Projekt "Edition der Papyri des Dionysios-Archivs"
Mitarbeiterin: Dr. Charikleia ArmoniZiel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts ist die wissenschaftliche Edition aller publikationswürdigen Papyri einer Gruppe ptolemäischer Papyri, die im Jahre 1999 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft erworben werden konnten. Sie soll alle in papyrologischen Editionen heute zum festen Standard gehörenden Teile umfassen, nämlich eine sorgfältige Transkription des griechischen Texts der Papyri, einen Zeilenkommentar, in welchem Detailfragen sowohl der Lesung als auch der historischen und philologischen Interpretation diskutiert werden, eine Übersetzung ins Deutsche, sowie eine Würdigung des Beitrags, den die einzelnen Texte zur Vermehrung unserer Kenntnis des ptolemäischen Ägypten leisten.
Wichtigster Bestandteil der Textgruppe sind die Papyri des Dionysios-Archivs, zu dessen Erschließung auch bereits Vorarbeiten (s. unten) geleistet worden sind. Diese Texte sind von eminenter historischer Bedeutung, weil sie über die üblichen neuen Informationen hinaus, die grundsätzlich alle Papyri zu Fragen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Antike enthalten, in geradezu einmaliger Weise Aufschluß über die Verwaltungspraxis auf Gauebene im ptolemäischen Ägypten geben. Es bietet sich daher an, sie zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Studie über die Rolle des Königlichen Schreibers innerhalb der ptolemäischen Beamtenhierarchie zu nehmen.
Beschreibung der Heidelberger Papyri des Dionysios-Archivs
Je nach Dokumentenart lassen sich die Papyri in zwei Gruppen unterteilen: Zum einen
in Texte, die in der Form von Eingaben entweder vom jeweiligen Petenten direkt an
Dionysios adressiert sind bzw. mittels anderer Funktionäre an ihn weitergeleitete
Gesuche darstellen (Gruppe I). Charakteristisch für diese Gruppe sind die meistens zwischen den Zeilen des Haupttexts
plazierten, aus dem Büro des Königlichen Schreibers - vielleicht sogar von der Hand
des Dionysios selbst - stammenden Vermerke, in welchen den Schreibern des Amtes die
Anweisung erteilt wird, verschiedene Funktionäre oder auch das Königspaar (Ptolemaios
VI. und seine Schwestergemahlin Kleopatra II.) über den Inhalt der eingegangenen
Schreiben zu informieren. Gemäß diesen Anweisungen werden zunächst auf der Rückseite
der Texte der Gruppe I
Entwürfe von Berichten abgefaßt, die im Zuge des Archivierungsvorgangs auf separaten
Blättern in Kolumnen abgeschrieben und in den Akten des Königlichen Schreibers aufbewahrt
werden (Gruppe II).
Nachdem die Richtigkeit ihrer Angaben kontrolliert und entsprechend im Text vermerkt
wird, dienen diese zweiten Entwürfe als Vorlage für die amtlichen Berichte, welche
an die jeweiligen Adressaten geschickt werden.
Es folgt eine nach Gruppen geordnete Aufzählung der betreffenden Papyri mit kurzer
Inhaltsangabe:
Gruppe I
P.Heid. inv. 5004: An Dionysios adressierte Eingabe eines Königlichen Bauern wegen
illegalen Feldabweidens.
P.Heid. inv. 5013: An Dionysios gerichtete Petition der Gänsehirten aus Tinteris wegen
Amtsmißbrauchs eines Finanzbeamten.
P.Heid. inv. 5005: Vom Dorfschreiber an Dionysios weitergeleitete Anzeige wegen Einbruchs
mit Diebstahl im Quartier eines Kleruchen.
P.Heid. inv. 5015: Fragmentarische Eingabe an Dionysios wohl wegen einer Steuerangelegenheit.
P.Heid. inv. inv. 5018: Fragmentarischer Text über eine auch den Epimeletes betreffende
Angelegenheit.
P.Heid. inv. 5019: Fragmentarischer Text über eine Geldangelegenheit, in die auch
der Stratege involviert ist.
P.Heid. inv. 5014: Fragmentarische Eingabe aus dem Priestermilieu.
Gruppe II
P.Heid. inv. 5006: Bericht an den König und die Königin bezüglich des Amtsmißbrauchs
eines Dorfbeamten. Reste eines weiteren Berichts wegen einer Bauangelegenheit.
P.Heid. inv. 5007: Entwürfe zu zwei an einen Polizeibeamten adressierten Berichten
wegen Einbruchs mit Diebstahl.
P.Heid. inv. 5016: Fragmentarischer Entwurf zu einem Bericht an denselben Beamten
bezüglich eines Diebstahls.
P.Heid. inv. 5031: Fragmentarischer Entwurf zu einem Schreiben an den Epimeletes.
P.Heid. inv. 5010: Entwurf eines Berichts an die Flußpolizei bezüglich eines Raubüberfalls
auf einem Schiff.
P.Heid. inv. 5008: Fragmentarischer Entwurf eines Berichts wegen Sachbeschädigung.
P.Heid. inv. 5012: Stark fragmentarischer Entwurf eines Berichts.
P.Heid. inv. 5009: Schreiben des Dionysios an Sarapion. Diese Person ist vermutlich
mit dem amtierenden Dioiketes zu identifizieren.
P.Heid. inv. 5011: Entwurf eines Schreibens, das eine juristische Angelegenheit betrifft.
Erwähnung des Chrematistengerichts und der selten belegten Institution des Katalogeion.
Skizze der Studie über die Rolle des Königlichen Schreibers in der Gauverwaltung
Abgesehen von zahlreichen gattungsgeschichtlich und philologisch bemerkenswerten Gesichtspunkten,
die im Rahmen der Edition der einzelnen Dokumente zu behandeln sind, bieten sich
die Texte des Dionysios-Archivs als Ausgangspunkt zur Untersuchung eines breiteren
Themenkomplexes an, nämlich der systematischen Analyse von Strukturen ptolemäischer
Zivilverwaltung. Trotz des beträchtlichen Umfangs des bereits publizierten Materials
aus dieser Periode wurde diese Thematik im Rahmen papyrologischer und historischer Untersuchungen bislang nur in geringem Maß behandelt. Dieser Umstand scheint zum
Teil mit der Spezifik der zu untersuchenden Frage verbunden zu sein: Nicht nur im
Laufe der Zeit eingetretene Umstrukturierungen im Verwaltungsapparat, sondern auch
wesentliche ortsspezifische Unterschiede in der Organisation der einzelnen Ämter
sowie der in den meisten Fällen nur unzulänglich zu umgrenzende Kompetenzbereich
der verschiedenen Beamten erschweren die Ermittlung von Dispositionsprinzipien in
der Administration des ptolemäischen Ägypten. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Besonderheit der
zur Verfügung stehenden Dokumentation, in der zwar zahlreiche Einzeltexte, welche
mannigfaltige Aspekte des Verwaltungswesens ansprechen, zu finden sind, in der aber
bedeutsame Amtsarchive nur mit einigen wenigen Beispielen vertreten sind.
Umso sinnvoller erscheint vor diesem Hintergrund die intensive Auseinandersetzung
mit dem Heidelberger Amtsarchiv des Königlichen Schreibers Dionysios, des Inhabers
eines Amtes, das in jüngster Zeit das wissenschaftliche Interesse mehrfach erweckt
hat. J. F. Oates hat in einer einführenden Studie mit dem Titel "The Ptolemaic Basilikos
Grammateus", Atlanta 1995 (= BASP Suppl. VIII) den Großteil der diesen administrativen
Posten betreffenden Dokumente in chronologisch sowie geographisch geordneten Listen
dargelegt und gleichsam die Grundlage für eine detaillierte Untersuchung des Amtes geschaffen.
Für die römische Zeit hat Th. Kruse die Schlüsselfunktion, welche dem Amt des Königlichen
Schreibers für die Ermittlung von Strukturen der Gauverwaltung zukommt, erkannt und
in seiner zweibändigen Monographie ausführlich dargestellt. Schließlich haben die
von P. Sarischouli und E. Salmenkivi vorgenommenen Publikationen einer Reihe von
Texten aus der Berliner Sammlung die Archive zweier Königlicher Schreiber aus dem
Herakleopolites des 1. Jhs. v.Chr. zugänglich gemacht.
Gegenüber den bislang edierten Quellen, die das Amt des basilikos grammateus
betreffen, stellen die Heidelberger Dionysios-Papyri (sowie Dokumente des in Mailand
aufbewahrten Teils des Archivs) bezüglich ihres Inhalts ein Novum dar. Während nämlich
die restliche Dokumentation dem Königliche Schreiber die Stellung eines hohen Gaubeamten
im Fiskalbereich zuwies und als sein Betätigungsfeld die Vermessung des bewirtschafteten
Landes, das Steuerwesen oder die Verwaltung der königlichen Getreidespeicher mit
mehreren Beispielen bezeugte, kommen durch das Dionysios-Archiv Texte ans Licht,
welche die basilike grammateia
als eine in (direkt an sie adressierten oder über andere Dienststellen an sie weitergeleiteten)
Eingaben verschiedensten Inhalts angegangene Behörde erscheinen lassen. Insgesamt
entsteht der Eindruck, daß (zumindest um die Entstehungszeit der Dokumente und wenigstens
im nomos
Herakleopolites) der Kompetenzbereich eines Königlichen Schreibers weit über die Pflege
rein fiskalischer Interesse hinaus erstreckte. Die neuen Papyri lassen nämlich den
basilikos grammateus
als einen zentralen Posten innerhalb der Gauverwaltung erscheinen, dessen Funktion
zum Teil als die eines der Betreuung mannigfacher Angelegenheiten zugewandten Bindeglieds
zwischen Bevölkerung und anderen administrativen oder polizeilichen Dienststellen
definieren läßt. Anhand der im Archiv belegten Korrespondenz des Dionysios mit diversen
Staatsbediensteten (namentlich mit dem Dioiketen, dem Strategen, dem Epimeleten,
dem Topo- und Komogrammateus, dem Epistates Phylakiton) läßt sich Aufschluß über
den Aufbau der gesamten Gauverwaltung erhoffen.
Einen wichtigen Teil dieser Korrespondenz und zugleich eines der interessantesten
Fakten, die uns das Archiv zuteil werden läßt, bilden die Berichte, die im Büro des
Dionysios für das regierende Königspaar verfaßt wurden. Ein solches Vorgehen, daß
nämlich die Herrscher in Alexandrien über die zunächst mittels Eingaben oder Anzeigen
der Beamtenschaft bekannt gewordenen enchorischen Vorfälle zu informiert wurden,
war bislang für die ptolemäische Zeit unbekannt. Umso mehr fällt dieser erstmalig
bezeugte Umstand ins Gewicht, wenn man die anderweitig belegten innenpolitischen Entwicklungen der
Zeit bedenkt: Denn verwaltungsgeschichtlich ist das 2. Jh. v.Chr. geradezu von einer
Dezentralisierung der Macht gekennzeichnet; Schwächung der Monarchie und Zuwachs
der Autonomie der lokalen Beamtenschaft, die mit immer mehr Befugnissen ausgestattet
wird, gelten zu den folgenschweren Auswirkungen der sich über Jahrzehnten desselben
Jahrhunderts hinziehenden politischen Wirren. Daß nun nach der Aussage des Heidelberger
Archivs das Königspaar sogar über derartig unerhebliche Ereignisse in der ägyptischen chora
unterrichtet werden soll wie z.B. über den Einbruch in das Quartier eines Kleruchen
(P.Heid. inv. 5005), scheint gewissermaßen an eine bereits im 3. Jh. v.Chr. aufgegebene
Praxis anzuknüpfen, nach welcher die Untertanen ihr Begehren in formell an den König
adressierten Gesuchen (Enteuxeis) erklärten. Läßt sich aber der soeben angesprochene
Brauch aus dem 3. Jh. v.Chr. durch den - noch in jener Zeit - unbestrittenen Glauben
an die ideelle Autorität des Königs, der zugleich auch das Oberhaupt des gesamten
Verwaltungsapparats symbolisierte, erklären, könnte der offensichtliche Wandel, den das
Dionysios-Archiv reflektiert, als Teil einer in turbulenten Zeiten durchgeführten
innenpolitischen Reform gedeutet werden, die darauf abzielte, die Monarchen als über
das ganze Land wachende Instanzen und Alexandrien als Zentrum der Macht wieder aufzurichten.
Die ausführliche Auseinandersetzung mit dieser historisch bedeutenden Frage unter
Heranziehung anderer relevanter Dokumente soll eine wesentliche Ergänzung zu der
Edition der einzelnen Texte bilden.
Schließlich stellt das Dionysios-Archiv ein besonders markantes Beispiel ptolemäischer
Bürokratie dar: Zum ersten Mal sind wir in der Lage, die Archivierungsvorgänge und
die Bearbeitungsweise von Urkunden im Rahmen eines ptolemäischen Amtsarchivs derart
deutlich zu verfolgen. Die diesbezügliche Aussage der Heidelberger Texte hat sich
bei der Erhellung umstrittener Passagen sowie beim Gesamtverständnis bereits edierter
Texte als sehr nützlich erwiesen, und unsere Vorstellung von den Amtsgeschäften innerhalb
einer ptolemäischen Behörde um einige wichtige Erkenntnisse vertieft.
Vorarbeiten
Ch. Armoni, Drei ptolemäische Papyri der Heidelberger Sammlung, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 132 (2000) 225-239, hier S. 233-239: III. Inv. G 5100. Eingabe an den Archiphylakites.