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Theo Sundermeier: Ein konvivialer Theologe

Benjamin Simon | Adobe Den Beitrag als PDF downloaden

 

 

Theo SundermeierTheo Sundermeier (Quelle: Privat

Theo Sundermeier:

Geboren am 12. August 1935 in Bünde/Westfalen

Professor em. für Missionswissenschaft und Religionsgeschichte an der Universität Heidelberg

 

Wer das große Glück hat, Theo Sundermeier privat kennen gelernt zu haben, der weiß, wie sehr er lebt, was er schreibt und lehrt.

Theo Sundermeier stammt aus Bünde in Westfalen. Im Hause seines Vaters, ein Zigarrenfabrikant herrschte der pietistische Geist der lutherischen Ravensberger Erweckungsbewegung. Es war nicht leicht daraus auszubrechen. Als er nach den ersten Semestern in Bethel auch in Heidelberg, „diesem liberalen Sündenpfuhl“, sein Studium fortsetzte, waren die Eltern sehr besorgt. In Heidelberg promovierte er 1961 zum Dr. theol. im Fach Religionsgeschichte und Missionswissenschaft.

Mitten im Vikariat in Emsdetten bei Münster entsandte ihn der Präses der Westf. Kirche zum Studium ins Ökumenische Institut in Bossey/Schweiz, das wichtige ökumenische Erfahrungen ermöglichte. Der Weg nach Afrika bahnte sich an.

Auf einem Musikwochenende lernte er 1963 seine spätere Frau Renate Wellmer kennen. Sie war als Assistentin an der PH in Wuppertal und seinerzeit eine der besten Blockflöstistinnen Deutschlands. Da im Auftrag der (damaligen) Rheinischen Mission die Ausreise nach Namibia bevorstand, heirateten die beiden kurzentschlossen und flogen, als die Visa endlich erteilt worden waren, 1964 nach Namibia, wo sie beide bis 1971 am Lutheran Theological Seminary unterrichteten. Neben Namibia war Umphumulo /Natal Südafrika eine weitere prägende Station, denn hier waren die tiefen Spannungen der Apartheidsideologie täglich hautnah zu spüren. Drei Kinder wurden in Namibia geboren. Es waren schwierige Geburten, zudem machte eine Sonnenallergie das Leben für Renate Sundermeier in dem Sonnenland Namibia besonders schwer. Die lehrreichen und forschungsintensiven Jahre wurden dadurch belastet. Mit der Bespitzelung durch den südafrikanischen Geheimdienst wusste man umzugehen, die unvoreingenommene Akzeptanz durch die Studenten und die Vertreter der Black Consciousness Bewegung und Schwarzen Theologie wogen diese Belästigungen auf.

Viele Publikationen religionsgeschichtlicher Art entstammen den afrikanischen Erfahrungen. So mag es nicht verwundern, dass Theo Sundermeier aufgrund zahlreicher Veröffentlichungen zur Kirchengeschichte Namibias und zu den afrikanischen Religionen (ohne Habilitationsschrift) 1974 einen Ruf als Professor für Theologie der Religionsgeschichte nach Bochum erhielt. Nach acht fruchtbaren Jahren in Bochum, folgten noch um vieles fruchtbarere Jahre an der Universität Heidelberg. Bis zu seiner Emeritierung hatte er den Lehrstuhl für Missionswissenschaft und Religionsgeschichte inne. Ca. 50 Doktorandinnen und Doktoranden aus Deutschland und Übersee dürfen sich zu seiner „Familie“ zählen. Sie sind nicht nur durch den offenen und fruchtbaren akademischen Austausch in den Doktorandenkolloquien geprägt worden, sondern auch durch die herzliche und vertrauensvolle Atmosphäre des Hauses Sundermeier – in fröhlicher Atmosphäre klangen hier gemeinsam die Abende aus, meist begleitet durch virtuose Musik von Renate und zu später Stunde gönnte sich Theo stets noch ein „Zigarettchen“. Weltweit stammen 20 Lehrstuhlinhaber aus diesem Kreis und viele sind in ökumenischen und interreligiösen kirchlichen Stellen tätig.

In seiner aktiven Zeit hat Sundermeier in etlichen Gremien mitgewirkt und den Vorsitz innegehabt – hier sei nur die Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft (DGMW) erwähnt, die er von einem „Missionarsverein“ zu einer wissenschaftlichen Gesellschaft erhoben hat und die EKD-Kammer für Kirchlichen Entwicklungsdienst. Vielseitige Herausgeberschaften von Buchreihen und Mitherausgeber verschiedener Zeitschriften (z.B. ThLZ) sind zu nennen sowie zahlreiche Publikationen.

 

Die Weite seines Forschungsinteresses und der verschiedenen Arbeitsgebiete, mit denen er sich in den letzten Jahrzehnten beschäftigt und weit über sein Fachgebiet hinaus profiliert hat, sind eindrücklich. Dabei mag es überraschen, dass sein akademisches Lebenswerk umspannt ist von kunsthistorischen Publikationen. Die Begegnung mit den Symbolwelten unterschiedlichster Kulturen und die theologische Interpretation ihrer künstlerischen Darstellung ist für Theo Sundermeier Zeit seines Lebens wichtig gewesen. Es darf hier ebenfalls seine überzeugende Kenntnis und seine ambitionierte Auseinandersetzung mit medizinischen Praktiken aus anderen Kontexten angeführt werden. Heil und Heilung sind für ihn Kategorien, die nicht nur im Anthropologischen ihren Ursprung haben, sondern zutiefst religiöse Begriffe sind. So erscheint es schlüssig und konsequent, dass er sich in seinem akademischen Forschen intensiv mit Hermeneutik auseinandergesetzt hat, ja gar eine neue Richtung, nämlich die Hermeneutik des Fremden prägte. Bereits Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts hat er sich mit der inzwischen hochaktuellen Herausforderung des Fremden auseinandergesetzt. Es geht darum, wie die Fremdheit anderer Konfessionen, Religionen und Kulturen wahrgenommen werden kann, ohne sie durch das Eintragen eigener kulturell-religiöser Muster zu nivellieren. Dementsprechend konnte Sundermeier Missionswissenschaft neu als „Hermeneutik interkulturellen Verstehens“ definieren. Dabei soll sich Hermeneutik nicht nur am Verstehen von Texten zu orientieren, sondern immer auch die mediale Vermittlung in den Blick nehmen, wie z. B. künstlerische Darstellungen, Symbole und rituelle Handlungen, sowie Lieder und Feste. Es geht Sundermeier aber nicht allein darum, das Fremde gänzlich zu verstehen, sondern das Verstehen soll die Konvivenz mit dem Fremden helfen zu praktizieren. In seinem grundlegendenden Artikel von 1986 „Konvivenz als Grundstruktur ökumenischer Existenz heute“ (Oekumenische Existenz heute, Bd. 1, München, 1986. 49-100) legt Sundermeier eine missionstheologische Neuakzentuierung vor: Das Mitleben mit dem Fremden wird als missionarische Präsenz und als Zielhorizont christlicher Sendung gesehen. Dabei baut sich die Konvivenz auf drei Säulen auf: Das voneinander Lernen, das untereinander Teilen und das miteinander Feiern. Diese drei „Charakterzüge der Konvivenz“ machen sie aus. Konvivenz ist allerdings nicht ein neuer Begriff für Mission. Sie ist nur ein Aspekt neben dem Dialog und dem Zeugnisgeben, die Sundermeiers Missionsverständnis ausmachen.

Für Sundermeiers religionsgeschichtlichen Ansatz ist seine Unterscheidungen der primären und sekundären Religionserfahrung zentral. Er weiß aus eigener Anschauung und Mitleben, dass Stammesgesellschaften wesentlich von religiösen Vorstellungen durchdrungen sind. Gesellschaft und Religion sind in diesen Gemeinschaften immer nur in engster Symbiose anzutreffen – es herrscht ein Mit- und Ineinander von Religiosität und Gesellschaft vor. Die Religionen einer solchen Kleingesellschaft sind unmissionarisch und für eine Gruppe von Menschen relevant, die in einem geographisch begrenzten Raum leben, die gleiche Sprache sprechen und oft in einem Verwandtschaftsverhältnis zueinander stehen. Diese Strukturen bezeichnet er als primäre Religionserfahrung, die in allen Religionen zu finden ist. Es herrscht keine Entwicklung vor, die von einer primitiven zu einer höheren Stufe führt. Es verändert sich vielmehr die Religionserfahrung mit der Welterfahrung, so dass „sich das Neue immer wieder in die primäre Erfahrung integriert und an ihr ausrichtet“ (Theo Sundermeier).

Dieses Neue nennt Sundermeier die sekundäre Religionserfahrung. Sie ist durch Individualisierung gekennzeichnet. Man kann sich gegen oder für sie entscheiden. Sie ist nicht mehr auf die Kleingruppe beschränkt. Daher tritt sie missionarisch auf und versteht sich als „vera religio“.

Die sekundäre Religion löst nicht die primäre ab, sondern sie setzt sie voraus. Dabei bildet die primäre den Deutungsrahmen und das Vorverständnis. Primäre Religionserfahrungen werden durch die sekundäre selektiert, interpretiert, transformiert und integriert. Durch diese Integration kann das Fremde inkulturiert und die Semantik umgedeutet werden und ein Teil der vorgegebenen Kultur und Gesellschaft sowie der Religion werden.

 

Die Weihnachtspredigt zu Lukas 2,12 „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“ dient sehr gut als Beispiel dafür wie Sundermeier seine akademischen Erkenntnisse nicht nur für einen „akademischen Elfenbeinturm“ verfasst hat, sondern sie auch dem/der Seelsorger/in und Prediger/in zu Nutzen kommen.

Zu Beginn stellt er gleich die herausfordernde Frage „Wie und warum mischt sich Gott ein?“ - eine „captatio benevolentiae“ der Hörer/innen, da sie einen provokativen Charakter hat und somit die Aufmerksamkeit der Hörer/innen verspricht. In drei Schritten gibt Sundermeier eine Antwort auf die Frage. Zunächst macht er deutlich wieso es die Hirten sind, die die Botschaft empfangen – Ausgegrenzte, Arme, anders Glaubende. Das Fremde und die Fremdheit wird hier in den Mittelpunkt gestellt und durchaus positiv gewertet: Durch sie kommt Gott in die Welt! Die zweite Erklärung sieht er darin, dass den Hirten ein „Zeichen“ mitten in ihr alltägliches Leben gegeben wird. Dieses wird zwar nicht immer gleich von uns verstanden, aber es ist Teil von unserer Symbolwelt (dank der primären Religionserfahrung) – „solch ein Zeichen ist nie ein ganz fremdes Zeichen. Es ist immer etwas von uns selbst dabei...“ und wer sich diesen Zeichen Gottes anvertraut, „wird verändert, gerettet, erfährt Heil und Heilung“. Die dritte Erklärung auf die Frage „Warum Gott sich einmischt?“ findet Sundermeier in der Tatsache, dass die Hirten gerade nicht auf etwas Außergewöhnliches, sondern geradezu Alltägliches gewiesen werden, auf „ein Kind in der Krippe“. Allerdings gilt es – ganz im missionarischen Sinne - sich aufzumachen und genau hinzuschauen „und das, was vor Augen liegt (anzunehmen) als Gottes Zeichen“.

In seinem Schlussteil fasst er nochmal zusammen, dass es darum geht, die Zeichen Gottes in unserem Leben richtig zu erkennen (Hermeneutik des Fremden) – dazu gehört das respektvolle Miteinander (Konvivenz) wie auch überhaupt das Miteinander zu pflegen (afrikanische Weisheit: Der Mensch wird Mensch durch den Menschen).

 

Konvivenz ist für Theo Sundermeier nicht nur eine hilfreiche akademische Kategorie (die inzwischen als theologischer Begriff Eingang in die RGG gefunden hat), sondern vielmehr eine theologische Bezugsgröße sowie eine Lebenseinstellung im Umgang miteinander.

 

Predigtbeispiel: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“, Predigt über Lk 2,12 in der Peterskirche 2011.


 

LITERATURHINWEISE

SUNDERMEIER, Theo: Den Fremden verstehen. Eine praktische Hermeneutik, Göttingen 1996.

SUNDERMEIER, Theo: Mission – Geschenk der Freiheit. Bausteine für eine Theologie der Mission, Frankfurt 2005.

SUNDERMEIER, Theo: Was ist Religion? Religionswissenschaft im theologischen Kontext. Ein Studienbuch, Gütersloh 1999.

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Letzte Änderung: 14.09.2017
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