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„Selbstbeobachtung kann hinderlich sein“

24. Oktober 2008
Neue Musik und Improvisation: Peter Michael Hamel eröffnet die Heidelberger Biennale „Links“ heute Abend in der Alten Aula
„Durch Musik zum Selbst“ ist der Titel eines Buches, das Ende der 70er Jahre den Nerv der Zeit traf: Der Autor und Komponist Peter Michael Hamel, 1947 in München geboren, richtete darin den Blick hinaus aus dem als einengend empfundenen westlichen Musikverständnis und stellte das improvisierende Musizieren gleichberechtigt neben die Komposition im traditionellen Sinne. Er gründete das Improvisationsensemble „Between“ und widmete sich bevorzugt interkulturellen Themen. Seit 1997 lehrt er Komposition und Musiktheorie in Hamburg. Zur Eröffnung der Heidelberger Biennale für Neue Musik „Links“ spricht Prof. Hamel heute um 19 Uhr in der Alten Aula zum Thema „Musik zwischen den Welten – Phänomenologie der musikalischen Improvisation“. Vorab befragte ihn Matthias Roth.

Herr Prof. Hamel, kann man musikalische Improvisation lernen, oder ist das Stegreifspiel eine reine Sache der Begabung?

Der Begriff Improvisation ist ja so vieldeutig: verwendet vom freejazz bis zum liturgischen Orgelspiel. Bei entsprechender Gehirnhälftengewichtung ist spontanes Agieren schneller entwickelbar. Lehr- und lern- bzw. trainierbar ist das Reagieren und Zuhören, das Wissen um Tonsatz und der praktische Einsatz der Gehörbildung.

Ein Klischee des Komponisten im 19. Jahrhundert zeigt ihn improvisierend am Flügel sitzend, von der Muse geküsst und selbstverliebt in seine Einfälle. Warum wird heute nicht mehr so – aus der Improvisation schöpfend – komponiert?

Unsere Musikausbildung und Wahrnehmungsstruktur ist und bleibt augendominiert, das westliche Kunstwerk stets in der Schriftkultur verankert, und „freies“ Phantasieren wird gerne als „nur“ improvisiert abqualifiziert. Beim multimedialen Arbeiten mit dem Computer ist nun wieder ein spontaner, improvisatorisch-experimenteller Ansatz angesagt.

John Cage mochte die freie Improvisation von Berufsorchestermusikern nicht, weil er der Auffassung war, dass sie bald bei Beethoven oder anderen Klassikern landen würden. Ist es heute noch so, dass der westliche Orchestermusiker mit „verordneter“ Improvisation überfordert ist?

Im Tutti-Orchesterdienst ist er immer noch überfordert. Eine Emanzipation der Interpretinnen und Interpreten vollzog sich indessen in der Ensemblearbeit mit neuer Musik. Cage wollte unbewusst-mechanische Reproduktion vermeiden, zugunsten neu zu machender Erfahrung. Wir haben jetzt in Hamburg bei der uns politisch aufgenötigten Bachelor/Master-Modularisierung Improvisation für Instrumentalisten eingeführt.

Improvisation als Lehrinhalt an den deutschen Hochschulen ist bisher allenfalls in der Alten Musik ein Thema. Kann man bei dieser stilgebundenen Spontanerfindung eigentlich von Improvisation in Ihrem Sinne sprechen?

Stehgreif- und stilgebundenes Spiel widersprechen sich ja, aber haben gemeinsam ein Training der inneren Klangvorstellung ohne Noten. Musiker im Jazz- und Popbereich sind hier oft weiter. Ob das in der nachbarschaftlichen Popakademie meines ehemaligen Hamburger Kollegen Udo Dahmen auch so der Fall ist, werde ich heute bei einem Workshop hören.

Im Allgemeinen verbindet man musikalische Improvisation zuerst mit dem Jazz. Nun zeigte sich aber beim hiesigen „Enjoy Jazz“ Festival, dass der Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman beispielsweise seine Stücke in diesem Jahr fast genauso spielte wie vor einigen Jahren in Ludwigshafen – sie also im Grunde streng komponiert sind. Gibt es im Jazz noch freie Improvisation?

Natürlich! Bloß nicht im akademischen und kommerziellen Mainstream. Es gibt sie noch, die Spontanbands: „TonArt“ oder „Embryo“. Aber eine Brötzmann- oder Joachim-Kühn-Ekstase findet derzeit auf kleineren Inseln des Vergnügens statt.

Was können wir von außereuropäischen Musikkulturen im Hinblick auf die Improvisation lernen, ohne dass wir diese lediglich als folkloristische Exotik für unsere eigenen ästhetischen Bedürfnisse benutzen?

Das Wichtigste: Die Ethnien überhaupt erst einmal kennenlernen, und zwar auf gleicher Augenhöhe und im jeweiligen sozialen Kontext. Dann die Suche nach gemeinsamen Wurzeln, als da sind die harmonikale und modale Grundstruktur. Und dann ein „interkultureller Dialog“, aber ohne „Weltmusik“-Nivellierung!

Ein Orchestermusiker muss Rossini spielen, auch wenn er zutiefst deprimiert ist. Schützt sich der improvisierende Musiker vor außermusikalischen Einflüssen, die sein Spiel beeinträchtigen können, oder muss er diese akzeptieren – und mit ihm das Publikum?

Der große, kürzlich verstorbene Theatermann Georg Tabori, der dem Schaffen und Gestalten aus der freien Improvisation heraus gewogen war, sprach zu solchen Einflüssen bei seinen Schauspielern das geflügelte Wort aus: „Benutzen Sie es!“

Ist Selbstkritik während des Improvisierens wichtig oder lästig?

Im Prozess des Improvisierens gibt es einen seltenen Zustand des Ineinanderfallens von im Jetzt Erklingendem, erinnert gerade Gewesenem und demnächst vorgedacht Geschehendem. Da „stimmt“ es dann und passiert einfach – einvernehmlich mit den Zuhörern – kraft der „intersubjektiven Betreffbarkeit“. Dank der Aufnahmetechnik ist beim späteren Abhören Selbstkritik unerlässlich, „währenddessen“ jedoch kann Selbstbeobachtung wie im Liebesakt hinderlich sein ...
Matthias Roth
© Rhein-Neckar-Zeitung

„Links“, Heidelberger Biennale für neue Musik, Programm im Internet unter
www.links-heidelberg.de

Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de

Irene Thewalt
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
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