Katrin Strobel: Berufsmöglichkeiten für angehende Literaturkritiker

 

„Und was macht man dann später mal damit?“ – ein Wegweiser durch den Dschungel der Berufsmöglichkeiten für angehende Literaturkritiker

 

„Aha - nicht auch Lehramt? Und was macht man dann später mal damit?“ – diese Frage verfolgt fast jeden Geisteswissenschaftler, welcher ein Studium aufgenommen hat, das nicht von Anfang an auf ein einziges, klar definierbares Berufsbild abzielt. „Irgendwas mit Medien.“, kommt dann oft als Antwort zurück. Aber was „mit Medien“ denn eigentlich genau? Als Geisteswissenschaftler kann man sich diese Frage nicht früh genug stellen.

Als Germanist liegt es nahe, einen Beruf zu wählen, für den Sprache von enormer Wichtigkeit ist. Für Germanisten liegt somit ein breites Spektrum an Arbeitsfeldern vor. Von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, über Lektorat, Unternehmenskommunikation bis hin zu den verschiedensten Formen des Journalismus fällt die Qual der Wahl schwer. Große Unternehmen schätzen die Fähigkeiten der Geisteswissenschaftler immer mehr: neben Fachwissen lernen Philologen auch das Handwerkszeug, dieses zu übermitteln – sie setzen sich tagtäglich mit komplexen Themen auseinander, beleuchten und diskutieren diese von allen Seiten, um schließlich ihre Ideen – meist in Form von Seminararbeiten – klar strukturiert und verständlich zum Ausdruck zu bringen.

Wer Journalist werden will, verbindet dieses Handwerkszeug mit seinem Fachwissen, sei es aus einem Nebenfach oder aus der Germanistik selbst. Das folgende Kapitel soll etwas Licht in den Dschungel der undefinierbaren Berufsmöglichkeiten bringen und widmet sich einem Bereich des Journalismus, bei dem nicht nur das Handwerkszeug, sondern auch inhaltliches Wissen des Germanistikstudiums gefragt sind: es befasst sich mit der Literaturkritik.

 

Funktionen der Literaturkritik

Bereits in antiken Epen Homers (8. Jahrhundert v. Chr.) lassen sich Bemerkungen zu Mythologie, Metrik, Grammatik und Stil finden, was als frühste Formen literarischer Kritik gewertet werden kann.[1] Im Laufe der Jahre nahm die Literaturkritik einen immer bedeutenderen festen Platz im Literaturbetrieb ein und ist heute aus der Medienlandschaft nicht mehr weg zu denken. Sie gilt als „eine der wichtigsten Vermittlungsinstanzen zwischen Literatur und Lesern“[2] und erfüllt verschiedenste Funktionen, die Thomas Anz folgendermaßen definiert[3]:

1.      In ihrer informierenden Orientierungsfunktion verschafft sie einen Überblick über eine zunehmend unüberschaubare Zahl von Neuerscheinungen.

2.      In ihrer Selektionsfunktion gibt sie, erstens, durch die Auswahl rezensionswürdiger Literatur und, zweitens, durch deren explizite Bewertung potentiellen Lesern eine Entscheidungshilfe zum Kauf und zur Lektüre.

3.      In ihrer didaktisch-vermittelnden Funktion für das Publikum vermittelt sie Wissen und Fähigkeiten, die zur Lektüre solcher literarischer Texte notwendig sind, die, oft auch aufgrund ihres innovatorischen Abstands zu eingespielten Leseerwartungen, Verständnisschwierigkeiten bereiten.

4.      In ihrer didaktisch-sanktionierenden Funktion für Literaturproduzenten (Autoren, Verlage) weist sie auf qualitative Schwächen oder Stärken der publizierenden Literatur hin, um damit die Qualität zukünftiger Buchproduktion zu verbessern.

5.      In ihrer reflexions- und kommunikationsstimulierenden Funktion fördert sie das öffentliche Räsonnement über Literatur und die selbstreflexiven Prozesse innerhalb des Literatursystems.

6.      In ihrer Unterhaltungsfunktion entspricht Literaturkritik einer allgemeinen Funktion des Journalismus und speziell des Feuilletons. Sie übernimmt damit auch eine der Funktionen, die ihr Gegenstand, die Literatur, selbst hat.

 

 

Wo uns Literaturkritik täglich begegnet

Da die Literaturkritik selbst zum Bestandteil der Entertainment-Kultur, in der wir heute leben, geworden ist, ist sie in den verschiedensten Arten von Medien zu finden. Ob in Printmedien, Rundfunk, Fernsehen oder Internet – Formen der Literaturkritik begegnen dem Leser tagtäglich. Während sie in Illustrierten oder Nachrichtenmagazinen oft auf Buchtipps oder Bestsellerlisten reduziert ist[4], wandelte sich die ursprünglich vorgelesene Buchkritik im Hörfunk zu einem Format, das mit Autoreninterviews, Diskussionen oder Features bereichert wird. Eine gelungene Verbindung von Hörfunk und Internet bietet die Sendung Büchermarkt des Deutschlandfunks (www.dradio.de/portale/literatur). Online-Magazine wie Perlentaucher (www.perlentaucher.de) berichten über die neusten Strömungen der Literaturszene. Im Fernsehen informieren und unterhalten zahlreiche Programme, die an den Klassiker Das literarische Quartett (ZDF) unter Leitung von Marcel Reich-Ranicki angelehnt sind.[5]

Bei dieser schnellen Entwicklung ist es kaum verwunderlich, dass der Klassiker – die Literaturkritik im Feuilleton der Zeitung – auch mitziehen muss. Auch wenn „viele Kritiker der gedruckten Rezension noch immer den Vorrang einräumen“[6] darf der Feuilletonist nicht die Augen davor verschließen, dass neue Formen der Kritik gefordert werden in einer Zeit, in der die Leserschaft sich immer mehr zu audiovisuellen Medien hingezogen fühlt. Textsorten, mit denen sich ein Kritiker schon lange befasst, sind verschiedene Formen der Rezension, das Autorenportrait, der Essay oder das Interview. Doch heute sind auch experimentelle Kritiken in Form eines fiktiven Dialogs, eines Briefs, Rezepts oder einer Gebrauchsanweisung erlaubt.[7] Der Phantasie eines Kritikers sind kaum Grenzen gesetzt. Doch nicht nur formal, auch inhaltlich lässt sich eine Veränderung vermerken.

In seinem Vortrag über Literaturkritik im Feuilleton am Germanistischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg berichtet der Journalist und Schriftsteller Volker Weidermann, dass es in den letzten Jahren einen Ruck gegeben habe in den Feuilleton-Redaktionen der deutschen Presse. Der Chefredakteur des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht sich klar für eine ‚Modernisierung’ des Feuilletons aus. Man müsse mit der Zeit gehen und sich klar machen, dass auch Bücher wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ in den Kulturteil gehören. Ob sie nun eine gute oder eine schlechte Kritik bekämen – solche Popliteratur gehöre zu unserer Gesellschaft und dürfe nicht einfach ausgespart werden.

Nicht alle Kritiker sind dieser Meinung. Die einen sprechen sich dafür aus, dass nur ‚hohe Kunst’, also perfekt konstruierte und durchdachte Texte, einen Platz im Feuilleton verdient haben. Die anderen sind der Überzeugung, dass Literatur, die Leidenschaft im Leser weckt, viel wichtiger ist. Dementsprechend sehen dann die Texte der Kritiker selbst aus. Die einen sind für ein literaturwissenschaftlich interessiertes Fachpublikum geschaffen. Die anderen bemühen sich, auch den ‚Normalmenschen’ zu erreichen und in ihm die Leidenschaft fürs Lesen zu wecken. Fakt ist, dass sich in den letzten Jahren ein Trend zur verständlicheren Literaturkritik deutlich abgezeichnet habe, so der studierte Germanist Weidermann.

 

Reich und mächtig?

Wer nun auf Reichtum und Macht hofft, dem sei gleich vorweg gesagt: reich wird man als Literaturkritiker höchstens, wenn man die heutzutage so oft geforderte ‚personality’ mitbringt und es zum Entertainer in den Medien schafft. Ob der Grundgedanke der Arbeit eines Literaturkritikers dann aufrechterhalten werden kann, sei dahin gestellt.

Für den ‚normalen Kritiker’ sehen die Verdienstmöglichkeiten schlechter aus. Tarife variieren von 0,10 bis 1,50 Euro pro Zeile, je nach Vertrag und Art der Zeitung.[8] Redakteure sind durch ihre Festanstellung freien Journalisten gegenüber finanziell besser abgesichert. Oft verkaufen freie Journalisten ihre Artikel an mehrere Zeitungen oder betreiben die Arbeit für Feuilleton-Redaktionen als Nebenjob mit Prestigegewinn. Der, dessen Herz für die Literatur schlägt, nimmt einen geringeren Verdienst in Kauf. Genauere Informationen zu Verdienstmöglichkeiten lassen sich unter http://www.mediafon.net/printhonorare_php3 ermitteln.

Mächtig kann man als Kritiker aber in der Tat werden. Wer nämlich seine Hausaufgaben immer gut macht und es zu etwas bringt in diesem Beruf, bestimmt darüber, was die breite Masse liest – und was in den Regalen der Buchhandlungen verstaubt.

 

Wie sieht der Alltag in einer Feuilleton-Redaktion aus?

Nachdem nun Aufgaben und Funktionen der Literaturkritik beleuchtet wurden, stellt sich die Frage: wie sieht eigentlich der Alltag eines Kritikers aus?

Erstens kommt es darauf an, ob der Kritiker Redakteur ist oder Journalist. Ersterer arbeitet hauptsächlich im Büro. Er redigiert Artikel anderer, bestimmt das Layout der Seite, geht aber durchaus auch zu Außenterminen und schreibt eigene Beiträge. Der, oft freie, Journalist geht ausschließlich zu Außenterminen oder schreibt Rezensionen. Seine Artikel schickt er per E-Mail in die Redaktion, wo sie vom Redakteur in die Seite eingebaut werden.

Zweitens ist der Alltag einer Redaktion abhängig von der Art der Zeitung. Eine beispielhafte Skizze der Arbeit einer Feuilleton-Redaktion einer regionalen Tageszeitung soll nun aber erste Einblicke in die Arbeitswelt gewähren.

 

Alltag in der Feuilleton-Redaktion einer regionalen Tageszeitung

 

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

 

MORGEN/ VORMITTAG

 

 

 

E-Mails checken

Artikel schreiben über Termine vom Vorabend

Bücher für Rezension lesen

Informieren (Konkurrenzblätter lesen etc.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FREI

 

 

 

 

 

NACHMITTAG

 

hauptsächlich

Redaktions-Arbeit

 

 

14 Uhr: Beginn der Büro-Arbeit

 

Redaktionskonferenz (mit allen Ressorts)

Ressort-Konferenz (Festlegen, was auf die Seite kommt und wie diese aufgebaut wird, Aufhänger wählen etc.)

Meldungen der Presseagenturen ständig checken (im Notfall - z.B. Neuigkeiten von der Berlinale, plötzlicher Todesfall eines berühmten Autors etc. - muss die ganze Seite umgebaut werden)

Besuch von Pressekonferenzen

Recherche, Redigieren von Meldungen oder eingesandten Artikeln freier Mitarbeiter etc.

 

Ende gegen 18-19 Uhr

                      ganz            normaler_-----Arbeitstag---------------

 

 

ABEND

 

typische Arbeit eines Journalisten

 

Außentermine:

Konzert, Lesung, Theater, Filmfestival, Literaturtage, Ausstellung etc.

 

 

 

 

NACHT

 

 

 

 

Artikel schreiben; je nach Biorhythmus und Stresspegel (zur Eröffnung der Theatersaison im September ist z.B. mehr los als im Hochsommer) kann dies aber auch bis zum nächsten Morgen warten

 

 

 

Wie wird man LiteraturkritikerIn? Ausbildungsangebote

Neugierig geworden? Wer nun Kritiker werden will, sollte nicht nur das nötige literarische Hintergrundwissen und eine gute Allgemeinbildung haben, sondern auch das Feingefühl, Literatur zu deuten und den Mut, sie zu bewerten. Auch Kenntnisse der neusten Strömungen um den Kritiker herum sind absolut notwendig. Was tut sich in der nationalen und internationalen Kulturlandschaft? Gibt es neue Autoren, Festivals oder Trends? Eine gute Schreibe, die den Leser idealerweise fesselt und Lust aufs Lesen macht, rundet das Profil eines geborenen Literaturkritikers ab.

Sind diese Eigenschaften vorhanden, dann stellt sich nur noch die Frage: Wie wird man eigentlich LiteraturkritikerIn? Neben der klassischen Journalistenausbildung und einer späteren Spezialisierung, gibt es einige Studiengänge, die gezielt auf den Bereich Literaturkritik abzielen. Einige der folgenden Ausbildungsangebote stellen vielleicht den ersten Schritt auf dem Weg zu einer großen Kritikerkarriere dar.

Der Arbeit bei einer Zeitung geht nämlich meist ein literaturwissenschaftliches Studium voraus. Germanistik stellt dafür einen idealen Studiengang dar. Der häufigste Weg führt dann über Praktika, Volontariat (2 Jahre) oder freie Mitarbeit in die Redaktion, wo nach dem Prinzip learning by doing der Beruf des Journalisten erlernt wird. Wenn man in einer Zeitung Fuß gefasst hat, ist die Spezialisierung auf den Bereich Feuilleton dann nur noch der letzte Schritt zum Traumberuf. Grundsätzlich gilt: man kann nie früh genug damit anfangen, praktische Erfahrungen für den späteren Beruf zu sammeln. Hierfür bieten sich schon erste Tätigkeiten für Schüler- oder Studentenzeitungen an. Denn Praxis ist der Schlüssel zum Erfolg in einem so hart umkämpften Berufsfeld wie dem Journalismus.

Wer sich lieber auf fundiertes Fachwissen stützt bevor er sich an die eigenen Texte wagt, kann sich auf praxisorientierte Studiengänge bewerben, die ihren Schwerpunkt von Anfang an auf Literaturkritik gelegt haben.

Die Universität Bamberg bietet beispielsweise den Studiengang „Diplomgermanistik“, mit Schwerpunkt Literaturvermittlung, an. Der BA „Deutsche Sprache und Literatur“ (Uni Marburg) legt seinen Schwerpunkt auf Literaturvermittlung in den Medien, wobei erste praktische Arbeiten der Studierenden unter www.literaturkritik.de, einer Kooperation der Universitäten Marburg und Rostock, im Internet zu sehen sind. Für den BA „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ kann man sich an der Universität Hildesheim immatrikulieren. Im Anschluss an ein bereits abgeschlossenes Studium bieten sich Aufbaustudiengänge wie der MA „Angewandte Literaturwissenschaft“ (FU Berlin) oder der MA „Kulturjournalismus“ (UdK Berlin) an.

Mehr Informationen zum Thema journalistische Ausbildung und universitäre Haupt-, Neben- oder Aufbaustudiengänge in Publizistik, Kommunikations- oder Medienwissenschaft lassen sich im Internet finden.[9]

 

 

Literatur:

Anz, Thomas/ Baasner, Rainer (Hrsg.). Literaturkritik: Geschichte – Theorie – Praxis. Mit Beiträgen von Thomas Anz, Rainer Baasner, Ralf Georg Bogner, Oliver Pfohlmann und Maria Zens. München 2004.

Plachta, Bodo. Literaturbetrieb. Paderborn 2008.

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

Albrecht, Wolfgang. Literaturkritik. Stuttgart / Weimar 2001.

Neuhaus, Stefan. Literaturkritik: eine Einführung. Göttingen 2004.

Schneider, Wolf/ Raue, Paul-Josef. Das neue Handbuch des Journalismus. Reinbeck bei Hamburg 2008.

 



[1] Plachta 2008: 90.

[2] Anz/ Baasner 2004: 7.

[3] Anz/ Baasner 2004: 195 f.

[4] Plachta 2008: 101.

[5] Vgl. Plachta 2008: 99 ff.

[6] Plachta 2008: 101.

[7] Anz/ Baasner 2004: 225.

[8] Tarife nach Anz/ Baasner 2004: 220 f.

 

[9] Zum Beispiel unter www.djv.de (Deutscher Journalistenverband) oder
http://cgi-host.uni-marburg.de/~omanz/forschung/praxis/praxis_ausbildung.php (Informations- und Lernsystem Literaturkritik in Deutschland)

 

Letzte Änderung: 07.03.2011
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