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Hans Walter Wolff: Predigt über Jesaja 62, 6-7 + 10-12 „Was wird aus der Kirche?“

Die Predigt wurde am Reformationsfest 1983 in der Heiliggeistkirche zu Heidelberg gehalten. Sie wurde veröffentlicht in den Mitteilungen des ökumenischen Vereins zur Förde-rung der Predigt e.V.: Predigen zum Weitersagen, Heft Nr. 25, 1994, S. 2-8.

 

 

Liebe Gemeinde, kaum zweiundzwanzig Jahre alt war Martin Luther, da schien die Frage für ihn erledigt: Was wird aus mir? Denn Jura studierte er, wie es sein Vater gewünscht hatte. Doch dann schreit es plötzlich neu auf in ihm: Was wird aus mir? Gott war ihm gefährlich geworden. Er bricht sein Studium ab und geht ins Kloster. Und dann verknüpft sich für ihn mehr und mehr die Frage „Was wird aus mir?“ mit der ganz anderen „Was wird aus der Kirche?“ So wächst aus seiner privatesten Bedrängnis die Reformation der Kirche. Die beiden Fragen sind auch für uns nicht voneinander zu trennen. Wir werden sehen.

Was wird denn aus der Kirche? Heute denken wir an den Thesenanschlag des 33-jährigen Martin Luther an der Schloßkirche zu Wittenberg. Luther hat uns angeleitet, mit dem Scheinwerfer der biblischen Schriften die Schäden in der Kirche aufzuspüren und den Weg in die Zukunft zu suchen. Unser Prophetenwort trifft ein Jerusalem, das ähnlich der Kirche heute mehr am Boden liegt als dass es aufrecht stünde, das mehr verhöhnt als berühmt ist, viel öfter verlassen und verödet als aufgesucht und gefragt, wenn man den Meinungsumfragen und eigenen Beobachtungen glaubt. Der Prophet reißt seine Hörer von den Stühlen: „O Jerusalem, ich will Wächter auf deine Mauern bestellen.“ Von den Mauern her übersieht man die ganze Misere: drinnen Verfall und Trägheit der Leute, draußen anrückende Feinde und Gelächter der Spötter. Wer klar sieht und urteilen kann, ist auf die Mauern beordert. Doch nicht zu trüben Betrachtungen über die Kirche. Mit Leidenschaft fordert der Prophet zunächst zu einem auf: Gott dem Herrn „keine Ruhe zu lassen, bis er Jerusalem wieder aufrichtet“. Ins Gespräch mit Gott soll also die Not der Kirche kommen.

Damit wird den Wachen eingeschärft, dass das Elend nicht eigentlich unsere Not ist, sondern Gottes eigene Sache. Jerusalem ist die Stadt seiner Wahl, seiner Verheißung. Die Kirche ist sein Volk, das er durch seinen Sohn Jesus Christus aus allen Völkern berufen hat. Sein Wort, sein Geist stehen auf dem Spiel. So gehört denn unsere brennende Frage „Was wird aus der Kirche?“ zu allererst vor sein Angesicht, in seine Ohren. Unsere erste Aufgabe also ist es, den ganzen Schaden und alle unsere Probleme ihm vor die Füße zu legen: Herr, was soll aus deiner Kirche werden?

Der Prophet wird deutlich: „Den ganzen Tag und die ganze Nacht sollen die Wächter nimmer stillschweigen, sondern den Herrn erinnern“, bedrängen. Hat Jesus nicht gesagt, selbst die Mächte der Unterwelt sollten seine Gemeinde nicht überwältigen? Und? Wer könnte nun für solchen 24-Stunden-Dienst im Ringen mit Gott freier sein als die Hauptamtlichen in den Gemeinden? Aber was tun wir? Reden und zanken wir allzu oft, allzu lange miteinander? Lassen wir uns ungeprüft in politische Fronten einbinden und durch Gruppeninteressen trennen? Ist nicht nur eine Adresse Tag und Nacht für uns alle zuständig? Sollten wir uns nicht viel öfter Tag und Nacht selbst unterbrechen und gemeinsam oder einsam Gott bestürmen und seinen Willen erfragen?

Unsere Tage und Nächte werden völlig anders.

Der Prophet mutet uns zu: „Gönnt euch keine Ruhe!“ Da ist die brodelnde Unruhe einer jungen Generation, der Schüler und Studenten gefragt. Sie wird hingerissen zu dem einen Herrn: „Gebt ihm keine Ruhe!“ Er muss das eindeutige, das rettende, das weiterführende Wort sprechen. Da ist das ausschließliche Vertrauen zu Jesus Christus gefragt, die Gewissheit, dass alles von ihm abhängt. Darum: „Gebt ihm keine Ruhe!“ Denn ohne seine Aktionen an uns sind unsere Aktionen nichts.

Wir sollten uns ja nicht mit Stilfragen vor dem einsamen oder gemeinsamen Geschrei zu Gott drücken. Es kann gregorianisch-liturgisch gesungen oder mit Psalm- und Liedstrophen gesprochen oder mit freien Worten gesagt, auch unter Tränen geschrieen sein. Dabei sollten wir nur bedenken: Gott bedarf nicht unserer Informationen, auch nicht unserer Erinnerungen. Aber wir brauchen das Gespräch mit ihm. Warum? „Dass wir nicht so roh und kalt dahinleben“, sagt Luther. Und: „Rufen musst du lernen, nicht dasitzen, den Kopf hängen lassen und schütteln, und dich mit deinen eigenen Gedanken beißen und fressen, sondern: wohlan, du fauler Schelm, auf die Knie gefallen, Hände und Augen gen Himmel erhoben, deine Not mit Weinen vor Gott hingelegt. Er will, dass du schwach sein sollst, damit du lernst, in ihm stark zu werden. Sieh, daraus werden Leute, die Christen heißen, sonst aber sind sie nur Wäscher und Schwätzer.“ So will das Gebet uns verwandeln, dass noch etwas wird aus der Kirche. Was denn? Ein Hort der Hoffnung.

Denn zweierlei gehört noch wesentlich dazu nach unserem Prophetenwort. Das Bedrängen Gottes soll voller Erwartung sein. Der Prophet nennt das große Ziel: Bedrängt ihn, „bis er Jerusalem wieder aufrichtet, bis er es setzt zum Lobpreis auf Erden“. Das heißt doch für Israel wie für die Kirche: bis auch die Welt sich wieder freuen kann an Israel und an der Kirche, bis jeder glücklich ist, dazu zu gehören, bis die Völker ihre Lebenschancen bei Jesus entdecken. Diesem Fernziel sollten wir erwartungsvoll entgegenbeten. So wird die Kirche ein Hort der Hoffnung.

Und das andere kommt hinzu: Dringendes Bitten mündet im stillen Hören. Wenn wir Gott bestürmen, so muss das Nahziel sein zu erfahren, was er denn heute und morgen von uns will. Dazu brauchen wir das geöffnete Evangelium und die Anleitung seines Geistes. So wird die Kirche gliedweise aufgerichtet. Denn so gewiss sie Hort der Hoffnung ist, bleiben die Antworten nicht aus.

So folgt in unserem Prophetenwort zunächst eine Kette von Aufforderungen und dann eine kräftige Zusage. Wir hören zuerst sieben anfeuernde Imperative (V.10). „Gehet ein, gehet ein durch die Tore. Die zu Gott geschrieen haben, denen macht er nun Beine. Er ruft ihnen zu: Distanziert euch nicht! Kommt heraus aus eurem Beobachterstand! Haltet euch zu den Gottesdiensten und Versammlungen der Gemeinde! „Bereitet dem Volk den Weg!“ Macht anderen Mut zum Hoffen, - mit dem, was euch selbst klar geworden ist. Die mit ihrem Gott sprachen, haben nun auch ihrem Nächsten etwas zu sagen.

„Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“ Die Kirche, die als Hort der Hoffnung werden und wachsen soll, ist nicht nur für sich und ihre Getreuen da. Signale für die Völker sollen von ihr ausgehen. Es ist nicht wahr, dass der Weg der Völker sie nichts anginge und dass deshalb in einer Predigt nichts Politisches vorkommen dürfe. An den gefährlichen Kreuzungen hat sie Signale zu setzen: rot zum Innehalten, gelb zum Achtgeben, grün für freie Fahrt. Wir hörten schon das Fernziel: „Gott wolle sie zum Lobpreis auf Erden setzen“. Man beobachtet sie. Man beobachtet uns. Der UNO-Generalsekretär greift dankbar auf, was die Kirchen in Vancouver beschlossen.

Ich deute zweierlei Zeichen an, die Signalwirkung in unserer Umwelt gewinnen können. Das eine ist der Einsatz für Gerechtigkeit. Wie ungleich sind die Güter dieser Welt verteilt! Wir Christen können die Freude des Teilens entdecken, als Vorspiel und Anstoß zu besseren Ordnungen. Wir können deutliche Signale hissen, wenn wir die kirchlichen Hilfsorganisationen für die 3. und die 4. Welt noch viel spürbarer als
bisher unterstützen, zur fühlbaren Erleichterung unseres Portemonnaies. Lasst uns nicht leere Sprüche machen! In diesem Gottesdienst wollen wir an die verheerenden Nöte im Libanon denken und zur Linderung am Ausgang eine große Spende zusammenlegen. Dort in Alma Chaab
arbeiten die katholischen Schwestern vom gemeinsamen Leben in unvorstellbarem Elend. Durch die 8-jährigen Kriegswirren sind ihre Krankenstationen, ihr Kindergarten und ihre Schule schon überfüllt. Nun kommen in letzter Zeit Flüchtlingsgruppen mit blutigen Opfern aus Beirut und dem Schufgebirge hinzu. Lasst uns an diesem Reformationsfest ein Signal ökumenischer Verbundenheit mit einer wirksamen Hilfe für die täglichen Rettungsdienste der katholischen Schwestern von Alma Chaab setzen. Luther sagte: „Was man Christus spart, wird man zehnfältig dem Teufel zutragen.“ Es geht um Christi geringste Brüder und Schwestern. Teilen hilft zur Gerechtigkeit.

Ein anderes Signal für die Völker ist der Einsatz für die Verständigung und das Vertrauen zwischen den Völkern. Wir wissen: Es wird zur Existenzfrage der Menschheit. Liebe Gemeinde, eins muss uns alle verbinden: dass wir entschlossen einzeln und gemeinsam alles abwehren, was Ängste und Misstrauen in der Völkerwelt vermehrt. Noch einmal: Lasst uns nicht leere Sprüche machen. Welche Zeichen können wir praktisch setzen? Wir sollten die sogenannten „Vertrauen bildenden Maßnahmen“ nicht erst von künftigen europäischen Konferenzen erwarten, sondern als Kirchen Vortrupp sein und einzeln oder in Gruppen die Grenzen zu den Ostblockstaaten, vor allem der DDR überschreiten, so viele von uns können, sooft wir können und solange wir können: Brücken der Bruderschaft bauen! Oder: Wir wollen uns über jeden jungen Menschen hüben und drüben freuen, der lieber Kranken helfen will als den Kriegsdienst trainieren; er möchte mit seinem Leben Ängste abbauen und Vertrauen aufbauen. Oder: Zur Abrüstung fallen im kommenden Monat Entscheidungen von unfassbarer Tragweite. Wir sind geneigt, uns die Augen davor zu verschließen. Das ist nicht christlich. Wir sind dankbar, dass die NATO einen Teil der Atombomben, die bei uns lagern, zurückziehen will. Wir können jetzt unsere Politiker, die Christen sein wollen, nur dringend bitten: Fahrt in dieser Richtung entschiedener fort und sagt NEIN zu jeder weiteren Vermehrung der Schreckenswaffen. Wenn wir als Antwort auf unsere Gebete hören: „Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“, dann kann solches Zeichen im Namen des Gekreuzigten unmöglich die Androhung weiterer unheimlicher Raketen sein. Wir bitten die Politiker, die Christen sein wollen, ganz dringend um Zeichen des Vertrauens, die der Aufrüstungsschraube ein Ende setzen. Wir sollten das Wort Jesu in jeder Hinsicht ernstnehmen: „Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch“. (Matthäusevangelium 7,12). Was ihr wollt, das euch die Sowjets tun sollen, das tut ihnen auch. Wir verdanken es einem katholischen Christen, dem Fernsehreporter Franz Alt, hier das nachdenkliche Prüfen und die Schärfung der Gewissen gefördert zu haben, in seiner Vertrauen erweckenden Schrift „Frieden ist möglich“. Wir sehen, die Reformation der Kirchen am Ende des 2. Jahrtausends geht quer durch die Konfessionen hindurch. Helft alle, dass die Kirche als Hort der Hoffnung auch Mittler des Vertrauens wird. Der Prophet bringt noch einen wichtigen Aufruf: „Macht Bahn“!

Macht Bahn! Räumt die Steine hinweg! Ich nenne nur einen ganz bösen Felsbrocken, über den viele Zeitgenossen auf dem Weg zur Kirche stolpern. Es ist die Uneinigkeit der Christen. Genau hier muss Reformation neu in Gang kommen. Man schaue nur einmal samstags in der Zeitung die „Kirchlichen Nachrichten“ mit den Augen eines Nicht-Christen an. Er kann es nur als ein schauriges Dokument der Zerrissenheit lesen. (Da steht neben der Kette der katholischen und evangelischen Gottesdienste die Neutestamentliche Gemeinde, der Leuchtturm des Evangeliums, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, die Gemeinde Christi, die Liebenzeller Mission, die Freie Christengemeinde, die Adventsgemeinde Heidelberg, die Christliche Wissenschaft, usw. usw. Gewiss lebt da auch Reichtum in der Vielfalt, Eingehen auf die verschiedensten persönlichen Fragen und Bedürfnisse, aber Nichtchristen wittern in der Zerspaltenheit gewiss auch viel eitle Konkurrenz, Besserwisserei und misstrauische Zertrennung). Das darf nicht das Letzte sein. Was wird aus der Kirche?

Räumt die Steine hinweg! Mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen sind wir dabei, in wachsender Verbundenheit der Landeskirchen mit den Freikirchen. Und unser protestantisches Verhältnis zu den Katholiken muss ganz neu werden. Mit diesem Reformationsfestgottesdienst wollen wir sichtbar und hörbar der Tradition absagen, das Reformationsfest als ein Antikatholikenfest zu begehen. Wir alle wollen weder an Luther noch an den Papst glauben. Wir glauben an unseren gemeinsamen Herrn und Erlöser Jesus Christus. Wir alle bedürfen von ihm her der Reformation. Und wie dieser Papst auch bei vielen Nichtkatholiken hohen Respekt findet, so findet Martin Luther in unserer Zeit auch bei unseren katholischen Brüdern und Schwestern aufmerksame Ohren. „Der Ketzer findet Gnade“, stellt eine Allensbach-Umfrage unter Katholiken am Ende des Lutherjahres fest. Luther, der die Kirchenspaltung durchaus nicht wollte, hat mit seinem Pochen auf die Bibel auch den Schlüssel zur Wiedervereinigung der Christen geboten. Näher zur Bibel! Näher zu Christus! „Räumt die Steine hinweg!“ So wird aus der Kirche ein glaubhafter Mittler des Vertrauens. Doch die bahnbrechenden Appelle sind nicht die einzige Antwort auf das Beten der Wächter.

Die Hauptsache folgt noch. Es ist die fundamentale, kraftvolle Zusage: „Siehe, der Herr lässt sich hören bis an der Welt Ende: „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt“. Nur deshalb haben unsere Gebete Sinn. Nur darum ist unser Hissen von Signalen nicht umsonst. Und das Gottesvolk wächst. „Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.“ Das Gottesvolk wächst in die Völker-welt hinein weit mehr, als der Prophet es einst in Israel erwarten konnte. Mit Jesus Christus wird es wahr. Mit neuen Titeln wird genau und endgültig angezeigt, was mit Jesus Christus aus der Kirche wird. „Man wird sie nennen ‚Heiliges Volk‘, ‚Erlöste des Herrn‘, ‚die Begehrte, die nicht mehr verlassene Stadt‘“. Das sind in der Tat neue Namen für das alte Jerusalem, neue, herrliche Identitätsausweise für die werdende Kirche. Zum „Heiligen Volk“ werden die ganz und gar Unheiligen ernannt. Die Kirche ist und wird moralisch und taktisch nicht besser als alle menschlichen Organisationen. Aber nicht ihre Fehler, nicht ihre Gedankenlosigkeit, nicht ihre Schuldenlast bestimmen ihre Zukunft, sondern der heilige, gültige, heilende Freispruch ihres Herrn, seine Barmherzigkeit, die sie erneuert, seine rettende Liebe, die sie von den Zwängen löst, als „Erlöste des Herrn“.

Weil die Kirche selbst nur von versöhnender, vergebender Liebe lebt, darum hat sie auch nichts anderes an die Welt weiterzugeben als dieses Lebensrezept Jesu Christi. Genau dies zeichnet sie aus: Sie ist Bote der Versöhnung und soll dies immer besser werden, nachdem sie selbst von Versöhnung lebt. Und weil die Welt mehr und mehr merkt, dass sie sich mit Vergeltung, mit Drohungen, mit Gewalttaten nur in die Katastrophe hineinreisst, darum braucht sie gar nichts nötiger als diese Botschaft. Darum wird die Kirche als Hort der Hoffnung, als Mittlerin des Vertrauens und als Botin der Versöhnung immer unentbehrlicher.

So ist sie denn am Ende die „Gesuchte“, die „Begehrte“, die „Nicht-mehr-verlassene-Stadt“. Sie ist zuerst von ihrem Herrn aufgesucht, trotz Treulosigkeit liebevoll begehrt und nicht mehr verlassen, dann aber auch von den Menschen und Völkern gesucht und begehrt, nicht mehr verlacht, verhöhnt und vergessen. Manche merken's schon, dass die Menschheit ohne die Botschaft der Versöhnung nicht mehr leben kann. Doch nun sollen auch einmal alle die zuhören, deren einzige Parole (laut oder leise) lautet: no future. Auch Jesus hat man die Zukunft abgeschnitten und an den Galgen gebracht. Das ist noch Euer Standort. Aber er hat uns gezeigt, dass dies nicht Endstation ist. Er brach aus – durch Gottes Macht und Gnade! – heraus aus dem zukunftslosen Todeskessel. Er schafft Zukunft dem no-future-Menschen. Wenn Jesus Christus nicht lebte, wären wir heute nicht hier.

Im Sommer 1527 war Wittenberg mit der Pest vom Massensterben bedroht. Die Universität war ausgelagert. Professoren und Studenten verließen die Stadt. No future? Da schreibt Luther an einen Freund: „Ich bleibe. Das ist nötig wegen des Ungeheuers von Furcht, das unter den Leuten umgeht. Wenn Bugenhagen und ich milden beiden Kaplänen hier allein sind: Christus ist auch noch da. Wir sind nicht alleingelassen. Er bleibt bei der kleinen, armen Herde.“

Heute mittag wurde auf dem Universitätsplatz eine Gedenkplatte zur Erinnerung an Luthers Heidelberger Thesen von 1518 enthüllt. Sie gipfeln in der 28. These, die besagt: „Menschliche Liebe liebt, was sie liebenswert findet. Gottes Liebe jedoch findet uns nicht liebenswert, aber sie macht uns liebenswert.“ Denken Sie manchmal daran, wenn Sie am Universitätsplatz vorbeikommen. Denn das tut sie. Gottes Liebe macht uns liebenswert. Das ist kein leerer Spruch. Das ist gültige Zusage. Sie macht unser Leben neu. Damit können wir gewiss sein, was aus uns einzelnen wird, nachdem die Kirche für uns und die Welt Hort der Hoffnung, eine Mittlerin des Vertrauens und die Botin der Versöhnung wird. „Mit unserer Macht ist nichts getan. / Wir sind gar bald verloren. / Es streit' für uns der rechte Mann /...“ Amen.

 

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Hans Walter Wolff: Exegese für Predigt und Gegenwart

 

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Letzte Änderung: 20.02.2017
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