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Vergil – bis heute aktuell

8. Februar 2007

Rezension zum Buch des Heidelberger Altphilologen Prof. Michael von Albrecht – Profunde Analyse der drei wichtigsten Werke des antiken Dichters – Einblicke in die Welt nach den römischen Bruderkämpfen zwischen Cäsar und Pompeius – Anspruchsvoller und detaillierter Zugang zur Lektüre Vergils


'Vergil: Beginn der Bucolica' aus dem Jahre 1473 oder 1474. (Cod. Pal. Lat. 1632, Fol 3r)  
Die dem Titel des besprochenen Buches entnommene Abbildung zeigt einen Ausschnitt des in Heidelberg entstandenen Kunstwerks 'Vergil: Beginn der Bucolica' aus dem Jahre 1473 oder 1474. (Cod. Pal. Lat. 1632, Fol 3r)

Vergil gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Dichtern der Weltgeschichte. Dabei hat das Werk des im Jahre 70 vor Christus geborenen Römers auch heutigen Lesern eine schier unerschöpfliche Fülle dichterischer Tiefe zu bieten. Denn ungeachtet des zeitlichen Abstands von mehr als zwei Jahrtausenden ähneln sich die realen Hintergründe von einst und heute auf erschreckende Weise, wie der Heidelberger Altphilologe Michael von Albrecht in seiner fundierten Einführung zu Vergil und dessen drei wichtigsten Werken meint. Denn damals wie heute beherrscht eine große Sehnsucht nach Frieden die Welt, wobei der einstige Kosmos des Römischen Imperiums – das Kontinente überspannte – mit der gegenwärtigen Globalisierung durchaus zu vergleichen ist.

Publius Vergilius Maro – am 15. Oktober 70 v. Chr. in Andes bei Mantua geboren – entstammte keineswegs einer gehobenen Familie, auch wenn der Vater sich wohl durch Fleiß und Mühe eine gesicherte Stellung hatte erarbeiten können, was dem Sohn eine solide literarische Ausbildung ermöglichte. Eine starke Naturverbundenheit und ein gleichzeitiger Mangel an nebulös-hochtrabenden Formulierungen sind auch aus diesem Grund der einfachen Herkunft Vergils stilistische Markenzeichen. Der Dichter selbst war zudem Zeit seines Lebens eine sehr scheue Erscheinung, die sich weder für populistische Auftritte noch für prominente öffentliche Ämter begeistern konnte.

All dies hinderte Vergil indes nicht, mit sensibler Feder zu verarbeiten, was um ihn herum vorging. "Der erste Grund, Vergil zu lesen, ist die Tatsache, dass er den Pulsschlag der Zeit feinhörig wahrnimmt, einer Epoche, die nicht weniger zerrissen war als die unsrige", meint der Heidelberger Emeritus in diesem Zusammenhang. Weiterhin verweist der Autor aber auch auf die Fähigkeit Vergils, fesselnde Geschichten zu schreiben, sie selbst jugendliche Leser oder Zuhörer in ihren Bann zu ziehen vermögen. Denn Vergils Sprache ist eine schlichte, die mit einfachen Mitteln großes leistet: "Während andere ihre innere Armut mit stilistischem Flitter aufputzen, sagt Vergil mit scheinbar gewöhnlichen Vokabeln Ungewöhnliches. So gewinnt jedes Wort seinen vollen Klang und die Frische des Ursprünglichen."

Entsprechend realitätsbezogen sind die verarbeiteten Themen, die sich auch mit dem Ziel beschäftigen, wie Menschen angesichts der harten Wirklichkeit friedlich zusammenleben können. Dabei bemühte sich der Dichter auch um eine neue römische Identität, die nach den Eroberungen und den Bruderkämpfen – Vergil hatte die Auseinandersetzung zwischen Cäsar und Pompeius noch als Jugendlicher erlebt – eine harmonischere Dimension bekommen sollte. Das Leid dieses Bruderkriegs klingt noch in der Aeneis nach, in der sich die Aufforderung ‚Wirf die Waffen aus der Hand, du mein Blut' findet – ein klangvoller Appell für die Eintracht.

Eine Beschäftigung mit der Aeneis oder auch mit Vergils Bucolica und Georgica ist also nicht nur ein literarisch sehr lohnendes Unterfangen, sondern auch eines, das Türen aufstößt in die römische Geschichte, die Vergils Gegenwart war. Eine fundierte, recht anspruchsvolle Hinführung hierzu liegt nun bereits in einer zweiten Auflage vor. Michael von Albrecht geht dabei – und dies erleichtert die Orientierung ungemein – sehr methodisch zur Sache, und nimmt sich die drei Werke nach stets identischer Abfolge der Gesichtspunkte vor: Aufbau, Gattung und Vorgänger, literarische Technik, Sprache und Stil, Literaturtheorie, Überlieferung und das – bei diesem Klassiker Europas besonders reich vorhandene – Fortwirken.

Dies erleichtert den Zugang zur Thematik, wie auch das spätere Wiederfinden bestimmter Passagen, was gerade Studierenden und Lehrenden zugute kommt. So findet der Leser jeweils eine profunde Erklärung der Originaltexte – und zwar Ekloge für Ekloge, Buch für Buch. Solcherart kommen die Hirtengedichte der Bucolica ebenso zur Sprache wie die didaktische Dichtung zum Landbau aus der Georgica, bevor mit den zwölf Büchern der Aeneis der große Bogen zur griechischen Dichtung vorgenommen wird – immerhin vereint die Aeneis die beiden bedeutenden griechischen Ausgangswerke: die Odyssee und die Ilias. Dabei bemüht sich Vergil, die Griechen – unter deren kultureller Überlegenheit die Römer stets litten – regelrecht zu überwinden. Indes ist der historische Rahmen in Vergils Werk wesentlich weiter aufgespannt – Troia "ist wie bei Odysseus der Ausgangspunkt der Irrfahrten, aber Rom, dessen Name betont am Ende des ersten Abschnitts steht (...), das in der Zukunft liegende Fernziel", fasst Michael von Albrecht das Thema des letzten von ihm im Buch behandelten Vergil-Werks zusammen.

Letzten Endes gelingt dem Heidelberger Autor somit nicht nur eine gehaltvolle Einführung in die aktuellen Hauptprobleme der Vergil-Forschung, sondern – vor allem auch wegen seiner weiterführenden Bibliographie – eine verlockende Anregung, sich mit den Details des Werks zu beschäftigen. Zwar setzt der Autor eine umfangreiche Kenntnis des Originals voraus – idealerweise natürlich in lateinischer Sprache – und auch der Stil des 235 Seiten umfassenden Buchs ist dem Thema angemessen wissenschaftlich gehalten. Doch tut dies der Faszination Vergils, der der Autor ganz augenscheinlich schon vor langer Zeit erlag, keinen Abbruch. Michael von Albrecht schafft es zudem, diese Faszination auch beim interessierten Leser zu wecken. Dass dabei mehr als zwei Jahrtausende zwischen dem Dichter und dem Publikum von heute liegen, tut kaum etwas zur Sache.

Heiko P. Wacker


Michael von Albrecht: Vergil: Bucolica – Georgica – Aeneis. Eine Einführung. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2007, Reihe: Heidelberger Studienhefte zur Altertumswissenschaft, 2., unveränd. Aufl., 235 Seiten, kartoniert, ISBN 10: 3-8253-5265-X, ISBN-13: 978-8253-5265-3, 19 Euro



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