Demenzkranke Menschen brauchen emotionale Förderung
Institut für Gerontologie der Ruperto Carola misst die Lebensqualität von Demenzkranken und deren emotionale Förderung
Demenzkranke Menschen haben ein Anrecht auf Lebensqualität, und die Pflegenden sind meist auch bereit, ihnen diese zu geben. Erst recht, wenn die Kranken dadurch ruhiger und zufriedener werden. Das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg hat dazu zwei mit einer Million Euro von Bundesministerien geförderte Studien initiiert. Die eine beschäftigt sich mit der systematischen Messung von Lebensqualität bei Demenzkranken, die zweite mit deren gezielter emotionaler Förderung.
"Die medizinische und pflegerische Versorgung von Demenzkranken wird ein außerordentlich bedeutsames gesundheitspolitisches Thema werden", gab sich Instituts-Direktor Prof. Andreas Kruse beim Interview am Rande einer Fachtagung in der Aula der Neuen Universität überzeugt.
Über eine Million Menschen, so die Schätzungen von Patientenverbänden, leben mit altersbedingten Hirnleistungstörungen. Wie sieht es da in Zukunft aus?
Im Jahr 2050 werden 13 Prozent der Bürger älter als 80 Jahre sein. In diesem Alter ist das Risiko, dass Demenzen auftreten, besonders hoch. Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Erkrankten in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen wird. Allerdings: Gegen gefäßbedingte Demenzen lässt sich präventiv etwas tun durch verantwortliche Lebensführung, wie zum Beispiel richtige Ernährung, ausreichende Bewegung, wenig Alkohol, Verzicht auf Nikotin. Der gesunde Lebensstil, verbunden mit hoher geistiger Aktivität im gesamten Lebenslauf, könnte vielleicht auch das Auftreten der Symptome der Alzheimer Krankheit hinausschieben. In diesem Punkt ist weitere Forschung notwendig und wird auch derzeit intensiv betrieben.
Die Demenz ist der häufigste Grund für einen Umzug in ein Pflegeheim. Der Anteil der Demenzkranken in Heimen steigt kontinuierlich. Wir wollen deshalb jetzt schon Instrumente zur Verfügung stellen zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen in Heimen. Wir wissen, dass die Verbesserung der gefühlsmäßigen Befindlichkeit demenzkranker Menschen eine ganz zentrale Rolle bei einer guten Pflege spielt.
Blicke, Gesten, Berührungen sind oft die einzigen Kontaktmöglichkeiten mit einer Person, die unter Demenz leidet. Welche Bedeutung haben sie für die Kranken?
Demenzkranke Menschen brauchen konzentrierte Zuwendung – diese erfordert Zeit. Weiterhin benötigen sie emotional positive Erlebnisse. Die Pflegefachkräfte müssen Einblick in die Mimik demenzkranker Menschen gewinnen, um solche positiven Situationen herbeiführen zu können. Das kann das Essen sein, Vorlesen, Musik, Handarbeiten oder das Aufsuchen von Lieblingsplätzen.
Steht denn genügend Zeit dazu zur Verfügung?
Dies erfordert zunächst kluge Pflegeplanung. Zudem: Wir alle müssen uns viel intensiver mit der Frage auseinandersetzen, was wir bereit sind, finanziell in die Pflege zu investieren. Die Menschen denken viel über Krankheiten im Alter nach, aber nicht daran, dass sie auf Pflege angewiesen sein könnten. Denn nur höhere individuelle Beiträge zur Pflegeversicherung werden letztlich dazu führen, dass die Bedingungen für die Pflege kontinuierlich verbessert werden können.
Was kann bei der Pflege Demenzkranker erreicht werden?
Heute schon wird in den Heimen viel für deren Lebensqualität getan. Wir wissen auch, dass wir mit dem Instrument der Erfassung von Lebensqualität und durch stärkere Individualisierung der Betreuung und Pflege Lebensqualität und Selbstständigkeit steigern können. Demenzkranke Menschen können trotz allem viele glückliche Stunden erleben. Und wir können damit auch die Arbeitszufriedenheit bei den Pflegekräften erhöhen.
Wie bringen Sie Ihre Erkenntnisse in die Pflegeheime hinein?
Wir arbeiten nie losgelöst von den Heimen. Alle Projekte unseres Instituts zur Erfassung von Lebensqualität oder zur Gestaltung von positiven Erlebnisräumen sind in solchen Einrichtungen entstanden. Und seit einem halben Jahr richtet unser Institut kontinuierlich Weiterbildungsveranstaltungen für Pflegefachkräfte aus ganz Deutschland und den Nachbarländern aus.
Wie kann auch die häusliche Pflege davon profitieren? Die meisten Demenzkranken werden doch immer noch zu Hause gepflegt.
Wir müssten natürlich auch die pflegenden Angehörigen schulen, um ihnen Erfolgserlebnisse und einen positiven Blick auf demenzkranke Menschen in ihrer Familie zu vermitteln. Wir haben bereits an eine Kooperation mit der Deutschen Alzheimergesellschaft und den von dieser angebotenen Selbsthilfegruppen gedacht. Außerdem wollen wir eine weitergehende Förderung unserer Untersuchungen in einer dritten Stufe beantragen, um die Ergebnisse auf die Pflege zu Hause übertragen zu können.
© Rhein-Neckar-Zeitung
Rückfragen bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse
Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de