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Das täglich Brot des Musikers

3. November 2008
Improvisation und Interpretation: Abschluss der Heidelberger Biennale „Links“ mit „Chambre d'écoute“ und dem Thomas Siffling Trio
Ins kaum erforschte Dschungelgebiet zwischen musikalischer Improvisation und Interpretation wagte sich das Ensemble „Chambre d'écoute“ zum Abschluss der diesjährigen Biennale für neue Musik „Links“ in Heidelberg. Und hier gab es wahrlich Interessantes zu entdecken. Das intelligent konzipierte Programm machte vor allem im zweiten Teil deutlich, dass auch die Wiedergabe festgeschriebener Kompositionen durchaus improvisatorisches Geschick verlangt, und genauso: dass auch lockere Improvisationen nicht ohne vereinbarte Regeln ablaufen.

Ein völlig von musikalischen Konventionen, stilistischen Klischees und üblichen Rahmenbindungen gelöstes Stegreifspiel ist, so konnte man lernen, letztlich eine abstrakte Idee. Zwischen absoluter Willkür und sinnstiftendem Zusammenwirken gibt es offenbar nur einen schmalen Grat von gelungener Improvisation – und dieser ist gar nicht weit entfernt von der „pointierten Lesart“ einer Interpretation.

Auf welch unterschiedliche Weise man z.B. Schumanns „Zwielicht“ (aus dem „Liederkreis“) wiedergegeben kann, zeigten Verena Sennekamp (Cello) und Katharina Olivia Brand (Klavier) in einer romantisch-lyrischen und einer historisch kritischen Version, wobei die sprechende Artikulation der zweiten den Text besonders vermissen ließ.

Claus Steffen Mahnkopf (geboren 1962) schrieb drei Spielarten ein und desselben Stücks: „Illumination du brouillard“ ist ein kurzes, hoch virtuoses Werk für Oboe (Christian Kemper) und Klavier, dessen in Tonhöhe, Rhythmus und Tempo festgelegte Klangsubstanz in drei Varianten ausgearbeitet ist – mit jeweils unterschiedlicher Dynamik, Klangfarbe oder Pedalisierung im Klavierpart. So entstehen eine Art Basiswerk sowie eine geräuschhafte und eine lyrische Ausprägung des gleichen Notentextes. Dies zeigte deutlich die vielfältigen Möglichkeiten des Interpreten, der sich für eine entscheiden muss: Das täglich Brot des Musikers, sobald er beginnt, Noten wiederzugeben.

Auf andere Weise unvorhersehbar gestaltete sich die Aufführung von drei Solostücken (Nr. 1, 3, und 5) aus der Serie „Aus der Wand in die Rinne“ von Juliane Klein (Jahrgang 1966): Die drei Einzelkompositionen für Oboe, Cello und Klavier wurden simultan aufgeführt, eine Möglichkeit, die die Komponistin vorsieht. Dabei sind die drei Stücke von sich aus weder zeitlich koordiniert, noch verlaufen sie klanglich synchron.

Die Interpreten improvisieren sozusagen ein Trio und sind dabei an ihren Notentext, an eine übereinstimmende Stimmung der Instrumente und an einen gemeinsamen zeitlichen Ablauf mehr oder weniger gebunden. Gänzlich „frei“ nebeneinander her laufend würde dieses Stück möglicherweise auch nicht funktionieren, genauso wie die Einzelstücke wahrscheinlich eher langweilen. So aber ergab sich der Eindruck eines zufälligen Geben und Nehmens, eines ungeplanten Austauschs von Tönen und Dynamik und sogar eines unverhofften klanglichen Zusammenwirkens.

Eine Gruppenimprovisation unter Einbeziehung des Publikums zeigte schließlich den abgesteckten Rahmen einer solchen zeitlich ebenso begrenzten wie im Verlauf koordinierten Aktion: Keiner der fleißig Styropor oder Steine reibenden Mitspieler im Publikum wäre etwa auf die Idee gekommen, aus der Reihe zu tanzen, sich frei im Raum zu bewegen oder gar akustische Extravaganzen einfließen zu lassen. Eine Improvisation kann also eine sehr geordnete, fast komponierte Angelegenheit sein.

Vinco Globokars „Discours III“ für fünf Oboen (vier kamen von Band) und besonders Nicolaus A. Hubers großartiges Trio „Demijour“ (1985) zeigten den umgekehrten Fall, dass nämlich strenge Komposition scheinbar improvisatorische Qualitäten einbeziehen kann: Intensität, Formbewusstsein und Spontaneität müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, vor allem, wenn solch ausgezeichnete Instrumentalisten musizieren wie die des Ensembles „Chambre d'écoute“.

Der Jazztrompeter Thomas Siffling und die Mitglieder seines Trios, Jens Loh (bass) und Markus Faller (drums), bewiesen genau dies auch von der Warte der Improvisation aus bei ihrem sich anschließenden Auftritt in der Neuen Aula der Universität. Spitzenmusiker mit feinem Gespür für das große Ganze einer Komposition und die geschmackvolle Auszierung im Detail gibt eben es in jedem Stil – ob sie mehr improvisieren oder interpretieren ist letztlich nicht entscheidend.
Matthias Roth
© Rhein-Neckar-Zeitung

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