Annotation und automatische Analyse von Moralisierungspraktiken in verschiedenen Wissensdomänen

 

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Projektleitung: Dr. Maria Becker
Kontakt: maria.becker (at) gs.uni-heidelberg.de

 

 

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Kurzbeschreibung des Forschungsprojekts

 

In dem Projekt "Annotation und automatische Analyse von Moralisierungspraktiken" erstellen wir ein Datenset mit Texten aus verschiedenen Sprachen und Wissensdomänen, in denen Sprachhandlungen des Moralisierens annotiert werden. 

Unter moralisierende Sprachhandlungen verstehen wir diskursstrategische Verfahren, in denen die Beschreibung von Streitfragen und erforderlichen Handlungen mit moralischen Begriffen enggeführt werden. Auf moralische Werte verweisendes Vokabular (wie beispielsweise “Freiheit”, “Sicherheit” oder “Glaubwürdigkeit”) wird dabei verwendet, um eine Forderung durchzusetzen, die auf diese Weise unhintergehbar erscheint und keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung bedarf. Dies sei anhand der folgenden Beispielannotation unten exemplifiziert, in der das Hochwertwort “Sicherheit” eingesetzt wird, um eine Forderung bezüglich einer Obergrenze für Geflüchtete zu untermauern:

 

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 Beispielannotation aus unserem Datensatz

 

Im Rahmen des Projekts sollen Korpora mit Moralisierungsinstanzen aus verschiedenen Wissenbereichen, Textsorten, Wissenskulturen und Sprachen erstellt und mit (linguistischen) Merkmalen annotiert werden, die charakteristisch für die Beschreibung von Moralisierungshandlungen sind. Zu diesen Annotationskategorien gehören (vgl. die Beispielannotation oben):

  • moralische Werte, wie sie von der Moral Foundations Theory (Haidt et al., 2012) kategorisiert werden (beispielsweise Care vs. Harm, Fairness vs. Cheating…)
  • Die Rollen und Gruppenzugehörigkeiten der beteiligten Protagonist:innen
  • Die kommunikative Funktion der Äußerung (nach Jakobson, 1979)
  • die Explizitheit bzw. Impliztheit der mit der Moralisierung einhergehenden Forderung.

 

Zur Annotation verwenden wir das Tool INCEpTION (Link zu unserer Use Case Beschreibung). Der entstehende Datensatz wird zur systematischen linguistischen Analyse sowie zur automatisierten Erforschung des Phänomens der Moralisierung  genutzt  - ein diffuses alltagssprachliches Konzept, das als Terminus der deskriptiven Linguistik operationalisiert werden soll.

Dabei sollen sowohl textsorten- als auch sprachvergleichendgearbeitet werden: Uns interessiert zum einen, welche linguistischen und funktional-pragmatischen Eigenschaften moralisierende Sprachhandlungen in verschiedenen Textsorten und Wissensdomänen aufweisen und was die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind. Zum anderen wollen wir herausarbeiten, welche sprachlichen Mittel und Funktionen Moralisierungshandlungen in verschiedenen Sprachen und Wissenskulturen auszeichnen.

Wir verfolgen dabei einen Mixed-Method-Ansatz, der sowohl qualitativ-linguistische Analysen als auch quantitativ-automatisierte Auswertungen der Daten umfasst: Im Rahmen der linguistischen Analyse stehen dabei die Detektion und systematische Auswertung sprachlicher Oberflächenstrukturen und semantischer Tiefenstrukturen moralisierender Sprachhandlungen sowie Korrelationsanalysen der verschiedenen Annotationskategorien im Vordergrund.

In Kooperation mit dem Heidelberger Scientific Softwarecenter sollen darüber hinaus basierend auf den annotierten Datensätzen automatisierte Modelle entwickelt werden, die diese Annotationskategorien für unannotierte Datensätze automatisch vorhersagen können. Erprobt werden sollen unterschiedliche Modelle wie etwa feature-basierte Architekturen, traditionelle Klassifikationsmodelle sowie überwachte und unüberwachte Deep Learning Verfahren.

Wichtige Ergebnisse des Projekts werden die Verfügbarmachung und Kuration der annotierten Datensätze, die Ergebnisse der systematischen linguistischen Analysen von Moralisierungshandlungen sowie die Modelle zur automatischen Analyse und Evaluation sein. Dabei ist davon auszugehen, dass sich die gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Fragestellung, welche Modelle und Methoden zur qualitativen und quantitativen Erforschung von Moralisierungen eingesetzt werden können, auf viele weitere komplexe geisteswissenschaftliche Forschungsfragen generalisieren lassen.

 

Team

Die Forschungsgruppe besteht derzeit neben der Projektleiterin Maria Becker aus sechs studentischen Hilfskräften und einer Praktikantin aus den Fachbereichen Sprachwissenschaft, Psychologie und Computerlinguistik.

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Von links nach rechts; Carina Kiemes (Digitale Linguistik), Lars Tapken (Computerlinguistik), Alina Wenzlawski (Germanistik/Romanistik), Bruno Brocai (Germanistik/Anglistik), Barbara Daigeler (Psychologie), Rebecca Rodemer (Germanistik/Romanistik), Maria Becker (Linguistik/Computerlinguistik). Nicht auf dem Bild: Sina Helber (Germanistik/Romanistik).

 

Aktuelles

  • 10/22: Im Oktober wird unsere Projektleiterin Maria Becker einen Laborbericht unserer Arbeit im Rahmen einer Theorie-Praxis-Veranstaltung zur Lehrkräftebildung im Bereich Forschung, Lehre und Transfer geben, die vom BMBF-finanzierten Forschungs- und Transfercluster "Wertevermittlung und Neutralität" organisiert wird.
  • 10/22: Auf der Jahrestagung des Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen, die vom 05. - 07. Oktober in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften stattfand, hat unsere Projektleiterin Maria Becker gemeinsam mit Dr. Michael Bender (TU Darmstadt) einen Vortrag mit dem Titel "Diskursgrammatik und sprachliche Praxis: Korpusgestützte Forschungsansätze" halten, in dem es unter anderem darum ging, die Sprachhandlungstypen Moralisieren und Kommentieren gegenüberzustellen.
  • 10/22: Im Rahmen des Workshops der Graduiertenplattform Sprache und Wissen,  der am 05. Oktober am Germanistischen Seminar in Heidelberg stattfand, haben Carina Kiemes, Lars Tapken und Maria Becker ein Poster mit Analysen zum Thema "Grammatik der Moralisierung" präsentiert.
  • 09/22: Auf dem 27. Deutscher Germanistentag, der vom 25. bis 28. September 2022 an der Universität Paderborn stattfand, hat unsere Projektleiterin Maria Becker die methodischen Herausforderungen unseres Forschungsprojekts im Rahmen der Postersession "Germanistische Korpus-Hermeneutik – digitale Methodik und Mehrdeutigkeiten" vorgestellt (Postertitel: "Automatisierte Analyse den Geisteswissenschaften komplexer Forschungsthemen aus Herausforderungen und Grenzen")
  • 08/22: Zusammen mit Dr. Swetha Ananth vom Heidelberger Center for Integrative Infectious Diseases Research (CIID) arbeiten wir an einer Korpusstudie zum Thema "The Moral Dimension of Heath"

 

Veröffentlichungen und Vorträge

  • April 22: Annotation und Analyse von Moralisierungspraktiken in verschiedenen Wissensdomänen. Werkstattbericht im Heidelberger Forum für Digital Humanities (Maria Becker)
  • April 22: Moral und Moralisierung. Projektvorstellung am Institut für Deutsche Sprache, Forschungsgruppe "Sprachvergleichende Pragmatik: Normen, Regeln und Moral im alltäglichen Leben (NoRM-aL)" (Maria Becker gemeinsam mit Sven Bloching und Marcel Kückelhaus)

 

Kooperationspartner:innen

 

Förderung

Das Projekt wird seit Oktober 2021 im Rahmen der Exzellenzuniversität auf Vorschlag des Heidelberger Forums Digital Humanities (HFDH) und des Research Councils gefördert  [Zur Projektseite]. Weitere Fördergelder stammen aus dem Young Marsilius Fellowship for Interdisciplinarity and Science Communication (YMFP) der Projektleiterin Maria Becker (Oktober 2021 - September 2022). Darüber hinaus haben wir eine Förderung vom Scientific Software Center (SSC) der Universität Heidelberg erhalten, die uns ab September 2022 bei der Entwicklung der computationellen Modelle zur automatischen Analyse von Moralisierungspraktiken unterstützen werden.

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 10.10.2022
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