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„Ich war zunächst ganz auf das Thema Jugend getrimmt“

Die frühere Bundesministerin Ursula Lehr war Gründungsdirektorin des ersten Instituts für Gerontologie in Deutschland

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Foto: Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen

Ursula Lehr

Die Psychologin Ursula Lehr (* 1930) übernahm nach Professuren an den Universitäten Köln und Bonn 1986 an der Universität Heidelberg den ersten deutschen Lehrstuhl für Alternsforschung und wurde Gründungsdirektorin des Instituts für Gerontologie. Mit ihrer Arbeit etablierte sie die Alternsforschung als Disziplin in Deutschland. Ende 1988 wurde Ursula Lehr als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit in die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl berufen, der sie bis Anfang 1991 angehörte. Als Ministerin weitete sie die Seniorenpolitik aus und initiierte 1989 den ersten Altenbericht der Bundesregierung. Von 1991 bis 1994 war sie Mitglied des Bundestags. Nach ihrer Rückkehr an die Universität Heidelberg im Jahr 1991 war Ursula Lehr von 1995 bis 1998 zusätzlich zur Leitung des Instituts für Gerontologie Akademische Direktorin des Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA), das von 1996 bis 2005 an der Ruperto Carola bestand. 1998 wurde sie als Professorin in Heidelberg emeritiert. Neben zahlreichen anderen Ehrenämtern war sie von 2009 bis 2015 Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), seit 2015 hat sie den stellvertretenden BAGSO-Vorsitz übernommen. Für ihre wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Leistungen wurde Lehr unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.

Das Interview wurde im Mai 2017 von Mirjam Mohr geführt.

 

Frau Lehr, Sie haben Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie studiert – welchen Berufswunsch hatten Sie zu Beginn Ihres Studiums?

Ursula Lehr

Foto: privat

Foto aus der Zeit von Ursula Lehrs Studienbeginn (1949)

Ich habe zum Wintersemester 1949/50 in Frankfurt am Main, wo ich aufgewachsen bin, mein Studium begonnen, und wollte eigentlich als Lektorin in einen Verlag gehen. Meine allererste Vorlesung war übrigens bei Hans-Georg Gadamer, der damals gerade einen Ruf an die Ruperto Carola erhalten hatte. Mein zweites Semester verbrachte ich dann schon an der Universität Bonn. Da überraschend Bonn und nicht Frankfurt Bundeshauptstadt wurde und mein Verlobter, der für den CDU-Generalsekretär arbeitete, somit umziehen musste, beschlossen wir zu heiraten, damit ich mit ihm in Bonn leben konnte. An der Uni Bonn besuchte ich dann Veranstaltungen bei den Philosophie-Professoren Siegfried Behn und Erich Rothacker, die auch psychologische Themen aufgriffen, so dass ich auf diese Weise in die Psychologie reinrutschte. Als ich mich dann endgültig für ein Psychologiestudium entschieden und zudem bereits ein knapp einjähriges Kind hatte, stellte ich mich bei dem Psychologie-Professor Hans Thomae vor. Der riet mir zu einem zweiten Fach, weil man mit Psychologie alleine wenig Perspektive habe. Als ich ihm sagte, dass ich bereits einen „Nebenberuf“ hätte, da ich auch Hausfrau und Mutter sei, rief er: Oh, Sie haben ein Kind – das ist ja wunderbar, dann können wir ja eine Dauerbeobachtung bei Kindern starten, so etwas suche ich schon lange! So schrieb ich meine Vordiplomarbeit über die Beobachtung kindlichen Spielverhaltens. Vom Ergebnis dieser Arbeit war Hans Thomae so begeistert, dass er mit anbot, die Arbeit mit einer größeren Anzahl an Kindern fortzusetzen und dabei Familienkinder mit Heimkindern zu vergleichen, was meine Dissertation werden sollte. Ich machte mich also an die genaue Verhaltensbeobachtung von Kindern bis zu drei Jahren – und als ich gerade mein gesamtes Material zusammengetragen hatte, bekam Thomae plötzlich einen Ruf an die Universität Erlangen. Wegen meiner familiären Bindung an Bonn konnte ich nicht mitgehen, so dass ich meine Dissertation im Rekordtempo beendet habe – erst anschließend machte ich mein Diplom, was damals noch möglich war.

 

Und wie verlief dann Ihr Weg von der frühkindlichen Psychologie zur Gerontologie – also vom jungen zum hohen Alter?

Nun, zunächst war ich ganz auf das Thema Jugend „getrimmt“. Nach Abschluss meines Studiums wollte ich beruflich Fuß fassen und bewarb mich beim „Studienbüro für Jugendfragen“ in Bonn, an dem eine Planstelle ausgeschrieben war, die genau gepasst hätte. Als allerdings der Chef, der spätere ZDF-Intendant Karl Holzamer, schon fast am Unterschreiben war, erfuhr er, dass ich ein Kind hatte, und lehnte deswegen meine Einstellung ab – es könne ja sein, dass das Kind krank würde und ich nicht arbeiten könne. Als „Trost“ bot er mir an, eine Expertise über die „körperliche Acceleration Jugendlicher“ zu verfassen, was ich annahm. Neben dieser Expertise wurde ich aber, um Geld zu verdienen, auch als Forschungsassistentin in einem DFG-Projekt „Zur Frage der Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer“ tätig, das Hans Thomae eingeworben hatte. Denn er war der Meinung, dass man Entwicklungspsychologie nicht bei Kindern und Jugendlichen enden lassen könne, da sich der Mensch auch später weiterentwickle. Er stellte folgende Definition auf: „Entwicklung ist Veränderung des Erlebens und Verhaltens auf dem Hintergrund des Kontinuums des Lebenslaufs und geht vom ersten bis zum letzten Atemzug.“ Und das wollten wir nun empirisch begründen. So begannen wir uns mit der Entwicklung im Erwachsenenalter zu beschäftigen – in einer Zeit, in der alle entwicklungspsychologischen Handbücher mit dem Jugendalter endeten. Das Thema Alter sollte mich fortan in meinem gesamten Leben beschäftigen. Schwerpunkt unserer Bonner Forschungen war die Bonner Gerontologische Längsschnittstudie, in deren Rahmen wir von 1965 bis 1983 Männer und Frauen der Jahrgänge 1890 bis 1895 und 1900 bis 1905 insgesamt acht Mal untersuchen konnten.

 

Wie kamen Sie dann nach Heidelberg, wo Sie den ersten Lehrstuhl und das erste Institut für Gerontologie in Deutschland aufbauten?

Anfang der 1980er Jahre wandten sich aktive Freiburger Senioren an den damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth, weil sie meinten, dass auch zum „normalen Altern“ ohne Krankheit geforscht werden müsse. Auslöser dafür war wahrscheinlich der von den Vereinten Nationen ausgerichtete Erste Weltkongress zu Fragen des Alters im Sommer 1982. Lothar Späth setzte daraufhin eine Kommission ein, und die kam zu dem Ergebnis:

Wir brauchen einen Lehrstuhl für Gerontologie. Bei der Frage, an welcher Universität im Land er am besten platziert werden könne, kam man auf Heidelberg, weil dort über die Medizin bereits ein gewisses Netzwerk zum Thema bestand und damit die Ruperto Carola die besten Voraussetzungen mitbrachte. Ich bekam dann 1985 einen Ruf auf diesen Lehrstuhl, zögerte aber zunächst. Als dann aber der damalige Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Freiherr zu Putlitz, eines Montagmorgens überraschend bei mir im Psychologischen Institut der Universität Bonn erschien, konnte er mich überzeugen, den Ruf nach Heidelberg anzunehmen. Und dann hatte ich mein eigenes Institut, einen eigenen Lehrstuhl. Wir waren anfangs nur drei Mitarbeiter und haben in der Akademiestraße 3 mit drei Zimmerchen in der oberen Etage begonnen – das war ganz gemütlich. Aber es bedeutet viel Arbeit, ein neues Fach einzuführen: Wir mussten eine Studienordnung erarbeiten, und da es ein interdisziplinäres Fach sein sollte, mussten wir mit vielen anderen Fachvertretern sprechen und an deren Türen klopfen. Studienplan und Prüfungsordnung mussten entworfen und von den Fakultäten und dem Senat abgesegnet werden – das dauert seine Zeit. Angefangen haben wir im Herbst 1986, und erst zum Wintersemester 1988 konnten wir die ersten Studenten aufnehmen. Vorher haben wir aber bereits Vorlesungen für das Studium Generale angeboten, und außerdem in den drei Jahren jeweils eine große „Gerontologische Woche“, in der Gerontologen, Mediziner, Soziologen und Psychologen aus Deutschland, England und Frankreich Vorträge hielten.

 

Nach dem Institut für Gerontologie wurde an der Universität Heidelberg auch das Deutsche Zentrum für Alternsforschung (DZFA) gegründet – was hatte es damit auf sich?

DZFA

Foto: privat

Eröffnungsfeier des Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA) am 13. Mai 1997

Schon 1987 kam Lothar Späth auf uns zu und gab uns eine neue Aufgabe: 1988 wollte das Land seinen 6. Zukunftskongress zum Thema „Altern als Chance und Herausforderung“ abhalten, und zu dessen Vorbereitung sollten wir eine Kommission bilden. Dieser Kongress stellte den eigentlichen Anfangspunkt dafür dar, dass erstmalig in Deutschland in einer breiten Öffentlichkeit Altern als Chance diskutiert wurde. Im Bericht der Kommission haben wir die „Etablierung eines deutschen Instituts für Alternsforschung mit der Trägerschaft des Bundes und der Länder“ vorgeschlagen, was der Kongress dann auch aufgriff. Eine Arbeitsgruppe, die sich mit Forschungsfragen beschäftigte, forderte eine von Bund und Land geförderte Institution mit festen Mitarbeitern, die Grundlagenforschung zum Thema Altern betreibt und nicht nur Projektförderung. Nötig sei eine Forschungseinrichtung, die Alternsprozesse breit erfasst, neben den individuellen auch die gesellschaftlichen Dimensionen. Das DZFA, das dann 1995 seine Arbeit aufnahm, war praktisch eine Absplitterung des Instituts für Gerontologie. Als dann aber die Bundesregierung wechselte, wurde plötzlich von institutioneller Förderung auf Projektförderung umgestellt, was letztlich das Ende des DZFA bedeutete – als Nachfolgeorganisation wurde dann das Netzwerk AlternsfoRschung gegründet, aber das war alles schon nach meiner Zeit in Heidelberg.

 

Zwischendurch waren Sie dann ja auch noch drei Jahre lang Bundesministerin – wie kamen Sie dazu?

DZFA

Foto: privat

Ursula Lehrs Begrüßungsrede bei der Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA) am 13. Mai 1997

Das war für mich ein Ruf aus heiterem Himmel. Ich war erst ein Jahr vorher in die CDU eingetreten und hatte mich nie politisch betätigt. Ich war nur Mitglied in verschiedenen Kommissionen, etwa einer Familienberichtskommission. Aber das Bundeskanzleramt gibt ja immer Expertisen heraus und ich wurde eines Tages angefragt, ob ich eine Expertise zum Thema "Älterwerden als Frau. Situation gestern, heute und morgen bis zum Jahr 2000" schreiben könne. Die habe ich dann geschrieben und sie wurde als Buch herausgebracht. Bei der Buchvorstellung im Kanzleramt habe ich das erste Mal überhaupt mit Helmut Kohl persönlich gesprochen, das war 1987. Als ich plötzlich angerufen wurde, dass ich ins Kanzleramt kommen solle, dachte ich, es ginge um diese Expertise. Stattdessen sagte Kohl, dass die bisherige Ministerin Rita Süssmuth das Ministeramt abgegeben habe, und nun wolle er mich berufen.  Ich sagte nur: Um Gottes Willen, wieso mich? Kohl sagte dann: Wir können das Thema Alter nicht nur der Gesundheit und der Rente überlassen, sondern müssen auch andere Aspekte des Alterns behandeln – und deswegen hätte ich gerne Sie. Ich erwiderte, dass ich nun gerade erst in Heidelberg meine ersten Studenten hätte und deswegen nicht wolle. Daraufhin sagte Kohl: Immer haben Sie gesagt, die Politik muss sich auch um die Senioren kümmern – jetzt haben Sie die Chance und Sie tun’s nicht! Überlegen Sie es sich nochmal und kommen Sie wieder. Dann habe ich mich mit meiner Familie und meinen Heidelberger Mitarbeitern besprochen, die mir alle zugeraten haben. Also sagte ich: Gut, ich mache es, aber nur diese eine Legislaturperiode lang – ich will auf jeden Fall zurück nach Heidelberg.

 

Inzwischen gehören Sie selbst zu der Altersgruppe, die Sie erforscht haben – halten Sie sich denn persönlich auch an Ihre eigenen Ratschläge?

Ja, und das ist sehr spannend! Und ich schaue auch manchmal in meinen früheren Vorträgen nach und stelle fest, dass ich auf der Grundlage unserer Untersuchungen zu Ergebnissen gekommen bin, die ich jetzt zum Teil selbst spüre. Das ist schon interessant! Und ja doch, ich halte mich schon an meine Ratschläge – ich könnte viel leichter aufgeben.

 

Sind Sie denn noch so aktiv, weil sie rüstig sind – oder sind Sie noch rüstig, weil sie aktiv sind?

Ich denke, das Zweite trifft zu. Hier geht es um das Thema „feeling of being needed“ und das Problem, dass Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern. Aber wenn mir manchmal jemand sagt, was Sie tun, das hält Sie fit, dann sage ich: Die Hälfte würde mich auch noch fit halten. Ich merke schon, dass es früher einfacher war.

 

Haben Sie denn vor, sich irgendwann doch mal zurückzuziehen?

Das hatte ich eigentlich schon vor, als ich mit 85 Jahren den Vorsitz der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen an Franz Müntefering abgegeben habe. Ich bin allerdings noch im Geschäftsführenden Vorstand geblieben und bin Münteferings Stellvertreterin – wir kommen prima miteinander aus, aber die Arbeit hat eher noch zugenommen. Da das Thema Altern mehr und mehr ein gesellschaftlicher Diskussionspunkt ist, gibt es für mich quasi gar keine Möglichkeit, mich zur Ruhe zu setzen. Langweilig wird es mir also nicht!

 

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Letzte Änderung: 11.12.2017
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