Max Ernst und Alfred Kubin schätzten sie
29. November 2007
Die Ausstellung "Universumstulp" zeigt einige Klassiker der Heidelberger Sammlung Prinzhorn – Heute Eröffnung um 19 Uhr
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„Universumstulp“ nannte Joseph Schneller, alias Sell, seine Zeichnung (Ausschnitt), die der gegenwärtigen Ausstellung bei Prinzhorn den Namen gibt.
Foto: Kresin
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Diese Bilder verdienen Beachtung, denn sie erzählen lange, deprimierende Geschichten und stehen für Schicksale. Da ist zum Beispiel jener Joseph Schneller (alias "Sell"), der die von ihm als Verbrechen empfundenen Therapien in seinen Farbstiftzeichnungen festhielt. In sein Blatt "Universumstulp" zeichnete er sich selbst hinein, in einer jener Dauerbadewannen liegend, in denen seinerzeit unruhige Patienten im warmem Wasser ruhiggestellt werden sollten.
Die Dokumentation dieser Fixierungsmaßnahme belegt, dass er in seinen Arbeiten nicht nur auf seine eigene psychische Erkrankung reagierte, sondern zugleich auf die gesellschaftliche Ausgrenzung und die Behandlung in den psychiatrischen Anstalten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Schnellers Fall, paradigmatisch für den Ansatz der Sammlung Prinzhorn, hat Hans Prinzhorn denn auch entsprechend beeindruckt.
Die jüngste Ausstellung im Universitätsklinikum Heidelberg mit dem Titel "Universumstulp" widmet sich auf Wunsch vieler Besucher einigen Klassikern der Sammlung, die der Psychiater und Kunsthistoriker in seinem epochalen Buch "Bildnerei der Geisteskranken" von 1922 abgebildet und erläutert hat. Hinzu kommen solche Arbeiten, die durch Ausstellungen der berühmten Kollektion nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt wurden.
Fast alle der berücksichtigten Künstler – manche wurden um ihre Karriere gebracht durch das Wegschließen in der Psychiatrie – blieben ihr Leben lang in der Klinik und starben zum Teil einen gewaltsamen Tod als Opfer der Euthanasie durch die Nazis. Die Ausstellung ist sparsam aufgebaut. So wird die Bedeutung der einzelnen Exponate hervorgehoben, die es verdienen, dass man sich ihnen in Muße widmet.
Einige der Bilder haben einen hohen Wiedererkennungswert wie zum Beispiel jener in den Lüften wandelnde Stelzenläufer von Josef Forster, der (auf Anregung der früheren Kustodin Inge Jadi) zum Logo der Sammlung Prinzhorn erkoren wurde oder die den Surrealismus präludierenden Zeichnungen ("Wunder-Hirthe") des genialen Ingenieurs und Maschinenbauers August Natterer, der, von Max Ernst hoch geschätzt, sich exzessiv mit Erfindungen und Patenten beschäftigte.
Josef Heinrich Grebing, der 1908 in die Anstalt nach Heidelberg, dann nach Wiesloch kam und der akribische Zahlenkolonnen aneinanderreihte, wurde 1940 von den Nazis in Grafeneck ermordet, ein Schicksal, das er mit dem Offenburger Kunstschmied Franz Karl Bühler teilte, der sich in den Anstalten als freier Künstler entwickelte, dessen Arbeiten Prinzhorn mit denen van Goghs verglich und der auch von Alfred Kubin verehrt wurde. 1994 galt dem gelernten Kunstschmied, der bei Prinzhorn Franz Pohl hieß, eine Einzelausstellung auf dem Heidelberger Schloss. Hohen Bekanntheitsgrad genießt auch Else Blankenhorn, die, finanziell privilegiert, in den Anstalten im Bodenseeraum relativ komfortabel lebte und kostbare Materialien verwenden konnte. Sie entwickelte eine eigene künstlerische Handschrift, und Ernst Ludwig Kirchner, der eine Zeit lang ihr Mitpatient war, bewunderte sie.
Weitere Objekte der in mancherlei Hinsicht aufschlussreichen Übersicht sind die Bücher mit symbolhaften Texten und minuziösen Miniaturen von Hermann Mebes, die attraktiven Bild-Text-Kombinationen des Odenwälder Bäckers Johann Knopf, den Prinzhorn Johann Knüpfer nannte, und die hermetischen Schriftgrafiken der 1920 in Wiesloch gestorbenen Emma Hauck, die vergeblich lange Briefe an ihren Mann schrieb. Sie kamen in ihre Krankenakte und erreichten den Adressaten nie. Prinzhorn, so Museumsdirektor Thomas Roeske, interessierten derlei Probleme wenig, er sah alles nur unter formalem Aspekt.
Auch ein Blick in die zwei Kabinette ist zu empfehlen. Eines zeigt historische Aufnahmen aus der Sammlung Prinzhorn mit Dokumenten von verschollenen oder zerstörten Patientenwerken und Aufnahmen von jenem Franz Kockartz, der sich über und über tätowierte und so selbst zum Kunstwerk stilisierte. Das andere gilt Rudolf Heinrichshofen und seiner politisch ambitionierten Autobiografie. In der um 1919 selbst gefertigten Prachthandschrift im Comicstil beweist der Patient seine Anteilnahme am Zeitgeschehen, am Scheitern des Kaiserreiches wie am Ersten Weltkrieg und zitiert dabei häufig Karikaturen aus dem Kladderadatsch. Mit rund 54 Anstaltsjahren war er der am längsten hospitalisierte Patient unter den Künstlern der Sammlung Prinzhorn.
Info: Die Ausstellung "Universumstulp" mit Klassikern der Sammlung Prinzhorn wird heute um 19 Uhr in der Psychiatrischen Universitätsklinik Voßstraße 2 in Heidelberg eröffnet. Sie läuft bis 20. Februar.
Rückfragen bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221-542310
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
Tel. 06221-542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Die Dokumentation dieser Fixierungsmaßnahme belegt, dass er in seinen Arbeiten nicht nur auf seine eigene psychische Erkrankung reagierte, sondern zugleich auf die gesellschaftliche Ausgrenzung und die Behandlung in den psychiatrischen Anstalten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Schnellers Fall, paradigmatisch für den Ansatz der Sammlung Prinzhorn, hat Hans Prinzhorn denn auch entsprechend beeindruckt.
Die jüngste Ausstellung im Universitätsklinikum Heidelberg mit dem Titel "Universumstulp" widmet sich auf Wunsch vieler Besucher einigen Klassikern der Sammlung, die der Psychiater und Kunsthistoriker in seinem epochalen Buch "Bildnerei der Geisteskranken" von 1922 abgebildet und erläutert hat. Hinzu kommen solche Arbeiten, die durch Ausstellungen der berühmten Kollektion nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt wurden.
Fast alle der berücksichtigten Künstler – manche wurden um ihre Karriere gebracht durch das Wegschließen in der Psychiatrie – blieben ihr Leben lang in der Klinik und starben zum Teil einen gewaltsamen Tod als Opfer der Euthanasie durch die Nazis. Die Ausstellung ist sparsam aufgebaut. So wird die Bedeutung der einzelnen Exponate hervorgehoben, die es verdienen, dass man sich ihnen in Muße widmet.
Einige der Bilder haben einen hohen Wiedererkennungswert wie zum Beispiel jener in den Lüften wandelnde Stelzenläufer von Josef Forster, der (auf Anregung der früheren Kustodin Inge Jadi) zum Logo der Sammlung Prinzhorn erkoren wurde oder die den Surrealismus präludierenden Zeichnungen ("Wunder-Hirthe") des genialen Ingenieurs und Maschinenbauers August Natterer, der, von Max Ernst hoch geschätzt, sich exzessiv mit Erfindungen und Patenten beschäftigte.
Josef Heinrich Grebing, der 1908 in die Anstalt nach Heidelberg, dann nach Wiesloch kam und der akribische Zahlenkolonnen aneinanderreihte, wurde 1940 von den Nazis in Grafeneck ermordet, ein Schicksal, das er mit dem Offenburger Kunstschmied Franz Karl Bühler teilte, der sich in den Anstalten als freier Künstler entwickelte, dessen Arbeiten Prinzhorn mit denen van Goghs verglich und der auch von Alfred Kubin verehrt wurde. 1994 galt dem gelernten Kunstschmied, der bei Prinzhorn Franz Pohl hieß, eine Einzelausstellung auf dem Heidelberger Schloss. Hohen Bekanntheitsgrad genießt auch Else Blankenhorn, die, finanziell privilegiert, in den Anstalten im Bodenseeraum relativ komfortabel lebte und kostbare Materialien verwenden konnte. Sie entwickelte eine eigene künstlerische Handschrift, und Ernst Ludwig Kirchner, der eine Zeit lang ihr Mitpatient war, bewunderte sie.
Weitere Objekte der in mancherlei Hinsicht aufschlussreichen Übersicht sind die Bücher mit symbolhaften Texten und minuziösen Miniaturen von Hermann Mebes, die attraktiven Bild-Text-Kombinationen des Odenwälder Bäckers Johann Knopf, den Prinzhorn Johann Knüpfer nannte, und die hermetischen Schriftgrafiken der 1920 in Wiesloch gestorbenen Emma Hauck, die vergeblich lange Briefe an ihren Mann schrieb. Sie kamen in ihre Krankenakte und erreichten den Adressaten nie. Prinzhorn, so Museumsdirektor Thomas Roeske, interessierten derlei Probleme wenig, er sah alles nur unter formalem Aspekt.
Auch ein Blick in die zwei Kabinette ist zu empfehlen. Eines zeigt historische Aufnahmen aus der Sammlung Prinzhorn mit Dokumenten von verschollenen oder zerstörten Patientenwerken und Aufnahmen von jenem Franz Kockartz, der sich über und über tätowierte und so selbst zum Kunstwerk stilisierte. Das andere gilt Rudolf Heinrichshofen und seiner politisch ambitionierten Autobiografie. In der um 1919 selbst gefertigten Prachthandschrift im Comicstil beweist der Patient seine Anteilnahme am Zeitgeschehen, am Scheitern des Kaiserreiches wie am Ersten Weltkrieg und zitiert dabei häufig Karikaturen aus dem Kladderadatsch. Mit rund 54 Anstaltsjahren war er der am längsten hospitalisierte Patient unter den Künstlern der Sammlung Prinzhorn.
Heide Seele
© Rhein-Neckar-Zeitung
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Info: Die Ausstellung "Universumstulp" mit Klassikern der Sammlung Prinzhorn wird heute um 19 Uhr in der Psychiatrischen Universitätsklinik Voßstraße 2 in Heidelberg eröffnet. Sie läuft bis 20. Februar.
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Dr. Michael Schwarz
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Irene Thewalt
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