Verborgenes Kulturerbe sichtbar machen. Visualisierungen von historischen Kultur- und Naturlandschaften am Beispiel des ‚Zullestein‘

Westlich von Biblis-Northeim an der Mündung der Weschnitz in den Rhein befindet sich die Ruine des „Zullesteins“, ein außergewöhnliches Bodendenkmal inmitten des Naturschutzgebietes Steiner Wald. Hier befand sich die erstmals 806 genannte, ursprünglich in Königsbesitz befindliche villa denominata Zullestein, die 846 als portus in den Besitz des Klosters Lorsch gelangte.  1086 ließen die Bischöfe von Worms am gleichen Platz die „Burg Stein“ errichten, die bis zu ihrer Zerstörung 1657 unter wechselnden Herrschaften ein bedeutendes regionales Verwaltungszentrum blieb. Die vor 50 Jahren begonnenen Ausgrabungen (1970 – 1972) des Ruinenhügels brachten in den untersten Schichten überraschend einen spätantiken burgus ans Licht.

Das 2019 durch das Field of Focus 3 der Universität Heidelberg geförderte Projekt gründet auf einer Kooperation des Heidelberg Zentrum Kulturelles Erbe - HCCH (Dr. Roland Prien) und des Geographischen Institut (Geomorphologie) (Prof. Olaf Bubenzer, Dr. Bertil Mächtle) unter Mitarbeit des Instituts für Europäische Kunstgeschichte (Nelly Janotka, Prof. Matthias Untermann) mit der Außenstelle Darmstadt der hessenArchäologie (Thomas Becker), die bald um das Institut für Geographie (Geomorphologie) der Johannis-Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Andras Vött, Dr. Lea Obrocki) erweitert wurde. . Ziel des transdisziplinär ausgerichteten Vorhabens war eine digitale Rekonstruktion des römischen burgus und seine genaue Verortung und Funktion innerhalb der dynamischen Landschaft der Rheinauen auf der Basis von Geodaten und geophysikalischer Prospektionsmethoden in Kombination mit Analysen der herkömmlichen archäologischen Daten und kunsthistorischer Auswertung von neuzeitlichen Bildquellen.

Zullestein1 1Zullestein2

 

Die Neuauswertung der archäologischen Dokumentation hat eine grundlegende Neuinterpretation der Baugestalt des spätantiken burgus „Zullestein“ ermöglicht. So hatte die Kleinfestung zwei Bauphasen, die aber feinchronologisch leider nicht voneinander zu trennen sind. Der erste Bau (Abb. links) kam wahrscheinlich nicht über die Fundamente hinaus, in der zweiten Phase wurde der eigentliche Kernbau des burgus deutlich vergrößert (Abb. rechts). Beide Bauten gehören in die zweite Hälfte des 4. Jh. n. Chr. Der burgus war zur Flussseite hin geschlossen und lag in antiker Zeit entgegen älterer Vermutungen an einer flachen Nebenrinne des Rheins. Das Fundmaterial zeigt, dass nach Aufgabe der Festung Mitte des 5. Jhs. bereits mit einer Weiternutzung mindestens im 7. Jh. zu rechnen ist. 14C-datierte Sedimente aus der Rinne zeigen eine tiefgreifende Veränderung der Gewässeranbindung zwischen dem 8. und 10. Jh. (Abb. unten). Diese steht möglicherweise in Verbindung mit umfangreichen anthropogenen Eingriffen in das Gewässernetz im Zuge der Gründung und des Ausbaus des Reichsklosters Lorsch.

 

Zullestein3Auf der Grundlage der gewonnenen Projektergebnisse sollen weitere Forschungen im Rahmen eines neuen Forschungsverbundes zum Verlauf der heute nahe des Zullestein in den Rhein mündenden Weschnitz klären, inwieweit der in karolingischer Zeit als portus bezeichnete Ort durch Wasserbaumaßnahmen an das Reichskloster angeschlossen wurde. Eine Auswertung der Bildquellen ergab, dass die im 16./17. Jh. dargestellte Gewässersituation um die Burg Stein den Befunden entspricht, wie sie durch geoarchäologische Prospektion erschlossen wurden. Die Projektergebnisse ermöglichen die Rekonstruktion des burgus und seiner Umgebung im Rahmen einer 3D-Visualisierung. Die Visualisierungen sollen für Schautafeln an der Stätte und in touristischen Publikationen genutzt werden.

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Letzte Änderung: 06.05.2020
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