Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

„Unsere Grundfinanzierung stagniert seit 1998“

„Für die Bewältigung unserer Aufgaben brauchen wir das Vertrauen der Politik und der Gesellschaft. Autonomie und akademische Freiheit sind abgeleitet von Zutrauen und Vertrauen. Unsere Resultate müssen dann immer wieder aufs Neue dieses Vertrauen rechtfertigen, an ihnen müssen wir uns messen lassen! Um nur eine Kohorte Studierender durch das Bachelor-Master-Programm zu bringen, benötigen wir zehn bis zwölf Semester, also bis zu sechs Jahre Zeit. Wann endlich wird man zur Kenntnis nehmen, dass eine Universität nicht alle paar Jahre ,reformiert‘ werden will und kann? Die Universität braucht jetzt erst einmal Zeit und verlässliche finanzielle, politische und legislative Rahmenbedingungen, um die Veränderungen der vergangenen Jahre auch wirksam werden zu lassen. Eine große Universität wie die Ruperto Carola ist mit fast 14 000 Mitarbeitern und über 31 000 Studierenden wie ein Tanker: Steuert man hektisch um, dann kommt das Ganze bestenfalls ins Schlingern, ein vernünftiger Kurs ist schwer erkennbar.“ Das sagt Prof. Dr. Bernhard Eitel (Foto: Philipp Benjamin), dessen zweite Amtszeit als Rektor der Ruperto Carola vergangenen Oktober begonnen hat, hier im Interview:

Herr Eitel, worin werden aus heutiger Perspektive die größten Herausforderungen in Ihrer zweiten Amtszeit liegen?

„Meine zweite Amtszeit wird wesentlich von der Exzellenzinitiative II geprägt sein. Wichtig ist die Überführung der Exzellenzprojekte in zukunftsträchtige Strukturen. Denn noch ist nicht abzusehen, was nach dem Auslaufen der Exzellenzinitiative 2017 geschieht. Die große Herausforderung liegt in der Finanzierung der nächsten Jahre. Wir stehen mitten in den Verhandlungen um einen Solidarpakt mit dem Land Baden-Württemberg und wissen nicht, wie es ab 2015 mit dem Wissenschaftspakt zwischen Bund und Ländern weitergeht. In beiden Fällen geht es für die Ruperto Carola um zweistellige Millionenbeträge.“

Bei der Jahresfeier haben Sie einmal mehr eine international vergleichbare Finanzierung für die Universität eingefordert. Was konkret stellen Sie sich darunter vor?

„Wenn jeder Zweite eines Jahrgangs studiert, ist unser derzeitiges (Aus-)Bildungsniveau im tertiären Sektor nicht zu finanzieren. Reformen müssen die Chancen unseres sich ausdifferenzierenden Wissenschaftssystems erkennen und nutzen. Dabei müssen die Finanzierungsströme den genannten Aufgaben adäquat angepasst sein und dürfen die Hochschulautonomie nicht einschränken. Dies ist im Augenblick aber der Fall: Unsere Grundfinanzierung in Baden-Württemberg stagniert seit 1998. Problematisch sind in Verbindung damit vor allem auch die zunehmenden Zweitmittel. Die derzeit ausufernde Praxis kameral gestalteter, zweck- und projektbezogener Sonderzuweisungen des Landes für Studienplätze, Innovationen oder Qualitätsziele – um nur einige zu nennen – ist eine Fehlentwicklung, die der dringenden Korrektur bedarf. Die Zweitmittel gehören in die Grundfinanzierung. Um in Zahlen zu sprechen: Baden-Württemberg gibt pro Jahr mehrere 100 Millionen Euro in Form von Zweitmitteln in die Hochschulen, steuernd und regulierend. Das ist nicht wissenschaftsadäquat, begrenzt die Hochschulautonomie, weil diese Mittel den Grundhaushalten entzogen sind, behindert die Hochschulen, sich strategisch und arbeitsteilig zu koordinieren, und erlaubt keine langfristige Personalplanung.“

Das Grundgesetz erlaubt bisher nicht, dass der Bund dauerhaft Universitäten fördert. Sind Sie zuversichtlich, dass es hier zu einer Änderung kommt?

„Es gibt vielerlei Vorschläge, die Hochschulen mit Bundesmitteln zu fördern – ob mit oder ohne Änderung des Grundgesetzes. Bei einer breiten Gießkannenstreuung käme aber bei den einzelnen Universitäten viel zu wenig an. Auch hier muss eine Arbeitsteilung im Wissenschaftssystem greifen: Warum sollte eine Forschungsuniversität Geld bekommen für mehr Anwendungs- und Praxisorientierung? Und warum sollten umgekehrt die Fachhochschulen Grundlagenforschung betreiben und Doktoranden heranbilden? Wenn es das Ziel ist, international mit den Spitzenuniversitäten der Welt zu konkurrieren, können es nicht 130 deutsche Universitäten unter die Top 200 weltweit bringen. Ziel der Exzellenzinitiative war es ausdrücklich, einige leistungsstarke deutsche Universitäten an die internationale Spitzengruppe heranzuführen. Wir sprechen heute oft nur noch über die Exzellenzcluster und Graduiertenschulen. Die dritte Säule des Wettbewerbs sind die sogenannten Zukunftskonzepte. Die Zukunft endet aber nicht 2017 mit der Förderperiode der Exzellenzinitiative. Auch für die Instrumente der Zukunftskonzepte muss daher eine Perspektive entwickelt werden.“

Sie sprechen die Exzellenzinitiative an. Wie soll es mit den Projekten weitergehen?

„Wir haben mit unserem großen Erfolg in der Exzellenzinitiative gleichzeitig viel Verantwortung übernommen. Die Forschungs- und Strategiekommission arbeitet, die Research Councils der vier interdisziplinären Fields of Focus haben sich konstituiert und die Projekte laufen. ,Realising the Potential of a Comprehensive University‘, das ist ein klarer Auftrag. Ziel ist es, die Fachkompetenzen zu stärken und zu verschränken, um aus disziplinärer Stärke heraus einen Beitrag zur Lösung komplexer Herausforderungen leisten zu können. Wir wollen die Exzellenzprojekte in nachhaltige Strukturen überführen. Ein konkretes Beispiel: Den Cluster ,Asien und Europa‘ und die Transkulturellen Studien werden wir im Heidelberger Zentrum für Transkulturelle Studien (HCTS) zusammenführen. Für diesen neuen Forschungsschwerpunkt haben wir im Campus Bergheim, auf dem Areal der Hautklinik, den Forschungsbau CATS vorgesehen – das Center for Asian and Transcultural Studies.“

Heidelberg hat sich in der Exzellenzinitiative dem Modell der Volluniversität verpflichtet. Hat dieses Profil Zukunft?

„Wir sehen eine Stärke unserer Universität darin, dass wir viele Fächer, große und kleine, aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen zusammenführen und daraus im direkten Austausch der disziplinären Stärken neue Potenziale erschließen können. Das heißt aber nicht, dass kleinere Universitäten, wenn sie ein anderes Profil ausbilden und sich thematisch fokussieren, einen falschen Weg einschlagen. Wir brauchen wie schon gesagt Differenzierung und Arbeitsteilung im Hochschulsystem. Die Exzellenzinitiative hat zu einer erhöhten Sichtbarkeit der deutschen Hochschullandschaft und ihrer verschiedenen Hochschularten und -typen geführt. Ich bin sicher, dass alle – die Gewinner der Exzellenzinitiative ebenso wie die in diesem Wettbewerb weniger erfolgreichen Universitäten – von ihr profitiert haben.“

Die Universität Heidelberg besitzt traditionell ein internationales Profil. Was bedeutet Internationalisierung für die Ruperto Carola?

„Internationalisierung ist kein Selbstzweck. Mit zunehmend mehr internationalen Wissenschaftlern, mit knapp 20 Prozent ausländischen Studierenden und in den Graduiertenschulen weit über 40 Prozent ausländischen Doktoranden stoßen wir an die Grenzen der quantitativen Internationalisierung. Es gilt also, unsere Internationalität vor allem qualitativ weiterzuentwickeln. Dies erfasst die Lehre und Lehrkooperationen ebenso wie spezielle Forschungsnetzwerke wie die HeKKSaGOn-Allianz, es reicht über internationale Brückenprofessuren bis hin zu Auslandsniederlassungen und den dortigen Alumni-Clubs. Alles dient letztlich dazu, den Lehrenden und den Studierenden bestmögliche Bedingungen zu schaffen, um unsere akademische Gemeinschaft im globalen Wettbewerb sichtbar und attraktiv weiterzuentwickeln.“

Die Reform der Lehramtsstudiengänge ist ein wichtiges Stichwort in der aktuellen Diskussion in Land und Bund. Wie kann diese Reform in Heidelberg aussehen?

„Der Bologna-Prozess ist noch nicht abgeschlossen. In Baden-Württemberg steht jetzt der Umbau der Lehrerbildung an. Hierzu müssen die bisherigen Staatsexamensstudiengänge in Bachelor- und Masterstudiengänge umgebaut werden. Wir wollen den polyvalenten fachwissenschaftlichen Bachelorstudiengang, der den 17- bis 18-jährigen Studienanfängern die Option lässt, erst mit dem Übergang zum Masterstudium die Entscheidung für oder gegen das Lehramt zu treffen. Der Master of Education zur Sekundarstufe II ist ein universitärer Studiengang. Dies schließt neue Formen noch engerer Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg nicht aus, im Gegenteil. Gerade die Zusammenarbeit ermöglicht es uns, zum Beispiel gemeinsam neue Fachdidaktik-Professuren zu schaffen. Die Zusammenarbeit wird eng sein müssen und in eine School of Education münden.“

Herr Eitel, Sie fordern immer wieder verlässliche Rahmenbedingungen. Was verstehen Sie darunter?

„Für die Bewältigung unserer Aufgaben brauchen wir das Vertrauen der Politik und der Gesellschaft. Autonomie und akademische Freiheit sind abgeleitet von Zutrauen und Vertrauen. Unsere Resultate müssen dann immer wieder aufs Neue dieses Vertrauen rechtfertigen, an ihnen müssen wir uns messen lassen! Um nur eine Kohorte Studierender durch das Bachelor-Master-Programm zu bringen, benötigen wir zehn bis zwölf Semester, also bis zu sechs Jahre Zeit. Wann endlich wird man zur Kenntnis nehmen, dass eine Universität nicht alle paar Jahre ,reformiert‘ werden will und kann? Die Universität braucht jetzt erst einmal Zeit und verlässliche finanzielle, politische und legislative Rahmenbedingungen, um die Veränderungen der vergangenen Jahre auch wirksam werden zu lassen. Eine große Universität wie die Ruperto Carola ist mit fast 14 000 Mitarbeitern und über 31 000 Studierenden wie ein Tanker: Steuert man hektisch um, dann kommt das Ganze bestenfalls ins Schlingern, ein vernünftiger Kurs ist schwer erkennbar. Dabei haben wir in Heidelberg viele Schwierigkeiten bislang besser meistern können als anderswo. Das auch deshalb, weil wir auf treue Freunde und Alumni bauen können. In den kommenden Jahren wollen wir gemeinsam das Alumni-Wesen und das Fundraising weiter ausbauen und optimieren. Wir werden uns also aufmachen, um die Universität wetterfest zu machen für den internationalen Wettbewerb, um unsere Universität in die Lage zu versetzen, Zukunft besser als andere zu gestalten!“

www.uni-heidelberg.de/einrichtungen/rektorat/bernhard_eitel.html

Im vergangenen Oktober hat die zweite Amtszeit von Prof. Dr. Bernhard Eitel als Rektor der Universität Heidelberg begonnen. Eitel studierte Geographie und Germanistik an der Universität Karlsruhe und wurde 1989 an der Universität Stuttgart promoviert. Er habilitierte sich 1994 im Fach Physische Geographie und folgte 1995 einem Ruf an die Universität Passau. Seit 2001 hat er den Lehrstuhl für Physische Geographie an der Universität Heidelberg inne, zu deren Rektor er 2007 gewählt und 2013 für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt wurde. Neben Engagements in verschiedenen nationalen und internationalen wissenschaftlichen Fachgesellschaften, in Wissenschaftseinrichtungen sowie im Vorstand der Metropolregion Rhein-Neckar ist Bernhard Eitel derzeit Sprecher der German U15, Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zu Halle, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) sowie Mitglied der Executive Commission of the International Association of Geomorphologists (IAG) und korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI).