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Vorreiterin über ein ganzes Jahrhundert hinweg

Die Friedensforscherin Gerta Scharffenorth war die erste Frau im Rat der EKD

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Gerta Scharffenorth

Zwischen 1912 und 2012 durchlebte Deutschland verschiedene Staats- und Regierungsformen von der Monarchie über die Diktatur bis zur Demokratie, zwei Weltkriege samt Wiederaufbau, den Kalten Krieg und die Wiedervereinigung. Zu viel für ein Menschenleben, könnte man meinen – doch Gerta Scharffenorth, die im Januar 2012 100 Jahre alt wurde, hat all das miterlebt. „Wenn ich mir vergegenwärtige, welche Zeiträume ich durchlebt habe, ist das schon sehr erstaunlich“, sagt Scharffenorth, die 1956 mit 44 Jahren als alleinerziehende Mutter ein Doppelstudium der Theologie und Politologie an der Ruperto Carola aufnahm – was in der damaligen Zeit durchaus Mut erforderte.

Als Tochter eines Offiziers und Landwirts 1912 in Stuttgart geboren, wuchs Gerta Scharffenorth in Schlesien auf. Mit zwölf Jahren kam sie auf ein Internat in der Mark Brandenburg und machte 1931 als eines von wenigen Mädchen auf einem „Jungsgymnasium“ Abitur: „Ich wollte dann gerne studieren, am liebsten Medizin, aber das fanden meine Eltern unnötig, was mich ärgerte.“ Stattdessen half sie ihrem Vater bei der Bearbeitung zweier historischer Nachlässe aus dem 19. Jahrhundert, „dabei habe ich allerdings viel gelernt, was für meine spätere Arbeit nützlich war“.

1936 heiratete sie und lebte zunächst mit ihrem Mann, einem Seeoffizier, und drei Kindern in verschiedenen Städten an der Küste. Während des Kriegs kehrte sie auf das schlesische Familiengut zurück, auf dem sie auch die erste Nachkriegzeit erlebte – zunächst unter russischer, dann unter polnischer Besatzung. Ende 1946 wurden Gerta Scharffenorth und ihre Kinder schließlich in den Westen ausgesiedelt. Von ihrem Mann hatte sie sich nach dem Krieg getrennt: „Wir hatten ernsthafte Probleme, die auch politische Gründe hatten – mein Mann war keineswegs ein Nazi, eher ein Mitläufer, ich selbst hatte durch meinen Vater eine sehr kritische Einstellung zum Nationalsozialismus.“

So musste sich die junge Mutter allein durch die Wirren der Nachkriegszeit kämpfen: „Wir lebten beinahe vier Jahre in den Resten eines Bunkers in Norddeutschland“, erzählt sie. Mit kleineren Schreibarbeiten auf umliegenden Gütern sorgte sie notdürftig für den Lebensunterhalt, bevor die Familie nach Heidelberg ging. Dort arbeitet Gerta Scharffenorth zunächst in einer theologischen Bibliothek und brachte so zusammen mit der Halbwaisenrente ihrer Kinder – ihr Ex-Mann starb 1949 ­– die Familie mühsam über die Runden. „Mit 44 Jahren habe ich mich dann auf meinen ursprünglichen Plan, zu studieren, besonnen, damit ich die Chance auf einen profilierteren Beruf bekomme. Wenn man die Dinge nicht ganz übersieht, ist man noch kühner als sonst“, erinnert sie sich lächelnd. Sie entschied sich für Politologie und Theologie – „eine ungewöhnliche Kombination, die alle befremdete, aber mich interessierte das!“ – und studierte mit finanzieller Unterstützung der Studienstiftung des Deutschen Volkes und des Evangelischen Studienwerks Villigst.

 

Jahrzehntelange Arbeit in der Friedensforschung

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Foto: FEST

Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST)

In ihrer 1962 abgeschlossenen Dissertation mit dem Titel „Römer 13 in der Geschichte des politischen Denkens“ untersuchte Scharffenorth die Frage des Obrigkeitsverständnisses. Nach der Promotion übernahm sie die Leitung des Evangelischen Gemeindedienstes, des heutigen Diakonischen Werks in Heidelberg. 1966 wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, an der sie fast drei Jahrzehnte arbeitete. „Diese Arbeit in der Friedensforschung war hochinteressant und durch internationale Zusammenarbeit geprägt – das waren sehr spannende und schöne Jahre!“ Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie sich noch mit 75 Jahren überreden ließ, ein Forschungsprojekt der FEST zu übernehmen. Aus den geplanten ein bis zwei Jahren wurden dann tatsächlich noch einmal fünf Jahre, bevor sie sich mit 80 Jahren endgültig zur Ruhe setzte.

Als Vorkämpferin für die Gleichberechtigung hat sich Gerta Scharffenorth früher nicht gesehen, „aber es stimmt schon ein bisschen“, sagt sie rückblickend bescheiden. Denn zumindest in einer Hinsicht war sie tatsächlich Vorreiterin: 1970 wurde sie als erste Frau in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. Dies sei „ein nicht zu unterschätzender, wichtiger Schritt für unsere Kirche“ gewesen, schrieb der Vorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, zu Scharffenorths 100. Geburtstag. Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der EKD, deren Mitglied Scharffenorth von 1973 bis 1979 war, bezeichnete sie als „Pionierin auf dem Weg evangelischer Frauen in Leitungsgremien unserer Kirche“. 1989 erhielt Scharffenorth das Bundesverdienstkreuz.

Stolz ist die rüstige 100-Jährige, die sich mit einem täglichen Spaziergang körperlich fit hält, aber vor allem darauf, „dass ich es riskiert habe, in fortgeschrittenem Alter zu studieren, und dann auch noch ein anstrengendes Doppelstudium! Aber mein Leben ist eben so verlaufen, dass ich immer wieder vor unerwarteten Aufgaben stand“. Jetzt genießt sie ihren Ruhestand mit drei Kindern, sieben Enkeln und acht Urenkeln – und ab und zu einer philosophischen Diskussion, bei der sie auch mit nun bald 101 Jahren noch Jedem problemlos gegenhalten kann. (2012)

Im Dezember 2014 starb Gerta Scharffenorth wenige Wochen vor ihrem 103. Geburtstag.

E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 09.12.2014
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