Kultur der Minoer gibt noch viele Rätsel auf
3. August 2007
Der Heidelberger Archäologe Diamantis Panagiotopoulos rekonstruiert eine "archäologische Landschaft"
Dem Mythos zufolge musste Minos, der legendäre König von Knossos, alle neun Jahre die Idäische Grotte des kretischen Zeus aufsuchen, um – wie ein zweiter Moses – seinem Gott zu begegnen und von ihm belehrt zu werden. Minos' Weg zu Zeus wurde zum Pilgerpfad. Er führte von Anogia am Fuß des Psiloritis Gebirgsstocks zum Timios Stavros, dem höchsten Berg der Insel Kreta. 1982 war es, als Jannis Sakellarakis, damaliger Direktor des Heraklion Museums, auf halber Strecke entlang des Weges eine minoische Siedlung entdeckte: Zominthos. Das Hauptgebäude, das kleiner als die vier minoischen Paläste in Knossós, Káto Zákros, Phaistós und Mália ist, aber größer als jede bekannte minoische Villa, erregte Aufsehen unter Archäologen.
Zominthos wurde im "Goldenen Zeitalter" der minoischen Kultur errichtet, zwischen 1675 und 1600 vor Christus. Durch ein Erdbeben womöglich noch in dieser Zeit wurde der Ort wieder zerstört, danach scheinbar für immer verlassen. Für Diamantis Panagiotopoulos, Professor an der Universität Heidelberg und Leiter der Ausgrabungen vor Ort, bleibt die Kernfrage jene nach der Höhenlage bei 1200 Metern – die Straße dort ist heute oft bis in den April vereist und unpassierbar.
War Zominthos eine Sommersiedlung oder herrschte in der Bronzezeit wärmeres Klima? Er glaubt, die Minoer könnten sogar Schnee und Eis zu Kühlzwecken ins Tiefland verkauft haben. Nur selten sind Mauern so gut erhalten wie die Nordfassade von Zominthos. Auch eine Töpferwerkstätte und etliche Artefakte im Annex des großen Hauptgebäudes wurden fast unversehrt gefunden. Dank der Kooperation mit Geographen konnte nun auch geklärt werden, woher die Töpfer ihren Ton bezogen, und dass sie zur Wasserversorgung wohl Kanäle anlegten. Auch mit anderen Naturwissenschaften arbeiten Archäologen wie Panagiotopoulos inzwischen enger zusammen: "Wir lernen viel aus Chemie und Physik und können selbst wertvolle Methoden an Fächer wie die Kriminalistik weitergeben."
Nur so könne aus einer Ansammlung von Artefakten das entstehen, woraus sich das viel versprechende Konzept der "archäologischen Landschaft" entwickelt hat. Die will Panagiotopoulos auch interessierten Laien zugänglich machen: Schon jetzt werden Gäste durch die Grabung geführt, ein Dokumentarfilm und eine Bildausstellung sind geplant. "Besonders für deutsche Touristen ist Zominthos interessant – es ist die erste deutsche Grabung auf Kreta seit dem Zweiten Weltkrieg." Die minoischen Villen fern der städtischen Zentren kontrollierten fruchtbares Land oder wichtige Transitstraßen. Doch wer kontrollierte die Villen? Die Forscher sind uneins: Waren es Subzentren der großen Paläste? Oder herrschten hier unabhängige Potentaten? Nur Knossos käme als übergeordnetes Zentrum in Frage. Doch wurde von hier aus wirklich die Region der wilden Schäfer am Psiloritis und auf dem Hochplateau von Anogia kontrolliert?
Die damaligen Herrscher hätten dann geschafft, woran Römer und Byzantiner, Venezianer, Türken, Deutsche und manch mal sogar der moderne griechische Staat scheiterten: Sie hätten das Hirtenvolk, dessen Mitglieder zu den unnachgiebigsten und stolzesten ganz Kretas zählen, wirtschaftlich und politisch gebändigt. Eine interessante Idee. Verkauften die Minoer Eis ins Tiefland?
Rückfragen bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
06221/542310, fax: 54317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
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presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Zominthos wurde im "Goldenen Zeitalter" der minoischen Kultur errichtet, zwischen 1675 und 1600 vor Christus. Durch ein Erdbeben womöglich noch in dieser Zeit wurde der Ort wieder zerstört, danach scheinbar für immer verlassen. Für Diamantis Panagiotopoulos, Professor an der Universität Heidelberg und Leiter der Ausgrabungen vor Ort, bleibt die Kernfrage jene nach der Höhenlage bei 1200 Metern – die Straße dort ist heute oft bis in den April vereist und unpassierbar.
War Zominthos eine Sommersiedlung oder herrschte in der Bronzezeit wärmeres Klima? Er glaubt, die Minoer könnten sogar Schnee und Eis zu Kühlzwecken ins Tiefland verkauft haben. Nur selten sind Mauern so gut erhalten wie die Nordfassade von Zominthos. Auch eine Töpferwerkstätte und etliche Artefakte im Annex des großen Hauptgebäudes wurden fast unversehrt gefunden. Dank der Kooperation mit Geographen konnte nun auch geklärt werden, woher die Töpfer ihren Ton bezogen, und dass sie zur Wasserversorgung wohl Kanäle anlegten. Auch mit anderen Naturwissenschaften arbeiten Archäologen wie Panagiotopoulos inzwischen enger zusammen: "Wir lernen viel aus Chemie und Physik und können selbst wertvolle Methoden an Fächer wie die Kriminalistik weitergeben."
Nur so könne aus einer Ansammlung von Artefakten das entstehen, woraus sich das viel versprechende Konzept der "archäologischen Landschaft" entwickelt hat. Die will Panagiotopoulos auch interessierten Laien zugänglich machen: Schon jetzt werden Gäste durch die Grabung geführt, ein Dokumentarfilm und eine Bildausstellung sind geplant. "Besonders für deutsche Touristen ist Zominthos interessant – es ist die erste deutsche Grabung auf Kreta seit dem Zweiten Weltkrieg." Die minoischen Villen fern der städtischen Zentren kontrollierten fruchtbares Land oder wichtige Transitstraßen. Doch wer kontrollierte die Villen? Die Forscher sind uneins: Waren es Subzentren der großen Paläste? Oder herrschten hier unabhängige Potentaten? Nur Knossos käme als übergeordnetes Zentrum in Frage. Doch wurde von hier aus wirklich die Region der wilden Schäfer am Psiloritis und auf dem Hochplateau von Anogia kontrolliert?
Die damaligen Herrscher hätten dann geschafft, woran Römer und Byzantiner, Venezianer, Türken, Deutsche und manch mal sogar der moderne griechische Staat scheiterten: Sie hätten das Hirtenvolk, dessen Mitglieder zu den unnachgiebigsten und stolzesten ganz Kretas zählen, wirtschaftlich und politisch gebändigt. Eine interessante Idee. Verkauften die Minoer Eis ins Tiefland?
Niklas Schenck
© Rhein-Neckar-Zeitung
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