Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Mittellatein stellt sich vor

Am 2. Mai 1957 wurde das Heidelberger Seminar für Lateinische Philologie des Mittelalters («und der Neuzeit» seit 1973) gegründet. Es konnte im Jahr 2007 sein 50jähriges Bestehen feiern. Das ist für eine wissenschaftliche Einrichtung kein ehrwürdiges Alter, für das Fach «Mittellatein» (so die Kurzbezeichnung) doch etwas Besonderes. Nach dem bald nach der Jahrhundertwende eingerichteten Münchener Institut war das Heidelberger Seminar das zweitälteste seiner Art in Deutschland. Mittellatein war seit 1947 in Heidelberg im Rahmen eines Lehrauftrags (Walther Bulst) unterrichtet worden. Mit Beginn des Sommersemesters 1957 konnte diese Arbeit im neuerrichteten Seminar auf breiter Basis weitergeführt werden.

Die ersten Seminarräume lagen in dem barocken Jesuitengymnasium (später «Seminarienhaus») Augustinergasse 15; ab 1963 waren die Mittellateiner interimistisch in einer ausgedienten Hausmeisterwohnung am Marsiliusplatz untergebracht; 1972 konnte in das renovierte ehemalige Landgerichtsgebäude Seminarstr. 3 umgezogen werden; seit 2009 finden sich die Räume der Lateinischen Philologie des Mittelalters und der Neuzeit im Westflügel der Neuen Universität (Grabengasse 3-5). Das zentrale Arbeitsmittel ist die Bibliothek; mit ca. 13000 Bänden ist die schon 1961 «ein Forschungsinstrument ersten Ranges» genannte Büchersammlung eine der größten auf unserem Fachgebiet. Sie wird als Präsenzbibliothek geführt und ist so aufgestellt, das sie durch den Fachkenner weitgehend ohne Katalog benutzt werden kann - obwohl solche selbstverständlich vorhanden sind. Trotz aller Einschränkungen ist es gelungen, das Seminar lang auf einem Stand zu halten, der es attraktiv für Gastwissenschaftler machte, die für 1-6 Monate ihren Arbeitsplatz in Heidelberg einrichteten, um ein mittellateinisches Projekt gezielt voranzubringen. In manchen Semestern arbeiteteten hier schon bis zu drei Gastwissenschaftler.

Das Fach Mittellatein wird in seiner ganzen Breite unterrichtet, mit Schwerpunkt auf Paläographie und Literaturgeschichte, aber auch mit regelmäßigem Angebot von sprachgeschichtlichen und überlieferungsgeschichtlichen Übungen sowie Einführungen in Metrik und Rhythmik. Neulateinische Literatur bis zum Jahr 1800 wurde von Anfang an gesammelt; seit 1973 ist Neulateinische Literaturgeschichte auch Bestandteil des Unterrichts. Es werden angeboten Vorlesungen, Seminare, Proseminare, Übungen, Lektüren und Paläographische Exkursionen, im Durchschnitt 16 Wochenstunden je Semester. Das eigene Angebot wird ergänzt durch Gastvorträge. In ihnen kommen neben den bekannten auswärtigen Mittellateinern auch Vertreter anderer Fächer zu Wort, die sich besonders mit mittel- und neulateinischen Fragen beschäftigt haben.

Das Seminar stand am Anfang in enger Verbindung mit den Neuphilologien und besonders mit der Romanistik. Zeitweise war die Teilnahme an einer mittellateinischen Übung für bestimmte Romanistikstudiengänge verpflichtend. Als die Universität Heidelberg 1969 das Department-System übernahm und Fachgruppen einrichtete, wurde aus Romanistik und Mittellatein eine Fachgruppe gebildet. Das hatte für das Fach große äußere Vorteile. Ohne das schützende Dach dieser Fachgruppe hätte während der ersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit der Lehrstuhl wohl kaum über eine fast sechsjährige Vakanz (1967-1973) hinweg erhalten bleiben können. Freilich lockerte sich gerade zur Zeit der engen organisatorischen Verknüpfung von Romanistik und Mittellatein die fachliche Verbindung; es gab seit 1968 keine Verpflichtung mehr für Romanistikstudenten, an mittellateinischen Übungen teilzunehmen. An ihre Stelle ist die Möglichkeit getreten, einen Schein statt in der zweiten Romanischen Sprache in Mittellatein zu erwerben. In ähnlicher Weise haben das Historische und das Musikwissenschaftliche Seminar Regelungen getroffen, die es ihren Studenten ermöglichen, Leistungen im Fach Mittellatein anerkannt zu bekommen. Seit 1977 sind alle Fachgruppen in Heidelberg wieder aufgelöst. Die Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit in Heidelberg untersteht inzwischen dem Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK), konkret dem Historischen Seminar.

Selbständigkeit des Studiengangs und des Seminars bedeuteten Spielraum, interdisziplinäre Offenheit nach vielen Seiten, aber auch Probleme, die sich aus der Atypik eines solchen Seminars ergaben; z. B. bei der Statistik: Während bei fast allen geisteswissenschaftlichen Fächern die statistische Zahl der Studenten weit über der in Bibliothek und Übung zu beobachtenden Studienwirklichkeit liegt, war es im Fach Mittellatein so, daß es von vielen Studenten in Anspruch genommen wird, die sich nicht für dieses Fach immatrikuliert haben. An den Paläographie- und Neulateinübungen nahmen und nehmen regelmäßig Studenten anderer Fächer teil. Eine erhebliche "Exportleistung" erbringt das Mittellatein seit 1982 für die Historiker, die hier ihre Lateinkenntnisse zum Niveau des Latinums anheben. Rechnet man die Zahl derer zusammen, die in den vergangenen Jahren an einer oder mehreren mittellateinischen Lehrveranstaltungen teilgenommen haben, so kommen wir auf eine Gesamtzahl von etwa eineinhalbtausend Studenten, die an der Universität Heidelberg Kenntnis vom Lateinischen Mittelalter und seiner Kultur erlangt haben.
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