Eines der großen mittelalterlichen Bauwerke Italiens
24. April 2007
Heidelberger Toskana-Fraktion bei dem Großunternehmen "Die Kirchen von Siena" – Reihe zum Dom S. Maria Assunta komplett – Mitherausgeber: Kunsthistoriker Peter Anselm Riedl
"Die Genese eines der großen mittelalterlichen Bauwerke Italiens präsentiert sich in Wort und Bild", schreibt der emeritierte Heidelberger Kunsthistoriker Peter Anselm Riedl im Vorwort des voluminösen Werkes "Der Dom S. Maria Assunta". Es ist Teil des Großunternehmens "Die Kirchen von Siena", das unter dem Dach der "Italienischen Forschungen" am Kunsthistorischen Institut Florenz der Max-Planck-Gesellschaft angesiedelt ist. Abgeschlossen ist nun die Sonderreihe zur Architektur des Sieneser Doms als Zentrum der nach Florenz bedeutendsten toskanischen Stadt.
Im künstlerischen Rang dürfte Siena in Italien gleich nach den großen drei - Rom, Florenz, Venedig - folgen, gleichwertig etwa mit Mailand oder Neapel. Von diesem Ort gingen über Jahrhunderte kreative Impulse von überregionaler, teilweise internationaler Bedeutung aus. Umso heller strahlen bei diesem Projekt unter italienischer Sonne die hiesigen Geisteswissenschaften. Denn es tritt hier eine stark ausgeprägte Heidelberger Toskana-Fraktion zutage. So liegt die Leitung für das 1977 gestartete Vorhaben "Die Kirchen von Siena" bei Riedl und Max Seidel, inzwischen emeritierter Direktor des Florentiner Kunsthistorischen Instituts mit Heidelberger Vergangenheit (1982-92), und beide fungieren als Herausgeber der gleichnamigen Publikationsreihe. Das Ziel ist die vollständige Bearbeitung der Sakralarchitektur Sienas.
Aber damit nicht genug: Das Unternehmen steht in der Tradition des von Walter und Elisabeth Paatz begründeten fünfbändigen Handbuchs "Die Kirchen von Florenz". Das Werk des früheren Heidelberger Ordinarius (1942-1967) und seiner Ehefrau entstand zwischen 1929 und 1939, erschien später kriegsbedingt bis 1954. Paatz wollte die gesamte Kirchenbaugeschichte von Florenz wissenschaftlich aufarbeiten. Und dieser Zielsetzung haben sich Riedl und Seidel für Siena mit seinen etwa 140 Kirchen und Kapellen innerhalb des jüngsten spätmittelalterlichen Mauerrings angeschlossen. Aber anders als Paatz konnten sie – abgesehen vom stark beachteten Dom – nicht auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen.
Und was diesen Dom betrifft, so breitet sich Riedl zufolge nun vor dem Leser "das Panorama eines ungemein ereignisreichen Baugeschehens aus – eines Geschehens, dem das schließliche Scheitern des Erweiterungsprojekts des 14. Jahrhunderts seine tragische Note gibt".
Was war geschehen? Im Mittelalter gehörte Siena zu den stolzesten und mächtigsten Städten Italiens mit dem monumentalen und doch auch anmutigen Dom S. Maria Assunta im Zentrum, aber die Sieneser planten während des ausgehenden Mittelalters im Wettstreit mit Florenz einen noch weit größeren Dom.
Allerdings war dieses Vorhaben aufgrund unzureichender Planung zum Scheitern verurteilt. "Das plötzliche Ende der kaum zwei Jahrzehnte umfassenden Baugeschichte des Duomo Nuovo ist sicher zum Teil auf Mängel in der Bauausführung zurückzuführen, und die Pestepidemie von 1348 hat sich zweifellos hemmend auf den Bau ausgewirkt." Am Ende mussten große Teile des bereits Errichteten wieder abgebrochen werden – zu den erhaltenen Elementen zählt eine große Wand.
Der heute im Sieneser Stadtteil Città gelegene Alte Dom (Duomo Vecchio), errichtet im 13. und 14. Jahrhundert, ist nach der Baubeschreibung von Walter Haas und Dethard von Winterfeld "eine dreischiffige Gewölbebasilika mit fünfjochigem Langhaus, vierjochigem Altarhaus und dazwischen einem im Grundriss sechseckigen, überkuppelten Zentralraum".
Die gesamte Länge beträgt 92 Meter, das Langhaus ist 27,70 Meter breit und das Mittelschiff hat eine Raumhöhe von 25,80 Metern. "Die Kuppel über dem Hexagon erreicht einen Durchmesser von ca. 16 Metern und eine Scheitelhöhe von 33,40 Metern. Mit der barocken Laterne misst die Raumhöhe 41,60 Meter."
Und über das gescheiterte Erweiterungsprojekt wird ausgeführt: "Der Neue Dom (Duomo Nuovo) ist ein im 14. Jahrhundert geplanter und begonnener, aber unvollendet gebliebener Neubau, der den Alten Dom als eine Art Querschiff einbeziehen sollte. Das dreischiffige Langhaus erstreckt sich, vom Kuppelraum des Alten Domes ausgehend, senkrecht zu dessen Längsachse nach Süden. Es ist 36,90 Meter breit angelegt... Die Mittelschiffsbreite sollte zwischen den Pfeilerachsen 15,60 Meter... betragen. Die geplante Raumhöhe ist an der Fassade mit 34 Metern zu messen. Die Außenseite der Fassade ist von der Querschiffsmauer 61,60 Meter entfernt und vom Hexagon 89 Meter."
Und Riedl kann stolz feststellen: "Der zum ersten Mal genau vermessene und in seinem Aufriss rekonstruierte Duomo Nuovo wird, wenn auch nur imaginär, für die italienische Kunstgeschichte als ein neuer gotischer Großbau von bestechender Kühnheit und Eleganz zurückgewonnen." Darüber hinaus gibt es vielfältige Erträge. Etwa: "Die neu entdeckte Unterkirche konnte... in den bauhistorischen Gesamtzusammenhang gestellt werden." Oder im Hinblick auf die Westfassade "war die Ermittlung eines fünfstufigen Planungsprozesses möglich".
Schon die äußere Gestalt des vorliegenden Titels "Band 3: Der Dom S. Maria Assunta – Architektur" stellt sich komplex dar. Denn er gliedert sich in zwei Textbände, die sich einerseits mit dem "Dombau im Mittelalter" beschäftigen, andererseits mit "nachmittelalterlichen Anbauten, Planungen und Veränderungen". Hinzu kommen noch ein Bildband und ein großformatiger Planband.
Spektakuläre Ergebnisse
Bearbeiter sind neben den beiden Herausgebern Monika Butzek und Wolfgang Loseries. Hinzu kommen deutsche, italienische und internationale Wissenschaftler. Aufgrund dieser Zusammenarbeit konnten beim Siena-Projekt schon früher spektakuläre Ergebnisse erzielt werden. Hier ist vor allem an die Aufdeckung von Fresken der Maler Francesco di Giorgio, Luca Signorelli und Bartolomeo Neroni, genannt Il Riccio, zu denken. Sie kamen im Zuge der Bearbeitung der Augustiner-Eremitenkirche S. Agostino unter der barocken Haut zum Vorschein.'
Beim Sieneser Dom oblag die Darstellung des mittelalterlichen Baugeschehens dem verstorbenen Walter Haas (Technische Universität Darmstadt) sowie Dethard von Winterfeld (Universität Mainz). Die nachmittelalterlichen Bauphasen wurden von Monika Butzek und Peter Anselm Riedl (Renaissance), Matthias Quast, Universität Heidelberg (Peruzzi-Pläne), Klaus Güthlein, Universität Saarbrücken (Barock), und Wolfgang Loseries (19./20. Jahrhundert) bearbeitet, die Nebengebäude des Doms von Salvatore Pisani (Paris) und die urbanistische Einbettung des Domensembles von Wolfgang Loseries. Den Anfang macht die umfangreiche Chronologie von Monika Butzek, die von der ersten Nennung eines Bischofs im fünften Jahrhundert bis zur Gegenwart reicht.
Heribert Vogt
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Info: "Die Kirchen von Siena". Hrsg.: Peter Anselm Riedl und Max Seidel. "Band 3: Der Dom S. Maria Assunta - Architektur". Deutscher Kunstverlag, München-Berlin 2006. 2 Textbände: 891 S. mit 82 Textabbildungen; 1 Bildband: 372 S. mit 19 Farbtafeln und 974 s/w-Abbildungen sowie 3 Grundrissen; 1 Planband mit 44 Plänen (24,5 x 28,5 cm). Leinen: 580 Euro
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