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Claus Westermann: „Ganz nahe ist mir sein Wort“

Rainer Albertz | Adobe Den Beitrag als PDF downloaden

 

Claus WestermannClaus Westermann (Quelle: SCHWINGE, Gerhard: 100 Jahre badische Pfarrerschaft und Heidelberger Theologenausbildung, Karlsruhe 1992.),

Claus Westermann:

Geboren am 7. Oktober 1909 in Berlin; gestorben am 11. Juni 2000 in Heidelberg

Professor für Altes Testament von  1958-1978

 

 

Über zwanzig Jahre, von seiner Berufung nach Heidelberg im Jahr 1958 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1978 und noch einige Male danach, hat Claus Westermann in der Peterskirche regelmäßig gepredigt, meistens zweimal, manchmal dreimal im Jahr. Seine Gottesdienste und seine Predigten, besonders die in den sechziger Jahren, waren große Ereignisse, die viele Menschen anzogen, weit über den Kreis der Studierenden und Kollegen aus der Universität hinaus. Als einer, der 1962 als Student nach Heidelberg kam, erinnere ich mich gut daran, wie prall die Peterskirche bei seinen Gottesdiensten bis hinten hin gefüllt war; wer nicht rechtzeitig kam, musste nicht selten stehen. Dabei war Claus Westermann kein flammender Rhetoriker, der die Gottesdiensteilnehmer mitriss. Seine liturgischen Voten, seine Gebete und seine Predigt zeichneten sich vielmehr durch eine bewusste Schlichtheit der Sprache, einen gesammelten Ernst des Vortrags und eine einladende Nachdenklichkeit aus. Jeder spürte, dass hier ein Mensch – wiewohl ein gelehrter Professor – schnörkellos mit großer Authentizität sprach, der mit seiner Person voll hinter der Botschaft stand, die er auszurichten hatte. Auch dadurch, dass er immer wieder Verständnis für diejenigen erkennen ließ, die an der christlichen Lehre zweifelten oder von der vorfindlichen Kirche enttäuscht waren, erhielten seine Predigten große Überzeugungskraft.

Ein typisches Merkmal der Predigten Westermanns war meiner Erinnerung nach, dass der Prediger vom Bibeltext her, den er auszulegen hatte, die Gottesdiensteilnehmer in den weiten Horizont der Geschichte Gottes mit der Welt und der Menschheit hineinzog und somit der versammelten Gemeinde und jedem einzelnen an dieser großen heilvollen und leidvollen Geschichte Anteil gab. So konnte etwa eine der ersten Predigten, die Westermann in der Peterskirche hielt, mit dem Satz enden: „Ein Mensch kann, wandernd im finsteren Tal, in einer Entscheidung, die er von Furcht befreit getroffen hat, spüren und wissen, dass der kleine Horizont seiner kleinen Lebensgeschichte den unermesslichen Horizont der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung berührt, er kann es als einer, der zu Gottes Volk gehört, erfahren und wissen, dass Gott mit ihm ist“ (Archiv PF West 0152b, 5). Aufgrund einer solchen Zusicherung, an Gottes großer Geschichte teilzuhaben, verließen wir Studenten Westermanns Gottesdienste in einer gewissen Hochstimmung. Uns war bewusst geworden: Wir waren nicht ganz unwichtig. Westermanns seelsorgliche Zugewandtheit zu seinen Studenten und Doktoranden zeigte sich für uns auch daran, dass er ohne zu Zögern Kasualgottesdienste zu deren Hochzeiten und Trauerfällen übernahm.

Das Predigen hatte Claus Westermann allerdings nicht erst an der Peterskirche begonnen sondern schon viel früher. Als Sohn des Missionars Diedrich Westermann, der von der Baseler Mission nach Togo entsandt worden war, aber aufgrund einer Erkrankung nach Deutschland zurückkehren musste und zu einem der beiden Begründer der Afrikanistik an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin wurde, studierte Claus Westermann von 1928–1932 Theologie und Philosophie in Tübingen, Marburg und Berlin, wobei ihn besonders Rudolf Bultmann und Karl Heim beeindruckten. Eine radikale Wendung erhielt seine bis dahin eher
unauffällige theologische Laufbahn, als Westermann sich 1933 mit einer Gruppe von Vikaren entschloss, aus Protest gegen die Deutschen Christen das offizielle Predigerseminar in Frankfurt an der Oder zu verlassen und sich dem illegalen Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem anzuschließen. Ein wichtiger Streitpunkt war dabei, dass die Deutschen Christen das Alte Testament als jüdisches Buch aus der christlichen Bibel entfernen wollten. Erst dadurch, dass Westermann das Alte Testament gegen diese rüden Angriffe verteidigte, kam er mit diesem ersten Teil der Bibel enger in Berührung, eine Begegnung, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Als Studienleiter des BK-Predigerseminars in Naumburg an der Queis (heute Nowogrodziek) 1936/37 studierte er unter Gerhard Gloege erstmals intensiver die Psalmen. Als Vikar wurde Westermann mehrfach verhört und inhaftiert, was gelegentlich auch noch in seinen späteren Predigten nachklingt. Er hat hautnah die Erfahrung gemacht, dass die christliche Kirche sehr schnell zu einer verfolgten Gemeinde werden kann. Nach seinem Zweiten Theologischen Examen bei der Bekennenden Kirche im Jahr 1936 übernahm er von 1937–1940 die zweite Pfarrstelle am Burckardt-Haus in Berlin, wo er im Evangelischen Jugendwerk tätig war.

Von 1940 bis 1945 hat Claus Westermann den ganzen Russlandfeldzug als Soldat im Mannschaftsdienstgrad erlebt und erlitten. Er distanzierte sich von dessen Vernichtungsideologie, indem er selbständig die russische Sprache erlernte. Kurz vor Kriegsende wurde er noch einmal an die Westfront abkommandiert, wo er als Dolmetscher für die russischen Kriegsgefangenen, welche die dortige Küstenverteidigung ausbauen mussten, benötigt wurde. Der chaotische Rückzug der zusammenbrechenden Westfront geriet für Westermann und seinen kleinen Trupp zu einem lebensbedrohlichen Unternehmen. Nach dem Kriegsende geriet er 1945 noch einmal in russische Kriegsgefangenschaft. Im Unterschied zu vielen Angehörigen seiner Generation hat Westermann seine Kriegserlebnisse nur ganz selten in seine Predigten einfließen lassen und dann nur unter dem Gesichtspunkt, was ihm gegenüber all dem Grauen zu einem kleinen Hoffnung stiftenden Zeichen geworden war: Etwa die kleine rote Blume, die er neben seinem Schützengraben entdeckte und die ihm zeigte, dass der Atem Gottes trotz allem das Antlitz der Erde erneuert (vgl. Ps 104,30; Predigten I, 140), oder das Kreuz auf einem verbogenen Friedhofstor, an dem er in Russland vorbeizog, das ihm bewusst machte: Gott ist noch am Werk (Archiv PF West 0195b, 3), oder der Umstand, dass ihm erst auf dem gefährlichen Rückzug klar wurde, was ein Sich-Berufen auf den Namen Gottes („In Gottes Namen!“) bedeutet (Predigten I, 132).

In der Kriegsgefangenschaft trieb Westermann unter schwierigsten Bedingungen seine Psalmenstudien voran, die Walther Zimmerli veranlassten, ihm 1948 ein Promotionsstipendium für die Schweiz zu verschaffen, wo Westermann im Jahr 1949, inzwischen 40-jährig, in Zürich mit seiner Arbeit „Das Loben Gottes in den Psalmen“ promoviert wurde. So war seine wissenschaftliche Arbeit, insbesondere die Entdeckung der Klage als einer legitimen Form christlichen Gebets, welche die Notsituation schon in Richtung auf das Lob transzendiert, stark von eigenen existentiellen Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit beeinflusst. In den Jahren 1946–1948 fand Westermann erneut im Burckardt-Haus eine Anstellung. Die Pfarrstelle war mit einer Lehrtätigkeit an der dortigen Bibelschule verbunden. Seine Bibelkunde, mit der Westermann vor allem die Bibelkenntnisse der nicht-theologischen kirchlichen Mitarbeiter und der Gemeinden verbessern wollte, entstand aus der Arbeit dieser Zeit. Sie fand auch unter den Theologiestudenten eine weite Verbreitung und erreichte inzwischen in der Neubearbeitung von Ferdinand Ahuis und Jürgen Wehnert ihre 14. Auflage. Im Jahr 1949 wurde Claus Westermann Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Mit diesem Jahr begannen seine regelmäßigen Gemeindepredigten, die im Laufe der Zeit durch Rundfunkpredigten ergänzt wurden. Die Pfarrstelle war aber zugleich mit einer Dozentur an der Kirchlichen Hochschule in Westberlin und am Sprachenkonvikt in Ostberlin verbunden. Aus dieser doppelten Tätigkeit als Gemeindepfarrer und Hochschuldozent erwuchs Westermanns Anliegen, dem er zeitlebens treu bleiben sollte, nämlich Gemeinde- und Universitätstheologie, die sich in Deutschland teilweise weit voneinander entfernt hatten, wieder soweit anzunähern, dass sie miteinander in einen fruchtbaren Dialog treten konnten. Insbesondere setzte er sich dafür ein, dass die wissenschaftliche Bibelauslegung auf die kirchliche und gesellschaftliche Praxis bezogen bleibt. Für seine Bemühungen um die Förderung der Gemeindetheologie, die sich u.a. auch in einer großen Fülle von Gemeindevorträgen niederschlug, wurde Westermann 1983 der Sexauer Gemeindepreis für Theologie verliehen.

Auf Dauer war allerdings eine solche Doppelbelastung in einer Kirchengemeinde und an der Hochschule nicht durchzuhalten. Westermann entschied sich für die wissenschaftliche Laufbahn und wurde ab 1953 hauptamtlicher Dozent an der Kirchlichen Hochschule und im Jahr 1957 dort zum Professor ernannt. Schon ein Jahr später erfolgte seine Berufung auf eine ordentliche Professur für Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Wie sehr sich Westermann aber immer noch seiner Kirchengemeinde verbunden fühlte, belegt eine sehr bewegte und persönliche Abschiedspredigt, die er am Ostermontag 1958 in ihr hielt (Predigten II, 61–67). Dass er dabei auch die angefochtenen Gemeinden in Ostdeutschland in die Fürbitte einschloss, entsprang seiner grenzüberschreitenden Lehrtätigkeit. Auch diese Solidarität mit den Gemeinden und Theologen in der DDR sollte sich durchhalten. Von Heidelberg aus besuchte er 1961 mit einer Gruppe von Studierenden die Studentengemeinde in Rostock und predigte dort. Ab 1962 war er Mitherausgeber der Calwer Predigthilfen und hat in ihnen selber Substantielles beigetragen.

An der Heidelberger Universität ist Claus Westermann dann im anregenden Kreis von Kollegen, die wie Gerhard von Rad und Hans Walter Wolff ebenfalls aus der Bekennenden Kirche stammten, sehr schnell zu einem der bekanntesten Professoren für Altes Testament in Deutschland aufgestiegen, der auch international hohe Anerkennung fand. Im Jahr 1964 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen verliehen, 1977 erhielt der die Burkitt-Medal der Britischen Akademie der Wissenschaft, und 1979 wurden ihm die Ehrenmitgliedschaften in der Society for Old Testament Studies und der Society of Biblical Literature angetragen. Ehrenvolle Berufungen an das Princeton Theological Seminary und an das Union Theological Seminary in Richmond lehnte er ab, auch das Angebot, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Oldenburg zu werden. Hier ist nicht der Ort, Claus Westermanns überaus reichen Beiträge zur Wissenschaft vom Alten Testament zu würdigen; dies ist an anderer Stelle geschehen. Hingewiesen sei hier nur auf seine grundlegenden Arbeiten zur
Biblischen Urgeschichte (Gen 1–11), zum Segenshandeln Gottes, zu den Psalmen und zur alttestamentlichen Weisheit (vgl. die Würdigungen und die Bibliographie bei Oeming).

Aufgrund seines besonderen Lebensweges und seiner daraus folgenden beruflichen Spezifizierung hat sich Claus Westermann schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg sehr engagiert für die Förderung der bis dahin stark vernachlässigten Predigt alttestamentlicher Texte eingesetzt. Im Jahr 1958 gab er unter dem Titel „Verkündigung des Kommenden“ eine Predigtsammlung heraus, die nicht nur beispielhaft Predigten zu allen Teilen des Alten Testamentes präsentierte, darunter solche seiner ehemaligen Lehrer Gerhard Gloege und Walther Zimmerli und seines späteren Heidelberger Kollegen Hans Walter Wolff, sondern die von Westermann auch mit längeren hermeneutischen Einführungen und kurzen Predigtbesprechungen versehen wurde. Wie wichtig das Buch damals war, zeigt sich daran, dass es 1978 erneut aufgelegt wurde. 1996 hat sich Westermann noch einmal zum Thema geäußert. Ausgangspunkt Westermanns war die in der Bekennenden Kirche durchgekämpfte Überzeugung „daß das AT in seiner Ganzheit zur Bibel der Christenheit gehört und darum den christlichen Gemeinden zu predigen ist“ (Verkündigung, 8). Bis dahin waren aus dem Alten Testament nur wenige Textgruppen, etwa die sog. messianischen Weissagungen, einige Erzählungen aus der Genesis oder einige Psalmen für die christliche Predigt herangezogen worden. Dies reichte für Westermann nach den Erfahrungen des Kirchenkampfes bei weitem nicht mehr aus, um das Alte Testament in Zukunft fest im Bewusstsein der Gemeindeglieder zu verankern. Vielmehr kam es ihm darauf an, „die Texte des AT selbst in ihrem Reichtum, ihrer Vielfalt und ihrer Vielgestaltigkeit zu Worte kommen zu lassen“ (Verkündigung, 8). Wegen dieser Vielgestaltigkeit war es nach Westermann nicht mehr möglich, für die Predigt alttestamentlicher Texte „von einem systematischen oder homiletischen Schema auszugehen“ (Verkündigung, 7), etwa dass der Prediger jedes Mal einen expliziten Bezug auf Jesus Christus herzustellen hätte. Es genügte seiner Meinung nach, „wenn wir als Christen diese Texte hören und verkündigen“ (Verkündung, 8). Im Hintergrund dieser offenen Sicht steht Westermanns Überzeugung, dass die Bibel Alten und Neuen Testamentes eine kontinuierliche Geschichte des Wirkens Gottes an der Welt und an der Menschheit erzählt, die mit der Schöpfung von Welt und Mensch anhob, sich in der Geschichte seines Volkes Israel fortsetzte, über die Linie des Heil schaffenden Leidens für andere ihre Mitte in Jesus Christus fand und von dort aus über die Geschichte der Kirche aus den Völkern bis in unsere Gegenwart reicht und über uns hinaus auf ein sinnvolles universales Weltende zielen wird. „Der Text der Predigt muß einen Ort in diesem Ganzen haben. Der Predigende muss sich des Ortes der Predigtperikope in diesem Ganzen bewußt sein“ (Zur Predigt, 234). Der alttestamentliche Predigttext hat seinen Ort im Wirken Gottes, das auf Jesus Christus zuläuft, die Predigt selber in dessen Wirken, das von Jesus Christus ausgeht; der Bezug aufeinander ist nach Westermanns Sicht durch Gott selber gestiftet, und braucht vom Prediger der Gemeinde nur noch verdeutlicht werden. Mit diesem geschichtlich ausgerichteten hermeneutischen Modell distanzierte sich Westermann zugleich von einigen Vertretern der Dialektischen Theologie, die schon im Alten Testament ein Christuszeugnis meinten auffinden zu können. „Die Geschichtsbücher des AT wollen nicht Zeugnis von Jesus, dem Christus, sein, sondern sie berichten von Gottes Weg, der zu Christus führte“ (Verkündigung, 15).

Allerdings eignet sich auch nach Westermann nicht jeder Text des Alten Testaments für eine christliche Predigt. Eine Auswahl ist schon deswegen nötig, weil auch Jesus einen kritischen Umgang mit ihm pflegte, der von voller Bejahung und bis zur Ablehnung reicht. Doch plädiert Westermann dafür, keine Textgruppen für alle Zeiten ausschließen zu wollen. Die Kirche habe vielmehr darauf zu achten, „was aus der Fülle biblischer Texte uns in unserer Situation Gott besonders zu sagen haben mag.“ Außerdem könne die Unerschöpflichkeit der Bibel nur dadurch zur Geltung kommen, dass der Prediger „wirklich noch etwas Neues erwartet vom Forschen in der Schrift“ (Verkündigung, 10). Nicht zufällig hing der Spruch „Ganz nahe ist mir sein Wort“ (vgl. Dtn 30,14; Röm 10,8) in seinem Arbeitszimmer.

Von seinem hermeneutischen Ansatz bei der Geschichte Gottes her ist es Westermann ein besonderes Anliegen, dass der Prediger die zeitliche Gebundenheit seines alttestamentlichen Textes ernst nimmt und nicht etwa das „zeitlos Gültige“ herausdestilliert. Das gilt für die geschichtlichen und noch mehr für die prophetischen Bücher des Alten Testaments. Die Predigt prophetischer Texte lebe nämlich von der Ähnlichkeit damaliger und heutiger Situationen und widerstrebe daher der Einordnung in eine starre Perikopenordnung. Darum müsse „riskiert werden, ein Prophetenwort so auszuwählen, daß es als ein besonderes Wort in einen Vorgang in der Gegenwart der in der Predigt angeredeten Gemeinde trifft“ (Verkündigung, 80). Dabei übernimmt nach Westermann die lebendige zeitgeschichtliche Situierung der Texte zugleich eine hermeneutische Funktion für die Gegenwart: „Je ernsthafter nun die Predigt der geschichtlichen Texte ihre geschichtliche Bedingtheit annimmt, desto eher vermag sie der christlichen Gemeinde in unserer Welt deutlich zu machen, wie Gottes Tun an seinem Volk immer auch mit den großen Bewegungen der Geschichte zu tun hat“ (Verkündigung, 14). Und die „konkreten geschichtlichen Fakten“, welche die Predigt über ein Prophetenwort vermittelt, können „unserer Gemeinde gerade dazu helfen, daß sie wieder deutlicher von Gottes Handeln auf unserer Erde, nicht in einem abgesonderten Bereich, sondern mitten in den Realitäten der Geschichte hört“ (Verkündigung, 79). Wichtig ist Westermann zudem, dass der Prediger bei solcher geschichtlichen Fundierung auf eine angemessene Weise mit den historischen Fakten umgeht: „Ich sehe eine besondere Aufgabe darin, der Geschichte des Volkes Israel auch in der Predigt ein teilnehmendes Interesse zuzuwenden und weiterzugeben, allein schon aus dem Grund, daß unser Erinnern an das Schreckliche, das unser Volk dem jüdischen Volk angetan hat, in solchem Interesse erkennbar wird und einen realen Ausdruck findet“ (Zur Predigt, 235). Christliche Hochnäsigkeit oder gar Besserwisserei sind damit ausgeschlossen!

Interessant ist, dass Westermann von seinem hermeneutischen Ansatz bei der großen Gottesgeschichte dazu geführt wird, auch der Kirchengeschichte eine Rolle für die christliche Predigt zuzubilligen. Das Neue Testament bezeugt zwar einen zentralen, aber doch nur kleinen Ausschnitt aus der Geschichte Gottes mit der Menschheit; Gottes anhaltendes Wirken bis in die Gegenwart wird stattdessen in der Kirchengeschichte greifbar. In Aufnahme des alttestamentlichen Umkehrrufs von Klgl 3,40f kann Westermann in einer Bußtagspredigt kritisch fragen: „Welche Rolle hat eigentlich bisher die Kirchengeschichte im Leben der christlichen Gemeinde und vor allem im Gottesdienst gehabt? … Entspricht es unserem Glauben, entspricht es unserer Bibel, dass in den Gottesdiensten nur die Leuchtpunkte der Kirchengeschichte vorkommen, die Märtyrer, die Reformatoren, die Begründer des Pietismus, die Männer und Frauen der Inneren Mission usw.? Was ist dann eine kirchengeschichtliche Tradition wert, wenn der Beginn der Reformation gefeiert wird, wenn aber niemals daran erinnert wird, dass die damals entstandenen evangelischen Kirchen sich einige Generationen später der Bestimmung gebeugt haben ‚cuius regio, eius religio’? Es ist durchaus möglich, dass die evangelischen Gemeinden anders auf den Nationalsozialismus reagiert hätten, wäre die Erinnerung daran wachgehalten worden, dass damals auf das ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders…’ so schnell der andere Satz gefolgt ist: ‚Wer die Macht hat, kann über den Glauben bestimmen’“ (Predigten I, 119f). So kann die Predigt alttestamentlicher Texte auch zur kritischen Einbeziehung der eigenen Kirchengeschichte führen. Insgesamt haben Westermanns eigene eindrucksvollen Predigten zusammen mit seinen hermeneutischen Überlegungen wesentlich mit dazu beigetragen, dass inzwischen deutlich mehr alttestamentliche Texte in die Perikopenordnung der Deutschen Evangelischen Kirchen aufgenommen wurden und sie heute häufiger und engagierter gepredigt werden als in der Zeit vor 1933.

Als Beispiel sei hier eine Predigt ausgewählt, die Claus Westermann am 2. Advent 1968 über Mal 3,1–2.23–24 in der Peterskirche gehalten hat. (Sie findet sich abgedruckt in Predigten I, 107–110, Predigten II, 138–142, und noch dazu in P. Philippi [Hg.], Zuwendung und Gerechtigkeit. Heidelberger Predigten III, Göttingen 1969, 11–15). Die Predigt fällt mitten in die Zeit der Heidelberger Studentenunruhen, welche auch die Theologische Fakultät erfasst hatten. Wenn Claus Westermann in dieser aufgeheizten Situation nicht enden wollender politischer Auseinandersetzungen für seinen Gottesdienst einen eher unbekannten Text aus dem 3. Kapitel des Maleachibuches auswählte, der in der Perikopenordnung nicht vorgesehen war, dann nahm er damit die Freiheit des Predigers prophetischer Texte wahr, die er selber angemahnt hatte, um der Gemeinde aus einer vergleichbaren Situation in der Bibel heraus ein sie treffendes
Gotteswort sagen zu können. Ein solches Vorgehen war, wie er selber gesagt hat, mit einem gewissen Risiko verbunden, er meinte es aber eingehen zu müssen, weil ihm immer bewusst war, „daß die Predigt ein Vorgang ist, in dem von Gott her durch einen Redenden an der Gemeinde etwas geschieht“ (Verkündigung, 12).

Als erstes kommt Westermann allerdings keineswegs auf die brennenden Probleme der Gegenwart zu sprechen, sondern eröffnet der Gemeinde erst einmal den großen Horizont der Geschichte Gottes mit der Menschheit. Der Prophetentext spricht vom Bereiten des Wegs und dem Kommen Gottes, das von der zwiespältigen Erwartung mit Freude und Zittern begleitet wird. Dieses Kommen Gottes hat sich schon einmal in verborgener Gestalt in Jesus Christus vollzogen und bildet trotz scheinbarem Scheitern „eine neue Wirklichkeit in der Geschichte der Menschheit.“ Dieses Kommen Gottes wird sich ein andermal, allen Zwiespalt aufhebend, in Wiederkunft Christi vollziehen, der am 2. Advent gedacht wird, dem Ziel Gottes mit der Menschheit. Die Gemeinde befindet sich somit noch im Wartestand, die Auferstehung Jesu Christi im Rücken und das Ziel Gottes vor Augen.

Als zweites macht Westermann die Gemeinde auf eine auffällige Beobachtung aufmerksam, dass sich das Bereiten des Weges sowohl im alttestamentlichen Prophetentext als auch in der neutestamentlichen Predigt des Johannes nicht auf das göttliche Kommen selber, sondern auf eine begrenzte Gegenwartssituation bezieht. „Das Wegbereiten ist allein interessiert, dass das Kommen des Herrn, wann es auch geschehen wird, in die Gegenwart hineinreicht und in der Gegenwart etwas ausrichtet.“ Das eröffnet Westermann drittens die Möglichkeit, die zeitgeschichtliche Situation des Maleachi-Wortes zu analysieren, die in der fortgeschrittenen nachexilischen Zeit von einem Traditionsabbruch und einem Generationenkonflikt geprägt war. Dabei ist die Beschreibung der damaligen Situation schon auf eine Parallelisierung mit der eigenen Gegenwart hin durchsichtig. Typisch für Westermann ist, wie er an dieser Stelle der Gemeinde Anteil an seinem „Forschen in der Schrift“ gibt, nämlich seine erst bei der Predigtvorbereitung gemachten Entdeckung, dass der Auftrag an den Wegbereiter keineswegs darauf abzielt, im Generationenkonflikt für die Alten Stellung zu beziehen, wie es in patriarchalischen
israelitischen Gesellschaft zu erwarten gewesen wäre, sondern einzig darauf, „dass die junge und die alte Generation zu gegenseitigem Verstehen gebracht werden.“ Es geht somit um eine ganz außergewöhnliche Weisung in einer besonderen Situation.

Die Applikation des Bibelwortes auf die Gemeinde erfolgt auf doppelte Weise: Erstens stellt Westermann die gegenwärtigen Konflikte in das Licht großen Geschichte Gottes. Das Kommen Gottes wird alle nur möglichen weltanschaulichen oder politischen Ziele überragen. Dadurch werden auf der einen Seite alle gegenwärtigen Auseinandersetzungen in ihrer Bedeutung relativiert. Auf der anderen Seite lässt uns die Erwartung des Kommens Gottes „über die gegenwärtigen Gegensätze hinaussehen auf Möglichkeiten der Lösung, die heute noch niemand sieht.“ Zweitens gewinnt Westermann aus der Maßregel des Bibeltextes direkt eine ethische Orientierung für die Gemeinde, dass man trotz der sachlichen Gegensätze, die ausgefochten werden müssen, „auch da noch aufeinander hört und einander beachtet, wo man gegeneinander zu stehen genötigt ist und wo man die andere Seite nicht mehr versteht.“ Die Erfahrung, dass eine auf bloße Konfrontation geführte Diskussion sehr wohl im Terror versinken kann, steuert Westermann aus eigenen Erlebnissen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung zur Untermalung der biblischen Warnung bei. Typisch für den Theologen Claus Westermann ist der Schluss der Predigt: „Den Bruch heilen können wir selber nicht. Aber es wird uns zugetraut, dass wir in den Auseinandersetzungen auf beiden Seiten die neue
Möglichkeit jenseits der heutigen Positionen sehen, die uns offen bleibt.“ In der ihm eigenen Nüchternheit traute Westermann dem menschlichen Vermögen nicht allzuviel zu. Einen politischen Konflikt diesen Ausmaßes konnte seiner Meinung nach nur ein göttliches Eingreifen, wie es ja auch der Bibeltext im Auge hatte, in bessere Bahnen lenken. Jedem einzelnen Christen aber ist durch Gott die Möglichkeit gegeben, auf eine auf gegenseitige Verständigung zielende Weise mit dem politischen Konflikt umzugehen, eben weil er von Gott die Eröffnung ganz neuer Möglichkeiten erwartet, die jenseits seiner gerade vertretenen Position liegen. In vielen Predigten Westermanns spielt die menschliche Haltung eine wichtige Rolle, von Gott etwas Neues zu erwarten, was über die gegenwärtige Situation hinausführt. Eben dadurch gewinnt der Mensch Zukunft. Diese Haltung entspricht der Bewegung von der Klage zum Vertrauen auf Gott und zum Gotteslob, die Westermann in den alttestamentlichen Klagepsalmen entdeckt hat.

Die besprochene Predigt versucht, einen politischen Konflikt einzuhegen, aber sie ist keine politische Predigt. Auch wenn Westermann selber die Möglichkeit, durch Partizipation an den politischen Diskursen seiner Zeit verändernd auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einzuwirken, eher gering einschätze, hat er doch durch seine aufrechte, immer um ein Verstehen des Diskussionspartners bemühte Haltung während der Zeit der Studentenunruhen von allen Seiten Hochachtung erfahren.

 

Predigtbeispiel: Predigt über Maleachi 3,1-2.23-24 am 2. Advent 1968, gehalten im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche in Heidelberg

 

LITERATURHINWEISE

WESTERMANN, Claus (Hg.), Verkündigung des Kommenden. Predigten alttestamentlicher Texte, München 1958, 21978.

WESTERMANN, Claus, Predigten, hg. v. LANDAU, Rudolf (Göttinger Predigthefte 33), Göttingen 1975.

WESTERMANN, Claus, Zur Predigt alttestamentlicher Texte, in: DERS., Das mündliche Wort. Erkundungen im Alten Testament, Stuttgart 1996, S. 233–242.

OEMING, Manfred (Hg.), Claus Westermann: Leben – Werk – Wirkung (Beiträge zum Verstehen der Bibel, Bd. 2), Münster 2003.

WESTERMANN, Claus, Predigten, hg. v. LANDAU, Rudolf, Stuttgart 2009.

 

Ich danke den Herren Prof. Dr. Jürgen Kegler und Pfarrer Dr. Rudolf Landau, die ebenfalls eng mit Claus Westermann verbunden waren, für wertvolle Anregungen. Weiter danke ich Herrn Prof. Dr. Helmut Schwier, Frau Yvonne Weber M.A. und stud. theol. Mathias Balzer für ihre freundliche Unterstützung aus dem hiesigen Predigtarchiv.

 

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Letzte Änderung: 07.04.2017
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