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Dieser Artikel ist im Unispiegel 3/2013 er­schie­nen.

 

 

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Nichts dem Zufall überlassen

Heidelberger Stochastik-Professor ist Deutschlands bester Dame-Spieler

Marc Schuh

Foto: Benjamin

Nur um Haaresbreite verpasste Mark Podolskij den Titel bei der Dame-Weltmeisterschaft 2007

Podolski – diesen Namen assoziieren die meisten wohl mit Fußball. Passionierten Dame-Spielern ist er ebenfalls ein Begriff, wenn auch in etwas anderer Schreibweise: Mark Podolskij – so heißt der dreifache Deutsche Meister, zweifache Europacupsieger mit der Mannschaft und Vize-Weltmeister in der internationalen Variante dieses hochstrategischen Brettspiels. Als einer der jüngsten Professoren forscht und lehrt der 33-Jährige an der Universität Heidelberg. Das Fachgebiet des Mathematikers: Stochastik – die Beschreibung und Untersuchung von Zufallsprozessen.

Auf den Zufall kann sich ein Dame-Spieler nicht verlassen. Über Sieg oder Niederlage entscheidet einzig sein strategisches Denkvermögen. Denn Dame zählt zu den Spielen mit sogenannter »perfekter Information«. Dieser Begriff aus der mathematischen Spieltheorie besagt, dass jedem Akteur bei einem Spielzug stets alle zuvor getroffenen Entscheidungen seiner Kontrahenten bekannt sind – anders etwa als bei einer Kartenpartie, bei der die Gegner ihr Blatt verdeckt auf der Hand halten. Der Erfolg eines Zuges ist für einen Dame- Spieler somit berechenbar, der Gewinn kein Zufallsprodukt.

Mark Podolskij hat die diversen Spielstrategien von Kindesbeinen an studiert, mit den variantenreichen Zugmöglichkeiten sein Gedächtnis geschärft und logisches wie analytisches Denken trainiert. Das Interesse für die Mathematik war somit die konsequente Weiterentwicklung seines Hobbys. Warum aber widmet er sich ausgerechnet dem Studium von Zufallsprozessen? Oder andersherum: Läge bei seinem beruflichen Interesse ein Spiel wie Roulette oder Poker nicht näher? »Im Gegenteil«, sagt Mark Podolskij, »ich bin nicht am Zufall an sich interessiert, sondern an der mathematischen Genauigkeit, mit der er sich studieren lässt. Die Stochastik ist eines der präzisesten Forschungsgebiete in der Mathematik.« Lachend fügt er hinzu: »Außerdem weiß ich nur zu genau, wie schlecht die Gewinnchancen bei Glücksspielen stehen.«

Mark Podolskij wird 1979 im russischen Elektrostal, ehemals Sowjetunion, geboren. Im Alter von sieben Jahren tritt er dem dortigen Dame-Verein bei. In Russland ist Dame ein Volkssport, zur damaligen Zeit ebenso beliebt wie Schach. Podolskij eignet sich zunächst Spielpraxis an im Duell gegen seine Eltern, seine Schwester oder die Vereinskameraden. Mit dem Ehrgeiz zu gewinnen, steigt schnell das Interesse an den strategischen Komponenten des Spiels: Er studiert Spieleröffnungen, die Endphase des Spiels und Kombinationen, bei denen man zunächst einige Steine opfert, um danach gezielt vergleichsweise mehr Steine des Gegners schlagen zu können. Mit 13 Jahren gewinnt er die U-16-Weltmeisterschaft in der russischen Dame-Variante. Im Jahr darauf holt er den Titel erneut. Auch die U-19-Weltmeisterschaft kann er zwei Mal für sich entscheiden, bevor der inzwischen 15-Jährige mit seiner Familie nach Bochum umzieht.


»Ich durfte gegen die besten Spieler der Welt antreten. In meiner Jugend waren das Legenden für mich. Plötzlich war ich genauso stark wie sie.«
 

In der neuen Heimat muss Mark Podolskij von der russischen Variante der Dame mit 64 Spielfeldern auf die wesentlich komplexere internationale Version umschulen, die auf hundert Feldern ausgetragen wird. Und das ganz ohne Trainer und Sparringspartner. In Bochum gibt es niemanden, der ihm das Wasser reichen kann. Auch in dieser Spiel-Variante gelingt ihm der Anschluss an die Weltspitze. Mit Mitte zwanzig tritt er auf höchstem Niveau gegen teils zwei oder drei Jahrzehnte ältere Gegner an. Der Gipfel seiner Karriere ist die Weltmeisterschaft 2007, bei der er der einzige Amateur im Feld ist. Nur um Haaresbreite verpasst er den Titel. Zwar erringt er dieselbe Punktzahl wie sein größter Konkurrent, der Russe Alexander Schwarzman. Dieser kann im Verlauf des Turniers jedoch eine Partie mehr für sich entscheiden – und liegt damit vorne. Trotz des unglücklichen zweiten Platzes hat Mark Podolskij das Gefühl, auf dem Olymp angekommen zu sein. »Ich durfte gegen die besten Spieler der Welt antreten. In meiner Jugend waren das Legenden für mich. Plötzlich war ich genauso stark wie sie.«

Ein wesentlicher Pfeiler dieses Erfolgs ist die akademische Entwicklung des jungen Wissenschaftlers. »Als Mathematiker habe ich gelernt, Probleme bis ins Detail zu zerlegen, logisch zu denken und mir strukturiert neue Inhalte anzueignen «, erklärt er. »Das hat mir auch beim Dame-Spiel sehr geholfen.« Ein Teil seiner Strategie besteht darin, die Schwachstellen seiner Kontrahenten zu analysieren und ihnen die Partie durch gezielte Züge so unbequem wie möglich zu machen. Zusätzlich erarbeitet er immer neue Spielvarianten, mit denen er sein Gegenüber überrascht. Auch eine gute Portion Mut und Respektlosigkeit gehören zum Sieg dazu: »Wer zu stark auf Sicherheit bedacht ist und defensiv spielt, kann gegen einen starken Gegner eventuell ein Unentschieden herausholen – vorausgesetzt, er ist technisch gut genug. Aber gewinnen wirst du so nicht.«

Heute hat Mark Podolskij mit dem Dame-Spiel weitestgehend abgeschlossen. Nicht einmal ein Spielbrett hat er mehr zu Hause; die Pokale, die er errungen hat, stehen bei seinen Eltern. »Irgendwann war mir klar, dass ich mich für eines von beidem entscheiden muss: Mathe oder Dame.« Dass er sich letztlich auf die wissenschaftliche Karriere konzentrieren würde, sei ihm mental sogar schon 2007 während der Weltmeisterschaft klar gewesen. In einschlägigen Kreisen – insbesondere in den Niederlanden, wo das Dame-Spiel sehr beliebt ist – gilt er gleichwohl immer noch als eine Art Legende. Ab und zu steht er jungen Talenten als Mentor zur Seite. Im vergangenen Jahr unterstützte er das niederländische Team im Kampf um den nationalen Mannschaftsmeistertitel und trug wesentlich zu seinem Sieg bei. Dennoch, die Prioritäten des 33-Jährigen sind klar verteilt: »Die Mathematik geht vor.«

Ute von Figura

Dieser Artikel ist im UNISPIEGEL 3/2013 (Seite 9) erschienen.
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Letzte Änderung: 09.09.2015
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