Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Einleitung in die Lateinische Philologie des Mittelalters


Appendix 5
Zur ‘karolingischen’ Aussprache des Lateinischen


Die Paläographen können den Problemlaut des Lateinischen leicht an der lateinischen Alphabettafel erkennen. Es ist der velare Verschlußlaut, der im lateinischen Alphabet bei einer Gesamtzahl von nur 23 Buchstaben nicht weniger als vier Stellen beansprucht:

C
G
K
Q

Dem G sieht man es an, daß es nur eine Variante von C ist: nämlich der stimmhafte Verschlußlaut. K wird im Lateinischen nur in ganz wenigen Wörtern und fast ausschließlich im Anlaut vor a gebraucht. Das aus dem Etruskischen stammende Q kommt nur vor u vor. G, K, Q haben also ihren festen Platz im lateinischen Lautsystem gefunden; es bleibt als Problembuchstabe das C übrig. Es bedeutet in klassischer Zeit den stimmlosen velaren Verschlußlaut

Caesar = kaisar.


Dieser Laut wird zum apikalen Reibelaut vor hellen Vokalen, also e und i, sowie den Diphtongen ae, oe, also

Caesar = tsaesar.


Diese Stufe wird in der Spätantike erreicht. Nur in Randgebieten der lateinischen Sprache bleibt die Aussprache des C vor hellem Vokal teilweise velar

centum = in Sardinien kentu

Patricius = in Irland Patrikius (→ engl. Patrick).


Diese Aussprache des C vor hellem Vokal ist das wesentliche phonetische Merkmal der ‘karolingischen’ Aussprache, die sich in Mitteleuropa bis in unser Jahrhundert gehalten hat


Pater noster, qui es in caelis = tsaelis (im hohen Mittelalter → tselis)

Sanctificetur ... = sanctifitsetur ...

Dona nobis pacem = patsem.


In Italien ist die phonetische Entwicklung im hohen Mittelalter weitergegangen: Der apikale Reibelaut ts wird zum alveolar-palatalen Zischlaut ts → t∫: 


t∫elis

santifit∫etur

pat∫em


Frankreich bewegt sich am weitesten fort von der klassischen Basis durch die spätmittelalterliche Weiterentwicklung der Aussprache von c vor hellem Vokal. Der Laut ts wird zu einem einfachen Zischlaut s. (Zusätzlich verschiebt sich in der frz. Lateinaussprache der Akzent)

selís

sanctifisetúr

pasém.


Den Prozeß der Aussprache von C vor hellem Vokal faßt man unter dem Begriff der Palatalisierung zusammen. Dazu gehört noch eine zweite für den Lauteindruck wichtige Entwicklung; -ti- vor Vokal wird assibiliert, und es entsteht derselbe apikale Reibelaut wie bei c vor hellem Vokal:

et ne nos inducas in tentationem = tentatsionem


Dieser Wandel ist von mehreren Grammatikern des V. und VI. Jahrhunderts n. Chr. festgeschrieben worden, am genauesten von Q.Papirius (ed. H. Keil, Grammatici latini t.7, Leipzig 1880, p.216. An den mit * bezeichneten Stellen steht in der Handschrift nicht s, sondern z):


 Iustitia cum scribitur, tertia syllaba sic sonat, quasi constet ex tribus litteris t, s* et i, cum habeat duas: t et i. Sed notandum, quia in his syllabis iste sonus litterae s* inmixtus inveniri tantum potest, quae constant ex t et i, et eas sequitur vocalis quaelibet, ut Tatius et otia, iustitia et talia. Excipiuntur quaedam nomina propria, quae peregrina sunt. Sed ab his syllabis excluditur sonus s* litterae, quas sequitur littera i, ut otii, iustitii. Item non sonat s*, cum syllabam ti antecedit littera s, ut iustius, castius.


«Wenn iustitia geschrieben steht, dann klingt die dritte Silbe so, wie wenn sie aus drei Buchstaben bestünde, obwohl sie nur zwei hat, nämlich t und i. Aber es ist zu beachten, daß in solchen Silben der Laut s [zwischen t und i] nur eingeschoben zu finden ist, die aus ti bestehen und denen irgendein Vokal folgt, wie Tatius, otia, iustitia und so fort. Ausgenommen sind gewisse Eigennamen fremder Herkunft [wie Antiochia]. Auch wird [aus euphonischen Gründen] nicht assibiliert, wenn der Silbe ti ein s vorausgeht, wie in iustius und castius