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Regulierung und gesellschaftlicher Verantwortung bewegt. Die schrittweise Aufweichung der strikten Konzerntrennung sowie der wachsende Einfluss externer Akteure wie NGOs verdeutlichen, dass moderne Corporate Governance heute maßgeblich durch das Zusammenspiel von Regulierung, transnationalen Akteuren und gesellschaftlichen Interessen geprägt wird.


