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Aktuelles

22.01.2006: Prof. Dr. Gerhard Rau über 2 Kön 5,1-19a

 

Universitätsgottesdienst in der Peterskirche Heidelberg

am 3. Sonntag nach Epiphanias, 22.01.2006

über 2. Könige 5,1-19a

Prof. Dr. Gerhard Rau

 

Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wertgehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig.

Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans.

Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.

Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet.

Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben. Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist.

Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!

Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.

So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas.

Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.

Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien.

Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.

Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!

Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.

Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht.

Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt, vor dem ich stehe: ich nehme es nicht. Und er nötigte ihn, dass er es nehme; aber er wollte nicht.

Da sprach Naaman: Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, soviel zwei Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein dem HERRN.

Nur darin wolle der HERR deinem Knecht gnädig sein: wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmons, dann möge der HERR deinem Knecht vergeben.

Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!

 

 

Sie wissen, womit Juden sich ein Geschenk machen können? Nicht nur mit einer Einladung und einem schön verpackten Gastgeschenk, nein, sie können sich ganz einfach eine „Geschichte schenken“.

Daher habe ich auch die ganze Geschichte von Naeman vorgelesen, obwohl sie sich, literarisch gesehen, aus einem älteren Kern und zwei späteren Ergänzungen zusammensetzt. Schließlich ist sie zu dieser vollen Form herangewachsen und so auch in Israel weitererzählt worden.

Wie soll es nun weitergehen mit unserer Geschichte? Denke ich an meine Enkel, dann höre ich nicht die Aufforderung, „nun erkläre uns doch diese Geschichte“, nein, Kinder bitten anders: lies sie uns noch einmal und immer wieder vor, genau so wie bei allen anderen Märchen und Sagen auch, die nicht verändert werden dürfen, auf keinen Fall durch Kommentare.

Das wäre wohl ein Novum, Ihnen die 19 Verse aus dem Zweiten Buch der Könige nicht nur einmal, sondern gleich zweimal zuzumuten. Das Experiment lohnte sich sicherlich, und dennoch will ich den Test dafür nicht wagen.

 

Bei der literarischen Gattungsbezeichnung „Märchen oder Sagen“ hören unsere kritisch aufgeklärten Ohren sofort: also ungeschichtlich! Lohnt es sich denn wirklich nicht, danach zu suchen, ob sich nicht wenigstens eine kleine Spur von wirklichem Ereignis in dieser Erzählung finden ließe? Denn eine Geschichte nur als dichterische Fiktion zu akzeptieren, das fällt uns sehr schwer.

Natürlich sind in dieser Erzählung auch historisch zu erhärtende Andeutungen versteckt. Das beginnt mit der Gestalt des Propheten Elisa, wohl eines Elia-Schülers, jenes prophetischen Helden schlechthin, der im 9. Jahrhundert vor Christus, also auch für biblische Verhältnisse in grauer Vorzeit, im Nordreich Israel wirkte. Dieser Elisa nun scheint in einer Prophetengenossenschaft gelebt zu haben, die absichtlich unter primitiven Bedingungen zwischen einzelnen Orten hin und her zog.

Literarisch belegt ist, und zwar mehrmals, die komplizierte politische Konstellation zwischen Israel und den Aramäern: zwischen beiden gab es Kriege, aber auch Koalitionen gegen Dritte, so sicherlich gegen die Assyrer, fernen Verwandten dieser Aramäer.

 

Bis heute heißt die Hauptstadt Syriens Damaskus, und wieder gibt es dort Grenzkonflikte mit Israel. Also schon damals eine sensible Situation, die nichts weniger verträgt als unklare Provokationen. Dass der Damaszener den Nachbarkönig von Samaria mit dem unverhohlenen Befehl konfrontiert: heile meinen wichtigsten Mann von der ihm zur Plage gewordenen Hautkrankheit, ist eine solche Provokation.

 

Der oberste Israelit zerreißt seine Kleider und demonstriert so sein Wehrlosigkeit gegenüber der Heimtücke des Bittstellers - wie vor allem auch seine Bußgesinnung gegenüber Gott.

 

Elisa erfährt von der staatspolitischen Krise - heutzutage wäre ein solches Kleiderzerreißen ein Offenbarungseid oder die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses - und rückt das Ereignis insofern zurecht, als er es in den richtigen Zusammenhang einordnet. Vielleicht mögen die anderen orientalischen Herrscher sich als Gott-Könige fühlen und sich Heilungen zutrauen, in Israel jedenfalls gibt es eine solche Königs-Vergötzung nicht - von Saul an. Dafür hatte Israel schon vielzuviel Probleme zu lösen in seinem Selbstverständnis, als sich aus der Richterzeit mit charismatischen Kriegsführern das Königtum herausentwickelte. Elisa lenkt daher, gut israelitisch gedacht, den Heilungswunsch korrekt um auf die religiöse Schiene, nicht aber auf die Kultpriester, sondern auf die prophetische Kraft

 

Wie soll ein Machtmensch wie Naeman diese Therapieumwege richtig einschätzen können? Im Gegenteil: er fühlt sich brüskiert, zumal er seinen Wagen regelrecht überladen hatte mit Zahlungsmitteln (nach heutigem Gewicht 300 kg Silber und 48 kg Gold sowie etlichen Wechselgewändern).

Ein wirklich potenter Privatpatient, der durch seine hohen Arztkosten zugleich den eigenen Wert zu steigern vermag. Wer soviel für seine eigene Gesundheit, fürs eigene Überleben ausgeben kann, der muss für die Gesellschaft wahrlich unentbehrlich sein. Er war ja schließlich der Generalissimus des syrischen Staates. Und jeder verlorene Krieg, weil man auf ihn hätte verzichten müssen, kostete mehr. So einfach ist das!

 

 

Alles, was ich bis jetzt zur Hintergrundsaufklärung der Geschichte ausgegraben habe, wäre für Kinder, die solche Geschichten immer und immer wieder in der gleichen Form hören wollen, vermutlich gar nicht nötig gewesen. Ihre Phantasie hätte ihre Gefühle hinreichend stimuliert, um das alles richtig zu empfinden und einzuschätzen. Wohl uns, wenn wir diese Fähigkeit zur Kinderphantasie nicht ganz verloren haben, denn dann könnten wir sogar allein die Bibel lesen, ohne sie von Fachtheologen oftmals recht langweilig erläutert zu bekommen.

 

Die Therapie schreitet voran, doch anders als erwartet. In Israel vertraut man statt auf einen aufwendigen Exorzismus mit Wegwerf-Gesten und Zauberformeln anscheinend auf das bloße Prophetenwort.

Wie sollte sich denn das Weltbild dieses mächtigen Generals so schnell haben ändern können, dass er statt auf Rosse, Wagen, Speere und Pfeile, auf Schwerter und Rüstungen, statt auf alle diese Errungenschaften von Stärke und Macht zu vertrauen - nicht zu vergessen das Edelmetall -, sich von einer schlichten Waschung die Gesundung erhoffen sollte? Und das auch noch in dem trüben lächerlichen Rinnsal Jordan, wo doch in Damaskus klarstes Wasser aus dem Antilibanon vor seinem Hause vorbeifließt?! Er muss sich verhöhnt fühlen, zumal ihm dieser so genannte Gottesmann nur einen Boten geschickt hat, statt sich selber zu ihm hin zu bemühen. Skandalös!

Mit den ihm eigenen Plausibilitäten im Kopf, kann und darf er seine Heilung nicht von einem prophetischen Scharlatan abhängig machen. Er kann eben nicht begreifen, dass die eigentliche Schaltstelle für Krankheit oder Gesundheit in ihm selbst installiert ist.

 

Die subalternen Diener mit ihren einfachen Lebensinstinkten, jedoch viel gesundem Menschenverstand, hatten dafür das bessere Gespür und wollten beim Überqueren des Jordan Richtung Damaskus die letzte Chance dieser missglückten Wallfahrt gen Westen nutzen. Gerade weil das Untertauchen nichts kostete, wäre es doch unklug, es nicht wenigstens damit probiert zu haben.

 

Vermutlich hat Naemann auch nach der Heilung das ihm widerfahrene Schlüsselerlebnis nicht richtig zu deuten gewusst. Die spätere Erweiterung der ursprünglichen Geschichte mit dem Versuch, dem geistlichen Arzt ein Geschenk aufzudrängen und damit ohne Verpflichtung gegen Gott und Mensch aus dieser Situation herauszukommen, wie auch die nachdenklichere Variante, einfach Erde aus Israel mitzunehmen, um dem fremden Heilungsgott auf dessen Terrain auch im eigenen Lande huldigen zu können: Beides zeigt mehr Unverständnis als Verständnis dessen, was sich da ereignet hat.

 

Wiederum überrascht uns die Bibel mit ihrem ganzen Großmut, und zwar damit, dass der Heilungserfolg nachträglich durch diese menschlichen Irrungen überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Die Gnade macht sich demnach unabhängig von der unterschiedlichen psychischen und mentalen Rezeption des Geschehens bei den Betroffenen.

 

Dieses Element von der Unumkehrbarkeit des Ablaufs würden die Kinder wieder zwingend finden, wie sie noch anderes in der Geschichte wichtig nähmen, was uns Erwachsenen längst entrückt ist, so z.B. das Gefühl des Mädchens, einer Kriegssklavin. Statt verbockt, ärgerlich und böse zu sein, fühlt es Mitleid. An solche Emotionen schließen sich Kinder an, sie können sich ja altersmäßig damit auch leichter identifizieren als wir.

 

Und wie Kinder ein unreflektiertes, aber untrügliches Gespür für die Bedeutung einer Sache haben, so auch das Mädchen hier. Das Mädchen bedauert den Herrn, nicht nur weil er einen Hautausschlag mit starkem Juckreiz hat. Das wohl auch. Noch mehr fühlte das Mädchen das, was im gesamten Orient Gültigkeit hatte: Unreinheit der Haut machte kultisch und dann auch sozial unrein. Die Krankheit schloss auf Dauer aus. Das gefährdete schließlich die ganze gesellschaftliche Privilegierung ihrer derzeitigen „Zwangsfamilie“.

 

Die kultischen Gesetze im 3. Buch Mose enthalten ein ganzes Kapitel lang Anweisungen, wie und mit welchen Maßnahmen jemand nach der Abheilung seiner Hautausschläge wieder in die Gemeinschaft zurückkehren darf. Für priesterliche Dienste machte eine Hauterkrankung sowieso unbrauchbar.

 

Wenn man nun auch noch die Anklänge des Namens Naeman in der Ursprache der Israeliten und wohl auch der Aramäer kennt, dann steigert sich das Leiden dieses Mannes noch mehr. Naeman ist derselbe Name wie im Griechischen Adonis. So könnte Naeman Anbeter des Adonis gewesen sein, jenes Gottes, der in der syrisch-phönikischen Religion die Funktion eines Fruchtbarkeitsgottes hatte. In prophetischen Anklagen jener Zeit wird deshalb der Dienst in den „Gärten des Adonis“ als Lästerung des Gottes Israels angesehen. Die Auseinandersetzung mit dem Baalskult stand nämlich in jener Epoche im Mittelpunkt der religiösen Abgrenzung, wovon die Elia- und Elisa-Geschichten reichlich berichten.

 

 

Warum gehört diese merkwürdige, in geschichtlichen Nebel gehüllte Wundergeschichte überhaupt in eine Perikopenordnung der christlichen Kirche, das heißt, dass darüber gepredigt werden soll?

Nun, liturgisch gibt es dafür eine Erklärung: Die Epiphanienzeit nach Weihnachten, die Zeit, in welcher der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes gedacht wird, hat ja ihren Lichtraum nicht nur im Heiligtum, nicht nur in der christliche Kirche, nein, die Strahlen der Offenbarung erreichen das Ende der Welt und locken die Heiden regelrecht an. An diesem Sonntag wird also Christus als das Licht auch für die Heiden gepriesen.

Wenn Naeman dafür keinen Prototyp abgibt, dann frage ich, wer denn sonst? Er hat nicht die richtige Volks-, noch Kultzugehörigkeit, und erst recht kein Verständnis für prophetische Verheißungen und Anweisungen. Und dennoch wird er geheilt.

 

Gepriesen sei die unergründliche Barmherzigkeit Gottes: so reagierten unsere frommen Vorfahren auf dieses scheinbar unberechtigte Geschehen.

 

Die Geschichte ist aber einer anderen Merkwürdigkeit wegen derzeit noch viel aktueller: gleich im ersten Vers heißt es, Naeman habe für die Aramäer seine großen Siege gewonnen, weil der Herr, also der Gott Israels, ihm dazu verholfen habe.

 

Im Kultur- und Religionskonflikt mit dem Islam täte uns heutzutage eine solche Weite gut, dass wir nur einen Gott am Werke sehen könnten - wie schwer das auch zu erklären sein mag bei verschiedenen Offenbarungsreligionen. Stellen Sie sich daher ruhig einmal vor, der Syrer Assad würde ins heutige Jerusalem um Hilfe schicken, weil dessen Propheten für ihr Gutestun bekannt seien. Und das Erstaunliche: ihm würde dort auch noch geholfen werden!

 

 

Wir selbst sind es, die zwischen diesen Grenzen, zwischen Damaskus und Israel, symbolisch gesprochen, hin und her wandern. Wir haben immer wieder die Rollen gewechselt und halten uns weder in der Prophetengemeinschaft noch im Tempelbezirk auf. Kurz gesagt: wir haben längst die Rolle des Heiden übernommen.

 

Wer vertraut denn auf seine großen Heldentaten in den gewonnenen Schlachten der eigenen Biographie? Doch wir! Wer stolziert in blinkender Rüstung durchs Land? Doch wir! Natürlich schleppen wir keine zentnerschwere Eisenrüstung mit uns herum oder kegeln uns das Armgelenk aus durch Übungen mit einem Langschwert. Dafür haben wir elegantere Lösungen gefunden. Hier, im akademischen Bereich, nehmen uns die Titel und die Zahl der Veröffentlichungen die körperliche Schufterei ab – ohne dass wir ahnten, wie viel schwerer die neue gesellschaftliche Rüstung zu tragen sein mag, allemal schwerer als damals das blanke Eisen.

 

Es kommt noch schlimmer bei unserer Selbstwahrnehmung: Ist uns denn überhaupt noch ein anderer Gott als der Vegetationsgott Adonis zum Verehren übrig geblieben? Wo gießen wir die Adonisröschen in unserem Adonisgarten – Adonisgarten war der feste Begriff für den Kultort dieses Gottes.

Und wo ist das naive Sklavenmädchen hingeraten, das ein ursprüngliches Mitgefühl mit uns hätte und uns zum Propheten nach Samaria schickte?

 

 

Gott sei Dank, mögen wir sagen, bei uns gibt es wenigstens keine Lepra-Epidemie mehr. Und wenn doch, dann hätten wir genügend Antibiotika gehortet.

 

Mit dem Stichwort „Lepra“ bleibt uns eine weitere Überraschung bei der Auslegung dieses Textes nicht erspart. Seit Jahrhunderten verdanken wir der Lutherübersetzung das Missverständnis, es handle sich um Aussatz bei Naeman, in Wirklichkeit war das aber eine Schuppenflechte, Psoriasis. Doch auch diese machte Naeman unrein.

Die Lepra, der bakteriell verursachte Aussatz, wurde erst Jahrhunderte später durch Alexander den Großen aus Indien in den Vorderen Orient eingeschleppt.

 

Welche schlimmen Folgen soll nun diese Entdeckung einer ungenauen und fehlerhaften Übersetzung haben? Dass wir die Psoriasis-Erkrankten künftig an den Jordan schicken? Das Tote Meer ist dafür inzwischen immerhin als vorzüglicher Therapie-Ort entdeckt worden.

 

Schuppenflechte ist nichts anderes als eine beschleunigte Verhornung der obersten Hautschicht. Die psychosomatische Umschreibung dieser Funktionsstörung charakterisiert die daran erkrankten Menschen so: sie hätten darunter zu leiden, dass bei ihnen die notwendige Abgrenzung zur Außenwelt allergisch übertrieben würde. Die Haut  produziere vermehrt Hornschuppen, welche die Haut regelrecht panzern sollen, damit der Mensch besser gewappnet sei gegen Anfeindungen und sich besser abschirmen könne.

 

Haben wir vorhin bereits unsere Rüstung am Jordanufer ablegen müssen, Kettenhemd, Schwert und Spieß, so sind wir jetzt bei der gepanzerten eigenen Haut angelangt. Auch sie muss im Untertauchen zurückbleiben. Unsere Seele soll ihre übertriebenen Verteidigungsstrategien aufgeben und die Angst vor Verletzlichkeit überwinden dürfen. Oft ist diese überzogene Schutzhaltung sogar schon erblich bedingt oder stoffwechselmäßig fixiert. Insofern sind religiöse Heilungswunder mit Sicherheit nicht oberflächlich anzusetzen.

Das größte Organ, das wir haben, unsere Haut, die uns vor tausenden von Eindringlingen im Mikrobereich schützt und uns zugleich die natürliche Schönheit des Fleisches schenkt – bis heute sagen wir „Fleisch“ zur Erscheinung der nackten Haut: Dieses Organ ist Gottes Barmherzigkeit anvertraut. Eine weniger verhornte Haut, gut durchblutet, ist zwar scheinbar verletzlicher und verwundbarer, in Wirklichkeit aber mit den größeren Heilungskräften ausgerüstet.

 

 

Diese Geschichte führt uns damit vor, dass uns ein doppeltes Ablegen unserer Rüstung angeraten wird, zunächst der äußeren, die für die Selbstdefinition in der Gesellschaft bürgen soll, sodann aber der zweiten Rüstung, nämlich der Panzerung unserer Haut. Sie sollte unsere Person eigentlich unverletzlicher machen und hat so zugleich den lebendigen Austausch der Gefühle in Angst erstarren lassen.

Das siebenmalige Untertauchen im Jordan, wobei die Zahl sieben Vollkommenheit anzeigt, gibt uns die schöpfungsmäßige Ruhe des siebten Tages zurück, mit der wir wieder vollen Anteil haben  an der Lebendigkeit und Wärme des Lebens.

 

 

Wie gerne würde ich Ihnen jetzt den Fluss nennen, wo solche Wunder heute noch geschehen. Das Kneipp-Bad Wörishofen könnte diese Leistung sicherlich nicht ganz vollbringen. Dass Geld keine Rolle bei der gesuchten Heilstätte spielt, ist ja noch eine tröstliche Nachricht unserer Geschichte.

 

In der christlichen Kirche ist der Jordan - nicht nur der Taufe Jesu, sondern auch solcher Geschichten wie der von Naeman wegen - zu einem symbolischen Gewässer für Taufwasser schlechthin geworden. Statt zum Jordan-Graben hinab zu steigen, können wir jederzeit zu unserer eigenen Taufe als einer Quelle steter Erneuerung „zurückkriechen“, wie Luther es ausgedrückt hat.

 

Dort erfahren wir dann, dass uns das Lebendigsein des Lebens immer wieder neu geschenkt wird und dass wir gerade in Krisen dorthin zur Erneuerung der Kräfte zurückkehren dürfen. Vielleicht wäre es gut, wir würden daher ab und zu über das Taufwort, das uns einst mitgegeben wurde, meditieren!

Sich auf Gottes Verheißungen in der Taufe - wie hier auf das Prophetenwort des Elisa - zu verlassen und nicht auf sich selbst: das ist der Glaube, der Angst nimmt und uns mit heiler Haut davonkommen lässt.

 

Wir, die wir meistens als Säuglinge getauft wurden, können uns dabei sogar Babyhaut vorstellen, die uns immer wieder neu als Zeichen eines pulsierenden Lebens versprochen wird. Eine Haut, die in ihrer Zartheit sogar mit Blütenblättern vergleichbar wird.

 

Gerhard Teerstegen hat diese wunderbare Erneuerung in ein Licht der Epiphanienzeit, unserer derzeitigen Kirchenjahreszeit, gehüllt, wenn er dichtet: „Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“

 

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Letzte Änderung: 21.03.2016
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