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Theo Sundermeier: Predigt über Lk 2,12 in der Peterskirche 2011.

„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“

 

„Weihnachten finde ich ja cool“, so erzählte mir vor einiger Zeit eine Berufschullehrerin von dem Einwand einer Schülerin, „Weihnachten finde ich ja cool, aber warum die Kirche sich da so einmischt, verstehe ich nicht“.

Wir könnten nun über die Kulturvergessenheit unserer Zeit lamentieren, und darüber, dass zur Verteidigung des Christentums in unserer Gesellschaft Parteien und Politiker gern von der Kulturbedeutung des Christentums mit seinen Festen und Symbolen sprechen.

Das mag alles ganz schön und gut sein– oder auch nicht, wir wollen vielmehr die Frage noch schärfer stellen und fragen: Warum mischt Gott sich hier ein? Warum mischt er sich in unsere Menschenwelt überhaupt ein?

Wir suchen eine Antwort und lassen uns von der Weihnachtsgeschichte leiten und greifen einen Vers heraus: Lk. 2, 12.

Die Frage „Warum mischt Gott sich ein?“ muss durch eine zweite ergänzt werden: „Wie mischt Gott sich ein?“ Nur wenn wir beide Fragen zusammen bedenken, erschließt sich eine Antwort.

Drei Aspekte drängen sich auf. 1. Es sind Hirten, die die Botschaft empfangen. Alle romantischen Assoziationen, die das Wort „Hirte“ in uns auslöst, müssen wir vergessen. Aber auch jenes schöne Bild, das in Psalm 23 angesprochen wird: „Der Herr ist mein Hirte…“ Dort ist „Hirte“ ein Ehrentitel, der im Alten Orient den Königen zukam. Das ist hier nicht gemeint. Die Hirten gehören zum „am haarez“, zum verachteten Plebs, zur Schicht der Ausgegrenzten und Entfremdeten, den religiös Unreinen, die berufsmäßig mit Unreinem Berührung haben. Ausgerechnet sie bekommen die Gute neue Botschaft als Erste zu hören.

Es ist kein Zufall, dass sie für die neue Botschaft ausgewählt werden. Diese Situation von zwei sozialen, religiös bestimmten Schichten spiegelt die

Situation aller Religionen, nicht nur des Judentums, auch des Christentums. Immer gibt es die religiöse Oberschicht, die das Sagen hat, die Ausgrenzungen vornimmt. Immer gibt es die Ultraorthodoxen, die Fundamentalisten, die alles besser wissen und jene be- und verurteilen, die nicht ihrer Meinung sind, die nicht ihre Glaubensüberzeugungen teilen und vor allem, die nicht ihrem Lebensstil folgen und in ihren Augen unrein sind und darum keinen Zugang zum Heiligtum bekommen.

„Die Starken bedürfen des Arztes nicht“, sagt Jesus, „sondern die Kranken“ (Matth. 9, 12). Weil die Menschen krank sind, an Leib und Seele, mischt Gott sich ein. Will die Kirche, wollen wir der Weihnachtsbotschaft folgen, ist uns hier der Weg gewiesen: Wie Gott sollen wir uns einmischen und bei den Armen, den Verfolgten, den Gefangenen, und auch bei den angeblich so gottlosen Menschen sein.

 

2. Den Hirten wird ein „Zeichen“ an die Hand gegeben. Sie empfangen es nicht in einer heiligen, reinen, geistlich gesteigerten Situation und Stimmung. Sie empfangen es nicht nach jahrelanger Meditation, sondern mitten in ihrer alltäglichen, allnächtlichen Arbeit. Die Nacht mag dabei so etwas wie ein Spiegel ihrer gesellschaftlichen, ökonomischen und seelischen Situation sein. Hier also, mitten im dunklen, ermüdenden Alltag bekommen sie ein Zeichen. Das ist kein Verkehrszeichen wie ein Einbahnzeichen, wie eine rote Ampel. Die sind eindeutig und lassen keine Interpretationsmöglichkeit zu. Man befolgt sie, wenn man nicht eine Strafanzeige bekommen oder ein Unglück verursachen will.

Das Zeichen, das den Hirten an die Hand gegeben wird, hat andere Dimensionen. Es weist über sich hinaus, es weist auf etwas ganz anderes. Es wird nicht immer gleich verstanden werden wie ein Verkehrszeichen. Es kann übersehen, abgelehnt werden. Aber es will angenommen werden, damit sich etwas ändern kann. Solch ein Zeichen ist nie ein ganz fremdes Zeichen. Es ist immer etwas von uns selbst dabei, etwas das wir kennen. Das Zeichen hat mit der eigenen Lebenserfahrung zu tun, es enthält Elemente unseres eigenen Umfeldes. Sonst würden wir es nicht verstehen.

Die Krippe, der Futtertrog – das ist das Zeichen, auf das die Hirten gewiesen werden. Den Futtertrog kennen sie zur Genüge. Der gehört zu ihrem Geschäft. Das ist Alltag schlechthin. Aber ist das ein Zeichen, etwas so Besonderes, daß es einen herausholt aus der Krümmung in das eigene Ich und man sich auf den Weg macht? In der Tat, die Zeichen Gottes sind zunächst nichts Außergewöhnliches. Sie erscheinen als etwas Alltägliches. Sie können so leicht übersehen werden. Aber sie wollen angenommen werden, damit sich bei uns etwas ändert. Nein nicht nur annehmen, sie wollen in uns hineingenommen werden. Dann wirken sie. Wer sich ihnen anvertraut, wird verändert, gerettet, erfährt Heil und Heilung.

Die Hirten machen sich auf den Weg. Hier gilt nicht der Satz, den man immer wieder hören kann und der im Buddhismus zuhause ist: „Der Weg ist das Ziel“. Nein, der Weg ist nicht das Ziel, er hat ein Ziel. Man muß das Zeichen annehmen und sich führen lassen zum Ziel.

War es so nicht auch bei den Weisen aus dem Morgenland? Die Sterne zu deuten war Alltagsgeschäft. Sie nehmen das Zeichen an, machen sich auf den Weg. Er führt sie nach Jerusalem. Aber das war nicht das eigentliche Ziel. Das Wort der Schrift, Gottes Wort mußte ihnen in Jerusalem gesagt werden und sie leiten, so daß sie den Weg aus der Königsstadt, aus der Hochburg religiöser Arroganz in die Niederungen, in das winzige Nest Bethlehem finden. Das Wort Gottes hilft, die Zeichen zu deuten, wie bei den Hirten.

Für Luther sind die Taufe und das Abendmahl die gewissen Zeichen für uns, wo das Heil zu finden ist. Das Wort kommt zu dem ganz gewöhnlichen Wasser, das Wort kommt zu der alltäglichen Nahrung, Brot und Wein, und zeigt uns, wo das Heil zu empfangen ist.

Aber es gibt auch die kleinen Zeichen, kleine Winke, die uns geleiten auf Wege, die für unser Leben so wichtig werden. Kleine Gesten von Menschen, ein beiläufig gesprochenes Wort in einer für uns schwierigen Situation, ein Wort aus den Losungen der Brüdergemeine, das sind Hinweise, Zeichen Gottes. Was wie ein „Zufall“ aussieht, ist oft ein Zeichen Gottes. Oft erkennen wir das erst im Nachhinein. Scheinbar führten solche „Zufälle“, solche Zeichen uns auf Umwege, aber letztlich haben sie uns zum richtigen Ziel gebracht.

Meine Frau erzählte, wie sie als Schülerin in der Turnhalle einem Handballspiel ihrer Schule zuschaute. Es winkte vom anderen Ende der Halle eine Mitschülerin, sie solle doch zu ihr und den anderen kommen. Sie ging dorthin, aber keine der Mitschülerinnen hatte gewunken. Aber als sie ihren Platz verlassen hatte, löste sich von der Decke ein großer Steinbrocken, der sie erschlagen hätte. Auch das war ein Zeichen Gottes gewesen.

Gott mischt sich ein, um uns zu schützen, um uns zu retten. Er mischt sich so ein, daß auch einfache, alltägliche Dinge zu Zeichen seiner Gegenwart und rettenden Hand werden.

3. „Ihr werdet finden, das Kind in Windeln gewickelt“. Sicherlich ist der Anblick eines gerade geborenen Kindes nichts Alltägliches. Aber für die Hirten nichts Fremdes, sie kennen es aus der eigenen Familie. Sie werden nicht auf etwas Außergewöhnliches hingewiesen. Nach dem großen Engelsgesang muß das wie eine „anticlimax“ gewesen sein. Was aber ist an dem Baby so zeichenhaft? Wir haben in den Lesungen des AT vorhin gehört: „Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Friedefürst“ (Jes. 9) heißt der Sohn, der uns geboren wird. Das sind Preisnamen auf einen neugeborenen Prinzen, wie sie im Alten Orient bei der Geburt des neuen, zukünftigen Königs gesprochen wurden. Aber davon kann keine Rede sein hier im Stall von Bethlehem. Ein Kind wurde unter ärmlichsten Verhältnissen geboren. Das ist alles. Aber es ist das Zeichen Gottes schlechthin dafür, daß er sich eingemischt hat.

Gott mischt sich ein. Doch wie mischt er sich ein, fragten wir? Hier müssen wir zwei Antworten geben: a) Gott mischt sich auf Augenhöhe mit uns ein. Wir alle haben so das Licht der Welt erblickt wie dieses Kind in Bethlehem, einige unter schweren, andere unter sicheren häuslichen Umständen. Aber uns unterscheidet nichts in unserer Geburt von der Geburt dieses Kindes. Wenn also Gott uns in Jesus begegnet, begegnet uns nichts Fremdes. Wir müssen nicht in die Ferne schweifen, nicht nach Exotischem, nach dem Besonderen suchen, nach Wundern Ausschau halten, wenn wir Gott erkennen wollen. Gott mischt sich so ein, dass wir seine Zeichen verstehen können. Gotteserkenntnis ist nicht das Außergewöhnliche, sondern das nahe Liegende. Wir müssen nur wie die Hirten uns aufmachen und hinschauen. Und das, was vor Augen liegt, annehmen als Gottes Zeichen. „So du glauben würdest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen“, sagte Jesus zu Martha am Grab des Bruders (Joh. 11, 40).

Die Hirten haben dem Wort des Engels geglaubt. Sie sahen in dem Kind die Herrlichkeit Gottes.

Doch was für eine „Herrlichkeit“ ist das? „Holder Knabe im lockigen Haar“- vergessen wir das schnellstens. Von der Schönheit des Kindes hören wir nichts. Dass die mittelalterlichen Künstler – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht anders konnten, als dem Kind eine himmlische Schönheit zu geben, so dass die Betrachter der Bilder sich daran erfreuten, war ihr Recht. Auch wir dürfen uns daran erfreuen. Aber das ist nicht gemeint, wenn der Engel von einem „Zeichen“ spricht. Wie die Hirten sollen wir genau hinschauen, um eine weitere Dimension des Zeichens zu verstehen.

b) Ein neugeborenes Kind ist höchst verwundbar, verletzlich. Es ist absolut auf den anderen Menschen angewiesen, auf die Mutter und den Vater und ihre Hände, die es berühren, es beschützen, auf ihre Gesichter, die Zuneigung und Liebe vermitteln. Es braucht die Freundlichkeit der anderen Menschen, um Mensch unter Menschen zu werden. Gerade in dieser Verletzlichkeit, in seiner Angewiesenheit auf andere Menschen ist es ein Zeichen für Gottes Gegenwart, ist es ein Zeichen dafür, wie und warum sich Gott einmischt. Wir brauchen gerade solch ein Zeichen in unserer durch den ökonomischen Wettbewerb so beinhart gewordenen Gesellschaft. Gerade diese verletzliche Freundlichkeit brauchen wir in unserer Gesellschaft, in der Individualität und Autonomie so groß geschrieben werden. Wir brauchen das freundliche Angesicht anderer Menschen. „Der Mensch wird Mensch durch den Menschen“, lautet ein viel zitierter Satz aus Afrika. Verletzte und verletzliche Menschen sind dafür oftmals die besten Lehrmeister, wie eben das Kind in der Krippe. Darum können wir es nun präziser sagen: „Der Mensch wird Mensch durch ihn, der Mensch wurde“ (B. Sundkler).

Es hat mich tief berührt, wie der schwerstbehinderte Philippe Di Borgo – dessen Schicksal durch den Film „Ziemlich beste Freunde“ weltbekannt wurde, in einem Interview mit Elisabeth von Thadden, das er nur mit Mühe und unter ständigen Schmerzen geben konnte, sagte: „Als ich vor zwanzig Jahren lernen musste, mit der Schwerstbehinderung zu leben, merkte ich irgendwann, dass es nichts Elementareres gibt, als ein menschliches Gegenüber zu haben… Das Glück besteht im Austausch mit anderen Menschen“. „Zerbrechlichkeit“, sagt er, muss „ins Zentrum unserer Gesellschaft rücken.“ Ja, eben solche Verwundbarkeit müssen wir, muss die Kirche auch im Gespräch mit Angehörigen anderen Glaubens leben. Wir brauchen keine Machtdemonstrationen, sondern Menschen, die sensibel sind für die Würde der andern. Indem wir die Würde der anderen respektieren, gewinnen wir auch unsere eigene Würde zurück.

Hat die Behinderung di Borgo zum Kind in der Krippe geführt, so dass er vielleicht deswegen zu dieser wichtigen Einsicht gekommen ist? Nein, an Gott glaubt er nicht. Den gibt es für ihn nicht. Aber Jesus, von ihm sagt er: „Ich bin ein großer Anhänger von Jesus. Was für ein Mensch! Er hat alles Bestehende umgekehrt…Seine Botschaft der Güte, der Großzügigkeit, des Erbarmens ist unübertroffen“. „Er hat alles Bestehende umgekehrt“ – wie präzise wird in diesem einen Satz Jesu Wirken auf den Punkt gebracht. An Gott glaubt er nicht, aber – nun könnte man beim Lesen dieser Sätze fast schmunzeln – er hat ihn ja. In diesem Kind, in dem Menschen Jesus ist Gott ganz und gar gegenwärtig. „Fragst du, wer er ist, er heißt Jesus Christ – und ist kein anderer Gott“, so heißt es in dem großen Reformationslied. „Es ist der Herr Christ, unser Gott“, haben wir eben gesungen. Wenn wir so sprechen und singen, dann haben wir das tiefste Geheimnis des Zeichens von Bethlehem verstanden. Mit Jesus haben wir Gott, ob wir an Gott glauben oder nicht.

Die Hirten zogen fröhlich ins Dorf und zurück zu ihren Schafen. Ihr Herz war so voll von dem, was sie gesehen und gehört hatten, dass sie es unbedingt weitererzählen mussten.

Wenn wir so die Zeichen Gottes in unserem eigenen Leben bedenken und wie die Hirten vor allem das Zeichen in Bethlehem annehmen und in uns hineinnehmen, dann können wir nicht anders als fröhlich zu werden. Dann sollen wir mit dem Eingangschor aus dem Weihnachtsoratorium singen und sagen: „Jauchzet, frohlocket…Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an.“ Weihnachten ist Freudenzeit.

 

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Theo Sundermeier: Ein konvivialer Theologe
 

 

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Letzte Änderung: 14.09.2017
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