Forschungsprojekt: Theologie und Zivilgesellschaften

 

Moderne Gesellschaften sind durch die Ausdifferenzierung der verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssysteme charakterisiert. Sie steigern ihre Komplexität, indem sie eine Vielzahl von freien Assoziationen ausbilden, die die gesamtgesellschaftlichen Funktionssysteme beeinflussen wollen. Von Zivilgesellschaft lässt sich reden, wenn die verschiedenen Assoziationen – obwohl sie ihre je eigenen Interessen zum Tragen bringen wollen und obwohl sie dabei um Einfluss auf die gesamtgesellschaftlichen Funktionssysteme konkurrieren – auch an dieser Konkurrenz selbst interessiert sind.

Zivilgesellschaften entwickeln deshalb ein bestimmtes Ethos. Es nötigt dazu, einerseits auf eine universale Durchsetzung des innerhalb der eigenen Assoziation für richtig, gut und wahr Befundenen hinzuarbeiten, und andererseits das Interesse an alternativen Bestrebungen zu erhalten und womöglich zu steigern. Eine zivilgesellschaftliche Assoziation ist also zugleich an der Durchsetzung ihrer Ziele als auch an deren Kritik interessiert. Wie die Theologie verbindet auch eine zivilgesellschaftliche Assoziation Überzeugungsgewissheit mit Wahrheitssuche: der Einsatz für das eigene Ethos verbindet sich mit dessen gewollter diskursiver Problematisierung.

Zivilgesellschaften sind in der Spätmoderne freilich zugleich gefährdet: zum einen durch den Übergriff der funktionalen Systeme, vor allem der Wirtschaft und der Medien (Jürgen Habermas), zum anderen durch die Exklusion großer Teile der Weltbevölkerung aus allen Funktionssystemen. In der Diskussion dieser Prozesse ist wiederholt auf die Bedeutung der Religionsgemeinschaften hingewiesen worden. Im Blick auf die von Habermas thematisierte Kolonialisierung der Lebenswelt hat der Harvarder Systematiker Francis Schüssler Fiorenza auf die kommunikativen Potentiale religiöser Interpretationsgemeinschaften hingewiesen. Als „Interpretationsgemeinschaften des normativen Potentials ihrer religiösen Traditionen“ stellen Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Lebenswelt real-existierende Diskursgemeinschaften dar. Die bereits von Alexis de Tocqueville herausgestellte Bedeutung von Religionsgemeinschaften für den Aufbau und Erhalt zivilgesellschaftlicher Strukturen hat sich zuletzt in den gesellschaftlichen Umbrüchen Mittelosteuropas gezeigt.

Das neue Forschungsprojekt des FIIT „Theologie und Zivilgesellschaft“ untersucht, unter welchen internen und externen Bedingungen sich Kirchen und Religionsgemeinschaften als zivilgesellschaftliche Akteure betätigen. Es schließt an das vom Land Baden-Württemberg im Rahmen der Zukunftsoffensive IV geförderte und mittlerweile abgeschlossene Projekt „Images of the Divine and Cultural Orientations“ an, das die unterschiedlichen Gottesbegriffe und -bilder in den religiösen Traditionen und ihre Verankerung in und Ausstrahlung auf verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Kontexte reflektierte.

 

Zur inhaltlichen Profilierung des hier vorgestellten Forschungsprojektes haben Mitglieder des FIIT in den letzten Jahren in unterschiedlichen Formen und unter Einbeziehung von Studierenden, Doktorandinnen und Doktoranden sowie postdocs an der Klärung der Begriffe „Theologie“ und „Zivilgesellschaft“ gearbeitet.

 

Mehrere Lehrveranstaltungen zum Themenkomplex wurden durchgeführt. 2014 und 2015 wurden Konsultationen mit Kolleginnen und Kollegen aus Ungarn, Südafrika und Russland zum Thema "Religion and Civil Societies" durchgeführt, die bereits in Südafrika (Potchefstroom) und Ungarn (Debrecen) fortgesetzt wurden. Publikationen stehen bevor.

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Letzte Änderung: 12.11.2015
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