Bei Mendelssohn geht es immer um deutsche Geschichte
Pressemitteilung Nr. 6/2009
3. Februar 2009
3. Februar 2009
Der Komponist, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, wird nie allein als Musiker betrachtet – Ein Gespräch mit dem Heidelberger Universitätsmusikdirektor und Dirigenten Heinz Rüdiger Drengemann, der heute Abend in der Neuen Aula die Aufführung des Oratoriums "Elias" leitet – Es singt das Collegium Musicum
Felix Mendelssohn Bartholdy wurde heute vor 200 Jahren geboren. Heute Abend findet in der Neuen Aula der Heidelberger Universität eine Aufführung seines biblischen Oratoriums "Elias" statt. Es singt der Chor des Heidelberger Collegium Musicum, es spielt die Kammerphilharmonie Mannheim unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor Heinz-Rüdiger Drengemann. Wir sprachen mit dem Dirigenten über Mendelssohn und den offenbar immer noch problematischen Umgang mit dem deutsch-jüdischen Komponisten protestantischen Glaubens.
Man kennt von Felix Mendelssohn Bartholdy den "Sommernachtstraum", den "Elias", das Oktett - doch vieles ist unbekannt: das Orgelwerk, einige Jugendwerke, auch viel Zukunftsweisendes. Muss Mendelssohn zum 200. Geburtstag in seinem ganzen Umfang neu entdeckt werden?
Nehmen Sie die recht bekannte Konzertouvertüre "Meeresstille und Glückliche Fahrt": Während der zweite Teil sofort mit Mendelssohn verbunden wird, ist der langsame Beginn doch seltsam fremd. Er weist weit in die Zukunft. Das gibt es oft bei Mendelssohn, dass sich im konventionellen Rahmen etwas ganz anderes findet. Das verstört. Es ist so, dass Mendelssohn heute gefasst werden muss als jemand, der in vielen Richtungen Anstöße in die Zukunft gegeben hat.
Ihm wurde vorgeworfen, wenig Innovationen in die Musik gebracht zu haben. Er sei letztlich von Wagner oder Berlioz etwa weit überholt worden.
Da muss man natürlich sehen, dass Mendelssohn jung gestorben ist. Das scheint banal, aber er ist nur 38 Jahre alt geworden. In dieser Zeit hat er in der Instrumentalmusik Dinge angestoßen, die dann von Berlioz und Wagner, aber auch von Verdi, benutzt wurden. Ich denke etwa an die "Walpurgisnacht", deren klangliche Ergebnisse bei Berlioz zu verfolgen sind oder im "Dies Irae" von Verdis Requiem. Mendelssohn ist am klassischen Orchester Beethovens ausgebildet worden, das darf man nicht und kannte dessen Werke gut. Als 12-Jähriger hat er bei Goethe Beethovens Fünfte auf dem Klavier gespielt.
Goethe hielt ja nicht viel von Beethoven, aber das hat ihn doch beeindruckt. Mendelssohn hatte bei Goethe einen Stein im Brett. Er hat ihn auch ohne Umschweife mit dem jungen Mozart verglichen und sagte – sehr bemerkenswert –, das sei ein Unterschied wie zwischen einem erwachsenen Menschen (Mendelssohn) und einem "lallenden Kind" (Mozart). Ich persönlich denke auch, dass der junge Mendelssohn weiter war als der junge Salzburger.
Das ist sicher durch den Familienkontext bedingt und gefördert worden. Er hatte ja beste Bedingungen.
Felix' Großvater war der Philosoph Moses Mendelssohn, der Vater erfolgreicher Bankier, die Familie wohlhabend. Die Großtante war Schülerin von Carl Philipp Emanuel und Gönnerin von Friedemann Bach, die Mutter hatte Unterricht bei dem Bach-Schüler Kirnberger. Er selbst erhielt Unterricht von Carl Zelter. Das waren gute Rahmenbedingungen für einen Begabten. Mendelssohn ohne familiären Kontext ist gar nicht vorstellbar.
Es gibt zwei umfangreiche Biografien über ihn, geschrieben von US-Amerikanern: Eric Werner und Larry Todds. Letztere ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Deutschsprachige Originalliteratur ist dagegen meist recht dünn und eher skizzenhaft. Was hemmt die Deutschen? Ist es immer noch Wagners Pamphlet "Über das Judentum in der Musik" (1850), das im Wege steht?
Es geht bei Mendelssohn nie nur um einen Musiker wie bei Bach, Beethoven oder Brahms. Es geht immer auch um deutsche Geschichte, das Verhältnis zu den Juden in Deutschland, letztlich um das ganze Drama der letzten drei Jahrhunderte, das sich fast symbolisch in der Geschichte der Mendelssohns zusammenfassen lässt. Das erklärt, warum man sich diesem Komponisten kaum unbefangen nähert. Bei jeder Kritik, die man bei Mendelssohn ansetzen mag, hat man eine gewisse Schere im Kopf, die einen zögern lässt, sich der Gefahr auszusetzen, in bestimmte Verbindungen gebracht zu werden. Eben auch zu Wagners Pamphlet, das er erst unter Pseudonym, später auch unter seinem Namen veröffentlich hat und wo Mendelssohn - ohne genannt zu werden und stellvertretend für alle Juden - so unsäglich und inhaltlich abstrus angegriffen worden ist. Noch ein Zweites kommt hinzu: Nachdem man sich mit Fanny, seiner älteren Schwester, beschäftigte, haben sich einige Leute dazu verstiegen, zu sagen, dass sie eigentlich die Begabtere gewesen sei und dass der Bruder bei ihr abgekupfert habe und so weiter. Das ist genauso unhaltbar. Aber hineingezogen zu werden in diese feministische Argumentation ist für jeden, der sich damit auseinandersetzt, eine weitere Schere im Kopf, die einen hindert, über Mendelssohn objektiv zu schreiben.
Jetzt gibt es die erste kritische Ausgabe seiner Briefe. Im ersten Band sind 317 von ca. 5000 Briefen. Die meisten kannte man bisher gar nicht.
Das hängt daran, dass die Familie Mendelssohn immer noch existiert. Die Nachkommen hüten bis heute die Originale.
Die Gesamtausgabe aller Noten und Schriften, 1959 in Angriff genommen und seit 1992 in Leipzig herausgegeben, hat bisher nur die Musik neu ediert.
Es ist bis heute nicht möglich, an alle Quellen heranzukommen – mehr als 160 Jahre nach seinem Tod! Es wäre z. B. interessant, zu beobachten, wie Mendelssohn gearbeitet hat, wie er seine Einfälle der klassischen Form angepasst hat und Ähnliches, also seine Skizzen einzusehen. Darüber gibt es fast nichts.
Mendelssohns Wiederaufführung der "Matthäuspassion" von Bach im Jahre 1829 ist ein Markstein mit den allergrößten Folgen, den jeder kennt. Was wissen wir sonst über den Musiker und Dirigenten Mendelssohn?
Mendelsohn hatte ein öffentliche Funktion als Generalmusikdirektor in Berlin, auch durch die spätere Gründung des Konservatoriums und seine Stellung am Gewandhaus in Leipzig. Er hat Werke anderer Komponisten dirigiert oder am Klavier öffentlich gespielt - das haben andere nie getan. Er hat sogar Wagner dirigiert! Sich schon als 20-Jähriger mit der "Matthäuspassion" so ins Zeug zu legen, das erstaunt bis heute. Dieses Werk wäre allerdings nicht aufgeführt worden, hätte Zelter nicht die Vorarbeit geleistet, indem er Bach in Berlin immer wieder hat singen lassen. Doch Mendelssohns Aufführung war eine Initialzündung.
Schwester Fanny soll den ersten Teil des "Wohltemperierten Klaviers" auswendig gespielt haben.
Mit 12 Jahren! Da war vieles familiär angelegt. Die Familie besaß auch eine Originalhandschrift der "Matthäuspassion".
Worin hat sich Mendelssohn als Dirigent sonst noch unterschieden?
Darin, dass er dirigieren konnte! Anders als etwa Robert Schumann. An der Metronomisierung seiner eigenen Werke sieht man allerdings, dass er kein Freund des Langsamen und Breiten gewesen ist.
Warum hat er nach gescheiterten Jugendversuchen nie wieder eine Oper geschrieben?
Im "Elias" entdecke ich oft geniale Verknüpfungen, Verbindungen, Fähigkeiten und denke: was wäre da im Bereich der Oper alles möglich gewesen? Er hatte keinen guten Librettisten, das kennt man auch von Schubert oder Brahms. Aber wieso hat Mendelssohn, so sprachbegabt wie er war, nicht wie Wagner seine Texte selbst geschrieben? Man weiß es nicht. Vielleicht hat Wagner latent gespürt, dass in Mendelssohn ein riesiges Potenzial steckte und das war möglicherweise ein Grund dafür, dass er sich - obwohl Mendelssohn schon tot war – angefasst fühlte, ihn so zu diskriminieren.
Rückfragen von Journalisten bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
Tel. 06221 542310, Fax 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Man kennt von Felix Mendelssohn Bartholdy den "Sommernachtstraum", den "Elias", das Oktett - doch vieles ist unbekannt: das Orgelwerk, einige Jugendwerke, auch viel Zukunftsweisendes. Muss Mendelssohn zum 200. Geburtstag in seinem ganzen Umfang neu entdeckt werden?
Nehmen Sie die recht bekannte Konzertouvertüre "Meeresstille und Glückliche Fahrt": Während der zweite Teil sofort mit Mendelssohn verbunden wird, ist der langsame Beginn doch seltsam fremd. Er weist weit in die Zukunft. Das gibt es oft bei Mendelssohn, dass sich im konventionellen Rahmen etwas ganz anderes findet. Das verstört. Es ist so, dass Mendelssohn heute gefasst werden muss als jemand, der in vielen Richtungen Anstöße in die Zukunft gegeben hat.
Ihm wurde vorgeworfen, wenig Innovationen in die Musik gebracht zu haben. Er sei letztlich von Wagner oder Berlioz etwa weit überholt worden.
Da muss man natürlich sehen, dass Mendelssohn jung gestorben ist. Das scheint banal, aber er ist nur 38 Jahre alt geworden. In dieser Zeit hat er in der Instrumentalmusik Dinge angestoßen, die dann von Berlioz und Wagner, aber auch von Verdi, benutzt wurden. Ich denke etwa an die "Walpurgisnacht", deren klangliche Ergebnisse bei Berlioz zu verfolgen sind oder im "Dies Irae" von Verdis Requiem. Mendelssohn ist am klassischen Orchester Beethovens ausgebildet worden, das darf man nicht und kannte dessen Werke gut. Als 12-Jähriger hat er bei Goethe Beethovens Fünfte auf dem Klavier gespielt.
Goethe hielt ja nicht viel von Beethoven, aber das hat ihn doch beeindruckt. Mendelssohn hatte bei Goethe einen Stein im Brett. Er hat ihn auch ohne Umschweife mit dem jungen Mozart verglichen und sagte – sehr bemerkenswert –, das sei ein Unterschied wie zwischen einem erwachsenen Menschen (Mendelssohn) und einem "lallenden Kind" (Mozart). Ich persönlich denke auch, dass der junge Mendelssohn weiter war als der junge Salzburger.
Das ist sicher durch den Familienkontext bedingt und gefördert worden. Er hatte ja beste Bedingungen.
Felix' Großvater war der Philosoph Moses Mendelssohn, der Vater erfolgreicher Bankier, die Familie wohlhabend. Die Großtante war Schülerin von Carl Philipp Emanuel und Gönnerin von Friedemann Bach, die Mutter hatte Unterricht bei dem Bach-Schüler Kirnberger. Er selbst erhielt Unterricht von Carl Zelter. Das waren gute Rahmenbedingungen für einen Begabten. Mendelssohn ohne familiären Kontext ist gar nicht vorstellbar.
Es gibt zwei umfangreiche Biografien über ihn, geschrieben von US-Amerikanern: Eric Werner und Larry Todds. Letztere ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Deutschsprachige Originalliteratur ist dagegen meist recht dünn und eher skizzenhaft. Was hemmt die Deutschen? Ist es immer noch Wagners Pamphlet "Über das Judentum in der Musik" (1850), das im Wege steht?
Es geht bei Mendelssohn nie nur um einen Musiker wie bei Bach, Beethoven oder Brahms. Es geht immer auch um deutsche Geschichte, das Verhältnis zu den Juden in Deutschland, letztlich um das ganze Drama der letzten drei Jahrhunderte, das sich fast symbolisch in der Geschichte der Mendelssohns zusammenfassen lässt. Das erklärt, warum man sich diesem Komponisten kaum unbefangen nähert. Bei jeder Kritik, die man bei Mendelssohn ansetzen mag, hat man eine gewisse Schere im Kopf, die einen zögern lässt, sich der Gefahr auszusetzen, in bestimmte Verbindungen gebracht zu werden. Eben auch zu Wagners Pamphlet, das er erst unter Pseudonym, später auch unter seinem Namen veröffentlich hat und wo Mendelssohn - ohne genannt zu werden und stellvertretend für alle Juden - so unsäglich und inhaltlich abstrus angegriffen worden ist. Noch ein Zweites kommt hinzu: Nachdem man sich mit Fanny, seiner älteren Schwester, beschäftigte, haben sich einige Leute dazu verstiegen, zu sagen, dass sie eigentlich die Begabtere gewesen sei und dass der Bruder bei ihr abgekupfert habe und so weiter. Das ist genauso unhaltbar. Aber hineingezogen zu werden in diese feministische Argumentation ist für jeden, der sich damit auseinandersetzt, eine weitere Schere im Kopf, die einen hindert, über Mendelssohn objektiv zu schreiben.
Jetzt gibt es die erste kritische Ausgabe seiner Briefe. Im ersten Band sind 317 von ca. 5000 Briefen. Die meisten kannte man bisher gar nicht.
Das hängt daran, dass die Familie Mendelssohn immer noch existiert. Die Nachkommen hüten bis heute die Originale.
Die Gesamtausgabe aller Noten und Schriften, 1959 in Angriff genommen und seit 1992 in Leipzig herausgegeben, hat bisher nur die Musik neu ediert.
Es ist bis heute nicht möglich, an alle Quellen heranzukommen – mehr als 160 Jahre nach seinem Tod! Es wäre z. B. interessant, zu beobachten, wie Mendelssohn gearbeitet hat, wie er seine Einfälle der klassischen Form angepasst hat und Ähnliches, also seine Skizzen einzusehen. Darüber gibt es fast nichts.
Mendelssohns Wiederaufführung der "Matthäuspassion" von Bach im Jahre 1829 ist ein Markstein mit den allergrößten Folgen, den jeder kennt. Was wissen wir sonst über den Musiker und Dirigenten Mendelssohn?
Mendelsohn hatte ein öffentliche Funktion als Generalmusikdirektor in Berlin, auch durch die spätere Gründung des Konservatoriums und seine Stellung am Gewandhaus in Leipzig. Er hat Werke anderer Komponisten dirigiert oder am Klavier öffentlich gespielt - das haben andere nie getan. Er hat sogar Wagner dirigiert! Sich schon als 20-Jähriger mit der "Matthäuspassion" so ins Zeug zu legen, das erstaunt bis heute. Dieses Werk wäre allerdings nicht aufgeführt worden, hätte Zelter nicht die Vorarbeit geleistet, indem er Bach in Berlin immer wieder hat singen lassen. Doch Mendelssohns Aufführung war eine Initialzündung.
Schwester Fanny soll den ersten Teil des "Wohltemperierten Klaviers" auswendig gespielt haben.
Mit 12 Jahren! Da war vieles familiär angelegt. Die Familie besaß auch eine Originalhandschrift der "Matthäuspassion".
Worin hat sich Mendelssohn als Dirigent sonst noch unterschieden?
Darin, dass er dirigieren konnte! Anders als etwa Robert Schumann. An der Metronomisierung seiner eigenen Werke sieht man allerdings, dass er kein Freund des Langsamen und Breiten gewesen ist.
Warum hat er nach gescheiterten Jugendversuchen nie wieder eine Oper geschrieben?
Im "Elias" entdecke ich oft geniale Verknüpfungen, Verbindungen, Fähigkeiten und denke: was wäre da im Bereich der Oper alles möglich gewesen? Er hatte keinen guten Librettisten, das kennt man auch von Schubert oder Brahms. Aber wieso hat Mendelssohn, so sprachbegabt wie er war, nicht wie Wagner seine Texte selbst geschrieben? Man weiß es nicht. Vielleicht hat Wagner latent gespürt, dass in Mendelssohn ein riesiges Potenzial steckte und das war möglicherweise ein Grund dafür, dass er sich - obwohl Mendelssohn schon tot war – angefasst fühlte, ihn so zu diskriminieren.
Matthias Roth
© Rhein-Neckar-Zeitung
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Info: "Elias" heute in der Aula der Neuen Universität, Grabengasse 3, Beginn 20.00 Uhr.
Rückfragen von Journalisten bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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Irene Thewalt
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