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Zwischen Hörsaal und Tartanbahn

Marc Schuh: Deutschlands erfolgreichster Rennrollstuhlfahrer studiert in Heidelberg Physik

Marc Schuh

Foto: Alexander Grüber

16 bis 20 Stunden Training in der Woche – vor Wettkämpfen mehr, in Klausurphasen weniger.

Vielfacher Deutscher Meister, zehnfacher Junioren- Weltmeister, zweimaliger Weltranglisten-Erster über 200 Meter sowie dreimaliger Weltranglisten-Erster und Weltmeister über 400 Meter – Marc Schuhs sportliche Bilanz liest sich beachtlich. Fast alle großen Titel hat der 23-Jährige in seiner Karriere als Rennrollstuhlfahrer bereits geholt. Wenn er nicht trainiert, widmet er sich seiner zweiten Leidenschaft: der Physik.

Marc Schuh kommt 1989 mit dem sogenannten kaudalen Regressionssyndrom zur Welt. Die Folge: eine Fehlbildung der unteren Wirbelsäule und der Beine. »Es war klar, dass ich nie würde laufen können und mich zügig an den Rollstuhl gewöhnen musste.« Von klein auf habe er gelernt, dass Bewegung Spaß mache – zunächst spielerisch beim Basketball und Tennis, bevor er mit zehn Jahren überraschend sein Talent für die Leichtathletik entdeckte: »Ich habe eher zufällig hier am Heidelberger Rollstuhl-Marathon teilgenommen und auf Anhieb die Kinderwertung über zwei Kilometer gewonnen. So fing alles an.« Nach Erfolgen bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2005 und der unverhofften Qualifikation für die Paralympics 2008 beschloss er mit 18 Jahren, ins Profi-Lager zu wechseln.

Inzwischen trainiert Marc Schuh jede Woche durchschnittlich 16 bis 20 Stunden – vor Wettkämpfen mehr, in Klausurphasen weniger. Erst kürzlich hat er die letzten Prüfungen des Physik-Studiums bestanden, nun folgt die Master-Arbeit. Das sei für ihn viel entspannter – da zeitlich flexibler – als das Lernen für Klausuren: »Auf einen Prüfungstermin hinzuarbeiten ist bei meinem Trainingspensum sehr stressig. Ohne Nachtschichten geht das nicht.« Ohnehin bleibt kaum Zeit für ein Leben neben Sport und Physik. Zwar wohnt der 23-Jährige in einem der Studentenwohnheime im Neuenheimer Feld, am studentischen Leben nimmt er jedoch kaum teil: »Mit Training und Studium bin ich mehr als ausgelastet. Aber da beides viel Spaß macht, habe ich nicht das Gefühl, auf irgendetwas verzichten zu müssen.«


»Die Leute merken sehr schnell, dass ich ein Profi bin – ganz egal, ob ich das Rennen auf zwei Beinen oder auf Rädern bestreite.«
 

Dass er auf den Rollstuhl angewiesen ist, sorgt für gewisse Einschränkung, spielt für Marc Schuh aber weder im Studium noch auf der Tartanbahn eine große Rolle: »Schließlich denkst du mit dem Kopf und nicht mit den Füßen.« Im Sport müsse er zwar ab und zu Ressentiments in der öffentlichen Wahrnehmung überwinden, seit den Paralympics 2012 in London seien diese aber spürbar weniger geworden. »Die Leute merken sehr schnell, dass ich ein Profi bin – ganz egal, ob ich das Rennen auf zwei Beinen oder auf Rädern bestreite.«

Zielstrebig bereitet sich der 23-Jährige auf die kommende Sommer-Saison vor und hat dabei eines fest im Blick: die Paralympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Denn dort will er einiges gutmachen. Bei den Paralympics im vergangenen Jahr konnte er in seiner Paradedisziplin, dem Sprint über 400 Metern, nur einen für ihn »enttäuschenden« sechsten Platz belegen: »Es ist schon extrem ärgerlich, das Feld nach zweihundert Metern von hinten ansehen zu müssen.« Dabei war er als einer der klaren Favoriten gestartet – schließlich ist er mit einer Zeit von 45,64 Sekunden auf dieser Distanz der zweitschnellste Sprinter weltweit. »Vier Jahre habe ich auf die Paralympics hingearbeitet, und dann musste ich die Konkurrenz ziehen lassen. Das tut immer noch unglaublich weh.«

Schon an der Startlinie wusste er damals, dass er keinen guten Tag erwischt hatte. »Mir war klar: Das wird heute nichts.« Mit einem Team – bestehend aus Trainern, Biomechanikern, Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten und einem Psychologen – arbeitet er seitdem daran, die Ursachen des Leistungseinbruchs zu identifizieren. »Ich bin in dieser Beziehung eher ein Exot: Während andere Sportler solche Analysen ihrem Trainer überlassen, will ich, dass alle Informationen bei mir zusammenlaufen, dass ich der Kopf der Truppe bin. So kann ich meine Geschicke selber lenken.« Sein Physik-Studium – das strukturierte und klare Denken und der Umgang mit vielen verschiedenen Parametern – helfe ihm dabei.

Zu Beginn dieser Saison wird sich herausstellen, ob Marc Schuh und sein Team mit ihrer Fehleranalyse richtig liegen und an den maßgeblichen Stellschrauben gedreht haben. »Die eher kleinen Wettkämpfe am Saisonanfang sind im Prinzip wie eine Klassenarbeit: sie zeigen, wo man im Feld steht. Der Hauptwettkampf dagegen entspricht einer Abschlussprüfung – er stellt die Bilanz des ganzen Jahres dar.« Immerhin – die ersten Rennen Anfang April bei den »International Fazza Disabled Championships« in Dubai liefen ausgesprochen gut: Über 100 und 200 Meter konnte sich Marc Schuh gegen seine Konkurrenz durchsetzen – sogar mit schnelleren Ergebnissen als im letzten Jahr. Über 400 Meter belegte er Platz 3: »Hier ist sicher noch etwas Luft nach oben.«

Auch im Studium wird der 23-Jährige bald Bilanz ziehen. Im kommenden Jahr will er sein Master-Studium abschließen. Die Entscheidung für das Fach Physik sei übrigens »erblich bedingt«: Vater und Bruder sind ebenfalls Physiker. Für die Zeit danach strebt Marc Schuh eine Promotion an – nicht zuletzt aus sportlichen Gründen. Denn sobald er ins Berufsleben wechsele, könne er sein Training nicht mehr in der derzeitigen Intensität durchziehen. »Die nächsten Jahre stehen noch ganz im Zeichen des Sports. Ich konzentriere mich voll auf die Paralympics 2016. Dort will ich einen Podiumsplatz.«

Ute von Figura

Dieser Artikel ist im UNISPIEGEL 2/2013 (Seite 9) erschienen.
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Letzte Änderung: 10.09.2015
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