Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Im Keller eine Bombe gezündet

Von Ute von Figura

Die Entwicklung eines sicheren Hepatitis-B-Impfstoffs, die Entdeckung molekularer Ursachen der Alzheimer-Krankheit, die Erfindung eines weithin genutzten genetischen Schalters, die Aufklärung zellulärer Transportwege oder die Entschlüsselung von Reparatursystemen für schadhafte Proteine zählen zu den herausragenden Forschungsergebnissen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten unter wesentlicher Mitwirkung des Zentrums für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg (ZMBH) erzielt worden sind. An der zentralen Forschungseinrichtung widmen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen der Aufklärung grundlegender molekular- und zellbiologischer Prozesse, die vielfach auch medizinische Aspekte berühren. Prof. Dr. Hermann Bujard (Foto: Benjamin) hat das vor 30 Jahren ins Leben gerufene ZMBH entscheidend geprägt und mit seinem Engagement dazu beigetragen, Heidelberg zu einem führenden Standort molekularbiologischer Forschung in Deutschland zu machen. Im Gespräch erinnert sich der Mitbegründer und spätere Direktor des Zentrums an die bewegten Anfänge der heute international anerkannten Einrichtung.

Welche Faktoren haben Sie zur Gründung des ZMBH bewogen?

„Für uns gab es damals zwei Hauptmotivatoren: Zum einen waren wir der Auffassung, dass die Molekularbiologie mit nur zwei Lehrstühlen nicht ihrer Bedeutung entsprechend an der Universität Heidelberg vertreten war. Zum anderen bewegte uns der sogenannte Hoechst-Schock. 1981 hatte die deutsche Firma Hoechst einen Kooperationsvertrag über 70 Millionen US-Dollar mit dem Massachusetts General Hospital abgeschlossen, um Anschluss an das internationale Niveau der molekularbiologischen Forschung zu finden. Dass eine solche Investition in eine ausländische Universität die Qualität der deutschen Forschung auf dem Gebiet der Molekularbiologie grundsätzlich infrage stellte, wollten wir nicht hinnehmen. Der Gedanke, ein neues Institut aus der Taufe zu heben, fiel vor diesem Hintergrund sowohl in der Politik als auch in der Industrie auf fruchtbaren Boden. Ein weiterer Umstand, der unser Vorhaben begünstigte, war das neu aufgelegte Genzentren-Programm der Bundesregierung, für das wir uns erfolgreich bewerben konnten.“

Was waren die wissenschaftlichen Ziele des ZMBH?

„Unser Ziel war es, ein breites Spektrum an grundlegenden Fragen der Molekular- und Zellbiologie zu erforschen, etwa in der Neurobiologie, der Infektionsbiologie und auf dem Gebiet der Genregulation. Diese inhaltliche Vielfalt war damals einzigartig für ein deutsches Institut und hat das ZMBH zu einem Vorreiter für Themen gemacht, die inzwischen gut in Heidelberg etabliert sind.“

Nicht nur die wissenschaftliche Ausrichtung war einzigartig, sondern auch die Struktur des ZMBH. Was hat das Zentrum so besonders gemacht?

„Eine der wichtigsten frühen Maßnahmen war die Einrichtung eines internationalen wissenschaftlichen Beirats, der mit exzellenten Forscherpersönlichkeiten besetzt war und entscheidend zum Erfolg des ZMBH beigetragen hat. Die zweite zentrale Entscheidung war es, das aus den USA bekannte Department-System auf das Zentrum zu übertragen. Das bedeutet erstens: keine Lehrstühle mit strengen Hierarchien, keine Abteilungen, sondern kleine, selbstständig arbeitende Forschungsgruppen, für deren Erfolg Professoren oder unabhängige Nachwuchsgruppenleiter verantwortlich sind. Zweitens: ein gemeinsamer Etat für die Grundausstattung des Instituts, von dem etwa die Hälfte in eine wissenschaftlich-technische Infrastruktur fließt, zu der alle Forschungsgruppen gleichberechtigten Zugang haben. Und drittens: die Leitung des Kollegiums durch einen Direktor, der vom Beirat vorgeschlagen und vom Rektor der Universität auf Zeit ernannt wird. Zudem waren wir das erste deutsche Universitätsinstitut mit einem festen Sonderetat für unabhängige Nachwuchsgruppen. All dies hat zu vielen Bewerbungen hoch talentierter junger Wissenschaftler aus aller Welt geführt, die das Institut jung und uns ‚Alte‘ auf Trab gehalten haben. Ihre Förderung haben wir stets als eine zentrale Aufgabe verstanden.“

Der Start des ZMBH ist nicht durchweg glatt verlaufen. Was waren die Schwierigkeiten?

„Tatsächlich wurden wir jahrelang in der Öffentlichkeit als BASF-Institut betrachtet, das Industrieforschung betreibt – ein Vorwurf, der völlig haltlos war. Außerdem waren wir als eines der drei Genzentren der Bundesregierung starken Anfeindungen der Gentechnik-Gegner ausgesetzt. So wurde während des Neubaus des ZMBH eine Bombe im Keller gezündet; am Bauzaun hingen Plakate mit Aufschriften wie ‚Meine Gene gehören mir alleene!‘. Und bei der offiziellen Eröffnung des ZMBH kam es zu Demonstrationen.“

Was empfinden Sie persönlich als größte Errungenschaft Ihrer Laufbahn?

„Neben meinen wissenschaftlichen Arbeiten halte ich es für einen großen Erfolg, am Beispiel des ZMBH gezeigt zu haben, dass auch andere Strukturen in der deutschen Hochschullandschaft lebbar sind – Strukturen, in denen der Einzelne Macht abgibt, die sich durch flache Hierarchien auszeichnen und die einen starken Kooperationswillen befördern. Nicht zuletzt dank dieser Merkmale ist es dem ZMBH gelungen, in kurzer Zeit ein hohes wissenschaftliches Renommee und internationale Anerkennung zu erwerben.“

www.zmbh.uni-heidelberg.de