Ein Jubiläum besonderer Art
9.
Januar
2009
Orthopädischer Universitätsklinik Heidelberg gelang die 20. erfolgreiche Amputationsvermeidung
Über ein ungewöhnliches Jubiläum freut man sich derzeit in der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg: Zum 20. Mal innerhalb eines Jahres wurde im Klinikbereich Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten die Amputation eines Fußes vermieden. Dabei handelt es sich um Patienten, die von mindestens einer anderen Klinik mit Indikationen wie "Sanierung des Entzündungsfokus nur durch Amputation möglich" an die Heidelberger Orthopädie überwiesen wurden. Dort aber hat sich, was die überweisenden Kollegen nicht wussten und was bis dato auch von der Öffentlichkeit und selbst weiten Teilen der Fachmedizin wenig wahrgenommen wurde, in den letzten Jahren unter dem Leitenden Oberarzt Dr. Wolfram Wenz ein Schwerpunkt der rekonstruktiven Fußchirurgie mit erstaunlichen Ergebnissen entwickelt. Mittlerweile ist man in der Lage, nicht nur schwere Gangstörungen zu beheben sondern sogar bislang nicht zu umgehen geglaubte Amputationen zu vermeiden.
Dabei haben Dr. Wenz zufolge die Kollegen, die Patienten zur Amputation einwiesen, keineswegs leichtfertig oder aus Bequemlichkeit gehandelt. Ganz im Gegenteil seien die Füße vieler Patienten bereits mehrfach voroperiert worden, viermal, siebenmal und in einem Fall sogar 30 Mal – allerdings erfolglos. Erst als den behandelnden Ärzten alle Versuche zur Rettung des Fußes ergebnislos erschienen, wurden diese Patienten der Heidelberger Orthopädischen Universitätsklinik zur Amputation zugewiesen.
Bis zu 500 Fußpatienten pro Jahr
Sie landeten hier im Fachbereich von Dr. Wenz, der Abteilung, die weltweit die höchste Operationsfrequenz bei Fußdeformitäten, vom Säugling bis zum Greis, hat – und damit genügend Gelegenheit, entsprechend Erfahrung zu sammeln. Bis zu 500 Fußpatienten werden dort jährlich chirurgisch behandelt. Die Ursachen der Fußdeformitäten gründen auf den verschiedensten Ursachen: Schlaganfälle, Polio, Schädel-Hirn-Verletzungen, Diabetes, angeborene Klumpfüße (siehe auch unter Internetportal www.klumpfusskinder.de), Neuropathien, chronische Entzündungen der Knochen u. ä. m.
Dr. Wenz und sein Team haben eine Operationstechnik entwickelt, die sich als so erfolgreich herausstellte, dass das Team noch kein Bein, das es retten wollte, letztlich doch amputieren musste. Dabei handelt es sich um eine Art innerlicher Amputation: Der Fuß wird praktisch entkernt, d. h., alle Knochen werden entfernt, so dass nur noch die Hülle, also Fleisch, Haut, Nerven und Blutgefäße übrig bleiben. Aus körpereigenem Material – bewährt hat sich hier die Verwendung von Beckenknochen im Volumen etwa eines halben Beckens – werden dann die Fußknochen rekonstruiert und mit bis zu vier Platten und rund 50 Schrauben am Unterschenkel fixiert, um den Fuß zu stabilisieren. Dr. Wenz: "Dafür gibt es keine fertigen Implantate, wir müssen sie selber, den individuellen Maßen des Patienten angepasst, hinbiegen." Ebenfalls verwendet werden Knochenersatzmaterialien, Drähte und Befestigungshilfen aus Titan. Ein Röntgenbild erinnert dementsprechend stark an eine mit einem Technik-Metallbaukasten gebastelte Konstruktion. Nach durchschnittlich etwa einem dreiviertel Jahr können die Patienten dann wieder, teils unterstützt von orthopädischem Schuhwerk, laufen.
Für jeden Patienten die optimale Lösung finden
Erstaunlich, denn viele Patienten kommen mit derart verkrümmten Füssen in die Klinik, dass sie nicht einmal mehr stehen können. "Dann muss ich erst einmal die Sehnen, die den Fuß krumm machen, wieder zu Freunden des Fußes machen", scherzt Dr. Wenz, macht aber gleichzeitig allen Patienten, mögen sie ihre Situation noch so hoffnungslos sehen, Mut: "Man darf auch nach mehrfachen erfolglosen Voroperationen noch Hoffnung haben. Es gibt für jeden Patienten die optimale Lösung. Diese zu finden, ist unser Auftrag."
Derzeit werden in Deutschland jährlich ca. 62.000 Amputationen gezählt; davon sind 25.000 Fußamputationen, täglich also etwa 68. "Das ist im Vergleich zu anderen Ländern eine erschreckend hohe Zahl", konstatiert Dr. Wenz, zumal bei den Fußamputationen lediglich vier Prozent auf Verletzungen und weitere vier Prozent auf Tumoren basieren. Sinnvoll und hilfreich wäre seiner Meinung nach die Etablierung eines internationalen Zentrums für Deformitätenrekonstruktion, um alle Erkenntnis zu bündeln und die gesammelten Erfahrungen im Sinne eines universitären Mediums gezielt weitergeben zu können. Heidelberg mit seiner Vorreiterrolle bei der Amputationsvermeidung wäre dafür ein geeigneter Standort.
Dr. Wenz selbst hat alleine im vergangenen Jahr 21 Vorträge in acht Ländern über die Arbeit der Orthopädischen Universitätsklinik auf dem Gebiet der Fußdeformitäten gehalten.
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg
Für besondere Problemfälle (z. B. mit diabetischem Fuß oder Durchblutungsstörungen) wurde in Heidelberg eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit Spezialisten aus den Bereichen Endokrinologie, Gefäßchirurgie, plastischer Chirurgie und technischer Orthopädie gegründet.
Zumindest bei der wichtigen Kostenfrage dürfte diese Gruppe dabei die Krankenkassen auf ihrer Seite haben. Eine Fußoperation à la Wenz ist nicht unüberschaubar teuer. Sie bewegt sich zwischen 3.500 und 12.000 Euro. Eine Oberschenkelprothese hingegen schlägt mit 6.000 bis 30.000 Euro zu Buche, zusätzlich Betriebskosten für die Wartung in Höhe von bis zu 3.000 Euro. Nach einer Fußoperation hingegen entstehen nur noch die Kosten für einen maßgeschneiderten Schuh, und die liegen bei ca. 1.500 Euro.
Auf der Haben-Seite steht bei der fußerhaltenden Operation, dass der Patient sich wieder als vollwertiges, integriertes Mitglied unserer Gesellschaft fühlen kann. Dr. Wenz: "Wenn ein Patient mir nach erfolgter Behandlung schreibt: `Danke für ein neues Leben`, so drückt das mehr aus als alle wissenschaftlich bewunderten Bewegungskurven am Computer."
Ansprechpartner:
Leitender Oberarzt Dr. Wolfram Wenz
Leiter des Bereichs Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Schlierbacher Landstraße 200a, 69118 Heidelberg
Tel.: 0 62 21/96-5 oder 969215, Fax: 0 62 21/ 966119
E-Mail: Wolfram.Wenz@ok.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Dabei haben Dr. Wenz zufolge die Kollegen, die Patienten zur Amputation einwiesen, keineswegs leichtfertig oder aus Bequemlichkeit gehandelt. Ganz im Gegenteil seien die Füße vieler Patienten bereits mehrfach voroperiert worden, viermal, siebenmal und in einem Fall sogar 30 Mal – allerdings erfolglos. Erst als den behandelnden Ärzten alle Versuche zur Rettung des Fußes ergebnislos erschienen, wurden diese Patienten der Heidelberger Orthopädischen Universitätsklinik zur Amputation zugewiesen.
Bis zu 500 Fußpatienten pro Jahr
Sie landeten hier im Fachbereich von Dr. Wenz, der Abteilung, die weltweit die höchste Operationsfrequenz bei Fußdeformitäten, vom Säugling bis zum Greis, hat – und damit genügend Gelegenheit, entsprechend Erfahrung zu sammeln. Bis zu 500 Fußpatienten werden dort jährlich chirurgisch behandelt. Die Ursachen der Fußdeformitäten gründen auf den verschiedensten Ursachen: Schlaganfälle, Polio, Schädel-Hirn-Verletzungen, Diabetes, angeborene Klumpfüße (siehe auch unter Internetportal www.klumpfusskinder.de), Neuropathien, chronische Entzündungen der Knochen u. ä. m.
Dr. Wenz und sein Team haben eine Operationstechnik entwickelt, die sich als so erfolgreich herausstellte, dass das Team noch kein Bein, das es retten wollte, letztlich doch amputieren musste. Dabei handelt es sich um eine Art innerlicher Amputation: Der Fuß wird praktisch entkernt, d. h., alle Knochen werden entfernt, so dass nur noch die Hülle, also Fleisch, Haut, Nerven und Blutgefäße übrig bleiben. Aus körpereigenem Material – bewährt hat sich hier die Verwendung von Beckenknochen im Volumen etwa eines halben Beckens – werden dann die Fußknochen rekonstruiert und mit bis zu vier Platten und rund 50 Schrauben am Unterschenkel fixiert, um den Fuß zu stabilisieren. Dr. Wenz: "Dafür gibt es keine fertigen Implantate, wir müssen sie selber, den individuellen Maßen des Patienten angepasst, hinbiegen." Ebenfalls verwendet werden Knochenersatzmaterialien, Drähte und Befestigungshilfen aus Titan. Ein Röntgenbild erinnert dementsprechend stark an eine mit einem Technik-Metallbaukasten gebastelte Konstruktion. Nach durchschnittlich etwa einem dreiviertel Jahr können die Patienten dann wieder, teils unterstützt von orthopädischem Schuhwerk, laufen.
Für jeden Patienten die optimale Lösung finden
Erstaunlich, denn viele Patienten kommen mit derart verkrümmten Füssen in die Klinik, dass sie nicht einmal mehr stehen können. "Dann muss ich erst einmal die Sehnen, die den Fuß krumm machen, wieder zu Freunden des Fußes machen", scherzt Dr. Wenz, macht aber gleichzeitig allen Patienten, mögen sie ihre Situation noch so hoffnungslos sehen, Mut: "Man darf auch nach mehrfachen erfolglosen Voroperationen noch Hoffnung haben. Es gibt für jeden Patienten die optimale Lösung. Diese zu finden, ist unser Auftrag."
Derzeit werden in Deutschland jährlich ca. 62.000 Amputationen gezählt; davon sind 25.000 Fußamputationen, täglich also etwa 68. "Das ist im Vergleich zu anderen Ländern eine erschreckend hohe Zahl", konstatiert Dr. Wenz, zumal bei den Fußamputationen lediglich vier Prozent auf Verletzungen und weitere vier Prozent auf Tumoren basieren. Sinnvoll und hilfreich wäre seiner Meinung nach die Etablierung eines internationalen Zentrums für Deformitätenrekonstruktion, um alle Erkenntnis zu bündeln und die gesammelten Erfahrungen im Sinne eines universitären Mediums gezielt weitergeben zu können. Heidelberg mit seiner Vorreiterrolle bei der Amputationsvermeidung wäre dafür ein geeigneter Standort.
Dr. Wenz selbst hat alleine im vergangenen Jahr 21 Vorträge in acht Ländern über die Arbeit der Orthopädischen Universitätsklinik auf dem Gebiet der Fußdeformitäten gehalten.
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg
Für besondere Problemfälle (z. B. mit diabetischem Fuß oder Durchblutungsstörungen) wurde in Heidelberg eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit Spezialisten aus den Bereichen Endokrinologie, Gefäßchirurgie, plastischer Chirurgie und technischer Orthopädie gegründet.
Zumindest bei der wichtigen Kostenfrage dürfte diese Gruppe dabei die Krankenkassen auf ihrer Seite haben. Eine Fußoperation à la Wenz ist nicht unüberschaubar teuer. Sie bewegt sich zwischen 3.500 und 12.000 Euro. Eine Oberschenkelprothese hingegen schlägt mit 6.000 bis 30.000 Euro zu Buche, zusätzlich Betriebskosten für die Wartung in Höhe von bis zu 3.000 Euro. Nach einer Fußoperation hingegen entstehen nur noch die Kosten für einen maßgeschneiderten Schuh, und die liegen bei ca. 1.500 Euro.
Auf der Haben-Seite steht bei der fußerhaltenden Operation, dass der Patient sich wieder als vollwertiges, integriertes Mitglied unserer Gesellschaft fühlen kann. Dr. Wenz: "Wenn ein Patient mir nach erfolgter Behandlung schreibt: `Danke für ein neues Leben`, so drückt das mehr aus als alle wissenschaftlich bewunderten Bewegungskurven am Computer."
Ansprechpartner:
Leitender Oberarzt Dr. Wolfram Wenz
Leiter des Bereichs Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Schlierbacher Landstraße 200a, 69118 Heidelberg
Tel.: 0 62 21/96-5 oder 969215, Fax: 0 62 21/ 966119
E-Mail: Wolfram.Wenz@ok.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Seitenbearbeiter:
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