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Rechtshistorikerin, Frauenrechtlerin und Politikerin

Max Webers Ehefrau Marianne erhielt für ihre Arbeit die Ehrendoktorwürde der Ruperto Carola

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Marianne Weber auf einem Gemälde von Marie Davids (1896)

Während die Namen Max und Alfred Weber in Wissenschaft und Gesellschaft allgemein bekannt sind, dürfte der Name Marianne Weber nur wenigen Experten geläufig sein. Dabei stand die Frau des Soziologen Max Weber keinesfalls im Schatten ihres Mannes. Im Gegenteil – zu ihren Lebzeiten machte sich Marianne Weber einen Namen als Rechtshistorikerin, Frauenrechtlerin und Politikerin. Damit beeinflusste sie nicht nur den Geist der Stadt Heidelberg, in der sie lebte, sondern auch den der Ruperto Carola, deren Ehrendoktorwürde sie trug.

Marianne Weber wird im Jahr 1870 in Oerlinghausen bei Bielefeld geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter, der wohl auch Ursache für eine psychische Erkrankung des Vaters ist, wächst sie bei ihrer Großmutter und Tante in Lemgo auf. 1882 geht sie nach Berlin, um sich zur Zeichnerin ausbilden zu lassen. Hier trifft sie im Hause ihrer Verwandten erstmals auf Max Weber, den sie bereits ein Jahr nach der ersten Begegnung heiratet und fortan an seine akademischen Wirkungsstätten begleitet. So zieht das Paar im Jahr 1894 nach Freiburg und drei Jahre später nach Heidelberg, wo Max Weber auf Professuren für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft berufen wird.

Das akademische Umfeld sowie die Ehe mit dem begeisterten Wissenschaftler beflügeln Marianne Weber. Obschon Frauen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland nicht zum Studium zugelassen sind, erwirkt sie bei Philosophie-Professoren in Freiburg und Heidelberg die Erlaubnis, Vorlesungen sowie Seminare zu besuchen. „Marianne Weber kommt ohne studienvorbereitende Ausbildung in die Ehe, ist aber von vorneherein wissenschaftlich interessiert und möchte im Rahmen der Möglichkeiten, die es institutionell zu dieser Zeit gibt, auch weiterkommen“, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Schluchter, Heidelberger Soziologe und Mitherausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe. In ihrem Streben nach Bildung wird sie von ihrem Mann stets unterstützt – so erscheint ihre erste schriftliche Abhandlung in einer Reihe, deren Mitherausgeber Max Weber ist.

Zu einem ersten Einschnitt in dieser auf Gleichberechtigung angelegten Ehe kommt es, als Max Weber 1898 einen schweren Zusammenbruch erleidet. Infolge einer hohen Arbeitsbelastung und wiederkehrender depressiver Verstimmungen muss er seine Lehrtätigkeit zunächst reduzieren und schließlich ganz aufgeben. Er begibt sich immer wieder in Sanatorien und reist, gemeinsam mit seiner Frau, zwei Jahre lang durch Europa. „In dieser Zeit erweist sich Marianne Weber als ungewöhnlich starke Frau, die sich ausschließlich der Gesundung ihres Mannes widmet“, so Wolfgang Schluchter. „Ohne sie hätte Max diese Zeit nicht überstanden, möglicherweise gar Selbstmord begangen, wie er in einem seiner späteren Briefe schreibt.“

Ihre Stärke stellt Marianne Weber auch nach der Rückkehr des Paares mehr und mehr unter Beweis. In Heidelberg baut sie sich eine zunehmend selbstständige Existenz auf und macht sich bald einen Namen als Rechtshistorikerin, Frauenrechtlerin und Politikerin. So veröffentlicht sie 1907 die Studie „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung“. „Ein rechtsgeschichtlich hochinteressantes Buch von hoher Qualität, das auch im Ausland wahrgenommen und unter anderem in Émile Durkheims Zeitschrift ‚L’Année Sociologique‘ rezensiert wird“, erklärt Wolfgang Schluchter. Für dieses Werk und ihre wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Verdienste erhält Marianne Weber 1922 die Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit beginnt Marianne Weber auch, sich aktiv in der bürgerlichen Frauenbewegung zu engagieren, wo sie unter anderem für die Gleichstellung der Frau in der Ehe eintritt. Obschon der politische Kampf in der ersten Reihe wohl nicht ihrem Naturell entspricht, wird sie 1919 Leiterin des Bundes Deutscher Frauenvereine und als Abgeordnete der damaligen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in die Badische Verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt. Um ihrem Mann auch außerhalb der Universität ein wissenschaftliches Forum zu verschaffen, hält sie von 1911 an einen wöchentlich stattfindenden „Jour Fixe“ für Wissenschaftler und Studenten im Weberschen Wohnhaus in der Ziegelhäuser Landstraße 17 ab. Der Gesprächskreis, der bis zum Wegzug des Paares nach München über acht Jahre lang regelmäßig stattfindet, entwickelt sich schnell zum Zentrum des Heidelberger Geisteslebens.

Nach dem überraschenden Tod Max Webers im Jahr 1920 kehrt Marianne Weber nach Heidelberg zurück und widmet sich ganz dem Erhalt und der Verbreitung des Werks ihres Mannes. Sie ediert seine hinterlassenen Manuskripte, gruppiert die hauptsächlich in Zeitschriften veröffentlichten Aufsätze zu mehreren Bänden und verfasst seine Biographie. Dadurch wird das Werk Max Webers zum ersten Mal in seiner Gesamtheit greifbar und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Im Rahmen dieser etwa sechs Jahre währenden Arbeit schafft Marianne Weber insbesondere mit der Biographie ein Werk, das Maßstäbe setzt und noch heute vielfach konsultiert wird. Gleichwohl verweist Wolfgang Schluchter darauf, dass sie in Teilen wohl auch beschönigend von ihrer Ehe spricht: So unterhält Max Weber im Laufe der Jahre durchaus intime Beziehungen zu anderen Frauen – etwa der Pianistin Mina Tobler oder der Sozialwissenschaftlerin Else Jaffé. Dennoch führten Max und Marianne Weber wohl eine innige Beziehung auf Augenhöhe – eine „Gefährtenehe“, wie Marianne Weber es rückblickend beschreibt, die „bis ins Pianissimo des hohen Alters“ andauern sollte, wie Max Weber es formuliert.

Nach Abschluss der Arbeit an Werk und Biographie ihres Mannes wendet sich Marianne Weber wieder vermehrt sich selbst zu, publiziert regelmäßig, verfasst ihr eigenen „Lebenserinnerungen“ und kümmert sich um die Kinder ihrer Schwägerin Lilli, die 1920 durch Freitod aus dem Leben geschieden war. 1924 führt sie gemeinsam mit Max‘ Bruder Alfred auch den sonntäglichen „Jour Fixe“wieder ein. Dieser entwickelt sich in der Weimarer Republik abermals „zu einem bedeutenden, geistigen Zentrum von Heidelberg“, wie Wolfgang Schluchter erläutert, und bleibt auch in der Zeit des Nationalsozialismus bestehen: Hier versammelt sich ein Kreis von inneren Emigranten zum Austausch, unter anderem Martin Dibelius, Karl Jaspers, Walter Jellinek und Gustav Radbruch – Persönlichkeiten, die sich später auch beim Wiederaufbau der Universität im sogenannten 13er-Ausschuss verdient machen. Marianne und Alfred Weber gelingt es somit, den „Heidelberger Geist“ der Gruppierung auch über Zensur und Unterdrückung hinaus zu erhalten und damit Stadt sowie Universität entscheidend zu prägen.

Nach einem bewegten Leben verstirbt Marianne Weber schließlich 1954 in Heidelberg, wo sie auf dem Bergfriedhof ihre letzte Ruhe findet. Das Webersche Haus in der Ziegelhäuser Landstraße 17, lange Zentrum des geistigen Lebens der Stadt, ist heute wieder im Besitz der Universität. Hier atmet das Internationale Studienzentrum den Heidelberger Geist, den auch Marianne Weber mitbegründete.

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Letzte Änderung: 08.01.2018
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