Siegel der Universität Heidelberg
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Die Perspektive der Globalität wird verstärkt

27. Mai 2008

„Süd- und Ostasien sind unsere Trümpfe“ – Dekan Heinz-Dietrich Löwe über die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg – Wichtig auch Nordamerika und Europa

Im Rahmen der Interviewserie zur Universität Heidelberg in den Zeiten der Exzellenz vertritt Dekan Prof. Heinz-Dietrich Löwe die Philosophischen Fakultät.

Herr Prof. Löwe, ist der mit rund 35 Millionen Euro dotierte Exzellenz-Cluster "Asia and Europe" ein Erfolg der Philosophischen Fakultät?

Ja, denn die Hauptorganisatoren, Madeleine Herren, Axel Michaels und Rudolf Wagner, sind Mitglieder unserer Fakultät, ebenso die meisten direkt beteiligten Wissenschaftler. Und darauf darf die Fakultät stolz sein. Daran, dass von den fünf neuen Professuren des Clusters vier an uns gehen, zeigt sich das Gewicht der Philosophischen Fakultät. Insgesamt entfallen etwa 80 Prozent der Mittel des Clusters auf unsere Fakultät.

Wie hat sich der Cluster entwickelt?

Der sofortige Start eines solchen Projekts funktioniert nach baden-württembergischen Regelungen – vor allem bei der Besetzung von Professuren – überhaupt nicht. Denn es ist ein gesetzlich vorgeschriebener Ablauf einzuhalten. Jetzt haben wir in einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung für vier Professuren unsere Kandidaten bzw. Kandidatinnen so schnell wie nur möglich benannt. Hier liegt ein strukturelles Problem: Wir können erst nach Abschluss der Berufungsverfahren – voraussichtlich ab 1. Oktober 2008 – Geld für die Professuren ausgeben, wodurch uns nach den Regeln der Exzellenzinitiative und der DFG erhebliche Mittel verloren gehen. Dem wollen wir mit Gastprofessuren während der Startphase des Clusters entgegenwirken. Verzögerungen gibt es auch bei den "Transcultural Studies" im Zukunftskonzept der Volluniversität, an denen wir ebenfalls stark beteiligt sind. Die Fördermittel für die Geisteswissenschaften werden daher erst ab Oktober richtig zum Tragen kommen.

Gibt es Bestandsgarantien für Teile des Clusters nach Ablauf der fünfjährigen Exzellenzförderung?

Wir sind verpflichtet, ein Drittel der Professorenstellen des Clusters nachhaltig zu stellen. Und das ist bei den vielen kleinen Fächern unserer Fakultät problematisch. Denn die neu berufenen Professoren müssen einerseits ihre Vorgänger vollwertig ersetzen, andererseits aber auch die Ausrichtung auf die transkulturellen Studien – also die Kulturbeziehungen, -transfers, und -konflikte zwischen Asien und Europa – vollziehen. Insgesamt wird sich die Philosophische Fakultät dann wesentlich globaler orientieren, und auch ihr europäischer Teil wird verstärkt eine Perspektive der Globalität einarbeiten.

Wie viele Mitglieder hat Ihre Fakultät?

Die Fakultät umfasst 47 Professuren. Zahlreiche außerplanmäßige Professuren ergänzen das Profil der Fakultät in Forschung und Lehre. Hinzu kommen noch deutlich mehr etatmäßige Wissenschaftler des akademischen Mittelbaus. Mehrere kleine Fächer wie die Ägyptologie oder die Papyrologie haben nur eine Professur. Und hier müssen wir darauf achten, dass diese gewachsenen Strukturen nicht durch die Auswirkungen der Exzellenz-Nachhaltigkeit zerstört werden.

Zahlreiche Institute wurden bereits zu Zentren zusammengefasst.

Wir haben einmal das Zentrum für Altertumswissenschaften (ZAW), dann das Zentrum für Ostasienwissenschaften (ZO) und schließlich das Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK), zu dem auch die Curt-Engelhorn-Stiftungsprofessur für Amerikanische Geschichte gehört. Auch zum Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients zählen drei Institute. Dazu kommen noch das Philosophische Seminar und das Seminar für Klassische Philologie.
Drei Professuren des Südasien-Instituts gehören ebenfalls zu unserer Fakultät.

Wo liegen die Vorteile der Zentrenbildung?

Sie zielt auf Synergieeffekte ab und geht zurück auf eine Initiative des Rektorats Hommelhoff, das auch an einen flexiblen Einsatz der Mittel dachte. Verschiebungen von Geldern und Stellen wollen wir jedoch innerhalb der Fakultät nur im Konsens vornehmen. Denn es lassen sich angesichts unserer zahlreichen kleinen Fächer Mittel oder Stellen nicht einfach hin- und herschieben, wie angeblich in einem Department-System. Die Exzellenz der Philosophischen Fakultät erwächst nicht zuletzt aus ihrer Vielgestaltigkeit: Denn wir decken eine wissenschaftliche Breite ab, die es in Deutschland nur selten gibt.

Wie passt die fachliche Vielgliedrigkeit ins Ranking-Zeitalter?

Meiner Meinung nach sind wir gerade deshalb attraktiv für Studierende und Kollegen aus der ganzen Welt. Das wird sich auch in Rankings niederschlagen. Diese sind aber nur dann gut, wenn Klarheit darüber besteht, was verglichen bzw. gemessen wird – und das muss in erster Linie Qualität sein. Dafür gibt es aber bislang in den Geisteswissenschaften kein vernünftiges System. In aller Regel wird nur Quantität gemessen. Wichtig ist vor allem, dass es zu einer Verbesserung in der Relation zwischen Lehrenden und Lernenden kommt. In Oxford betreut ein Historiker sieben Studenten. Dagegen kommen bei uns auf einen Lehrenden – Mittelbau mitgezählt – etwa 70 Studenten. Schön wäre schon eine Halbierung dieser Zahl. Auch Drittmitteleinwerbung und die Häufigkeit des "Zitiertwerdens" sind nicht per se Ausdruck von wissenschaftlicher Qualität. Die lässt sich nach meiner Meinung nur durch die Bewertung von Kollegen in der nationalen und internationalen Fachwelt feststellen. Die deutschen Studienabschlüsse sind etwa im Ausland durchaus angesehen. Und unsere jungen Wissenschaftler sind auch international äußerst konkurrenzfähig.

Wo liegen besondere Forschungsschwerpunkte der Fakultät?

Erstklassig sind die Altertumswissenschaften, die unser Wissen über viele Länder der alten Welt erheblich voranbringen. Dann bildet der Sonderforschungsbereich Ritualdynamik einen neuen interdisziplinären Schwerpunkt. Und bei den Historikern gibt es den Sonderforschungsbereich "Integration und Desintegration mittelalterlicher Gesellschaften", der gemeinsam mit Berliner Kollegen betrieben wird.

Wie sieht die Weltkarte für die Forschung in der Fakultät aus?

Zu den fehlenden Kontinenten zählt Lateinamerika: Hier wurden frühere Ausrichtungen nicht fortgeführt. Und in Afrika waren wir praktisch noch nie aktiv. Dagegen sind Süd- und Ostasien unsere Trümpfe. Wichtig bleiben weiterhin Nordamerika und natürlich Europa, auch das heute oftmals noch weitgehend unbekannte Osteuropa.

Was Asien betrifft, so sind dort die Riesenländer China, Russland und Indien in einer dynamischen Veränderung begriffen.

Wir haben früh erkannt, dass Asien ein Kontinent ist, der uns in Zukunft immer stärker beeinflussen wird. Der Cluster "Asia and Europe" zielt auf die Kulturbeziehungen. Es gab immer Wechselwirkungen, aber heute verlagern sich die Gewichte deutlich, wodurch sich auch für uns große Chancen ergeben. Der asiatische Raum entwickelt sich auf breiter Front und wird international immer wichtiger. Russland versucht, zur Stärkung seiner Position, zwischen Asien und Europa eine Mittelstellung einzunehmen.

Ihrer Fakultät gehören namhafte Forscher an.

Von internationaler Bedeutung ist sicherlich der Klassische Archäologe Tonio Hölscher. Die Ur- und Frühgeschichte wird hervorragend vertreten durch Joseph Maran. Der Assyriologe Stefan M. Maul sowie der Sinologe Rudolf G. Wagner sind Leibniz-Preisträger, und der auf Ostasien konzentrierte Kunsthistoriker Lothar Ledderose hat den international bedeutenden Balzan-Preis erhalten. National und international sichtbar vertritt Axel Michaels die Kultur- und Religionsgeschichte Südasiens. Renommiert sind auch die Historiker Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter. Viele andere sind international anerkannt.

Welche Wissenschaftler der Philosophischen Fakultät waren in der Geschichte von besonderer Bedeutung?

Da ist zunächst Hans-Georg Gadamer zu nennen, der weltweit zu den berühmten Philosophen zählt. Er folgte in Heidelberg auf Karl Jaspers, der ebenfalls zu den großen Gestalten unserer Fakultät zu rechnen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich enorm einflussreich war sicher auch der Sozialhistoriker Werner Conze. Ginge man weiter in die Vergangenheit zurück, ließe sich noch so mancher Wissenschaftler unserer Fakultät nennen, der für sein Fach Bahnbrechendes leistete.
Heribert Vogt
© Rhein-Neckar-Zeitung

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