Sir Noël Coward – Ein Versuch der Annäherung in 5 Punkten

Wer war dieser am 16. Dezember 1899 in Teddington, Middlesex geborene und aus einfachen Verhältnissen stammende Noel Coward, der am 26. März 1973  weltberühmt und in den Ritterstand erhoben auf Jamaica verstarb?

  1. Er war ein Schauspieler, zeitlebens, auch wenn er nicht auf der Bühne stand. Er hatte die Fähigkeit zu amüsieren, galt in der Öffentlichkeit als geistreicher, witziger, aber auch immer ein wenig oberflächlicher Entertainer, wobei ihm sein einnehmender Charme, und dies macht eine besondere Qualität aus, immer auch der Schutzwall des Homosexuellen war, der auf diese Art und Weise eine Form eleganter Unverbindlichkeit erreichte. Coward kultivierte das Image des weltgewandten Plauderers, er arbeitete hart an seiner Maske – die natürlich nicht nur Maske war, sonst hätte sie nie so perfekt passen können –, konnte aber trotzdem sehr verbittert reagieren, wenn nicht erkannt wurde, daß eben dieses Bild von ihm doch nur eine selbstgenerierte Oberfläche, eine Fassade war? Schwer gekränkt und mit ätzender Schärfe antwortete er, als Winston Churchill die Figur Noel Coward für Noel Coward nahm, ihn mit seinem eigenen Showbiz-Klischee verwechselte, und deshalb Cowards patriotischen Wunsch, sich zu Kriegszeiten für sein Vaterland nützlich zu machen, mit einem „Go and sing to them when the guns are firing – that’s your job!“ quittierte:

With I think, commendable restraint, I bit back the retort, that if the morale of the royal navy was at such low ebb that the troops were unable to go into action without my singing „Mad dogs and Englishmen“ to them, we were in trouble at the outset and that, theoretically, „singing when the guns are firing“ sounds extremely gallant it is, in reality, impracticable [...]

 2. Er war ein Dramatiker, der immer wieder herangezogen wurde und wird als ein Repräsentant für schlechtes, überholtes, fades und verbrauchtes Theater, der aber, gleichzeitig starken Einfluß auf jüngere Autoren wie Orton oder Pinter ausübte: weil er knapp und vergleichsweise ökonomisch schrieb; weil er im Gegensatz zu seinen Vorgängern keine fein ziselierten und sorgfältig instrumentierten Epigramme brauchte, um das Theater zum toben zu bringen, sondern bei ihm schon ein trockener Einwurf wie "Very flat, Norfolk?" genügte; weil er die Eigenschaften von Sprache, den Kommunikationsakt neu bewertete. In seinem Stück "Shadow Play" fällt der Satz: "Small talk, a lot of small talk with other thoughts going on behind." Der Text gibt bei Coward nur eine schwache Andeutung von dem, was tatsächlich zwischen den Figuren auf der Bühne passiert. Ihr Leben geht außerhalb oder unterhalb des Textes weiter. Und Sprache dient kaum mehr der Verständigung als dem Vortäuschen, dem Spiel, dem Überbrücken von Pausen oder der Selbstpositionierung in einer subtilen Hierarchie. Ein wirklicher Neuerer war Coward nie, und er wollte es auch nicht sein: denn er war immer ein Autor, der das Publikum umwarb, nicht die Kritiker - obschon er sich auch hier insgeheim nach Anerkennung sehnte, Bestätigung suchte in den Feuilletons, daß er mehr als ein Jux war. Die literarische Moderne interessierte ihn nicht, Joyce, Beckett, diese Strömungen nahm er nicht, oder nur oberflächlich, oder mit Ablehnung wahr. Formale Experimente versuchte er wenige, und meist mit geringem Erfolg. Er war ein populärer Autor, der auf die Genre-Konventionen, die Blaupausen und Strickmuster des populären Theaters vertraute.

3. Er war schnell, und er war am besten, wenn er am schnellsten war. Seine dauerhaftesten Erfolge schrieb er in nur wenigen Tagen. Seine Geschwindigkeit war legendär. Für Blithe Spirit braucht er fünf, für Hay Fever, seinen Durchbruch, bloß drei Tage. Aber diese Geschwindigkeit erzeugte Mißtrauen, denn was schnell geschrieben und leicht daherkommt, das kann nicht schwer wiegen. Und so urteilte etwa die Sunday Times mit unüberhörbarem Spott:

There is neither health nor cleanness about any of Mr Coward's characters, who are still the same vicious babies sprawling upon the floor of their unwholesome crèche [...] Mr Coward is credited with the capacity to turn out these very highly polished pieces of writing in an incredibly short time; and if rumour and the illustrated weeklies are to be believed, he writes his plays in a flowered dressing-gown and before breakfast. But what I want to know is what kind of work he in-tends to do after breakfast, when he is clothed and in his right mind.

4. Er war der Dramatiker der desillusionierten und orientierungslosen und wohlstandverwahrlosten jungen Leute der 20er und 30er Jahre. Seine Figuren verschließen sich vor der äußeren Welt, kapseln sich ab in teuren Hotelzimmern oder geräumigen Appartements, folgen dort einem luxuriösen Lebensstil und vermeiden jede ernsthafte Beschäftigung mit irgendeinem Gegenstand, kreisen erschöpft und berauscht zugleich immer wieder eitel und hilflos um sich selbst, ohne Überzeugungen, vertrauen auf die Wirkung ihres Charmes und ihrer Attraktivität, fangen kleine Liebschaften an in der Hoffnung, dieses eine Mal könnte es anders, ernsthafter, dauerhaft werden; und pfeifen auf die Konventionen und Normen der Elterngeneration. Deswegen auch, um diese Lebenswelt abbilden zu können, nahm der eigentlich konservative Coward immer wieder Probleme mit der damals vielleicht konservativsten Einrichtung im Vereinigten Königreich in Kauf: der Zensur. Und konnte er diese Lebenswelt nicht deshalb so gut einfangen, weil er Teil von ihr war, weil er sie mit all ihren Widersprüchen bis ins Detail verstand? In dem vielleicht schönsten, sicherlich ehrlichsten Epitaph auf Coward erinnert sich die Autorin Rebecca West:

A sensitive man, he was also a vain man, he talked constantly about him-self, thought about himself, catalogued his achievements, evaluated them, presented to listeners such conclusions as were favourable, and expected, and waited for, applause.
His sensitivity knew this and was shocked, and he regularly rough-housed his own vanity by considering himself in a ridiculous light. This he did for the good of his soul. The public image of himself in top-hat and tails, the immortal spirit of the charming twenties, was merely one of his admirable inventions. It was the disguise worn by an odd and selective kind of Puritan.

5. Natürlich, Laurence Olivier war der bessere Schauspieler, George Gershwin der genialere Komponist, Oscar Wilde unzweifelhaft der cleverere Dramatiker, Frank Sinatra ganz bestimmt der versiertere Sänger und Paul Gauguin der professionellere Maler. Aber Noel Coward war wahrscheinlich der vollkommenste Allround-Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Er widerlegte auf eine einnehmende Art und Weise die alte Regel: "Diversification does not work with art." Und er war ein kleines Gesamtkunstwerk in sich selbst. Sein Werk zu betrachten ohne die Figur, den Mythos Coward mitzudenken, ist eigentlich nicht denkbar.