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Helmut Schwier: Von Gott reden und die Menschen ansprechen

Jantine Nierop | Adobe Den Beitrag als PDF downloaden

 

 

Helmut SchwierHelmut Schwier (Quelle:privat)

Helmut Schwier:

Geboren am 23. Dezember 1959 in in Minden/Westfalen

Professor für Neues Testament und Praktische Theologie; seit 2003 Universitätsprediger in Heidelberg

 

Biografie

 

Geboren wurde Helmut Schwier am 23. Dezember 1959 in Minden/Westfalen. Er besuchte das dortige Herder-Gymnasium und begann nach dem Abitur (1978) das Studium der Evangelischen Theologie, zunächst in Bethel, dann in Heidelberg. Im Herbst 1984 legte er bei der Evangelischen Kirche von Westfalen das 1. Examen ab. Gut drei Jahre später wurde er an der Universität Heidelberg im Fach Neues Testament promoviert mit einer Arbeit über die theologischen und ideologischen Faktoren der Tempelzerstörung im ersten jüdisch-römischen Krieg. Die Arbeit wurde von Gerd Theißen betreut.

Von 1988-1991 war Schwier zweieinhalb Jahre Vikar im Kirchenkreis Herford und nach dem 2. Examen fünf Jahre als Gemeindepastor tätig; regional engagierte er sich für die Jugendarbeit und die ökumenische Zusammenarbeit im Rahmen der ACK. Im Jahr 1996 wechselte er als Wissenschaftlicher Assistent für Praktische Theologie an die Kirchliche Hochschule Bethel (Lehrstuhl: Prof. Dr. Traugott Stählin). Parallel dazu hatte er einen Lehrauftrag für Liturgik an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford. An der Kirchlichen Hochschule Bethel habilitierte er sich im Jahr 2000 im Fach Praktische Theologie. Seine Habilitationsschrift behandelt die Entstehung und Konzeption des Evangelischen Gottesdienstbuches, also der ersten gemeinsamen Agende lutherischer und unierter Kirchen in Deutschland und Österreich – vielleicht ist nicht nur seine westfälische Herkunft aus lutherischer Gemeinde (und Liturgie!) innerhalb einer unierten Kirche, sondern auch dieses Thema mitverantwortlich für sein Eintreten für die innerevangelische Ökumene, die zudem seinen nächsten beruflichen Schwerpunkt bildete. Zum Zeitpunkt der Habilitation war er schon seit einem Jahr als Kirchenrat in der Kirchenkanzlei der EKU in Berlin tätig und Geschäftsführer des Sekretariats der Leuenberger Kirchengemeinschaft (heute: Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa). Hier gehörten die Leuenberger Lehrgespräche „Kirche und Israel“ sowie „Gesetz und Evangelium“ zu seinen Aufgaben. Das 2001 auf der Vollversammlung der Leuenberger Kirchengemeinschaft in Belfast einstimmig angenommene Lehrdokument „Kirche und Israel“, das Schwier noch im Herbst des Jahres im Auftrag der Kirchengemeinschaft als Buch herausgegeben konnte, stellt zweifellos einen bedeutenden Schritt dar, insofern es erstmals einen europaweiten evangelischen Konsens zum Verhältnis von Kirche und Israel formulierte, u.a. mit einer theologisch begründeten Absage an aktive Mission unter Juden.

Im Jahr 2001 wurde Schwier Professor für Neutestamentliche und Praktische Theologie an der Universität Heidelberg. Zwei Jahre später wurde er in das kirchliche Amt des Universitätspredigers gewählt und vom Landesbischof berufen. Im Jahr 2005 übernahm er die Leitung der in den 1970er Jahren von Rudolf Bohren gegründeten Predigtforschungsstelle. Im selben Jahr erreichte er ihre institutionelle Verankerung als „Abteilung für Predigtforschung“ innerhalb des Praktisch-Theologischen Seminars der Theologischen Fakultät. Als neue Forschungsschwerpunkte haben sich mittlerweile neben der Frage nach ethischer und politischer Predigt die empirische Erforschung der Predigtrezeption sowie die Dokumentation der Heidelberger Universitätspredigten und -prediger etabliert. Andere Schwerpunkte in Schwiers Lehre und Forschung bilden die Neutestamentliche Hermeneutik, die Liturgik, die theologisch-ästhetische Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst (Projekt der neuen Kirchenfenster von Johannes Schreiter in der Peterskirche) und mit Musik (Summer School für Musik und Religion [gemeinsam mit der hiesigen Hochschule für Kirchenmusik und dem Musikwissenschaftlichen Seminar, jährlich seit 2012], Bachkantaten in Liturgie und Predigt, akademisch-musikalische Mittagspause 2017 [Veranstaltungsreihe in der Peterskirche mit 54 Kurzkonzerten und -vorträgen zum Reformationsjubiläum ]).

 

Homiletischer Ansatz: Exegese und Empirie

 

Über seinen homiletischen Ansatz schreibt Schwier im Jahr 2012: „Exegese und Empirie bilden die wesentlichen Bezugsgrößen meiner homiletischen Lehre und Forschung, wobei Exegese samt Hermeneutik derzeit im Zentrum steht.“ (CHARBONNIER: Homiletik, S. 50) Er greift dabei zurück auf das Denken von Paul Ricoeur, das ihm die Möglichkeit einer „theologischen Textinterpretation biblischer Polyphonie“ (Ebd., S. 52) zur Verfügung stellt. Die große biblische Vielfalt, was Formen, Gattungen und Motive angeht, wird von Ricoeur in fünf Bereiche verteilt. Konkret unterscheidet er narrative, prophetische, vorschreibende, weisheitliche und hymnische Formen der Gottesrede. Die narrative und die weisheitliche Rede erzählen von Gott in der dritten Person – mit dem Unterschied, dass die weisheitliche Rede im Gegensatz zur narrativen Rede von Gott nicht personalistisch spricht. Beide Redeformen sind auch für die Predigt wichtig. Die hymnische Gottesrede (spricht Gott mit ‚Du‘ an) sowie die vorschreibende Gottesrede (zielt im Modus des Imperativs auf das menschliche Du) sind ebenfalls homiletisch wichtig. Die prophetische Predigt ist nach Ansicht von Schwier riskant. Eine katechetische Auslegung prophetischer Texte erachtet er dagegen als sinnvoll und zeigt dies beispielsweise anhand der Predigten Hans Walter Wolffs. Sowieso plädiert er dafür, Ricoeurs fünf Formen der Gottesrede – offensichtlich alttestamentlich inspiriert – um die zwei typische Formen der neutestamentlichen Gottesrede, nämlich die katechetische und die erklärende Gottesrede, zu ergänzen. Die Funktion einer Unterscheidung der Redeformen liegt darin, eine zielgerichtete und theologisch pointierte Reflexion des Bibeltextes zu ermöglichen sowie bei der sprachlichen Gestaltung der Predigt eine klare Handhabe zu sein. Schwier schreibt: „Die Hermeneutik [...] eröffnet als theologische Textinterpretation den Blick auf die biblische Polyphonie der Gottesrede. Deren je spezifische Ausprägung in den jeweiligen Predigttexten gilt es grundsätzlich in der Predigtvorbereitung herauszuarbeiten und für die Predigtgestaltung variationsreich zu nutzen. Dies dient der theologischen Konzentration und gleichermaßen der theologischen wie sprachlichen Erweiterung.“ (Ebd., S. 56-57)

 

Beispielpredigt

 

In der Beispielpredigt wird schnell klar, wie die biblische Vielfalt der Gottesrede für Schwier ein wichtiges Kriterium bei der sprachlichen Gestaltung der Predigt darstellt. Auch Erkenntnisse aus der empirischen Predigtforschung sind offensichtlich bei dem Zustandekommen der ausgewählten Predigt federführend gewesen, wie beispielsweise die Grunderwartung von Predigthörer*innen, dass christliche Verkündigung in einer verständlichen Sprache geschieht und, was die Länge angeht, eine durchschnittliche Konzentrationsspanne von 12 bis 15 Minuten nicht überstrapaziert wird (Ebd., S. 56). Außerdem sollen Predigten – so zwei weitere Ergebnisse der Heidelberger Untersuchungen zur Predigtrezeption – einen erkennbaren Lebensbezug aufweisen und „den Hörenden eine Gratifikation durch die Wahrnehmungsmöglichkeit lebenspraktischer, theologischer, geistiger und spiritueller Impulse“ (Ebd., S. 56) bieten.

Die ausgewählte Predigt wurde am 23. April 2017 im Semestereröffnungsgottesdienst (mit Taufe) in der Heidelberger Peterskirche gehalten. Predigttext war Phil 1, 1-6. Mit einem erklärenden Abschnitt fängt die Predigt an: „Liebe Gemeinde, in diesem Sommersemester schickt der Apostel Paulus seinen Philipperbrief an uns. Den gesamten Brief werden wir in den 14 Predigten des Semesters abschnittsweise hören und auslegen. ‚Lectio continua‘ heißt das in der liturgischen Tradition, also: fortlaufende Bibellesung.“

Nach der sich anschließenden Verlesung des Bibeltextes fährt Schwier fort mit dem Anfang der Predigt in einer Weise, die seinem homiletischen Ansatz genau entspricht. Ich habe die einzelnen Teile durchnummeriert, um sie anschließend besprechen und einordnen zu können:

 

„Liebe Heilige in Christus Jesus, die ihr nun in Heidelberg lebt, studiert, forscht oder diese Stadt besucht, (1) in diesem Abschnitt erfahren wir, was und wie Kirche ist: sie ist heilig, grenzüberschreitend, kommunikativ und tatkräftig. (2) Ihr seid heilig. Aber keine Angst: dazu muss man nicht moralisch vorbildlich leben, Wunder tun und vom Vatikan anerkannt und heiliggesprochen werden! In der Bibel wird man heiliggesprochen, weil man zu Gott gehört – nein, anders herum: weil Gott zum Menschen gehört. (3)

Er, der Heilige, Schöpfer des Kosmos und Grund allen Seins, verbindet sich mit konkreten Menschen. Er erwählt sein Volk, zeigt durch Abraham allen Menschen, was Vertrauen heißt, beschützt die verstoßene Sklavin Hagar und ihren Sohn Ismael, streitet mit dem listenreichen Betrüger Jakob, meint es gut mit dem arroganten kleinen Bruder Joseph. Gott befreit Israel aus der Sklaverei in Ägypten. In dem Messias Jesus heiligt er Menschen aus allen Völkern: Zöllner und Sünder, Prostituierte und Pharisäer, Eiferer wie Paulus, Angeber wie Petrus, Verzweifelte und Trauernde wie Maria Magdalena am Ostermorgen.

Die Kirche ist heilig. Denn die Menschen, die zu ihr gehören, sind und bleiben in ihrer Unterschiedlichkeit, trotz ihrer besten Anlagen wie ihrer dunklen Abgründe von Gott geheiligt. (4) Er lässt mich nicht los. (5)

Du, Heiliger Israels und Vater Jesu Christi, bist mein Gott und ich bin dein. (6)“

 

1. Auch wenn in den Abschnitten 1 und 3 nur ein echter (aber versteckter) Imperativ vorkommt ("[Habt] keine Angst"), zielen diese Abschnitte im Stil der vorschreibenden Rede an vielen Stellen auf ein menschliches Du oder Ihr. Die Sprechrichtung geht klar vom Prediger zur Gemeinde.

2. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Sprechrichtung an einer Stelle unterbrochen wird von einem Satz, in dem der Prediger sich miteinschließt und plötzlich in der 1. Person Plural spricht. Man könnte diesen Satz der katechetischen Rede zuordnen. Das Sprechen in der Wir-Form verhindert den Eindruck des Belehrt-Werdens.

3. siehe unter 1.

4. Der vierte Abschnitt erzählt in der 3. Person von Gott und gehört damit zur narrativen Rede.

5. Auch wenn hier weiter personalistisch von Gott gesprochen wird, könnte man diesen Satz wegen der sprachlichen Nähe zu den Psalmen auch der weisheitlichen Gottesrede zuordnen.

6. Im sechsten Abschnitt wechselt die Sprechrichtung radikal. Hier betet der Prediger und redet im Namen der Gemeinde mit Gott. Der Satz bildet daher ein klares Beispiel hymnischer Gottesrede.

Auch im weiteren Verlauf der ausgewählten Predigt behält Schwier diesen charakteristischen Sprechstil bei. Deutlich zeigt er, dass „von Gott reden“ und „Menschen ansprechen“ sich homiletisch in keiner Weise ausschließen. Vielmehr bedingen sie sich gegenseitig, solange die Gottesrede nach biblischer Vorlage variationsreich und multiperspektivisch gestaltet wird – eine Prise Humor kann dabei nicht schaden...

 

Predigtbeispiel: Predigt über Phil 1,1-6; Apg 16,11-15 im Semestereröffnungsgottesdienst am 23. April 2017 (Quasimodogeniti)

 

LITERATUR

Kirche und Israel. Ein Beitrag der reformatorischen Kirchen Europas zum Verhältnis von Christen und Juden / Church and Israel. A Contribution from the Reformation Churches in Europe to the Relationship between Christians and Jews, Leuenberger Texte 6, Frankfurt/M. 2001, 22001.

SCHWIER, Helmut (Hrsg.): Botschaften aus Licht und Glas. Der Fensterzyklus von Johannes Schreiter in der Heidelberger Universitätskirche (mit einem Geleitwort von Johannes Schreiter), Regensburg 2013.

ARNOLD, Jochen/GIDION, Anne/OXEN, Kathrin /SCHWIER, Helmut (Hrsg.): Mit Bach beten, predigen und feiern. Kantatengottesdienste durch das Kirchenjahr, Leipzig 2018.

SCHWIER, Helmut: Von Gott reden – die Menschen ansprechen, in: CHARBONNIER, Lars/MERZYN, Konrad/MEYER, Peter (Hrsg.): Homiletik. Aktuelle Konzepte und ihre Umsetzung, Göttingen 2012, S. 50-67.

SCHWIER, Helmut: Als Ausleger der Propheten predigen. Homiletische Anmerkungen zu Hans Walter Wolffs Predigten, in: GERTZ, Jan Christian/OEMING, Manfred (Hrsg.): Neu aufbrechen, den Menschen zu suchen und zu erkennen. Symposium anlässlich des 100. Geburtstages von Hans Walter Wolff, Neukirchen-Vluyn 2013, S. 113-128.

Eine online-Veröffentlichung der „Mittagspausen“ erfolgt ab Winter 2017; nähere Infos über: www.peterskirche-heidelberg.de.

 

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Letzte Änderung: 20.09.2017
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