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Universitätsgottesdienst

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Hannelis Schulte/Dagmar Börsig: Predigt über Amos 5,21-24 am Sonntag Estomihi, 26.02.2006

 

21   Ich hasse, ich verschmähe eure Feste.

     Und ich kann eure Festversammlungen nicht riechen,

22   an euren Gaben habe ich keinen Gefallen,

     die Sühnopfer eures Mastviehs schaue ich nicht an.

23   Entferne von mir den Lärm deiner Lieder;

     den Klang eurer Harfen mag ich nicht hören.

 

21   Ich hasse eure Gottesdienste;

     ich kann sie nicht leiden; eure Gottesdienste stinken mir.

22   die Konten eurer Kirchensteuerzahlungen mag ich nicht;

     und eure großartigen Spenden beeindrucken mich nicht.

23   Macht Schluss mit dem Lärm eurer Kirchenlieder;

     beim Orgelspiel halte ich mir die Ohren zu.

 

24   Doch es breche hervor wie Wasser das Recht

     und die Gerechtigkeit wie ein beständiger Fluss.

 

24    Auf einen Durchbruch für das Recht kommt es an! 

Und Verlass muss sein auf Gerechtigkeit.

 

 

 

 

H: Das ist der schärfste Angriff auf die Religionsausübung, den ich aus der Bibel kenne. Wenn Amos heute redete, dann wäre es ein Angriff auf unsere Gottesdienste, auf unser kirchliches Leben.

Ich liebe Gottesdienste und bin nicht erfreut über diesen Angriff.

 

D: Mehr noch: wenn ich denke, wie viel Mühe ich mir um Gottesdienste mache, wie ich ringe um das Verständnis der biblischen Texte und der Predigt …., dann fühle ich mich ganz schön „auf den Schlips“ getreten. ... Oder wenn ich an die Jugendlichen denke, die sich bemühen, die ringen um neue Formen, damit sie andere Junge ansprechen können, ihnen das Wort Gottes näher zu bringen….

Oder die „Come-in-Gottesdienste“, mit denen man ganz bewusst „kirchenferne“ Menschen erreichen will…

 

H: Auch Erwachsene Menschen mühen sich um eine ansprechende Gottesdienstgestaltung. Ich kann dir erzählen von Gottesdiensten in der Lahnhöhe, einem Rehakrankenhaus:

 

  • Zeichenhandlungen (zB Kerzen anzünden als Ausdruck des Dankes; Steine ablegen, wenn einem ein „Stein vom Herzen gefallen“ ist ….)
  • Kreis um ein Kreuz in der Mitte

 

Viel Symbolik und symbolische Beteiligung der Gottesdienstbesucher haben

Menschen unterschiedlichster Herkunft anzusprechen versucht.

 

D: Wie viele Menschen proben Woche für Woche in ihrer Freizeit im Kirchenchor, … im Posaunenchor, …. Geben sich Mühe, um Gesang und Musik zu Gottes Ruhm erklingen zu lassen… und dann hören sie bei Amos:

 

Macht Schluss mit dem Lärm eurer Kirchenlieder;

Beim Orgelspiel halte ich mir die Ohren zu.

 

Das ist heftig! Oder: Da werden neue Lieder gedichtet und komponiert …. mit aktueller Aussage… Sollen wir das alles jetzt sein lassen?

 

H: Lass uns einmal absehen von unseren sonntäglichen Gottesdiensten. Denken wir mal an große und besondere Gottesdienste, z. B. im Fernsehen …. Beim Staatsbegräbnis von unseren Alt-Bundespräsidenten Johannes Rau:

Da könnten wir Christen uns doch beruhigt zurücklehnen; da bekommen wir doch das Gefühl: „sie brauchen uns ja, um solche Gottesdienste zu feiern. …. Die Kirche geht nicht unter, … Das beruhigt uns: „Sieh, wie angesehen doch die Kirche ist…“

 

D: Du meinst, wir sonnen uns in der Beachtung, die solche Festgottesdienste finden und laufen Gefahr, uns beruhigt zurückzulehnen….

 

H: Das ist nicht die Gefahr, das ist die Lage.

Eure Gottesdienste missfallen mir“ heißt es bei Amos. Wieso? … sie sind Beweis für öffentliche Geltung.

 

D: Nehmen wir den Festgottesdienst in der Dresdner Frauenkirche, den so viele im Fernsehen mitverfolgt haben. Ist das nicht ein Grund Stolz zu sein? Stolz darauf, dass so viele Menschen gemeinsam gespendet haben, um dieses Kleinod wieder entstehen zu lassen; um zu zeigen, dass Menschen nicht nur zerstören können, sondern - über Grenzen hinaus, Freunde und frühere Feinde, – auch
gemeinsam wieder aufbauen können. – Ich habe mich damals einfach gefreut über die Vollendung dieses Werkes…. Nachdem ich Jahre vorher die langen Reihen von Steinen in Dresden gesehen habe und mir nicht vorstellen konnte, dass das wieder eine Kirche wird.

 

H: Während in der Frauenkirche der Festgottesdienst war, dachte keiner an die Arbeitslosen ohne Perspektive in der Nachbarschaft, keiner an die Orte rund um Dresden auf dem Land, wo fast nur noch alte Menschen leben, weil alle jungen Leute weggehen, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft haben. – Müsste Kirche heute nicht – mindestens so laut wie im Festgottesdienst die Zusammenarbeit gerühmt wurde, – für Gerechtigkeit schreien?

Das ist doch keine Gerechtigkeit, wenn Hartz‑IV-Empfänger gerade mal überleben können, aber nicht in Würde leben …. Keinen Anteil haben an der Kultur!

 

D: Auf einen Durchbruch für das Recht kommt es an!

Und Verlass muss sein auf Gerechtigkeit.

… sagt Amos

 

H: Oder in der jetzigen Streiksituation: Was tut die Kirche, damit die Öffentlichkeit die Berechtigung des Streiks versteht? Die Verlängerung der Arbeitszeit im öffentlichen Dienst macht doch nur Sinn, ist doch nur dann eine Einsparung, wenn entlassen werden, wenn Stellen in großer Zahl eingespart werden sollen. …. Wenn noch mehr Menschen zu Hartz-IV-Empfängern werden.

 

D: Aber die Kommunen mit ihren leeren Kassen, wie sollen sie das bezahlen???

Sie werden dann weiter privatisieren…

 

H: Und was bedeutet das für die Bürger? Stell’ dir vor im Verkehr wird privatisiert. Die Straßenbahn wird nur noch die lohnenden Strecken bedienen, zum Beispiel HD-Leimen,… oder Bismarckplatz- Handschuhsheim. Denn da gibt es noch Profit. Aber Strecken wie die nach Ziegelhausen und
Wilhelmsfeld werden gnadenlos ausgedünnt.
Umsteigen aufs Auto … zwangsweise; wer sich kein Auto leisten kann hat Pech gehabt.

 

D: Ich habe oft Mühe, das Für und Wider von Entwicklungen zu beurteilen. Und streiken für ein paar Minuten täglich? Mit der Drohung, mehr Aufgaben „auszulagern“…. Aber soviel sehe ich auch: Diese allgemeine Entwicklung Weg von der Verantwortung füreinander, die um sich greift. Weg von der Verantwortung … hin zu der alleinigen Huldigung des Gewinnes und Erfolges.

 

H: Und wenn weiter privatisiert werden soll, wo allgemeine Interessen auf dem Spiele stehen, wo die Gesellschaft gemeinsam Aufgaben für die Bürger übernehmen muss, dann müssen wir alle dagegen angehen! Eintreten für Recht und Gerechtigkeit!

 

D:Verlass muss sein auf Gerechtigkeit.“ mahnt
Amos.

Es wäre schon Aufgabe der Kirche für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Meist aber finde ich:

Unsere Kirchenleitungen schweigen dazu. Aber der Weltbund der Reformierten Kirchen hat diese Gefahren gesehen und bemüht sich seit Jahren ein Bekenntnis zu formulieren, das gegen die Huldigung des Profits angeht.

 

H: Ja, im August 2004 hat die Versammlung der Vertreter aller reformierten Kirchen in Afrika, genauer in Accra, der Hauptstadt Ghanas, ein Bekenntnis formuliert und einstimmig beschlossen. Sie nennen es ihre Antwort auf die Schreie ihrer Brüder und Schwestern ist, die sie rund um die Welt hören.

„Wir sehen das dramatische Zusammentreffen von Wirtschaftskrise, wirtschaftlicher Globalisierung und Geopolitik, das noch unterstützt wird von der neoliberalen Ideologie. Dies ist ein globales System, das die Interessen der Mächtigen verteidigt und schützt.

Es berührt und trifft uns alle. In biblischen Begriffen wird ein solches System der Anhäufung von Reichtum auf Kosten der Armen als Treuebruch gegenüber Gott gesehen und ist verantwortlich für vermeidbares menschliches Leid. Wir sprechen hier vom Mammon.

Jesus hat uns gesagt, dass wir nicht beiden, nicht Gott und dem Mammon dienen

können.“ (Zitatende)

 

D: Das, was Jesus fordert, hören wir auch schon bei Amos: Gott mag unsere Gottesdienst, unsere Lieder nicht hören, wenn wir nicht gleichzeitig eintreten für Recht und Gerechtigkeit! …. In unseren Kirchenzeitungen … in unseren Gemeinden hört man davon viel zu wenig…. Die paar „Eine-Welt-Läden“  …

 

H: Unser Gemeindeleben hat sich in den unpolitischen Raum zurückgezogen. Meinem Erachten nach ist es maßgeblich begründet in der Angst unserer Kirchenoberen, anzuecken, politisch missliebiges zu sagen …. Sie fühlen sich auf Wohlwollen und Geldspenden angewiesen und möchten sich nichts verscherzen.

 

D: Wie schon gesagt: Mir fällt es schwer, wenn ich Missstände erkenne, mir über die Ursachen ein Urteil zu bilden. Wem soll ich glauben? …. Womöglich verfalle ich zu leicht dem bequemen Gedanken, dass es keine Alternative gibt? Und wenn ich sie fände, die Alternative, wie überbrücke ich den garstigen breiten Graben zwischen der großen Politik, auf die ich keinen Einfluss habe, und den Aufgaben meines Alltags?

 

H: Du meinst: was kann der Lehrer, der Arzt, der Schreinermeister, die Kindergärtnerin usw. dazu tun, dass gilt:

 

Doch es breche hervor wie Wasser das Recht

und die Gerechtigkeit wie ein beständiger Fluss.

 

D: Genau. Wenn ich die Worte von Amos höre, dan n möchte ich ihm zustimmen; ich weiß auch genau, wen er mit seinen Anspielungen meint. Er hat meinen Beifall, wo er anderen den Spiegel vorhält. Aber was, wenn er mich fragt, wie hältst du es mit Recht und Gerechtigkeit? Wie steht es in deinem Leben mit dem Einklang von Reden und Tun?

Merkst du überhaupt, wenn dein Nachbar arbeitslos wird? Interessiert du dich für seine Probleme? Oder geschieht es auch deinetwegen, dass er die Fassade von „normalem“ Leben aufrecht zu halten sucht? Kämpfst du, wenn du hörst, dass eine Schülerin, die aus einem Krisengebiet mit ihrer Familie in Deutschland Schutz gesucht hat, dass sie jetzt kurz vor ihrer Prüfung abgeschoben werden soll? Stehst du auf, wenn die Natur verschandelt wird? Lässt du dein Auto stehen, wenn du mit der S-Bahn fahren kannst??? Nimmst du dir Zeit für Einsame und Kranke?

 

H: Ich kann verstehen, dass nicht jeder in der Lage ist, zu demonstrieren und auf die Straße zu gehen. Aber jeder kann bei sich anfangen und bei dem, was er tut, einmal überlegen, wie es mit seinen Entscheidungen dem Mitmenschen geht.

Das wäre schon ein ganz wichtiger Schritt; ein Schritt in die richtige Richtung;

Ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit und Recht.

Das beginnt damit, dass wir uns von der falschen Vorstellung lösen, die heute viele lähmt:

Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung sei alternativlos.

Wir seien hier unabänderlichen Gesetzen unterworfen.

Diese Auffassung vertreten die Extreme:

Orthodoxe Marxisten sagen, das System lasse sich nicht reformieren. Man könne es nur als Ganzes abschaffen.

Orthodoxe Neo-Liberale sagen: Das System dürfe man nicht durch moralisch motivierte Interventionen stören.

All das sei illusorisches soziales Denken.

Man müsse es sich selbst entwickeln lassen.

Nein, wir haben Gestaltungsspielräume.

Verschiedene Staaten und verschiedene politische Ansätze bringen verschiedene Ergebnisse.

 

D: Es ist die Aufgabe von Kirche und Predigt, dies Bewusstsein der Verantwortung aufrecht zu erhalten, der Resignation zu widerstehen.

Zur Verantwortung gehört aber auch, dass wir irren können. Wer in der Politik und im Leben etwas gestalten will, macht Fehler. Wer viel gestalten will, macht viele Fehler. Aber der größte Fehler ist, nichts mehr gestalten, nichts mehr verantworten zu wollen. Weglaufen vor der eigenen Verantwortung.

 

Gerechtigkeit und Recht sind möglich!

Gott sprach durch Amos selbst zu denen,

die das Recht verkehren und die

Gerechtigkeit zu Boden reißen:

Suchet das Gute und nicht das Böse,

dass ihr leben könnt,

so wird der HERR bei euch sein!

Sucht mich, so werdet ihr leben!

Das ist seine Botschaft.

Sie galt damals….

… und sie gilt noch heute!

 

Amen.

 

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Hannelis Schulte: Politik, Theologie, Predigt

 

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Letzte Änderung: 01.03.2017
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