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Daniel Schenkel: „Das Bedürfniß unsrer Zeit nach erneuerter Heilserkenntniß, gehalten beim Beginne des Sommersemester 1852

Die Predigt ist erschienen in: SCHENKEL, Daniel: Evangelische Zeugnisse von Christo. Predigten über Abschnitte aus dem Evangelium Johannis, Heidelberg 1853, S. 173-192.

 

Johannes 4,1-10.

 

Wir haben vor wenigen Wochen erhebende Feste gefeiert. Wir haben zuletzt uns noch beim Felsengrabe des Auferstandenen versammelt und Früchte des ewigen Lebens geschmeckt. Wir haben auf’s neue fromme Entschlüsse gefaßt, auf’s neue himmlischen Trost geschöpft, auf’s neue mit christlichem Muthe uns ausgerüstet. Den gewonnenen Eindruck uns auch zu erhalten und nicht wieder auslöschen zu lassen, dazu ist die Zeit, welche zwischen Ostern und Pfingsten in der Mitte liegt, ganz geeignet. Ruft doch in diesen Tagen nicht nur der Auferstandene uns zu: „Ich lebe und ihr sollet leben,“ sondern die ganze Schöpfung stimmt in diesen Ruf mit ein. Jeder Keim, der im Schooße der Erde sich regt, jedes Blatt, das am Zweige des Baumes grünt, jede Blüthe, die ihren süßen Duft verbreitet, jede Blume, die ihren Kelch im Strahle der Sonne entfaltet, verkündigt es in diesen Tagen, daß unser Gott nicht ein Gott der Todten, sondern ein Gott der Lebendigen ist.

Sind wir nun aber auch alle, meine theuern Freunde, zum neuen Leben in Gott hindurchgedrungen? Unsere Zeit kommt mir in dieser Beziehung ähnlich vor den Frühlingstagen, in denen wir uns gegenwärtig befinden. Der Frühling ist noch nicht recht Sieger geworden. Das Leben in der Natur kämpft noch mit dem Tode. Kaum hatte der laue Südwind die Fluren belebt, so kehrte auch alsobald der rauhe Nordsturm wieder zurück, der die Entwickelung hemmte. Kaum hatten die ersten Blüthen in zierlicher Anmuth sich geöffnet, so kam auch der giftige Frost, der einen Theil derselben tödtete. Verhält es sich nicht ganz ähnlich mit dem geistlichen Leben unserer Zeit? Kaum weht ein frischerer Lebenshauch evangelischer Frömmigkeit, so zeigt sich auch gleichzeitig der hemmende kalte Nordwind des Unglaubens und des Aberglaubens. Kaum öffnen sich neue Blüthen der Wahrheit, der Liebe und der Hoffnung, so bleibt auch der giftige Frost der Lüge, der Selbstsucht, der Gleichgültigkeit nicht aus. Der Frühling des heiligen Geistes ist noch nicht recht durchgedrungen. Es ist noch ein Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Wahrheit und Irrthum, zwischen Leben und Tod. Und in Folge dieses Kampfes herrscht denn auch große Verwirrung in den Gedanken, Empfindungen, Ueberzeugungen und Entschließungen der Menschen. Dieser Zustand ist nun allerdings nichts Neues, meine Freude. Bei allen wichtigen Wendepunkten im religiösen und sittlichen Leben der Völker stellt er sich jedesmal ein. Wir finden ihn auch zur Zeit des Herrn. Wir finden ihn namentlich im Lande der Samariter, welches der Herr nach der Erzählung unseres heutigen Textes auf seinen Wanderungen besuchte. Wie das Volk der Samariter eine seltsame Mischung von Juden und Heiden war, so war seine Religion eine seltsame Mischung von Wahrheit und Irrthum. Sie nahmen das alttestamentliche Gesetz an, verwarfen aber die Propheten. Sie hofften auf einen Messias, aber nicht auf den von Gott verheißenen Erlöser. Sie anerkannten die Nothwendigkeit des äußern Tempeldienstes – wollten aber nichts mehr von dem Tempel zu Jerusalem wissen, sondern hatten sich einen eigenen auf dem Berge Garizim gebaut. Die Samariterin in unserem heutigen Texte ist nun eine Stellvertreterin dieser zwischen Wahrheit und Irrthum schwankenden Gesinnung. Weil es ihr vornehmlich an klarer Heilserkenntniß fehlte, darum ließ auch der Herr sein Wort an sie ergehen: „O daß du erkennetest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: gib mir zu trinken.“

Meine theuern Freunde! Auch wir leben in einer ähnlichen Zeit schwerer Verwirrung im Glauben und Leben. Auch wir haben die bittern Früchte dieses Zustandes gekostet. Und noch sind die Zeiten der Heimsuchung für unser Land nicht vorüber. So eben hat uns ein neuer schwerer Schlag getroffen. So eben geht die schmerzliche Trauerkunde durch unser ganzes Land, daß unser geliebter Großherzog Leopold, nach schweren Leiden, die er mit wahrhaft christlicher Geduld ertrug, uns durch den Tod entrissen worden ist. (Anm.: Unmittelbar vor dem Abhalten dieser Predigt war dem Prediger die Trauernachricht mitgetheilt worden.) 

O, meine theuern Freunde, welches schönere Denkmal könnten wir dem geliebten hingeschiedenen Fürsten setzen, welche würdigere Huldigung könnten wir seinem erhabenen Nachfolger darbringen, als wenn wir uns und unsere ganze Zeit von dem Flugsande der Zeitverwirrung hinweg wieder erbauten auf den Grund christlicher Heilserkenntniß.

Von dem Bedürfnisse nach erneuerter christlicher Heilserkenntniß lasset mich denn in dieser Stunde zu euch reden und zwar von dem Bedürfnisse:

  1. nach erneuerter Erkenntniß der christlichen Heilswahrheit in der Schrift,
  2. des christlichen Heilstrostes in Christo,
  3. der christlichen Heilsgemeinschaft in der Kirche.

Du aber Herr unser Gott, getreuer himmlischer Vater, wollest auch in dieser Stunde nach deiner Gnade gegenwärtig sein und durch deinen heiligen Geist uns erbauen auf den alleinigen Grund, außer dem kein anderer gelegt werden kann, welcher ist Jesus Christus.

 

1.

Wenn die Samariterin in unserem heutigen Texte dem Herrn, der sich ermüdet am Jakobsbrunnen niedergelassen, den begehrten Labetrunk verweigert, so hat ihre Weigerung zunächst ihren Grund in einer mangelhaften Wahrheitserkenntniß. Wenn sie die heilige Schrift ganz und recht gekannt hätte, so würde sie sich unstreitig bei diesem Anlasse an das Wort des Propheten erinnert haben: „Brich dem Hungrigen dein Brod und die so im Elend sind, führe in’s Haus, und entzeuch dich nicht deinem Fleisch, alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröthe und die Besserung schnell wachsen.“ (Jes. 58,7) Nun sollte man allerdings voraussetzen können, daß wir die heilige Schrift besser erkannt hätten, als die Samariterin. Wir haben ja nicht nur die halbe, wir haben die ganze Schrift. Seit der theure Gottesmann Luther die heilige Schrift wieder aus der Nacht mittelalterlicher Irrthümer an’s Licht evangelischer Klarheit hervorgezogen hat, ist sie recht eigentlich das Eigenthum des deutschen Volkes geworden. In Tausenden von Exemplaren wird sie jährlich verbreitet, auf tausend Kanzeln wird sie sonntäglich ausgelegt, in tausend Schulen täglich gelehrt. Und doch, meine theuern Freunde, müssen wir das Geständniß ablegen: daß die Schrifterkenntniß in einem betrübenden, ja erschreckenden Grade in unserm Volk abgenommen hat. Ich will nicht von denen unter uns reden, welche sich um die heilige Schrift gar nicht mehr kümmern, welchen sie ein Buch geworden ist, wie irgend ein anderes Buch, welche in ihrer Rathlosigkeit noch nie bei ihr Rath, in ihrer Trostlosigkeit noch nie bei ihr Trost gesucht haben. Ich will auch nicht von denen reden, für welche die Schriftwahrheiten nur den Werth von einst dagewesenen Zeitgedanken und das Schriftwort nur den Werth eines vergänglichen Menschenwortes hat. Ich weiß es: es gibt ja noch Viele unter uns, welche die Schrift lieben, achten, ehren, ja selbst bewundern. Daß das Musterbild einer reinen Sittenlehre, daß Gemälde erhabener Tugend und abschreckender Laster, daß viele weise Sprüche und Ermahnungen in ihr niedergelegt seien, das anerkennen diese gern. Wenn sie aber nun auch die ewigen Offenbarungen des lebendigen Gottes, die erbarmungsvollen Verheißungen seines Heils die herrlichen Thaten seiner unerforschlichen Weisheit und Gnade, das geheimnißvolle Wunder der Menschwerdung des Sohnes Gottes in Christo Jesu, die Wiedergeburtskräfte des heiligen Geistes, die räthselvollen Weissagungen von dem Kommen des Herrn und seines Reiches in ihr erkennen und glauben sollten; dann können sie sich nicht entschließen, dann schütteln sie darüber verlegen die Köpfe, und weil sie dergleichen mit dem Kopfe nicht begreifen, und mit dem Herzen nicht ergreifen können: so thun sie noch immer dasselbe, was die Samariterin. Sie nehmen aus der Bibel das Gesetz, die Moral; und sie verwerfen in der Bibel das Evangelium, das Heil. Sie machen die Bibel zu einem Arzte, der zu seinem Kranken spricht: „Stehe auf, nimm dein Bett und sei gesund,“ der ihm aber keine heilskräftige Arznei gibt, aus welcher er Kraft der Gesundheit ziehen könnte. Wenn der Arzt einem Kranken immer nur zumuthet gesund zu werden, ihn aber nicht gesund macht: wird denn der arme Kranke nicht zuletzt das Vertrauen zu seinem Arzte verlieren, und in gerechtem Ueberdruße ihm endlich die Thüre weisen? Weil Viele aus der Bibel ein todtes Gesetzbuch gemacht, weil sie sich von ihr nur haben befehlen, strafen und verurtheilen lassen, darum haben sie immer mehr das Vertrauen zu ihr verloren, darum sind sie ihrer überdrüssig geworden, und haben ihr am Ende nicht nur die Herzensthüre, sondern selbst die Hausthüre gewiesen.

Ist es denn nicht so, meine theuern Freunde? Hat denn die Bibel nicht aufgehört im eigentliche Sinne das Lesebuch unseres Volkes zu sein? Ist sie noch heute für Millionen „ihres Fußes Leuchte und ein Licht auf ihrem Wege?“ (Psalm 119, 105) Wie Viele gibt es noch unter uns, die des Morgens mit ihr aufstehen und des Abends mit ihr zu Bette gehen? Wie Viele gibt es noch, die ihre Gedanken an den Heilsgedanken der Schrift wecken, beleben, nähren? Die Ihre Handlungen nach den Worten der Schrift messen und richten? Die ihren Trost auf den Grund der Schrift einfach und unerschütterlich gründen und die ihre Hoffnung auf die Verheißungen der Schrift, und auf keine anderen, bauen? Wenn wir an dem Gott der Bibel festgehalten hätten, es würde nicht gelungen sein, so viele Götzen unter uns aufzurichten. Wenn wir in dem Sittenspiegel der Bibel uns täglich besehen hätten, es würde nicht gelungen sein, zu so vielen Sünden unser Volk zu verführen. Wenn wir die Weisheit der Bibel unverrückt im Auge behalten hätten, wir hätten unmöglich zu so vielen verderblichen Thorheiten uns hinreißen lassen können. Wenn wir die Trostquellen der Bibel nicht verlassen hätten, wir würden nicht an so vielen löcherichten Brunnen, die kein Wasser geben, gedürstet haben. Wenn wir den Hohenpriester der Bibel uns nicht hätten verdunkeln lassen, wir würden jetzt nicht in Gefahr sein, von dem Hohenpriester Roms wieder geblendet zu werden. Wenn wir die Rechtfertigung allein durch den Glauben nach dem Ausspruche der Bibel zum Anker unserer Hoffnung gemacht hätten, es würden jetzt nicht wieder Manche ihre Rechtfertigung suchen bei den todten menschlichen Werken.

Meine theuern Freunde! Wir müssen darum zurück in die Tiefen der Erkenntniß der heiligen Schrift. Wir haben die Ohnmacht der Menschen kennen gelernt; wir müssen zurück in die Schrift, um die Allmacht des Gottes wieder erkennen zu lernen, der Himmel und Erde geschaffen hat, und in dessen Hand „die Seele alles dessen ist, das da lebet und der Geist alles Fleisches eines Jeglichen.“ (Hiob 12, 10) Wir haben die Thorheit der Menschen kennen gelernt; wir müssen zurück in die Schrift, um die Weisheit des Gottes wieder erkennen zu lernen, bei dem Rath und That Eins ist, und von dessen unerforschlichem Rathschlusse das Wort Zophars gegen Hiob gilt: „Meinest du, daß du so viel wissest als Gott weiß und wollest Alles so vollkommlich treffen als der Allmächtige.“ (Hiob 11, 7) Wir haben die Ungerechtigkeit der Menschen kennen gelernt; wir müssen wieder zurück in die Schrift, um die Gerechtigkeit des Gottes wieder erkennen zu lernen, der, wenn die Wagschaale des Rechts auf Erden zerbrochen wird, in seinen königlichen Händen im Himmel sie nur um so fester hält, der die Niedrigen, wenn sie ihn fürchten aus dem Staube erhebt, und die Gewaltigen, wenn sie wider ihn freveln, von ihrem Stuhle stößt. (Luc. 1, 52, Ps. 147, 6)  Wir haben die falsche Freiheit der Menschen kennen gelernt; wir müssen wieder zurück in die Schrift, um die wahre Freiheit der Kinder Gottes dort wieder erkennen zu lernen, die uns nicht frei macht von der Wahrheit, sondern durch die Wahrheit. (Joh. 8, 32) Wir haben die eingebildete Menschenwürde kennen gelernt; wir müssen zurück in die Schrift, um die wahre Würde des Menschen dort wieder kennen lernen, auf die wir uns zwar nicht etwas einzubilden haben, aber die uns umbildet und erneuert zu dem „neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Heiligkeit und Gerechtigkeit.“ (Eph. 4, 24)  Wir haben die thörichte Selbsterhebung der Menschen kennen gelernt; wir müssen wieder zurück in die Schrift, um das Ziel der wahren Erhebung zu dem Urbilde der Menschheit wieder erkennen lernen, zu dem, der uns vorangegangen ist auf der Bahn der Leiden zu ewiger Herrlichkeit, und der uns darum auch ermahnen läßt durch seinen Apostel, daß „wir trachten sollen nach dem was droben ist und nicht nach dem was auf Erden ist.“ (Col. 3, 2) Kommt doch ihr Zweifler und lernet die Wahrheit erkennen, die euch einen festen Halt gibt im Leben und einen gewissen Trost im Tode. Kommt doch ihr Verirrten, und lernet den himmlischen Wegweiser erkennen, der euch sicher führt durch die Versuchungen der Welt und an den Irrwegen des Wahnes vorbei nach der ewigen Heimath. Kommt ihr Hungernden und Dürstenden und lernet das Brod des Lebens kennen, das euren Hunger, und die Wasser des Leben, die euren Durst stillen können für immer. Kommt ihr Mühseligen und Beladenen, und lernet den Sanftmüthigen und von Herzen Demühtigen erkennen, bei dem ihr Ruhe finden könnt ihr eure Seelen, dessen Joch sanft und dessen Last leicht ist.

 

2.

 

Wenn wir aber die Heilswahrheit in der Schrift wieder erkannt haben werden: dann werden wir auch den wieder erkennen, der uns zuruft: „Suchet in der Schrift; sie ist’s, die von mir zeuget!“ (Joh 5, 39) Wenn die Samariterin in unserem Texte dem Herrn den Labetrunk verweigert: so ist hieran auch der Umstand Schuld, daß sie ihn nicht kennt und noch viel weniger erkannt hat. Denn mochte sie auch, indem sie in sein reines Antlitz schaute, indem der Blick seines heiligen Auges ihr Inneres traf, wahrnehmen, daß es nicht ein gewöhnlicher Mensch sei, der ihr gegenüberstehe: eine eigentliche Erkenntniß von dem in ihm erschienenen Heilstroste hatte sie jedenfalls damals noch nicht.

Um so mehr, werthe Freunde, sollten wir freilich ihn kennen und erkannt haben, der zu der Samariterin in unserm Texte spricht: „Gieb mir zu trinken!“ Als wir noch unmündige Kinder waren und den Namen Jesu noch nicht einmal aussprechen konnten, da wurden wir ihm ja schon dargebracht, da wurde sein Name ja segnend über uns ausgesprochen. In unsere frühesten Erinnerungen ist sein Bild eingeflochten. Wer erinnert sich nicht aus seiner Kindheit des himmlischen Kinderfreundes, der, als Mütter ihre Kinder ihm darbringen wollten, zu den unsanft abwehrenden Jüngern sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ (Marc. 10, 14) Wer erinnert sich nicht des theuern Schmerzensmannes, den wir mit schweren Wunden geschlagen am Kreuze hangen sahen, und der uns damals schon den Blick seiner Gnade zuwandte. Als wir älter geworden waren, da wurden wir ja in seinem Worte unterrichtet, auf seinen heiligen Namen verpflichtet, und durch ein feierliches Gelübde zur Treue gegen ihn verbunden. Ach, daß wir dieses Gelübde nie gebrochen haben möchten!

Ich will jetzt nicht von denen reden, die sein Bild in ihren Herzen völlig haben auslöschen lassen, die seinen Namen aus ihrer Brust ganz herausgerissen haben, die im Rausche der Weltlust und im Wirbel des Alltaglebens sein Kreuz, das sie zu tragen gelobt hatten, von sich abgeworfen und vielleicht sogar mit Füßen getreten haben. Der Herr möge sich solcher in Gnaden erbarmen, durch seinen heiligen Geist sie wieder erleuchten, und mit der Zeit in die Gemeinschaft seines Reiches wieder aufnehmen. Aber gewiß haben Viele den Herrn Jesum noch lieb, Viele achten, ehren ihn, stellen ihn hoch. Wenn sie ihn jedoch für einen bloßen Menschen halten, obgleich für einen reinen, großen, edlen Menschen, erkennen sie ihn dann recht und völlig? Wenn er nicht mehr als ein Mensch gewesen ist, so ist er auch ein Sünder gewesen, und wenn er ein Sünder gewesen ist, so kann er nicht für uns Sünder in den Tod gegangen sein, so kann er uns den Trost der Sündenvergebung auch nicht erworben haben. Das ist aber der Jammer unserer Zeit, daß Jesus Christus für so Viele, die sich Christen nennen, nicht mehr als ein edler Mensch ist. Warum giebt es der zerrissenen Herzen so viele? Weil dieselben in Christo den Versöhner noch nicht gefunden haben. Warum schmachten so Viele unter dem Joche ihrer Leidenschaften, Lüste und Begierden? Weil dieselben in Christo den Erlöser noch nicht gefunden haben. Warum wanken und schwanken so Viele auf dem Wege des Heils hin und her und straucheln immer wieder, da wo sie sich aufrecht erhalten sollten? Weil dieselben in Christo den Heiland und Seligmacher noch nichtgefunden haben. Warum suchen die Einen ihre Versöhnung in sich selbst, Andere ihre Erlösung bei Menschen und Priestern, noch Andere ihr Heil bei todten Werken und äußern Ceremonien? Weil sie in Christo den noch nicht gefunden und erkannt haben, dem Gott einen „Namen gegeben, der über alle Namen ist.“ (Phil. 2, 9)

Darum, meine theuern Freunde, müssen wir wieder zurück zu der Erkenntiß dessen, der das Heil der Welt ist. Wir habe ja die Erfahrung gemacht, daß wir uns selbst nicht versöhnen können mit Gott. Darum müssen wir den wieder erkennen, der unsere Versöhnung bei Gott geworden ist, der um unserer Sünden willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt ist, der unsere Strafe auf sich genommen hat, auf daß wir Frieden hätten, der an unserer Statt als ein heiliges Opferlamm unsere Schuld getragen hat. Wir haben erfahren müssen, daß wir uns selbst nicht erlösen können. Darum müssen wir wieder zurück zu der Erkenntniß dessen, der als der eingeborne Sohn Gottes, als der König der Wahrheit und der Fürst des Lebens die Macht der Sünde gebrochen, den Stachel des Todes abgestumpft und die Pforten der Hölle überwältigt hat. Wir haben erfahren müssen, daß wir uns selbst nicht heiligen können. Darum müssen wir wieder zurück zur Erkenntniß dessen, von dem Ströme des ewigen Lebens auf die Welt übergeflossen sind, der allen denen, die ihn darum bitten, seinen heiligen Geist schenken will, und in dessen Gemeinschaft auch uns das neue Leben, das aus Gott ist, wieder durchströmt und erfüllt. Wir haben erfahren müssen, daß wir uns selbst nicht erheben können über diese Zeit und diese Welt. Darum müssen wir wieder zurück zur Erkenntniß dessen, der in den Himmel erhöht worden ist durch die Allmacht und Herrlichkeit des Vaters, der auch die Seinen zu sich nehmen will dorthin, wo in des Vaters Hause viele Wohnungen sind, und der denjenigen, die hieniden mit ihm leiden und mit ihm streiten, einst verleihen wird mit ihm zu herrschen. Darum eilet ihr Unversöhnten und lasset euch versöhnen mit Gott durch Jesu Christum. Eilet ihr Unerlösten und lasset euch erlösen durch seine Kraft von den Banden der Sünde und Todes. Eilet ihr noch Ungeheiligten und lasset euch heiligen durch die Gabe seines heiligen Geistes. Eilet ihr Darniedergebeugten und erhebet euch auf den Ruf eures himmlischen Hauptes, und vergesset was dahinten ist, und jaget nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu (Phil. 3,13).

 

3.

 

Wenn wir aber die Heilswahrheit in der Schrift und den Heilstrost in Christo Jesu recht erkannt haben, dann wird auch die rechte Erkenntniß der Heilsgemeinschaft, der wahren Kirche Christi, nicht länger ausbleiben. Wenn nämlich die Samariterin in unserm heutigen Texte dem Herrn den Labetrunk verweigert, so ist hieran auch noch der Umstand schuld, daß sie keine rechte Erkenntniß von der Heilsgemeinschaft hat; daß sie meint, von äußeren Dingen, z.B. davon, ob man Jude oder ein Samariter sei, sei auch das Heil und die Seligkeit der Seele abhängig.

Meine theuern Freunde, wir sollten ja freilich wissen, wo die rechte Heilsgemeinschaft zu finden ist. Wir sollten wissen, daß es nur ein wahres Haupt der Kirche gibt, den zum Himmel erhöhten Heiland Jesus Christus, und nur einen wahren Leib desselben, die Gemeinde aller Gläubigen durch den heiligen Geist Wiedergebornen, und nur eine wahre Taufe, durch die wir mit dem Bade der Wiedergeburt und mit dem Feuer des heiligen Geistes besprengt werden, und nur einen wahren heiligen Geist, aus welchem die mannigfaltigen Kräfte und Gaben des christlichen Lebens entspringen und von welchem sie genährt werden. Wir sollten das wissen, meine theuern Freunde. Allein wir scheinen es gar oft in dieser Zeit vergessen zu haben.

Ich will auch nicht von denen reden, die im gegenwärtigen Augenblicke mitten im Herzen des deutschen Volks den alten Glaubenshaß wieder mit neuen Flammen anfachen, die keck, ja frech genug sind, uns, ihren evangelischen Mitchristen, die Seligkeit abzusprechen, weil wir nicht ihrer äußern Kirchengemeinschaft angehören, und die es offen und laut erklären, daß es nie Frieden geben werde im deutschen Vaterlande, bis sie alle Bewohner desselben zu ihrer äußern Gemeinschaft hinübergeführt hätten. Es sind dies verblendete Thoren oder thörichte Verblendete, welche die Aufgabe unserer Zeit nicht erkennen und von der Wahrheit des Evangeliums keinen Begriff haben.

Aber von denen muß ich ja reden, meine theuern Freunde, welche auf dem Grunde der evangelischen Kirche mit uns stehen, und auf diesem neue Trennungen anregen und häßliche Zerwürfnisse anfachen. Mit tiefem Schmerze muß ich es bekennen, daß Spannung, Spaltung, Verwirrung und Verbitterung der schlimmsten Art in diesem Augenblicke unter uns ausgesäet wird. Wir sollten gegen unsern gemeinsamen Feind fester als je zusammenhalten, aber wir sind nicht besser als die Galater, an welche der Apostel schreibt: „So ihr euch aber selbst unter einander beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht unter einander verzehret werdet“ (Gal. 5, 15). Wir sollten unsere Schwächen und Unvollkommenheiten in Geduld an einander tragen, aber wir stellen uns ungebärdig gegen einander; während doch der Apostel ausdrücklich schreibt, daß die Liebe sich nicht ungebärdig stelle (1 Cor. 13, 5). Wir sollten die Abgefallenen und Verirrten durch züchtigende Liebe auf den rechten Weg zurückbringen, aber statt dessen reizen wir sie vielmehr zum bittersten Haß. Ist das christlich, ist das evangelisch? Ich möchte beinahe meinen, wenn unser Herr Jesus Christus selbst wieder hernieder käme, wenn er in seinem schlichten Gewand am Jakobsbrunnen bei der Samariterin sich niederließe, und so freundlich wie in unserm Texte mit ihr verkehrte, oder wenn er mit Sündern und Zöllnern sich wieder zu Tische setzte und der armen verirrten Schafe sich so liebreich annähme, so würden unsere heutigen Eiferer finden, er sei nicht recht gläubig, nicht eifrig, nicht rücksichtslos, nicht schonungslos genug.

Wie ist es denn, meine theuern Freunde, nur möglich geworden, daß es wieder so weit mit uns gekommen? Wir waren ja alle so duldsam geworden, so duldsam, daß wir auch den Unglauben, ja selbst die Gottlosigkeit duldeten. Weil wir uns um den Glauben des Nächsten nichts mehr kümmerten, weil wir gegen das Bekenntniß des Nächsten gleichgültig waren, weil es uns sogar als ein Mangel an vornehmer Haltung erschienen wäre, wenn wir uns um Glauben und Bekenntniß bekümmert hätten: darum werden wir hiefür nun wieder durch unreinen Glaubenseifer gestraft. Weil wir duldsam gewesen sind, wie wir es nicht hätten sein sollen, so werden wir jetzt wieder unduldsam, wie wir es noch viel weniger wieder hätten werden sollen.

Meine theuern Freunde: das ist nur möglich gewesen, und ist jetzt nur möglich, weil wir die rechte Erkenntniß von der wahren christlichen Heilsgemeinschaft, der wahren Kirche, verloren haben. Wir müssen wieder zurück zur rechten Erkenntniß der christlichen Heilsgemeinschaft. Wir müssen wieder lernen bei unserm Herrn und Meister am Jacobsbrunnen, wo er die Samariterin in die Heilsgemeinschaft seines Reiches aufzunehmen bemüht ist. Aufs neue sagen sie wieder in unsrer Zeit, das ewige Heil hange von äußeren Bedingungen ab; nur wenn man sich ihrer kirchlichen Gemeinschaft anschließe, ihrem Kirchenbekenntnisse und ihren Kirchengesetzen unterwerfe: so werde man heil und selig. Legt denn der Herr in unserm Texte der Samariterin irgend eine solche äußere Bedingung vor? Verlangt er von ihr, daß sie ihre Volksgemeinschaft verlasse und sich bestimmten Lehrartikeln und Kirchenordnungen unterwerfe? Mit Nichten.  Er verlangt nicht mehr, als daß sie die theure Gabe Gottes, und ihn, den himmlischen Geber, erkenne. Gläubige Erkenntniß und nicht äußern Gehorsam verlangt er von ihr. Und das ist’s, was er auch von uns verlangt. Daß wir auf den Grund seines untrüglichen Wortes im Glauben an das von ihm mitgetheilte Heil zusammentreten, daß wir uns besonders in unserm deutschen Vaterlande von allen Seiten in der Erkenntniß Christi die Hände reichen, daß die Zerrissenheit in christlichem Bekenntniß und kirchlichem Leben ein Ende unter uns nehme: das ist eine der ersten und dringendsten Anforderungen, welche nach unserm Texte der Herr selbst an uns stellt in unserer Zeit. Wir müssen aufs neue uns überzeugen, daß der Glaube kein Gesetz ist. Wir müssen aufs neue erkennen, daß die wahre Heilsgemeinschaft in der Kirche keine Gesetzesgemeinschaft, sondern eine Glaubensgemeinschaft ist, daß die Kirche Christi nicht von Menschen, sondern von dem heiligen Geiste regiert wird, daß das Reich Gottes nicht mit äußern Gebärden kommt, sondern daß es Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geiste ist, und daß nicht alle diejenigen zur wahren Kirche Christi gehören, welche sich Christen nennen, sondern nur diejenigen, welche den Geist Christi wirklich haben.

Dagegen behaupten nun Solche, auf welche das Wort des Apostels Anwendung findet: „Ich gebe ihnen das Zeugniß, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand“ (Röm. 10, 2), das Heil sei vornehmlich davon abhängig, daß man die reine Lehre inne habe, wer die reine und vollkommene Lehre nicht habe, der müsse von der Glaubensgemeinschaft ausgeschieden, und namentlich auch von der Gemeinschaft am Tische des Herrn ausgeschlossen werden. Meine theuern Freunde, versäumen wir es nicht, auch in Beziehung auf diesen Punkt den Rath unsers Herrn und Meisters am Jacobsbrunnen einzuholen und seinem Vorbilde zu folgen. Hat er denn zu der Samariterin gesagt: „Die Gabe Gottes und den Geber erkennen, heißt so viel als ein vollkommenes reines Wissen in allen Lehrpunkten und Lehrstreitigkeiten über mich und meine Person erlangen?“ Mit Nichten! Wie hätte er auch das einer armen Frau zumuthen können. Die Gabe Gottes erkennen, heißt nach den Worten des Herrn vielmehr, sich überzeugen, daß wir Wasser des ewigen Lebens, lebendiges Wasser nöthig haben, und erfüllt von dieser Ueberzeugung, um solches lebendiges Wasser bitten. Wenn wir um lebendiges Himmelswasser den Herrn in aufrichtigen Herzen täglich bäten, dann würden wir auch gewißt nicht so viel streiten. Das Gebet gibt einen demüthigen und sanftmüthigen Geist, einen stillen und zufriedenen Sinn; es ist wie ein kühlender Balsam auf die Gluth-Hitze eines heftigen streitsüchtigen Gemüths. O, daß wir immer mehr und immer herzlicher beten lernen möchten, daß ein lebendiger Gebetsgeist ausgegossen würde vom Himmel über unsere evangelische Kirche. Wir bedürfen wahrhaftig lebendigen Wassers, das heißt: der lebendigen Gaben des heiligen Geistes. Wir bedürfen der Gabe der Demuth, weil der geistliche Hochmuth nur spaltet und trennt; der Gabe der Liebe, weil die Lieblosigkeit und Gehässigkeit uns um allen göttlichen Segen bringt; der Gabe der Treue, weil jetzt so viel Versuchungen an uns kommen, zu wanken und abzufallen zur Rechten oder Linken in den Aufregungen der Zeit; der Gabe der Geduld, weil es so nahe liegt zur Ungeduld sich fortreißen zu lassen gegen den Widersacher; der Gabe der Hoffnung, weil wir befürchten müssen in innerer Bedrängniß und äußerem Kampfe doch noch zu Schanden zu werden. Wir haben es ja schon vor Jahrhunderten erfahren können in der evangelischen Kirche, daß aus der sogenannten „reinen Lehre“ diese Gaben nicht fließen. Wir müssen es auf’s neue erkennen, daß die wahre christliche Heilsgemeinschaft nicht eine bloße Lehrgemeinschaft, sondern eine Lebensgemeinschaft in Christo ist, daß sie nicht in Worten, sondern in Kraft steht, daß sie nicht einen knechtischen, gesetzlichen, sondern einen kindlichen, frommen Sinn erzeugt, daß nicht diejenigen zu ihr gehören, welche Herr! Herr! sagen, sondern diejenigen, welche den Willen thun des Vaters im Himmel (Matth. 7, 21).

O, meine theuern Freunde! der Weinberg des Reiches Gottes steht da wie am Ende der Winterzeit. Seine Blätter sind noch nicht aufgegangen, seine Blüthen noch nicht entwickelt, noch viel weniger seine Frucht gereift. Er wartet und harret des Aufgangs aus der Höhe. Daß der Thau des göttlichen Wortes ihn befeuchte, der warme Hauch der himmlischen Liebe ihn belebe, die Sonne der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Gnade, welche ist Jesus Christus, ihn bestrahle: darauf harret und wartet er. Und wen es auch manchmal scheinen will, als ob der Her noch verborgen wäre, wenn wir auch manchmal seufzen müssen, der Tag hat sich geneigt, es will Abend, statt Morgen werden, wir wollen nicht vergessen, daß wir ein Licht haben, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis daß der Tag wirklich anbricht und der Morgenstern aufgeht in unsern Herzen (2 Petr. 1, 19), und nachdem wir einmal die Gabe Gottes, und Den, welchen Gott gesandt hat, erkannt haben, wollen wir nicht aufhören mit dem frommen Sänger zu beten:

Ach! was hemmet deinen Lauf

Holde Sonne, geh’ nur auf!

Ach, ich rufe tausendmal:

Komm’ und gieb uns deinen Strahl!

 

Komm’, erwärme was noch kalt,

Komm’, verjünge was noch alt,

Komm’, durchdringe unser Herz,

Komm’ und zeuch’ uns himmelwärts!

Amen.

 

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Daniel Schenkel: Predigt zur Stärkung des protestantischen Geistes

 

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Letzte Änderung: 30.05.2017
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