Innovationen in sozialen Dienstleistungen - Empfehlungen für zukünftige Forschung und Entwicklung

Das von der Europäischen Union finanzierte Forschungsprojekt „INNOSERV – Social Platform on Innovative Social Services“ steht kurz vor seinem Abschluss. Im Rahmen des Institutsabends berichtete nun Professor Dr. Johannes Eurich über die Ergebnisse und stellte Empfehlungen für eine zukünftige Forschungs- und Entwicklungsagenda vor.

Das unter der Projektleitung des Diakoniewissenschaftlichen Instituts und in Kooperation mit elf weiteren europäischen Partnern durchgeführte Forschungsprojekt förderte eine ganze Reihe zentraler Trends zutage. Über einen Bottom-Up-Ansatz wurden im Gespräch mit relevanten Stakeholder-Gruppen und nach ausführlichen Diskussionen mit Vertretern aus Wissenschaft und Praxis sieben Themenfelder für die Weiterentwicklung von Innovationen im Bereich sozialer Dienstleistungen identifiziert:

1) Nutzerzentrierte Dienstleistungen und Ansätze

Nutzerzentrierte Dienstleistungen und Ansätze konzentrieren sich auf die paradigmatische Verlagerung hin zum Nutzer, auf Nutzerpartizipation bei der (Neu-)Gestaltung von Prozessen, die Veränderung der Rollen und Funktionen von Akteuren und nicht zuletzt eine Reflexion und die Neuentwicklung der Kompetenzen von Akteuren/innen, Nutzern/innen und Freiwilligen.

2) Innovationen und die Entwicklung von Organisationen und Institutionen

In diesem Themenbereich wird analysiert, wer für das Anschieben eines Innovationsprozesses verantwortlich ist und wie ein gesellschaftlich wünschenswerter Wandel konzipiert, nutzbar gemacht und ausgerichtet werden kann: Es geht um Ressourcen, Veränderungsmodelle, Initiatoren und Treiber des Wandels.

3) Programmatische und konzeptionelle Rahmung sozialer Dienstleistungen in Bezug auf Innovation

Das dritte Thema befasst sich mit Schlüsselwerten und der Art und Weise, wie die Politik-Diskurse Innovationen rahmen. Es werden gesellschaftliche und politische Bedürfnisse definiert und Probleme und Kernprinzipien in der Gestaltung sozialer Dienstleistungen identifiziert. Es untersucht die Operationalisierung weiter gefasster institutioneller Beziehungen und wie diese die Identifizierung gesellschaftlicher Bedürfnisse sowie die schlussendliche Bereitstellung von Dienstleistungen beeinflussen.

4) Governance und Steuerung innovativer sozialer Dienstleistungen

Die „Governance und Steuerung innovativer sozialer Dienstleistungen“ unterliegt aktuell raschem Wandel, und wird unter anderem wegen neuer Formen von Anbieterorganisationen und neuer Formen (staatlicher) Steuerung immer komplexer. Es umfasst Unterthemen wie Einführung marktförmig orientierter Instrumente und Wettbewerb, Privatisierung, Standardisierung und Versäulung von Dienstleistungen, bei gleichzeitigen sektor-, bereichs- und disziplinübergreifenden Ansätzen, die mit ersteren in Konflikt geraten können oder aber gleichzeitig genutzt werden können, um solche Konflikte zu überwinden.

5) Der Einfluss nationaler, regionaler und lokaler Rahmenbedingungen

Soziale Innovationen sind stets in einen kulturellen Kontext eingebettet. Lokale Dienstleistungsstrukturen verweisen auf nationalstaatliche Rahmenbedingungen sowie auf örtliche oder regionale Behördenverantwortung bzw. kommunale Verwaltungen. Unterthemen erfassen kulturelle Faktoren als Hemmnis oder Förderer, die Fähigkeit von Systemen Innovationen hervorzubringen und nachhaltig abzusichern, bis hin zum Problem der Übertragbarkeit von Innovationen sozialer Dienstleistungen. Während die Analyse kultureller/lokaler Faktoren und ihr Einfluss hilfreich ist, um die Nachfrage nach Dienstleistungen in bestimmten Gegenden besser zu bestimmen, was für die Entscheidungsträger der Planung und Erbringung sozialer Dienstleistungen wichtig ist, ist die Politik der entscheidende Einflussfaktor, die die Fähigkeit von Systemen bestimmt, Innovationen zu ermöglichen und zu erhalten.

6) Neue Technologien (technologischer Fortschritt und Innovation in sozialen Dienstleistungen)

Dieser Forschungsschwerpunkt adressiert die Auswirkung neuer Technologien auf Organisationen, Professionelle und Nutzer, und die Interaktionen zwischen ihnen: es geht um den (niedrigschwelligen) Zugang zu Dienstleistungen, elektronische Kommunikations-(remote)- und Unterstützungstechnologien, und insbesondere die Integration neuer Technologien in den Prozess sozialer Dienstleistungen.

7) Wirkungsmessung, Qualität und Herausforderungen.

Fragen zur Verbesserung sozialer Dienstleistungen für den Nutzer und den Anbieter bis hin zur gesellschaftlichen Ebene, mit dem gleichzeitigen Fokus auf der Frage, wie man diese Verbesserung und mögliche unbeabsichtigte Effekte überhaupt messen kann, stehen im Zentrum des siebten und letzten Forschungsthemas.

Die diskutierten Themen und spezifischen Problemstellungen sollen zusammen mit den Videoportraits den Austausch zwischen Wissenschaftlern, Praktikern und Entscheidungsträgern rund um das sich abzeichnende Feld der Innovation sozialer Dienstleistungen und anderen damit verbundenen Debatten anregen. Die Forschungsagenda demonstriert trotz ihres Fokus auf einige ausgewählte Fragestellungen die breite Palette von Aspekten, die sich mit diesem neuen thematischen Schwerpunkt ergeben. Die Forschungsagenda hebt außerdem hervor, wie komplex die Innovation sozialer Dienstleistungen ist und wie sie auf unterschiedlichsten Ebenen erfolgt: auf der Mikroebene einzelner Akteure und Organisationen, auf der Mesoebene organisationaler Felder, auf der Makroebene politischer Regulierung, und schließlich auf der Ebene des sozialen Wandels insgesamt. Aufgrund dieser Reichweite und dieser Perspektive sind wir der Überzeugung, dass Innovation sozialer Dienstleistungen ein fruchtbares Feld wissenschaftlicher Untersuchung darstellt, welches Disziplin-, Forschungs- Praxis- und Politikgrenzen überschreitet und als übergreifend zu verstehen ist. In dieser Hinsicht ist die Studie durch eine Vielfalt möglicher Forschungsansätze und Forschungszugänge gekennzeichnet.

Die Forschungsagenda wirft Fragestellungen auf, die der weiteren Untersuchung und Bearbeitung bedürfen. „Innovationen in sozialen Dienstleistungen“ sind, so machten die mit zahlreichen Praxisbeispielen angereicherten Ausführungen und die sich an das Referat anschließende Diskussion deutlich, auch für Diakonie und Kirche ein Thema von zentraler Relevanz und strategischer Reichweite.

Die Forschungsagenda sowie weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie im Internet unter www.inno-serv.eu.

Institutionsabend2014
 
Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 27.04.2016
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