Erweiterung des HGV um bibliographische Nachweise vorhandener Übersetzungen und Übersetzung der in BGU I-IV enthaltenen griechischen Texte

1. Zielsetzung

Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts ist es, im Rahmen des Heidelberger Gesamtverzeichnis der griechischen Papyrusurkunden Ägyptens (HGV) interessierten Nutzern Übersetzungen von griechischen Papyrusurkunden aus dem antiken Ägypten möglichst in elektronischer Form, zumindest aber über bibliographische Verwiese zugänglich zu machen. Primäre Zielgruppe sind hierbei Wissenschaftler und Studierende der Klassischen Altertumswissenschaften, deren Kenntnisse des Altgriechischen (bzw. der in den Papyri verwendeten Fachsprache) nicht ausreichen, um eigenständig und mit vertretbarem Aufwand einen Papyrustext im Original lesen zu können. Aber auch interessierten Laien, die über die mittlerweile recht breit vorliegenden Sammlungen repräsentativer Texte mit Übersetzungen einen Einstieg in diese Textgattung gefunden haben, soll so die Vertiefung ihrer Kenntnisse ermöglicht werden.


2. Vorgehen

a. Einarbeiten schon vorhandener Übersetzungen ins HGV

Zwar ist in der Papyrologie schon früh die Übersetzung in eine moderne Sprache zum standardisierten Bestandteil einer Textedition geworden, aber in den Anfangsjahren wurden viele Originale in äußerst kargen Editionen vorgelegt, die lediglich in der Transkription der Texte bestanden und auf jeglichen Komfort für den Benutzer (wie Beschreibung des Papyrus, Kommentar, Übersetzung, Abbildung) verzichteten. Zu verweisen ist hier vor allem auf BGU I-IV, aber auch in anderen wichtigen älteren Sammlungen wie P. Lond. I-III, P. Grenf. I-II oder den Bänden der PSI fehlen Übersetzung ganz oder teilweise. Zwar sind von einer Reihe dieser Texte seit der Frühzeit der Papyrologie, d.h. seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Übersetzungen angefertigt und im Rahmen von in speziellen Sammlungen, Source Books oder auch in wissenschaftlichen Abhandlungen veröffentlicht worden. Es ist aber nicht leicht, sie zu lokalisieren, da sie in Bibliographien nur unzuverlässig Aufnahme und in Handbüchern nur selten Beachtung gefunden haben.

Der erste Arbeitsbereich des Projekts besteht daher darin, in einem ersten Schritt das HGV systematisch um bibliographische Nachweise vorhandener Übersetzungen in den etablierten Wissenschaftssprachen (also Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch) zu ergänzen. Danach sollen diejenigen Übersetzungen, bei denen das urheberrechtlich möglich ist, in digitalisierter Form ins HGV eingebunden werden.


b. Übersetzung der Urkunden in BGU I-IV

Ein besonders eklatantes Beispiel für die oben geschilderte frühe Publikationspraxis sind die vier ersten monumentalen Bände der Reihe Ägyptische Urkunden aus den Königlichen Museen zu Berlin. Griechische Urkunden (BGU) aus den Jahren 1895 bis 1912. Aus Kostengründen sind in ihnen nach den handschriftlichen Transkriptionen der Bearbeiter die 'nackten' griechischen Texte lithographiert und nur mit den allernötigsten Erläuterung versehen worden. Eingehendere Kommentare oder gar Übersetzungen fehlen. Benutzer, die keine ausreichenden Erfahrungen im Umgang mit Papyri haben, können diese Quellen daher heute kaum noch rezipieren. Trotz der abschreckenden Präsentation haben die insgesamt 1209 Texte in der Papyrologie eine so eminente Stellung, daß der bedeutende amerikanische Papyrologe Herbert C. Youtie sie einmal als „backbone of modern papyrology" bezeichnen konnte.

Im zweiten - deutlich aufwendigeren - Arbeitsbereich werden deshalb Übersetzungen dieser Papyri in englischer und deutscher Sprache angefertigt und über das HGV zugänglich gemacht. Hierbei werden zunächst inhaltlich verwandte Texte zu Gruppen zusammengestellt, da eine gemeinsame Übersetzung nicht nur einen effizienteren Einsatz der Arbeitszeit ermöglicht, sondern auch zu einer höheren Konsistenz der Übersetzungen beiträgt. In einem zweiten Schritt wird eine möglichst aktuelle Textgrundlage erstellt, indem systematisch die in der Berichtigungsliste (BL) zugänglich gemachten Korrekturen eingearbeitet werden. Hierbei profitiert das Projekt erheblich von den Vorarbeiten in der Duke Databank of Documentary Papyri (DDBDP), da gerade für BGU I-IV in den online zur Verfügung gestellten Texten der Datenbank schon eine große Zahl von Berichtigungen eingearbeitet ist.

Zudem ergeben sich, wie die Erfahrungen der ersten Monate gezeigt haben, mit der Übersetzung immer wieder auch neue Korrekturen zu den Texten. Diese resultieren unter anderem aus dem Bestreben, möglichst für den gesamten Text und damit auch für Passagen, die man bei der Beschäftigung mit einem bestimmten Sachthema zu Recht als unwesentlich beiseite lassen kann, eine übersetzbare Textgestalt zu finden. Die hierbei erzielten Berichtigungen reichen von schon früher vorgeschlagenen, aber in der BL übersehenen oder aus Gründen des Aufwands nicht im Einzelnen aufgenommenen Korrekturen über die Entscheidung für eine ältere Lesung des Textes bis hin zu neuen Vorschlägen zur Lesung und Ergänzung. Sie betreffen in der Regel Kleinigkeiten, sind aber zum Teil für das Textverständnis von Bedeutung und reichen bis hin zur Neuedition einzelner Texte. Die Ergebnisse sollen in regelmäßigen Abständen in 'traditioneller' (d.h. gedruckter) Form veröffentlicht werden.

Die von uns in dieser Weise überarbeiteten Texte bilden die Basis für die Übersetzungen, die im letzten Schritt der Bearbeitung in mehreren Phasen über das HGV im Internet zur Verfügung gestellt werden. Wir planen nicht, die überarbeiteten griechischen Texte in unsere Internet-Präsentation eigens mit einzubinden. Wir würden uns aber darüber freuen, die Ergebnisse unserer Arbeit interessierten Wissenschaftlern und Institutionen auf Anfrage zur Verfügung zu stellen.

Neben der reinen Übersetzung werden auch begrenzte Sachkommentare für das Testverständnis erforderlich sein. Zentral sind hier Erläuterungen technischer Begriffe oder von Amtsbezeichnungen, die wenn möglich übersetzt werden, in einigen Fällen aber mangels einer treffenden Möglichkeit der Wiedergabe transkribiert (und erklärt) werden müssen. Daneben sollen Stichwörter, wo möglich, mit schon existierenden Datenbanken verlinkt werden (so Ortsnamen aus dem Arsinoïtes mit dem Fayum Villages Projekt in Leuven). Schließlich ist es manchmal nötig, eine schwierige Passage nicht nur zu übersetzen, sondern den zugrundeliegenden Gedankengang auch näher zu erläutern, um dem Leser den Weg vom Original zur Übersetzung transparent zu machen.


3. Zuschnitt des Projekts

Das Projekt begann im Juli 2005 und wird voraussichtlich im Juni 2007 abgeschlossen sein. Die Arbeiten werden von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern - Dr. James M. S. Cowey und Daniel Kah - sowie von einer studentischen Hilfskraft - zur Zeit Alexander Puk - durchgeführt.


4. Zusammenarbeit mit externen internationalen Institutionen

Seit Anfang 2005 besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen der DDBDP und dem HGV. Ziel ist eine eindeutige wechselseitige Zuordnung der Einträge in beiden Datenbanken. Das wird die Koordination von Links zwischen der DDBDP, dem HGV und anderen Datenbanken wesentlich vereinfachen. Ähnlich ausgerichtet ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen papyrologischen Datenbankenn an der Universität Leuven (Leuven Database of Ancient Books - LDAB, Prosopographia Ptolemaica, Multilingualism and Multiculturalism in Graeco-Roman Egypt). Hierbei wird jedem Papyrus eine eindeutige text identification number (tex_id) zugewiesen. Der Datenabgleich der Texte in Leuven mit denen im HGV ist bereits abgeschossen. Die tex_id sollte es erheblich erleichtern, die existierenden papyrologischen Datenbanken zuverlässig untereinander zu verlinken. Diese umfassen die DDBDP, das HGV und die oben aufgeführten Datenbanken in Leuven sowie das APIS (Advanced Papyrologial Information System), das darauf abzielt, die Bestände verschiedener Papyrussammlungen weltweit durch die Online-Präsentation von digitalen Bildern und Metadaten zugänglich zu machen.
Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 23.07.2009
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