Herzzerreißende Begegnungen
22. August 2007
In Heidelberg wurde die zweiteilige Dokumentation zur Sammlung Prinzhorn vor ihrer Ausstrahlung im Fernsehen vorgeführt
| |
|
Ein Beispiel aus der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung: Paul Goesch (1885-1940) malte dieses Bild mit Deckfarben über Bleistift auf Papier zwischen 1917 und 1919.
Repro: RNZ
|
Schicksale! Wer einmal drin war, kam nur selten wieder raus. Die Rede ist von den "Irrenanstalten" alten Zuschnitts, als die heute übliche Psychiatrie noch in den Kinderschuhen steckte und der verwirrte Patient vor allem ruhig gestellt wurde – wenn es sein musste auch mit Gewalt. So waren noch die Zustände, als der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) im Jahr 1919 als Assistenzarzt an die Universitätsklinik in Heidelberg kam und, unterstützt durch den Klinikleiter Karl Wilmanns, die Leiter psychiatrischer Anstalten im In- und Ausland darum bat, ihm die kreativen Arbeiten ihrer Insassen zu schicken. Die Resonanz war riesig. Rasch kamen Tausende von Objekten zusammen, Arbeiten in allen möglichen Techniken und aus einfachsten Materialien, überwiegend Zeichnungen und Gouachen, schriftliche Aufzeichnungen aller Art, auch Ölbilder, textile Gebilde, Collagen und Skulpturen aus Holz. Der heutige Fundus umfasst rund 5000 Arbeiten von etwa 450 Patienten.
Hans Prinzhorn, der 1921 die Universität Heidelberg verließ, schrieb 1922 sein epochales Buch "Bildnerei der Geisteskranken" – ein Jahr zuvor war Walter Morgenthalers Band über Adolf Wölfli "Der Patient als Künstler" erschienen –, in dem er die vorwiegend "schizophrenen Meister" würdigte. Seine "Bibel des Surrealismus" übte auf zeitgenössische Künstler eine ungeheure Wirkung aus.
Doch 1938 in der Wanderausstellung "Entartete Kunst" wurden die "Bildnereien" von den Nazis instrumentalisiert. Es war der unselige Carl Schneider gewesen, der damalige Leiter der Psychiatrischen Klinik Heidelberg, der die Leihgaben in die Ausstellung gegeben hatte. Er betrieb die systematische Tötung der von ihm als "lebensunwert" eingestuften Patienten. Zu den Opfern gehörten unter anderem Franz Karl Bühler, Josef Grebing oder Heinrich Goertsch, wichtige Repräsentanten der Sammlung Prinzhorn. Die Kollektion, die jahrelang ein Schattendasein führte, wurde 1963 wieder ans Licht geholt, als der Kurator Heinz Szeemann eine Auswahl in der Berner Kunsthalle zeigte, aber es dauerte noch zehn Jahre, bis sich Inge Jadi (Jarchov) als Kustodin des Konvoluts annahm und in Ausstellungen immer mal wieder auf dessen Bedeutung hinwies. Der langwierige Weg zu einem würdigen Domizil endete im September 2001, als die Räume in der Psychiatrischen Uniklinik in der Voßstraße 2 bezogen wurden und Thomas Röske Leiter der "Sammlung Prinzhorn" wurde.
Dies die unverzichtbare Vorgeschichte für das Filmprojekt von Arte/SWR, das der interessierten Öffentlichkeit im Institut für Medizinische Psychologie in Heidelberg präsentiert wurde vor der Ausstrahlung im Fernsehen. Der 39-jährige Schweizer Regisseur Christian Beetz (Foto links: Welker) nannte seine aus zwei Teilen zu je 26 Minuten bestehende Dokumentation, die der Geschichte der Sammlung Prinzhorn nachgeht, schön doppeldeutig "Wahnsinnige Kunst" und widmet sich im ersten Teil ("Das unerhörte Genie") einigen ausgewählten Patienten, die unter spezifischen Ängsten vor "Beeinflussungsapparaten" und Verschwörungen litten, die sie zu faszinierenden Arbeiten inspirierten.
Zu ihnen zählen August Natterer, der auf surrealistische Weise seine Halluzinationen in ebenso ästhetische wie verstörende Zeichnungen einfließen ließ, Karl Genzel mit seinen phantasievollen Skulpturen, die auch Alfred Kubin bewunderte oder der 1940 in Grafeneck vergaste Kunstschlosser Franz Karl Bühler. Die ruhige Erzählerstimme von Angela Winkler, die zur sensiblen Musikuntermalung von Jens Tilman Schade gut korrespondiert, informiert über die kranken Persönlichkeiten und ihre Werke, die detailreich präsentiert werden. Erläuternde Kommentare steuern Experten wie Thomas Röske oder Inge Jadi bei.
Der zweite Teil ("Der gewebte Schmerz") widmet sich den weiblichen Anstaltsinsassen, die vor rund 100 Jahren im Sticken, Häkeln und Knüpfen ein künstlerisches Ventil für ihre Qualen fanden. Rührende Beispiele (Agnes Richters geknüpftes Christkindchen) werden da ans Licht geholt, Handarbeiten von Frauen, deren Namen längst vergessen wären, hätte es nicht das Engagement von Hans Prinzhorn gegeben. Die auch von Ernst Ludwig Kirchner geschätzte Else Blankenhorn war die Einzige, die aufgrund ihres Vermögens Öl und Leinwand benutzen konnte, die anderen waren auf einfachste Materialien angewiesen. Sabine Mechler zum Beispiel zerriss tobsüchtig ihr Bettzeug, das sie zu Raumbildern arrangierte. Herzzerreißend ist die Begegnung mit diesen einem dumpfen Schicksal ausgelieferten einsamen und hilflosen Menschen. – An die Vorführung der zwei Filme schloss sich eine kleine Diskussion an, die nach dem offiziellen Teil angeregt fortgeführt wurde.
Info: Teil 1 der zweiteiligen Dokumentation "Wahnsinnige Kunst" wird am Sonntag, 2. September, ausgestrahlt, Teil zwei am 9. September, jeweils um 20.15 auf arte. Im SWR läuft am 29. November um 23.45 Uhr eine Dokumentation über Hans Prinzhorn, und am 8. Dezember, 21 Uhr und 21.30 Uhr, ist im ZDF-Dokukanal ein Themenabend zu diesem Bereich in der Reihe "Abgründe" geplant.
Rückfragen von Journalisten bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
06221/542310, fax: 54317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
06221/542310, fax: 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Hans Prinzhorn, der 1921 die Universität Heidelberg verließ, schrieb 1922 sein epochales Buch "Bildnerei der Geisteskranken" – ein Jahr zuvor war Walter Morgenthalers Band über Adolf Wölfli "Der Patient als Künstler" erschienen –, in dem er die vorwiegend "schizophrenen Meister" würdigte. Seine "Bibel des Surrealismus" übte auf zeitgenössische Künstler eine ungeheure Wirkung aus.
Doch 1938 in der Wanderausstellung "Entartete Kunst" wurden die "Bildnereien" von den Nazis instrumentalisiert. Es war der unselige Carl Schneider gewesen, der damalige Leiter der Psychiatrischen Klinik Heidelberg, der die Leihgaben in die Ausstellung gegeben hatte. Er betrieb die systematische Tötung der von ihm als "lebensunwert" eingestuften Patienten. Zu den Opfern gehörten unter anderem Franz Karl Bühler, Josef Grebing oder Heinrich Goertsch, wichtige Repräsentanten der Sammlung Prinzhorn. Die Kollektion, die jahrelang ein Schattendasein führte, wurde 1963 wieder ans Licht geholt, als der Kurator Heinz Szeemann eine Auswahl in der Berner Kunsthalle zeigte, aber es dauerte noch zehn Jahre, bis sich Inge Jadi (Jarchov) als Kustodin des Konvoluts annahm und in Ausstellungen immer mal wieder auf dessen Bedeutung hinwies. Der langwierige Weg zu einem würdigen Domizil endete im September 2001, als die Räume in der Psychiatrischen Uniklinik in der Voßstraße 2 bezogen wurden und Thomas Röske Leiter der "Sammlung Prinzhorn" wurde.
Dies die unverzichtbare Vorgeschichte für das Filmprojekt von Arte/SWR, das der interessierten Öffentlichkeit im Institut für Medizinische Psychologie in Heidelberg präsentiert wurde vor der Ausstrahlung im Fernsehen. Der 39-jährige Schweizer Regisseur Christian Beetz (Foto links: Welker) nannte seine aus zwei Teilen zu je 26 Minuten bestehende Dokumentation, die der Geschichte der Sammlung Prinzhorn nachgeht, schön doppeldeutig "Wahnsinnige Kunst" und widmet sich im ersten Teil ("Das unerhörte Genie") einigen ausgewählten Patienten, die unter spezifischen Ängsten vor "Beeinflussungsapparaten" und Verschwörungen litten, die sie zu faszinierenden Arbeiten inspirierten.
Zu ihnen zählen August Natterer, der auf surrealistische Weise seine Halluzinationen in ebenso ästhetische wie verstörende Zeichnungen einfließen ließ, Karl Genzel mit seinen phantasievollen Skulpturen, die auch Alfred Kubin bewunderte oder der 1940 in Grafeneck vergaste Kunstschlosser Franz Karl Bühler. Die ruhige Erzählerstimme von Angela Winkler, die zur sensiblen Musikuntermalung von Jens Tilman Schade gut korrespondiert, informiert über die kranken Persönlichkeiten und ihre Werke, die detailreich präsentiert werden. Erläuternde Kommentare steuern Experten wie Thomas Röske oder Inge Jadi bei.
Der zweite Teil ("Der gewebte Schmerz") widmet sich den weiblichen Anstaltsinsassen, die vor rund 100 Jahren im Sticken, Häkeln und Knüpfen ein künstlerisches Ventil für ihre Qualen fanden. Rührende Beispiele (Agnes Richters geknüpftes Christkindchen) werden da ans Licht geholt, Handarbeiten von Frauen, deren Namen längst vergessen wären, hätte es nicht das Engagement von Hans Prinzhorn gegeben. Die auch von Ernst Ludwig Kirchner geschätzte Else Blankenhorn war die Einzige, die aufgrund ihres Vermögens Öl und Leinwand benutzen konnte, die anderen waren auf einfachste Materialien angewiesen. Sabine Mechler zum Beispiel zerriss tobsüchtig ihr Bettzeug, das sie zu Raumbildern arrangierte. Herzzerreißend ist die Begegnung mit diesen einem dumpfen Schicksal ausgelieferten einsamen und hilflosen Menschen. – An die Vorführung der zwei Filme schloss sich eine kleine Diskussion an, die nach dem offiziellen Teil angeregt fortgeführt wurde.
Heide Seele
© Rhein-Necker-Zeitung
© Rhein-Necker-Zeitung
Info: Teil 1 der zweiteiligen Dokumentation "Wahnsinnige Kunst" wird am Sonntag, 2. September, ausgestrahlt, Teil zwei am 9. September, jeweils um 20.15 auf arte. Im SWR läuft am 29. November um 23.45 Uhr eine Dokumentation über Hans Prinzhorn, und am 8. Dezember, 21 Uhr und 21.30 Uhr, ist im ZDF-Dokukanal ein Themenabend zu diesem Bereich in der Reihe "Abgründe" geplant.
Rückfragen von Journalisten bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
06221/542310, fax: 54317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
Irene Thewalt
06221/542310, fax: 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Seitenbearbeiter:
Email