Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Sommersemester 2020


Alle Veranstaltungen der Lateinischen Philologie des Mittel­alters und der Neuzeit finden im Paläographieraum 027 (Graben­gasse 3-5) statt. Ausgenommen ist der Sommerkurs, der im Übungsraum 1 des Historischen Seminars abgehalten wird.

Oberseminar


Kirchenväterkolloquium: Das Briefdossier der Demetrias

2st., Do 18.00-19.30        Beginn: 23.IV.     Prof. Corinna Bottiglieri et al.

Vor dem Einfall der Westgoten wie viele andere reiche Familien Roms nach Nordafrika auf ihre dortigen Besitzungen geflüchtet, entschied sich die junge Anicierin Demetrias zu Beginn des V. Jahrhunderts gegen eine Heirat und für ein gottgeweihtes Leben. Hierfür wurden einige der bedeutendsten christlichen Theologen dieser Zeit um spirituelle Belehrung und geistliche Begleitung gebeten, so etwa Augustinus und Hieronymus. Sie sollen zum Vergleich für den Brief des – später als Häretiker verurteilten – Pelagius herangezogen werden, der im Mittelpunkt des Kolloquiums steht. Die ausgewählten Texte werden von den Teilnehmern gemeinsam gelesen, übersetzt und kommentiert. Alle Interessierten seien herzlich zur Teilnahme eingeladen. Texte werden zur Verfügung gestellt. Ausgabe: G.Greshake (ed.), Pelagius: Epistula ad Demetriadem, Freiburg et al. 2015.
  


Ekkehart


Waltharius

2st., Mi 09.15-10.45        Beginn: 22.IV.     Prof. Corinna Bottiglieri

    
Der Waltharius ist die einzige erhaltene germanische Heldendichtung in lateinischer Sprache. Auf 1456 Versen, also etwa im Umfang eines Epyllions, wird darin die Rückkehr (Anabasis) des Waltharius und seiner Verlobten Hiltgunt aus der Gefangenschaft am Hofe Attilas geschildert. Stetig wachsen Detailfülle und Erzählzeit. Am Ende des Poems kommt es in den Vogesen zu zwölf Zweikämpfen mit den Schergen des Königs Gunther, in denen Waltharius sich bewährt. Der letzte Gegner, sein Freund Hagen, bleibt unbezwungen, beide stellen schwer verletzt den Kampf ein. Der Waltharius gehört zu den klassischen Texten der mittellateinischen Philologie. Trotz intensiver Forschung gelten Autor, Entstehungsort und Entstehungszeit noch immer als umstritten. Das Seminar widmet sich dem literarischen Studium des Textes und seiner Vorbilder ebenso wie den Fragen der Überlieferung und Entstehung. Ausgabe: K.Strecker (ed.), Waltharius, Berlin 1947.


Proseminar/Lektüre

Gattungen der mittellateinischen Literatur
2st., Di 11.15-12.45         Beginn: 21.IV.     Prof. Corinna Bottiglieri

Literarische Entwicklungen und Besonderheiten des mittelalterlichen Lateins von der Spätantike bis zum Humanismus sollen anhand verschiedener Gattungen einführend behandelt werden. Nach einem Überblick, der allgemeine Beobachtungen zu den Genera bietet und deren Ausgangspunkte in Antike und frühem Christentum bestimmt, werden Texte einzelner Gattungen und Subgattungen - Hagiographie, Formen der Dichtung (Lehrgedicht, Epik, Briefgedichte, rhythmische Gedichte), enzyklopädische Literatur, etc. - besprochen und übersetzt, Nachschlagewerke, Hilfsmittel und einschlägige Studien zur mittellateinischen Literatur- und Sprachgeschichte vorgestellt, angewandt und diskutiert. Zum Proseminar wird ein Tutorium angeboten. Zur Einführung: W.Berschin, Einleitung in die Lateinische Philologie des Mittelalters, Heidelberg ²2019.

Tutorium zum Proseminar
2st., Mo 14.15-15.45
        Beginn: 27.IV.     stud. phil. Alina Preis

Lektüre


Einhardsbasilika Einhart (†840), Translatio et miracula SS. Marcellini et Petri
2st., Di 09.15-10.45        Beginn: 21.IV.    Prof. Corinna Bottiglieri 
Einhart, Biograph Karls des Großen und seit 830 Laienabt von Seligenstadt, hat einen umfangreichen Bericht über den Raub und die Translation der Märtyrerreliquien von Marcellinus und Petrus verfasst. Ihre Beschaffung in Rom durch Einharts Notar Ratleic steht am Beginn der Erzählung, es folgen eine Schilderung der Reiseroute, der Wunder sowie der Gründung des Klosters Seligenstadt. Anders als bei der Vita Karoli, deren hoher Stil  sich an klassischen Autoren orientiert, wählt Einhart für die Translatio einen mittleren Stil, der dem hagiographischen Gegenstand entspricht. Die Translatio et miracula SS. Marcellini et Petri sollen im Plenum studiert werden, wobei Überlieferungs- und Literaturgeschichte des IX. Jahrhunderts zur Sprache kommen. Ausgabe: G.Waitz (ed.), Einhardi Translatio et miracula SS. Marcellini et Petri, MGH SS XV/1, Hannover 1887, p.238-264.





EPG II / Lectura Vulgatae: Das Buch Ruth mit Erläuterungen des Hrabanus Maurus (†856)

2st., Mo 11.15-12.45        Beginn: 20.IV.     Dr. Köhler
 

Das alttestamentliche Buch Ruth ist ein Frauenbuch; es handelt von der Treue der Moabiterin Ruth zu ihrer jüdischen Schwiegermutter, der sie in ihre Heimat folgt, als alle Männer der Familie gestorben sind. Die beiden halten zusammen, und am Ende steht für jede von ihnen neues Glück und ein erfülltes Leben. Der Text ist im historischen, moralischen und allegorischen Sinn lesbar: Für die Juden symbolisiert Ruth das Volk Israel in seiner Treue zu Jahwe, die Christen sehen in ihr die Kirche im Verhältnis zu Jesus Christus. Letzteres ist die Generallinie des Kommentars von Hrabanus Maurus, der mit Etymologien, Typologien und parallelen Bibelstellen arbeitet. Hraban, der fast alle biblischen Bücher kommentiert hat, war im Fall von Ruth auf sich allein gestellt, weil es vor ihm keine Exegese des gesamten Buches gab. Die Lektüre empfiehlt sich für Studierende aller Fächer und kann auch zur Auffrischung der Lateinkenntnisse an einem literarisch reizvollen Stoff dienen. Vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Ausgabe des Bibeltextes: Biblia Sacra iuxta Vulgatam versionem, Stuttgart 52007.



 
Erstlektüre für Historiker: Karl IV. (†1378), Historia nova de sancto Wenzeslao
 2st., Mo 16.15-17.45        Beginn: 20.IV.     Dr. Otero PereiraWenzel

Im Zentrum von Prag ist heute das monumentale Reiterstandbild des heiligen Königs Wenzel († 929 oder 935) zu bewundern. Nach der Ermordung des böhmischen Landespatrons durch dessen Bruder entstand auf der Prager Burg und am Veitsdom ein Wenzelskult, der wesentlich zur Ausbildung eines böhmischen Identitäts¬bewusstseins beitrug. Neben zahlreichen anderen Viten, die seit dem X. Jahrhundert entstanden sind, schrieb auch der zunächst auf den Namen Wenzel getaufte böhmische König Karl IV., ab 1355 römischer Kaiser, eine für die Liturgie neu erzählte Wenzelslegende, die dessen Kult im ganzen Reich verbreiten sollte. Dabei bediente er sich markanter Topoi und beschrieb Wenzel als fromm, mild und freigebig. Er habe die Gabe der Prophezeiung besessen, nach dem Himmlischen gestrebt, das Irdische gering geschätzt und sei schließlich als Märtyrer gestorben. Die Translatio seiner Gebeine in den Veitsdom sei von zahlreichen Wundern begleitet gewesen. Der Lektürekurs wendet sich an Anfänger mit wenig Lektüreerfahrung. Die Wenzelslegende Karls IV. wird im Plenum gelesen und übersetzt, der Text in Kopien zur Verfügung gestellt. Ausgabe: A.Blaschka (ed.), Die St. Wenzelslegende Kaiser Karls IV., Prag 1934.


John Barclay (1582-1621), Icon animorum
2st., Di 16.00-17.30              Beginn: 21.IV.     Prof. Wiegand

Der exzellente schottische Autor John Barclay, Verfasser des einflussreichsten neulateinischen Romans Argenis, publizierte zuerst 1614 in London eine Icon animorum – Spiegelbild der Charaktere. Das Buch versucht nicht nur eine Individualcharakteristik des Menschen, sondern auch eine umfassende Charakteristik der Völker Europas unter völkerpsychologischen Aspekten. Der oft aufgelegte und bis weit in das XVIII. Jahrhundert in Schulen und Universitäten geradezu kanonische Text formte über lange Zeit das Bild, das sich Europas Bildungseliten von sich und vor allem ihren Nachbarn (einschließlich der Türken) machten. Wir werden gemeinsam verschiedene Partien des Werkes lesen und vor der Folie antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher ethnographischer Stereotypen interpretieren. Die Texte werden vom Seminarleiter zur Verfügung gestellt. Ausgabe: M.Riley (ed.), John Barclay Icon Animorum or the Mirror of Minds, Leuven 2013.


Blockveranstaltung

B-Typ saec.VIII ex.


Sommerkurs Paläographie: Lateinische Schrift
09.15-17.45                       31.VIII.-11.IX.    Prof. Licht et al.

Gegenstand des Kurses ist die lateinische Schrift (vom Anfang bis ins XX. Jahrhundert) und die Vermittlung ihrer Grundlagen. Fragen zur Schriftgeschichte werden mit traditionellen und modernen Ansätzen diskutiert. Die Teilnehmer erwerben Datierungs- und Lokalisierungssicherheit und eine Lesekompetenz, die zwei Jahrtausende Schriftlichkeit umfasst. Hauptorganisationsform ist die Übung: Einzelne Schrifttafeln werden gemeinsam gelesen, Ergebnisse im Plenum gesichert und methodische Ansätze samt Forschungsliteratur besprochen. Flankiert wird die Übung durch Veranstaltungen, in denen Sonderthemen der Paläographie und neuere Forschungserträge vorgestellt werden.