Siegel der Universität Heidelberg
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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

was ist gute Forschung? Mit dieser Frage ist die Universität beschäftigt, seit es sie gibt, und je intensiver sie darum ringt, um so näher kommt sie dem Problem – nicht aber seiner Lösung.

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat in seinem im November 2002 veröffentlichten Forschungsranking nun eine Formel gefunden, nach der gute Forschung messbar wird: Drittmittel, Publikationen, Promotionen. Auf den ersten Blick erscheint diese Trias plausibel: Forschung kostet Geld – wer also viel davon einwirbt, kann viel forschen. Publikationen sind der materielle Beleg für Forscherfleiß. Promotionen künden von der Weitergabe der akademischen Stafette an die nächste Generation – und viele Promotionen bedeuten viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse. So weit, so gut.

Warum ist mir dennoch unwohl angesichts dieser Kriterien? Weil sie einen Umkehrschluss provozieren, den ich für fatal halte: Wer keine Drittmittel einwirbt, wenig publiziert und wenige Doktoranden hat, ist kein guter Forscher; wer viele Doktoranden hat, aber wenig Drittmittel einwirbt (oder umgekehrt), ist nur teilweise ein guter Forscher. Was etwa hat es zu bedeuten, dass die Universität Marburg dem CHE-Ranking zufolge in Germanistik viele Drittmittel einwirbt, aber wenige Doktoranden hat, während die Germanistik in Heidelberg wenige Drittmittel, aber viele Doktoranden vorweisen kann?

Nun gibt es sicher Bereiche, in denen Forschung ohne viel Geld für Geräte und Materialien überhaupt nicht möglich ist. Und es gibt Fächer, in denen die Verfallszeit wissenschaftlicher Ergebnisse so kurz ist, dass nur ein ständiger Strom der Veröffentlichung von neuen Resultaten die Forschung weiterbringt.

Aber es gibt auch ebenso viele Fächer, bei denen der Rückzug ins stille Kämmerlein, in dem selbst das Sofa ein wichtiges Arbeitsgerät sein mag, mehr Forschungsleistungen hervorbringen kann als der Kampf an der Drittmittelfront. Und es kann eine wichtige Entscheidung sein, um eines großen, Jahre und Jahrzehnte der Reflexion und der Formulierung benötigenden Buches willen auf viele kleine Aufsätze zu verzichten.

Hans-Georg Gadamer war sechzig Jahre alt, als er, fast drei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift, mit "Wahrheit und Methode" sein nächstes (und einflussreichstes) Buch vorlegte. Und was die Drittmitteleinwerbung angeht, so hätte er im Ranking wohl kaum einen Spitzenplatz belegt. Wäre er darum kein guter Forscher gewesen?

Das zentrale Problem derartiger Rankings ist, dass sie Quantität, nicht aber Qualität messen können. Nicht jeder, der viel publiziert und viele Doktoranden promoviert, ist auch ein herausragender Wissenschaftler oder ein besonders erfolgreicher Lehrer: Wer kennte nicht den Kollegen, der wie am Fließband produziert, dabei aber keine wissenschaftliche Spur hinterlässt? Wer wüsste nicht von jenen Titelschmieden im eigenen Fach zu berichten, in denen zwar viele, aber nicht besonders substanzielle Dissertationen produziert werden?

In kleinen Fächern (die von den Rankings generell nicht erfasst werden) wäre es nachgerade unverantwortlich, viele Doktoranden zu produzieren, die der Arbeitsmarkt nicht aufnehmen kann. Dass die Qualität von Forschung sich nicht an der Zahl oder der Länge der Publikationen bemisst, dürfte unwidersprochen sein; diese Qualität zu messen, gebührend zu beurteilen und tabellarisch darzustellen wäre freilich eine Herkulesaufgabe, der keine wissenschaftliche Kommunität gewachsen wäre.

Sogar die Quotation-Indexes haben sich dafür als durchaus ungeeignetes Instrument erwiesen – nicht zuletzt weil häufig zitierte Schriften gerade diejenigen sein können, deren wissenschaftlicher Unsinn eine Richtigstellung erfordert.

Drittmittel, Publikationen, Promotionen: Das Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung gibt mit Sicherheit Auskunft über erfolgreiches Wissenschaftsmanagement. Für die Frage, was gute Forschung sei, hat aber auch diese Untersuchung keine Antwort parat.

Ihre
Silke Leopold, Prorektorin

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