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Claus Westermann: Predigt über Maleachi 3,1-2.23-24 am 2. Advent 1968, gehalten im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche in Heidelberg

Die Predigt wurde am 2. Advent 1968 im Universitätsgottesdienst gehalten. Sie findet sich abgedruckt in Predigten I, S. 107–110, Predigten II, S. 138–142, und noch dazu in P. Philippi [Hg.], Zuwendung und Gerechtigkeit. Heidelberger Predigten III, Göttingen 1969, S. 11–15. 

 

Liebe Universitätsgemeinde!

 

Wo die Schrift vom Bereiten eines Weges spricht, meint sie bestimmte geschichtliche Vorgänge. Sie meint Vorbereitung auf ein kommendes Ereignis, das eine wandelnde Bedeutung hat. Die Worte unseres Textes aus dem letzten Kapitel des letzten Propheten kündigen ein solche Ereignis an, sie nennen es das Kommen Gottes. Was dem Propheten und seinen Hörern dieses Kommen Gottes bedeutete, zeigt sich an ihrer zwiespältigen Erwartung, der Erwartung mit Freude und Zittern: „Wer wird den Tag seines Kommens ertragen? Und wer wird bestehen, wenn er erscheint?“

Und dabei ist doch die Ankündigung: „Siehe er kommt!“ ein Jubelruf, und der kommende Herr ist, so heißt es vorher: „der Herr, nach dem ihr verlangt.“ Nichts könnte besser das Warten auf dieses Kommen charakterisieren als dieser Zweiklang von Jubel und Angst.

Das Kommen Gottes wird ein plötzliches sein. Und wieder in eigentümlichem Kontrast zu diesem plötzlichen Kommen steht, dass es vorbereitet wird; es wird ein Bote kommen, der den Weg vor dem Herrn bereitet. Das Kommen Gottes, von dem der Prophet Maleachi spricht, wurde in der frühen Christenheit auf das Wiederkommen Christi am Ende der Zeiten gedeutet und der Bote, der den Weg bereiteten soll, auf Johannes den Täufer. Auf diese Weise ist das Schlusskapitel des Maleachi zu einem Adventstext geworden.

Das wirkliche Kommen Jesu Christi auf diese Erde hat viele Hoffnungen der Wartenden erfüllt und viele Hoffnungen enttäuscht. Eins aber ist dadurch anders geworden. Dieses in Christus verborgene Kommen Gottes lief auf Leid und Schande und Tod hinaus, und dazu sprach Gott sein Ja und Amen in der Auferstehung. Dieses Ja Gottes zum Leiden und Sterben des einen für die vielen steht seitdem als eine neue Wirklichkeit in der Geschichte der Menschheit, an der keine Macht der Welt etwas geändert hat und etwas ändern wird. Darauf steht die Christenheit.

Aber wie das Kommen Jesu auf diese Erde Hoffnungen erfüllte und Hoffnungen enttäuschte, so ist es auf dem Weg der Christenheit durch die Geschichte geblieben. Wenn heute wieder die Enttäuschung nicht nur über die Christenheit, sondern die Enttäuschung über die Botschaft von Christus laut und immer lauter wird, so musste die Christenheit damit rechnen. Darum steht sie im Warten. Und hier zeigt unser Text eine Entsprechung zwischen dem Warten, wie es vom Alten Testament her gesehen und im Neuen Testament vor dem Kommen Jesu in der Gestalt des Täufers dargestellt wird. In unserem Text, beim Propheten Maleachi, wird von dem Vorläufer gesagt, es sei seine Aufgabe, das Herz der Väter den Kindern zuzuwenden und das Herz der Kinder ihren Vätern. In den Texten im Neuen Testament gehört zum Vorläufer, Johannes dem Täufer, die Standespredigt, wie wir sagen, in der auf Fragen nach dem Verhalten in bestimmten Berufen konkrete, weisende Antworten gegeben werden. Hier wie dort besteht also das Wegbereiten nicht in einem direkten Vorbereiten des Kommens, sondern in einem indirekten, sehr begrenzten, auf bestimmte Gegenwartssituationen bezogenen Bereitmachen. Der Prophet, der das Kommen des Herrn ankündigt, der von dem großen und furchtbaren Tag des Herrn spricht, will mit
dieser Ankündigung nicht erreichen, dass die, die ihm glauben, nun auf diesen kommenden Tag starren, dass die Gegenwart alle Bedeutung verliert, weil nur noch jener große furchtbare Tag wichtig ist, – das gerade nicht. Der Bote, den der kommende Herr sendet, dass er den Weg vor ihm bereite, hat einzig und allein die Aufgabe, den Wartenden die Gegenwart wichtig zu machen. Das Wegbereiten richtet sich auf die Gegenwart.

Das ist nicht leicht zu verstehen. Es wird hier eine neue Art des Wartens auf Gott verkündigt. Das Warten mit den Händen im Schoß wird abgewiesen, ebenso wie auch das schwärmerische Warten, das sich Bilder vormacht und im Sich-Ausmalen der Zukunft des Herrn die Gegenwart nicht mehr sieht.

Diese neue Art des Wartens ist der Zukunft des Herrn so gewiss, dass sie sich in aller Ruhe und in aller Nüchternheit der Gegenwart zuwenden kann. Und dies ist tatsächlich mit dem Kommen Gottes im Alten Testament und dem Wiederkommen Christi im Neuen Testament gemeint: Dieses Kommen ist das unbedingt Gewisse. Und weil es das unbedingt Gewisse ist, macht es frei für den Augenblick, frei für die Gegenwart. Das Wegbereiten ist allein daran interessiert, dass das Kommen des Herrn, wann es auch geschehen wird, in die Gegenwart hineinreicht und in der Gegenwart etwas ausrichtet.

Der Auftrag des Vorläufers oder Wegbereiters in unserem Text spricht sehr deutlich in ein Problem unserer Gegenwart: „Er wird das Herz der Väter zuwenden zu den Söhnen und das Herz der Söhne den Vätern wieder zuwenden.“ Luther übersetzt: „Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern.“

Und darauf folgt die todernste Warnung: „dass ich nicht komme und das Land mit dem Bann schlage.“ Das muss also damals, als dieses Wort gesprochen wurde, eine alle bewegende Not gewesen sein, dass das Herz der Söhne sich abwandte von den Vätern und das Herz der Väter sich abwandte von den Söhnen. Wir können uns die Situation ziemlich genau rekonstruieren: Es war in der zweiten oder dritten Generation nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, Juda war nur noch eine persische Provinz, eine ausgepowerte, arme und unbedeutende Provinz. Das Exil und seine Folgeerscheinungen bedeutete einen schroffen Traditionsbruch, ähnlich wie in unserem Jahrhundert die beiden Weltkriege. Die junge Generation wollte etwas Neues, weil die Alten und ihre alten Traditionen versagt hatten; die Generation der Väter wollte die alten Traditionen und Institutionen für die Zukunft bewahren. – Wenn wir unser Wort auf dem Hintergrund der damaligen Situation hören, fällt auf, dass es nicht, wie doch eigentlich zu erwarten wäre, eindeutig für die eine Seite Stellung nimmt. Wie konnte damals überhaupt ein solches Wort gesprochen werden? Wenn wir bedenken, eine wie hohe Bedeutung die elterliche Autorität im ganzen Alten Testament hat, eine wie hohe Bedeutung der alte Mensch für die Gemeinschaft, dann wirkt das Wort eigentlich fremd im Alten Testament. Wie kann hier als Wegbereitung für das Kommen des Herrn gerade dies gesagt werden? Es besteht nicht darin, dass die Jungen wieder auf den Weg der Alten zurückgeführt werden, sondern darin, dass die junge und die alte Generation zu gegenseitigem Verstehen gebracht werden. Mir ist erst bei der Vorbereitung dieser Predigt deutlich geworden, dass so etwas in der Bibel (jedenfalls im Alten Testament), soweit ich das übersehe, nur an dieser einen Stelle gesagt ist, nur an dieser einen Stelle im letzten Kapitel des letzten Propheten.

Es muss eine außerordentliche Situation gewesen sein, in der dies das gebotene Wort war. Und wir können es als ein Wort in eine wahrhaft besondere Situation hören. Es wird uns eine besondere Möglichkeit in der Stunde eines besonders schweren Bruches zwischen den Generationen der Väter und der Söhne, der Eltern und der Kinder, der Lehrenden und der Lernenden gezeigt. Diese besondere Möglichkeit besteht darin, dass wir unsere heute gegebene Situation auf ein künftiges Ereignis beziehen, das in unserem Text das Kommen des Herrn genannt wird. Ein Ereignis, das wir uns noch nicht vorstellen können, von dem wir aber wissen, dass es an Bedeutung jedes mögliche weltanschauliche, kirchliche oder politische Ziel überragt. Wir gehen auf ein Ziel zu, Gottes Ziel mit der Menschheit.

Von diesem Ziel her können wir die Begrenztheit unserer heutigen Situation sehen, auch die Begrenztheit des gegenwärtigen Generationenbruches. Wir können dann über die gegenwärtigen Gegensätze hinaussehen auf Möglichkeiten der Lösung, die heute noch niemand sieht.

Von dieser Möglichkeit spricht unser Text: dass sich die Herzen der Väter wieder den Söhnen zuwenden und die Herzen der Söhne zu den Vätern. Es ist damit nicht so etwas Allgemeines wie Nächstenliebe gemeint und nicht etwas so Allgemeines wie Mitmenschlichkeit. Es ist ein besonderes Wort in die spezifische Situation des Konfliktes zwischen den Generationen gemeint. In dieser Situation, in der die Jungen gegen die Alten rebellieren, in der sie Anklage gegen die von den Eltern und Voreltern errichteten Institutionen erheben, ihnen Fehler und Versäumnisse vorwerfen, in der die Alten für die Bewahrung dessen, was sie aufgebaut haben, kämpfen, kommt es nach unserem Wort auf ein einziges an: dass man sich gegenseitig ernst nimmt. Unser Wort ist nicht einfach eine Aufforderung zur Versöhnung. Es geht hier um sachliche Gegensätze, und diese Gegensätze müssen ausgetragen werden. Die Aufforderung zu gegenseitiger Zuwendung bedeutet, dass man auch da noch aufeinander hört und einander beachtet, wo man gegeneinander zu stehen genötigt ist und wo man die andere Seite nicht mehr versteht.

Wo diese offene Möglichkeit jenseits des Konfliktes ganz verlassen und nur noch auf einen Bruch hingearbeitet wird, da steht die Warnung, mit der unser Text schließt: „dass ich nicht komme und das Land mit dem Bann schlage.“ Was hier gemeint ist, das hat meine Generation am eigenen Leibe erlebt in den Monaten, die der Machübernahme vorausgingen: ein vertrauter Freund konnte einem von einem Tag zum anderen fremd werden. Die sachliche, rationale Diskussion ging im Terror unter, und selbst in der Kirche erfuhren wir eine erschütternde Verblendung guter und kluger Leute. So hat es damals angefangen, dass ein Land mit dem Bann geschlagen wurde. – Unser Text begann mit der Ankündigung: „Siehe, ich sende meinen Boten, dass er den Weg vor mir bereite.“ Das Bereiten des Weges ist auf die eine Aufgabe konzentriert: dahin zu wirken, dass das Verstehen zwischen den Vätern und den Söhnen, zwischen den Alten und den Jungen nicht zerbreche. Den Bruch heilen können wir selber nicht. Aber uns wird zugetraut, dass wir in den Auseinandersetzungen auf beiden Seite die neue Möglichkeit jenseits der heutigen Positionen sehen, die uns offen bleibt: „Er wird das Herz der Väter zuwenden zu den Söhnen und das Herz der Söhne den Vätern wieder zuwenden.“ Amen.

 

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Letzte Änderung: 27.03.2017
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