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„Handschuhsheim wurde so etwas wie mein zweites Wohnzimmer“

Der Astronaut Gerhard Thiele wurde am Institut für Umweltphysik der Ruperto Carola promoviert

Gerhard Thiele c ESA

Foto: European Space Agency

Gerhard Paul Julius Thiele

Gerhard Paul Julius Thiele wurde 1953 in Heidenheim geboren. Er studierte Physik in München und Heidelberg und wurde 1985 am Institut für Umweltphysik der Ruperto Carola promoviert. 1986 suchte die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt, die Vorgängerorganisation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, nach deutschen Wissenschaftsastronauten. Gerhard Thiele bewarb sich zusammen mit 1.799 Kandidaten auf einen von 5 Plätzen. In verschiedenen Etappen wurden die Raumfluganwärter über mehrere Jahre auf ihre Missionen vorbereitet. Der Shuttleflug Gerhard Thieles im Februar 2000 dauerte 11 Tage, 5 Stunden und 39 Minuten, fand in einer Höhe von rund 235 Kilometern statt und diente der Vermessung der Erdoberfläche mittels Radar. Heute arbeitet Thiele bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA in Noordwijk, Niederlande. Gerhard Thiele ist Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Das Interview wurde im April 2013 geführt.

 

Herr Thiele, Ihr Physikstudium begannen Sie 1976 in München. Aus welchem Grund wechselten Sie dann nach dem Vordiplom an die Universität Heidelberg?

In München habe ich mich sehr wohl gefühlt und eigentlich gar keine Veranlassung gesehen, den Studienort zu wechseln. Aber zwei meiner Professoren, die ich sehr schätzte, haben in ihren Vorlesungen unabhängig voneinander darauf hingewiesen, wie wichtig es für einen Wissenschaftler ist, schon als Student verschiedene Universitäten kennenzulernen. Nach zwei Jahren in München war mir also klar, dass ich an eine andere Uni wechseln wollte. Ich hatte mich damals sehr genau informiert und mich dann glücklicherweise für Heidelberg entschieden.

 

Erinnern Sie sich noch an die ersten Eindrücke, die Sie von Heidelberg hatten?

Eines meiner ersten Heidelberg-Erlebnisse war der Besuch der Mensa im Neuenheimer Feld. Da stand ich am ersten Tag hungrig in der Schlange und habe den Gesprächen der Kommilitonen gelauscht. Der Dialekt, der in dieser Region gesprochen wird, hat mich sofort eingenommen und ich habe mich auf der Stelle wohlgefühlt. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Wohnung gefunden hatte, wusste ich, dass ich mit Heidelberg eine gute Wahl getroffen hatte. Und mit der Zentral-Mensa verbinde ich noch eine bleibende Erinnerung: den Käsekuchen. Den habe ich bei meinen Mensabesuchen selten ausgelassen und bis heute nicht vergessen. Gibt’s den heute eigentlich noch? (Anmerkung der Redaktion: Leider nein. In der Pressestelle des für die Mensen zuständigen Studentenwerks weiß man von der Existenz eines legendären Käsekuchens in den 1980er und 1990er Jahren. Das Rezept ist offenbar aber verloren gegangen.)

 

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Bild: NASA

Wie verlief Ihr Studium in Heidelberg?

Mein Schwerpunkt im Diplomstudium war die Physik. Dazu bin ich gekommen, weil mich besonders die Astronomie und die Astrophysik interessiert haben. Meine Diplomarbeit habe ich am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg geschrieben. Mit Hilfe der Kollegen dort habe ich einen Infrarotdetektor entwickelt. Nach dem Diplom habe ich mich dann entschlossen, am Institut für Umweltphysik der Universität über die Zirkulation der Ozeane zu promovieren. Ich bin ein spontaner Mensch und die Entscheidung fiel aus dem Bauch heraus. Vor meinem Studium war ich vier Jahre bei der Marine und habe mich für die Seefahrt und die Ozeane sehr interessiert. Letztlich habe ich dann drei Jahre am Institut für Umweltphysik verbracht; eine Zeit, die ich nicht bereut habe.

 

Was haben Sie aus Heidelberg für Ihr Leben und Ihren späteren Beruf mitgenommen?

Ich habe das Studium als sehr fordernd, aber dadurch auch fördernd in Erinnerung behalten. Ich konnte mich unterschiedlichen Bereichen widmen und so viele neue Eindrücke gewinnen. Ich kann mich zum Beispiel an eine Vorlesung am Max-Planck-Institut für Kernphysik erinnern. Die Aussage des Dozenten war: Wenn man sich für ein bestimmtes Thema interessiert, davon aber nichts versteht, dann macht man dazu am besten ein Seminar. Das nahm mir die Scheu davor, mich mit komplexen Wissenschaftsfeldern zu beschäftigen. Solche Erlebnisse gab es in Heidelberg sehr häufig. Und natürlich war das Leben auch außerhalb der Universität sehr bunt. Es gab unendlich viele Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen. Und Handschuhsheim wurde so etwas wie mein zweites Wohnzimmer.

 

Thiele
Bild: NASA

Haben Sie sich als Kind schon für die Raumfahrt interessiert? Und wann wussten Sie, dass Sie Astronaut werden wollen?

Soweit ich mich erinnern kann, war da zuerst das Interesse an der Raumfahrt. Das ging dann Hand in Hand mit der Astronomie. Das Stichjahr ist 1965 und der Start einer Gemini-Rakete. Das Gemini-Projekt war das zweite bemannte Raumfahrtprogramm der USA. Meine Eltern hatten sich gerade das erste Fernsehgerät gekauft, eine kleine schwarz-weiß flimmernde Kiste. Eine der allerersten Übertragungen, an die ich mich erinnern kann, war der Start von Gemini 3. Ich war damals 12 Jahre alt und völlig sprachlos, als die Rakete in den Himmel flog. Damit war meine Begeisterung für den Weltraum und die Raumfahrt geweckt. Aber die Aussichten, selber Astronaut zu werden, das musste ich schnell realisieren, waren zu dieser Zeit für Deutsche nicht sehr gut. Es gab damals ja nur Sowjets und Amerikaner, die ins All geflogen sind.

 

Wie wird man eigentlich Astronaut? Eine Ausbildung oder ein Studium im klassischen Sinne gibt es ja nicht.

Eine „klassische“ Ausbildung gibt es in der Tat nicht. 1985 wurden nach der erfolgreichen D1-Mission, der ersten Deutschen Spacelab-Mission, in Ergänzung zum Corps neue Astronauten, sogenannte Wissenschaftsastronauten, gesucht. Ausgeschrieben wurden diese Stellen zum Beispiel in vielen Tageszeitungen. Meiner Bewerbung half ein großer Zufall: Beim Besuch meines Vaters in Stuttgart begegnete ich in der Fußgängerzone zufällig Ernst Messerschmidt, der kurz zuvor an der D1-Mission teilgenommen hatte. Messerschmidt wollte natürlich erst einmal wissen, wer ihn denn da mitten in der Stuttgarter Innenstadt anspricht. Nach einem längeren Gespräch hat er mir dann empfohlen, mich bei der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt, dem heutigen DLR, als Astronaut zu bewerben.

 

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Bild: NASA

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Astronaut zu werden?

Bei uns in Europa gibt es bis heute zwei Zugangswege zum Astronaut. Man kann zum einen ein natur- oder ingenieurwissenschaftliches Hochschulstudium, nach Möglichkeit mit Promotion, abschließen. Oder man hat die Qualifikation als Testpilot, die ja in den meisten Fällen ebenfalls ein ingenieurwissenschaftliches Studium einschließt. Die eine weitere wichtige Voraussetzung liegt im medizinisch-psychologischen Bereich. Da gibt es zum einen den kognitiven Aspekt. Vereinfacht gesagt geht es darum, wie das Gehirn verdrahtet ist. Wie verarbeitet man zum Beispiel Informationen, wie schnell und zuverlässig arbeitet man unter Druck? Anders als vielfach angenommen, muss ein angehender Astronaut kein Hochleistungssportler sein. Am besten geeignet ist eigentlich derjenige, der in allen Bereichen körperlich guter Durchschnitt ist. Meine Liebe zum Marathon war zum Beispiel eher ein Handicap. Denn extreme Sportarten können den Körper sehr einseitig trainieren. Auch die wichtige Einschätzung, ob jemand auch noch viele Jahre gesund bleiben wird, kann dadurch schwieriger werden.

 

Was war während Ihres Weltraumfluges ihre Aufgabe?

Ich war im Jahr 2000 an der Shuttle Radar Topographie Mission beteiligt. Dabei ging es um die hochgenaue Vermessung der Topographie der festen Erdoberfläche. Diese Vermessungen haben wir mit einem komplexen Radarinterferometer durchgeführt. In der Crew waren wir zu sechst. Zwei Astronauten waren als Kommandeur und Pilot für die „Flugführung“ des Shuttles Endeavour verantwortlich. Mit dem wissenschaftlichen Betrieb der Radaranlage waren im Wesentlichen die vier Missionsspezialisten betraut. Wir haben rund um die Uhr in zwei Schichten gearbeitet. In meine Schicht fiel zum Beispiel das Ausfahren des 60 Meter langen Mastes, an dessen Ende die zweite Antenne des Radarinterferometers  befestigt war.

 

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Bild: NASA

Was haben Sie danach gemacht? Und was machen Sie heute?

Nach der Mission war ich ein gutes Jahr bei der NASA als sogenannter CapCom im Shuttle-Programm tätig. CapCom ist die Abkürzung für Capsule Communicator und stammt noch aus der Gemini- und Apollo-Zeit, als die Astronauten mit Kapseln ins All geflogen sind. Der CapCom ist der Verbindungsmann zwischen der Bodenkontrolle und der Crew, viele kennen diese Funktion durch den Film „Apollo 13“. Der CapCom empfing damals den berühmten Funkruf „Houston, wir haben ein Problem“. Die Arbeit des CapCom ist aus zwei Gründen sehr spannend: Zum einen weiß man als Astronaut, in welcher Situation sich die Kollegen im Weltall gerade befinden. Zum anderen ist man in die Kommunikation und Entscheidungsfindung im Kontrollzentrum eingebunden. Man bekommt einen viel umfangreicheren Einblick in die Hintergründe von Entscheidungen und fragt sich: „Wie kann ich dieses oder jenes so wiedergeben, dass die Kollegen im All nicht nur verstehen, was zu tun ist, sondern auch, warum wie entschieden wurde?“. Wichtig ist das insbesondere, wenn es um Abweichungen vom ursprünglich geplanten Verlauf geht.

Nach meiner Zeit in den USA bin ich 2001 zurück nach Europa gekommen. Zuerst ans Europäische Astronautenzentrum in Köln. Ein wesentlicher Grund war die europäische Beteiligung am Aufbau der Internationalen Raumstation ISS. Und natürlich hatte ich die Hoffnung, dass ich für einen Langzeitflug infrage käme. Aber wie es im Leben manchmal ist – es kam zu einer Reihe von Verzögerungen, die unter anderem durch das Shuttle-Unglück der Raumfähre Columbia im Jahr 2003 hervorgerufen wurden. Und irgendwann war ich deutlich jenseits der 50 und ein Flugeinsatz war für mich nicht mehr möglich.

Da ich mich für strategische Fragen im Umfeld der Raumfahrt sehr interessiere, allen voran denen nach der Zukunft des europäischen Weltraumprogramms, habe ich mich entschlossen, für drei Jahre nach Wien an das European Space Policy Institute (ESPI) zu gehen. In Wien hatte ich den nötigen Freiraum, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Heute arbeite ich im Direktorat für Human Space Flight and Operations der ESA in Noordwijk in den Niederlanden, wo ich die in Wien erlernten Dinge einbringen kann.

(Das Interview führte Till Seemann)

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Letzte Änderung: 24.10.2014
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