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Die britische Historikerin Jill Lewis schreibt an einer ausführlichen Biographie über Käthe Leichter. Von ihr stammt auch – mit Hinweisen auf ihren Heidelberger Aufenthalt – die „Einleitung“ zum Wiederabdruck des Aufsatzes über Max Weber in dem Sammelband „Intellektuelle in Heidelberg 1910-1933. Ein Lesebuch“. Mitherausgeber der im Verlag der Buchhandlung Stefan Schöbel im November 2014 erschienenen Publikation ist Oliver Schlaudt, Privatdozent am Philosophischen Seminar der Ruperto Carola. Mit Käthe Leichter beschäftigt sich außerdem eine Fernsehproduktion der österreichischen Dokumentarfilmerin Helene Maimann. Die Dreharbeiten begannen im Herbst 2014, die Ausstrahlung im ORF und bei arte ist für 2016 vorgesehen.

 
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Mutiges Leben in gefährlichen Zeiten

Die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter wurde bei Max Weber promoviert

Käthe Leichter
Käthe Leichter

Zu den von den Nationalsozialisten in der sogenannten „Euthanasie-Anstalt Bernburg“ Ermordeten gehörte auch die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter: 1938 von der Gestapo verhaftet, wurde sie 1940 in das KZ Ravensbrück für weibliche Häftlinge verschleppt und schließlich im März 1942 in Bernburg umgebracht. Käthe Leichter gilt heute – insbesondere in Österreich – als eine der Wegbereiterinnen der modernen Frauenbewegung. Einen Teil ihres Studiums absolvierte sie an der Universität Heidelberg. Doktorvater ihrer im Juli 1918 eingereichten Dissertation im Bereich Politischer Ökonomie war der berühmte Soziologe Max Weber.

Begonnen hatte Käthe Leichter, die 1895 als Käthe Pick in ein großbürgerliches, assimiliertes jüdisches Elternhaus geboren wurde, ihr Studium zunächst an der Universität Wien. Hätte sie frei entscheiden können, so berichtet sie in ihren im Gestapo-Gefängnis entstandenen „Lebenserinnerungen“, wäre es ein Jura-Studium geworden. Doch dafür erhielten Frauen zu dieser Zeit keine Zulassung. Stattdessen wählte Käthe Leichter das Fach Staatswissenschaften, in dem wiederum – und das galt auch für Männer – kein Abschluss möglich war. Also wechselte sie zum Wintersemester 1917/1918 an die Universität Heidelberg.

Gruppenfoto mit Käthe Leichter
Gruppenfoto mit Käthe Leichter aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs

Dort sorgte sie zunächst vor allem mit ihrem politischen Engagement für Aufsehen. Wohl auf Käthe Leichter als Initiatorin ist die Bildung eines sozialistisch und pazifistisch geprägten Lesekreises mit dem Namen „Kulturpolitischer Bund der Jugend in Deutschland“ zurückzuführen, zu dem auch der später als Schriftsteller bekannt gewordene Ernst Toller gehörte. Aus dessen Feder stammte ein „Aufruf“, in dem er unter anderem ein Ende des Krieges ohne Gebietsannektierungen forderte – der Erste Weltkrieg befand sich gerade in seinem vierten Jahr, die Oktober-Revolution in Russland hatte soeben stattgefunden. Das vom „Kulturpolitischen Bund“ verbreitete Manuskript wurde schließlich in der „Deutschen Zeitung“ im Dezember veröffentlicht – mit schwerwiegenden Folgen: Der Text von Toller wurde als „Vaterlandsverrat“ gebrandmarkt, die Mitglieder des „Bundes“ schließlich der Universität und der Stadt verwiesen. Käthe Leichter sowie eine weitere österreichische Kommilitonin sollten außerdem für die Dauer des Krieges nicht mehr nach Deutschland einreisen dürfen.

Was letztlich den Ausschlag gab – möglicherweise eine Intervention Max Webers oder seines Institutskollegen Eberhard Gothein? – ist nicht geklärt: Nach einigem Hin und Her erhielt Käthe Leichter jedenfalls doch die Erlaubnis, im Sommer 1918 an die Universität Heidelberg zumindest für kurze Zeit zurückzukehren. Gebunden war dieser Aufenthalt an den Abschluss der Doktorprüfung – das Rigorosum fand am 22. Juli statt. Das Thema ihrer Dissertation waren „Die handelspolitischen Beziehungen Österreich-Ungarns zu Italien“. Im Gutachten heißt es unter anderem: „Wer diese Arbeit ohne Kenntnis ihres Ursprungs liest, würde gewiss auf einen erfahrenen in handelspolitischen Geschäften ergrauten Staatsmann als Verfasser raten; es ist in der Tat erstaunlich, dass ein junges Mädchen nicht nur dieses riesige Material zusammenzubringen [...] sondern namentlich mit solcher Sicherheit die wirtschaftspolitischen Zustände [...] zu kennzeichnen verstanden hat.“

Leopoldstr. 32
In der damaligen Pension Harrer in der Leopoldstraße 32 (heute: Friedrich-Ebert-Anlage) wohnte Käthe Leichter während ihres Studiums in Heidelberg

Auch wenn der Aufenthalt in Heidelberg denkbar kurz und die wenigen Monate noch dazu äußerst turbulent verliefen, hinterließ das Studium an der Ruperto Carola bei Käthe Leichter doch tiefe Spuren. Davon zeugt nicht zuletzt ein 1926 von ihr erschienener langer Aufsatz über „Max Weber als Lehrer und Politiker“, der von großer Bewunderung getragen ist. Im Zentrum ihrer beruflichen Tätigkeiten in den 1920er Jahren steht vor allem die Leitung des Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer, einer gesetzlichen Interessenvertretung für Arbeitnehmer, die bis heute existiert. Mithilfe von 60 Mitarbeiterinnen forschte sie dort zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen mit damals modernen Methoden wie Interviews, Umfragen und statistischen Auswertungen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang war auch die öffentliche Verbreitung der Analysen durch damals neue Medien wie Radio und Film sowie durch spezielle, von einem Grafiker entwickelte Bildstatistiken, die für eine anschauliche Präsentation sorgten. Die politische Entwicklung Österreichs jedoch setzte diesem Engagement ein jähes Ende. Mit ihrem Mann, dem Journalisten Otto Leichter, und ihren beiden Söhnen Heinz und Franz floh sie 1934 – im Zuge des sogenannten Austrofaschismus – in die Schweiz. Die beiden Eheleute kehrten jedoch bald wieder zurück und betätigten sich fortan im politischen Widerstand. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 gelang Otto Leichter mit den beiden Söhnen die Flucht in die USA. Käthe Leichter geriet in die Fänge der Nationalsozialisten.

Doktorurkunde Käthe Leichter
Die Doktorurkunde von Käthe Leichter, geborene Pick – die Doktorarbeit selbst ist nicht erhalten

Im Zuge ihrer Verhaftung durch die Gestapo wurde Käthe Leichter 1938 auch der Doktortitel durch die Universität Heidelberg entzogen. Begründet wurde das seinerzeit mit der strafrechtlichen Verurteilung. Zwar hat der Senat der Ruperto Carola im Jahr 1946 erklärt, dass der während der NS-Diktatur praktizierte Entzug von Doktortiteln aus politischen Gründen – und das war bei Käthe Leichter der Fall – „als annuliert betrachtet werden“ muss. Allerdings wurde versäumt, diesen Sachverhalt den betroffenen Personen oder ihren Nachkommen aktiv mitzuteilen. So wandte sich 2013 der in den USA lebende Rechtsanwalt und Politiker Franz Leichter an die Universität und bat um Wiederanerkennung des Doktortitels seiner Mutter. Anfang November 2014 wurde ihm anlässlich eines Besuchs in Heidelberg ein Faksimile der Doktorurkunde als symbolische Geste vom Rektor der Universität, Prof. Dr. Bernhard Eitel,  feierlich überreicht.

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Letzte Änderung: 10.12.2014
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